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SWR3 Gedanken

Meine Nachbarin ist der gastfreundlichste Mensch, den ich kenne. Egal, zu welcher Tages- und Nachtzeit man bei ihr klingelt, immer öffnet sie mit einem Lächeln die Tür - wenn diese Tür überhaupt jemals zu ist. Nie habe ich den Eindruck, ich komme ungelegen, immer fühle ich mich willkommen.
Lange war das mein Ideal von einem offenen Haus. Das wollte ich auch. Aber ehrlich gesagt, bin ich schon hin und wieder an meine Grenzen gestoßen. Wenn ich mir was vorgenommen habe und gerade dann hat es geklingelt. Dann hab ich mir schon gedacht: „Bitte jetzt nicht!" Aber diese Besuche sind dann meistens ganz besonders gewesen und nachher war ich froh, dass die Gäste vorbeigekommen sind.
Ein Satz aus meiner Lieblingsgeschichte in der Bibel heißt: „Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein!" Jesus sagt ihn zu einem Mann, der unbeliebt ist und verspottet wird. Erstens, weil er als Zöllner zu viel Geld von den Leuten nimmt und zweitens, weil er sehr klein ist. Ausgerechnet zu ihm sagt Jesus: „Ich muss heute bei dir zu Gast sein". Das hört sich fast nach Zwang an. Der Mann heißt Zachäus und wehrt sich seltsamerweise keine Sekunde. So kommt mit Jesus ganz neues Leben in sein Haus und in sein Leben. Zachäus begreift plötzlich, was wirklich zählt: ehrlich sein, Freunde haben, nicht nur nehmen, sondern auch mal geben. Weil Jesus sich bei Zachäus eingeladen hat, weil Zachäus Jesus getroffen hat, wandelt sich das Leben. Wenn es an meiner Haustüre unerwartet klingelt, dann ändert sich zwar nicht sofort mein ganzes Leben, aber ich kann etwas von dem frischen Wind spüren, den so ein Besuch mit sich bringt. Und das tut manchmal erstaunlich gut.

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Geld allein macht nicht glücklich. Das war vor ein paar Tagen eine Schlagzeile in unserer Tageszeitung. Ein Spruch, den ich schon oft gehört habe. Geld allein macht nicht glücklich. Meistens mit dem Nachsatz: ...aber es beruhigt ungemein.
In dem Artikel geht es darum, dass viele Menschen zwar genug verdienen, aber trotzdem im Job nicht glücklich sind. Sogar von innerer Kündigung ist die Rede. Und warum? Weil oft ein gutes Wort, ein Lob oder ein Danke fehlt.
Es heißt da, dass viele mit ihrer Arbeit zwar einigermaßen zufrieden sind, aber sich gefühlsmäßig nicht mit dem Chef oder der Firma verbunden fühlen. Die Folge davon: die Leistung bei der Arbeit sinkt.
Ich kriege das bei einer Freundin hautnah mit. Toller Job, wirklich gutes Geld und trotzdem kommt sie abends fix und fertig heim. Das liegt aber nicht an der anstrengenden Arbeit. Es gibt in ihrem Unternehmen niemanden, der ihr mal ein Lob ausspricht. Und auch sonst wird kaum miteinander geredet, weder untereinander noch mit der Chefin. Jeder wurschtelt vor sich hin, ist und bleibt Einzelkämpfer und hat natürlich keinen Blick für die anderen. Dabei ist hier die Lösung meiner Meinung nach recht einfach: „Danke für Ihre Arbeit heute", „Mensch, das hast Du super hingekriegt", „Danke für Deine Unterstützung gestern". Diese Sätze kosten nichts, nicht mal viel Zeit. Aber es ist so wichtig. Es gibt meinen Arbeitskollegen das Gefühl, dass sie gesehen werden und dass sich ihre Arbeit lohnt. Wenn das kein Motivationsschub ist...

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Meine kleine Schwester steht vor dem Kleiderschrank und kratzt sich am Kopf. „Was soll ich denn anziehen? Guck mal, ich hab einfach nichts." Der Schrank platzt aus allen Nähten. Die Sorgen meiner Schwester möchte ich mal haben. Ich kenne das schon auch, aber inzwischen muss ich immer mehr Entscheidungen treffen, die richtig Tragweite haben. Entscheidungen, die über den Tag hinaus wichtig sind: Wohin möchte ich mich beruflich entwickeln? Kann ich mir ein Auto leisten? Wo will ich leben? Das finde ich manchmal richtig unangenehm als erwachsener Mensch. Dann wünsche ich mir, einfach wieder Kind zu sein und anderen die großen Entscheidungen zu überlassen.
Und im nächsten Augenblick denke ich, wie vielen Menschen ist es gar nicht möglich, sich zu entscheiden. Vor allem, sich frei zu entscheiden. Ihr Leben ist durch die politische oder finanzielle Situation so eingeschränkt, dass gar kein Spielraum für eigene freie Entscheidungen bleibt. Das ist nicht nur in totalitären Diktaturen so, sondern auch bei uns in Deutschland. Eine Bekannte von mir hat schlicht kein Geld dafür, aus ihrer winzigen Wohnung umzuziehen.
Wenn ich sowas mitkriege, wird mir klar, dass sich frei entscheiden zu können - und seien es die noch so alltäglichsten Dinge - ein unglaublich hohes Gut ist.
Frei zu sein ist für mich unheimlich wichtig. In meiner Religion, dem Christentum finde ich viel von dieser Freiheit wieder. In der Bibel wird immer wieder deutlich, dass Gott uns Menschen den freien Willen gegeben hat. Er will mich nicht in irgendeine Richtung drängen, sondern ich kann über mich selbst bestimmen. Das bedeutet aber eben auch, dass ich die kleinen und großen Entscheidungen selbst treffen muss. Was für mich dabei sehr tröstlich ist: egal, ob ich richtig oder falsch liege mit meinen täglichen Entscheidungen, ich habe immer das Gefühl, dass Gott hinter mir steht und mich im Notfall auffängt.

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Auf unserem Hof hat bis vor ein paar Monaten Konrad gelebt. Konrad war ein Hahn und hat mit unseren Pferden in einer WG gewohnt. Allerdings erst, nachdem ihm seine Hühner alle weggestorben sind. Konrad hat jahrelang dafür gesorgt, dass alle rund um Haus und Hof wussten, wann der Tag beginnt. Obwohl er nicht der Größte war, hat Konrad stimmlich alles gegeben. Jeden Morgen. Ob die Nacht kurz oder lang war, ob es bei uns turbulent zuging, oder wir einfach Ruhe brauchten. Konrad hat sich nicht daran gehalten.
Unser Hahn hat einen berühmten biblischen Artgenossen. Von dem wird berichtet, dass er kräht als der Tag anbricht. Und das ist deshalb so bedeutend, weil Petrus nun schlagartig klar wird, dass sein bester Freund Jesus doch Recht gehabt hat. Jesus hat ihm nämlich vorausgesagt, dass er nicht zu ihm stehen würde. Dass er drei Mal behaupten würde, Jesus nicht zu kennen. Und dass dann der Hahn krähen würde.
Als der Hahn nun kräht, wird Petrus wahrscheinlich noch mehr klar. Erstens: Jesus hat Recht gehabt, zweitens: ich habe versagt, und drittens: ich kann Jesus nicht mehr retten. Der Hahn wird hier zum Zeichen der grausamen Gewissheit. Und noch etwas kommt dazu: Petrus weiß, dass er jetzt da durch muss. Es gibt kein Zurück.
Der Hahn steht in dieser Geschichte noch für etwas anderes: dafür, dass es weitergeht. Dass es keinen Stillstand gibt, auch wenn wir uns das manchmal wünschen. Es gibt immer einen neuen Tag. Und damit gibt es auch immer die Chance, einen neuen Blick auf die Dinge zu werfen.
Ich erinnere mich an Tage auf unserem Hof, da war ich froh zu wissen, dass es weitergeht. Und Konrad war es, der diese neuen Tage angekündigt hat. Er hat mir mit seinem Krähen signalisiert: das Leben geht weiter und es wird auch irgendwie wieder gut werden.

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Es gibt wunderbare Bilder, wenn kleine Kinder zum ersten Mal versuchen, ein Kreuzzeichen zu machen. Ein einziges Gewurschtel. Die Hand von oben nach unten und von links nach rechts führen. Das ist auch wirklich nicht so einfach.
Aber im Laufe eines katholischen Lebens bekommt man Routine. Ich beobachte bei mir, dass ich unheimlich oft das Kreuzzeichen mache. Wenn ich bete oder wenn ich eine Kirche betrete. Eigentlich ist das doch verrückt. Das Kreuz steht für Tod, denn es war im alten Rom ein Folter- und Tötungsinstrument. Wenn ich also das Kreuzzeichen mache, dann ist das automatisch ein Zeichen für den Tod in meinem Leben.
Das kann ich nur machen, weil ich fest an die Auferstehung glaube. Und die hat mit dem Menschen Jesus zu tun. Jesus war revolutionär. Er hat vor mehr als 2000 Jahren deutlich gesagt, was er denkt. Und er hat zu vielem eine Meinung gehabt: zum Zusammenleben von Menschen, zu Rechten von Kindern, zu Rechten von Frauen, zum Umgang mit Kranken oder Sündern. Das war alles sehr neu und ungewöhnlich damals. Das hat ihn zum Schluss das Leben gekostet. Und jetzt kommt das Kreuz ins Spiel. Jesus ist gekreuzigt worden. Ans Kreuz geschlagen, weil er nicht still gehalten hat und weil er zu seiner Überzeugung stand. Ein schrecklicher Tod. Allein deswegen könnte ich eigentlich kein Kreuzzeichen machen. Aber Jesus ist auferstanden. Drei Tage nach seinem Tod ist sein Grab leer und seine Freunde sehen ihn an verschiedenen Orten. Er lebt. Damit verliert der Tod einen Teil seines Schreckens. Deshalb kann ich das Kreuzzeichen machen. Es steht eben nicht mehr nur für Tod, sondern für Hoffnung. Und damit wird das Kreuz ein Zeichen des Lebens. Da hat sich das Gewurschtel beim Lernen vom Kreuzzeichen doch gelohnt. Ich jedenfalls brauche dieses Wissen oft.

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Flammende Herzen sind was Leckeres. Jedes Mal, wenn ich beim Bäcker bin, muss ich mich bremsen, um nicht gleich alle zu kaufen. Ich finde vor allem den Namen so nett - flammende Herzen.
Vielleicht haben sie ihren Namen von der biblischen Geschichte, die heute in den Kirchen vorgelesen wird. Da geht es auch ums Essen. Vor allem aber: um flammende Herzen.
Zwei Männer auf dem Weg von Jerusalem ins nächste Dorf. Die Sonne brennt und die Männer wirken schlapp: hängende Köpfe, eingefallene Wangen. Irgendwie sehen sie bedrückt aus. Plötzlich taucht ein Dritter auf. Er geht ein Stück mit ihnen und will wissen, was los ist. Die beiden erzählen ihm, dass Ihr bester Freund tot ist. Er war ein besonderer Mensch. Mit ihm ist auch ihre Hoffnung auf ein besseres Leben begraben worden, sagen sie. Noch mitten im Gespräch kommen sie im Dorf an. Die beiden laden den Fremden ein bei ihnen zu bleiben, wenigstens zum Essen. Der Mann bleibt. Und beim Essen fällt es den beiden wie Schuppen von den Augen. Sie erkennen ihn. Vielleicht an der Art, wie er das Brot mit ihnen teilt, vielleicht an seinem Tischgebet. Es ist Jesus. Es ist ihr Freund, der am Kreuz gestorben ist. Er lebt. Doch dann: So plötzlich, wie Jesus aufgetaucht ist, ist er wieder verschwunden. Aber es hat sich etwas verändert. Die Jünger erinnern sich an die gemeinsame Wanderung und das Essen und sie sagen „Brannte uns nicht das Herz, als er mit uns sprach?" Schnellen Schrittes, aufgeregt und aufgerichtet gehen sie nach Jerusalem zurück und erzählen was passiert ist. Erst ihren Freunden, dann der ganzen Welt. Und so geht die Geschichte mit Jesus doch noch weiter - Dank zweier flammender Herzen.

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Ich hab erfahren, dass Nico mit Kathrin zusammen ist. Kathrin ist eine langjährige Freundin von mir. Nicht, dass ich den beiden das nicht gönne, im Gegenteil. Aber ich kann sie mir einfach noch nicht zusammen vorstellen. Nico und Kathrin - das muss ich erst gesehen haben. Ich brauche den Beweis.
Diese Erfahrung hat Thomas auch gemacht. Thomas ist einer der engsten Freunde Jesu. Jesus ist gekreuzigt worden und seine Jünger sind total verstört. Sie versuchen nach dieser großen Enttäuschung irgendwie weiterzumachen. Das sieht erst mal so aus, dass sie sich einsperren. Weg von der Welt, nichts hören, nichts sehen. Das was passiert ist, muss sacken. Aber dazu haben sie keine Zeit, denn schon kommt die Nachricht, dass Jesus lebt. Dass er auferstanden ist. Nicht möglich! Doch dann passiert etwas Besonderes: Jesus kommt zu ihnen und spricht mit ihnen. Die Jünger können es nicht fassen, sie sind überglücklich.
Leider war Thomas an dem Tag nicht dabei. Und so kann er nicht glauben, was seine Freunde ihm kurz darauf erzählen. Er sagt: „Das glaube ich erst, wenn ich Jesus sehe und ihn anfassen kann, wenn ich seine Wunden berühren darf." Eine Woche später sind die Männer wieder zusammen, dieses Mal ist Thomas dabei und es kommt, wie es kommen muss - Jesus erscheint auf der Bildfläche. Thomas kann ihn endlich sehen, er kann ihn berühren. Und dann kann er auch glauben. Ich kann Thomas verstehen. Wie oft brauche ich einen Beweis, um zu glauben. Was mir an der Geschichte so gut gefällt ist, dass Jesus nicht sauer ist, weil Thomas länger braucht. Nein, er kommt noch einmal zu den Jüngern - extra für Thomas. Jesus kommt zu den Menschen. Heute nicht sichtbar und greifbar wie damals. Aber das Gefühl, dass ich es ihm wert bin, das bleibt.

Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!

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