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SWR3 Gedanken

03MRZ2012
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Museumsbesuch mit der ganzen Familie. Zu viert stehen wir um eine Kühltruhe herum. Darin liegt alles, was wir in einer Woche essen und trinken. Statistisch betrachtet: zwei Fertigpizzas sehen wir, drei Brote, Brezeln, einige Konservendosen, ein Salatkopf, ein Sixpack Bier, ein Kasten Wasser und vieles mehr. „Nur eine Tafel Schokolade" meint unsere Jüngste erstaunt. Eine würde bei uns bestimmt nicht reichen. Die Kühltruhe ist Teil der Sonderausstellung „unser täglich Brot". Bis zum 29. April ist sie im Mannheimer Technoseum aufgebaut. Hinter der Kühltruhe hängen Fotos von Familien aus anderen Ländern. Darauf kann man erkennen, was diese Familien pro Woche alles verzehren. Australier zum Beispiel: auf deren Foto sieht man Unmengen von Fleisch. Eine ägyptische Familie ist dabei. „Die ernähren sich aber gesund", meint meine Frau. Tatsächlich erkennt man auf dem Foto jede Menge frisches Gemüse und Obst. Und eine Familie aus Mali ist dabei, umgeben von einem Sack Reis, einem Sack Hirse und relativ wenig anderen Zutaten: Familie Natomo steht auf einem Schild neben dem Foto. 14 Personen. Ausgaben pro Woche 20 Euro. Trotzdem regt sich bei mir nicht gleich ein schlechtes Gewissen. Die abgebildeten Personen schauen glücklich in die Kamera. Es soll auch gar nicht immer gleich um ein schlechtes Gewissen gehen. Eher darum, Dinge bewusster wahrzunehmen. Das wirkt. Nach dem Besuch der Ausstellung bin ich für meinen Reichtum an Essen dankbarer.

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„Steht auf für Gerechtigkeit" - das ist heute das Motto beim „Weltgebetstag der Frauen". Immer am 1. Freitag im März feiern Frauen aller christlichen Konfessionen gemeinsam Gottesdienst. Vorbereitet wird er jedes Jahr von Frauen aus einem anderen Land. Diesmal waren es Frauen aus Malaysia, die Texte und Gebete ausgesucht haben. Und damit auch das Motto: „Steht auf für Gerechtigkeit". In Malaysia arbeiten ca. ½ Million Ausländerinnen als Haushaltshilfen bei wohlhabenden Familien. Sie kommen aus dem Nepal, Indien, oder Sri Lanka. Viele dieser Frauen müssen unter extrem schlechten Bedingungen arbeiten. Kein Wunder: Als Haushaltshilfe - weit weg vom eigenen zuhause - scheint man 24 Stunden am Tag verfügbar. Die Frauen müssen auch bei der Familie, bei der sie arbeiten, wohnen. Sie haben keine Kolleginnen und können sich deshalb auch nicht solidarisieren. Für diese Frauen soll heute Abend gemeinsam gebetet werden. Und dabei wird auch auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Damit stoßen die Frauen aus Malaysia ein Thema an, das nicht nur ihr Land betrifft. Wie sieht es denn zum Beispiel bei uns mit dem Status von Haushaltshilfen aus? Wie viele haben wirklich einen Arbeitsvertrag? Der Gesetzgeber sieht vor, dass man jede Haushaltshilfe bei der Minijobzentrale anmeldet. Aber wer tut das auch? Wie viele Pflegehelferinnen aus Polen oder Rumänien müssen durcharbeiten - ohne freien Tag? Der heutige Weltgebetstag regt mich zum Nachdenken an, über diejenigen, die im Haushalt anpacken: wie gehe ich mit ihnen um? Weiß ich ihre Arbeit zu schätzen? Bin ich bereit für ordentliche Arbeit auch ordentlich zu bezahlen, zu versichern, und zum Ausgleich auch Freizeit zu gewähren? Wenn nicht, dann steht hoffentlich neben mir jemand für Gerechtigkeit auf. So wie die Frauen beim heutigen „Weltgebetstag der Frauen."

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Ich beteilige mich immer wieder an Briefaktionen von amnesty international. Vor zwei Monaten habe ich folgende Zeilen an den Chef des ägyptischen Militärgerichts geschrieben: „Sehr geehrter Herr Generalmajor. Wie ich von amnesty international erfahren habe, befindet sich Maikel Nabil Sanad völlig zu Unrecht in einem Ihrer Gefängnisse in Ägypten. Dabei hat er nichts weiter getan, als in seinem Internet-Blog Kritik an der Gewalt des Militärs gegenüber Demonstrierenden zu äußern. Er hat damit nur sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen aber er wurde dafür von einem Militärgericht zu drei Jahren Haft verurteilt. Ich bitte Sie deshalb eindringlich, Maikel Nabil Sanad umgehend und bedingungslos freizulassen." Ich mache bei den Briefaktionen von amnesty international mit, weil ich es für meine Pflicht halte, bei Unrecht nicht wegzuschauen, sondern etwas zu tun. Wenn auch mit bescheidenen Möglichkeiten. Wird mein Protest etwas bewirken? Oder landet der Brief nur im Müll? Ich stelle mir vor, wie das ist, wenn mein Brief beim Generalmajor ankommt. Wie er den Brief öffnet und vielleicht denkt: „Ein Brief aus Deutschland. Woher wissen die, was ich hier mache?" Ich stelle mir vor, wie der Generalmajor ein bisschen zusammenzuckt, vielleicht denkt: „Mist, die kriegen das alles mit." Und deswegen schreibe ich weiter Briefe, auf richtigem Papier, mit Briefmarke, damit der Generalmajor es nicht als Massen-email abtun kann. Tatsächlich besagt eine Statistik von amnesty international, dass sich nach einer Briefaktion mindestens in einem Drittel der Fälle für die Betroffenen etwas verbessert. Leider habe ich noch nicht gehört, dass sich auch für Maikel Nabil Sanad etwas verbessert hat. Aber ich hoffe weiter und werde den nächsten Brief schreiben, denn Glaube kann manchmal Berge versetzen.

 

 

 

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29FEB2012
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Was ist da nur in Nigeria los? Dauernd höre ich etwas von Terroranschlägen auf Christen. In der Millionenstadt Kano sind dadurch bereits über hundert Menschen ums Leben gekommen. In einer anderen Region wurden zwei Anschläge auf Kirchen verübt, eine davon ist völlig zerstört worden. Hinter diesen Aktionen steckt höchstwahrscheinlich eine radikale Gruppe fanatischer Muslime: Ihr Name: Boko Haram. Das heißt übersetzt: „"Westliche Erziehung ist Sünde". Im Norden Nigerias leben nur wenige Christen. Boko Haram will sie vertreiben und einen islamistischen Gottesstaat aus dem Norden Nigerias machen. Wenn ich davon lese, spüre ich Wut in mir. Denen müsste man es mal so richtig zeigen. Aber ich weiß natürlich, dass Gewalt keine Lösung ist. Wenn ich die Wut in mir spüre muss ich mich bremsen: Wie soll aus Wut Frieden entstehen? Mich hat interessiert wie die Christen in Nigeria auf diese Attacken reagieren. Imponiert hat mir, was der dortige Bischof schreibt. John Onaiyekan, Erzbischof von Abuja, macht deutlich: „Mit den Attentaten will Boko Haram Christen und Muslime gegeneinander aufbringen. Sie missbrauchen die Religion für ihre Interessen." Boko Haram ist für den Bischof nur eine fanatische Minderheit. Deshalb hat der Geistliche den Christen in seinem Land geraten: „Wir müssen allen Versuchen widerstehen, uns in gegenseitige Feinde verwandeln zu lassen." Recht hat er: Ich darf mich nicht gegen jemanden aufhetzen lassen, bloß weil einige wenige Stimmung machen. Wenn ich ruhig bleibe, könnte das der erste Schritt zu mehr Frieden sein.

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28FEB2012
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Museumsbesuch mit der ganzen Familie. Zu Viert setzen wir uns an einen gedeckten Tisch. Von oben wird auf die Teller virtuell ein Essen projiziert. Es sieht fast so aus, als läge wirklich etwas auf unseren Tellern. Hände werden ebenfalls projiziert und beginnen zu essen. Das wirkt, als würden wir selbst essen was es da gibt: ein festliches Menu mit Rotkraut, Fleisch und Knödeln. Das Geschirr auf dem Tisch ist recht alt und auf einem Schild lesen wir: Sonntagsessen 1910. Jetzt sind wir neugierig und gehen zum nächsten Tisch. 1945 steht auf dem Schild. Das Geschirr sieht ganz normal aus, aber in den Suppenteller wird diesmal nur eine wässrige Suppe projiziert, dazu gibt es eine virtuelle Scheibe Brot. Außerdem sehe ich Lebensmittelmarken auf dem Tisch liegen.
Am nächsten Tisch fällt das Essen wieder deutlich großzügiger aus und es gibt sogar eine Banane als Nachtisch: 1965 steht da. Die gedeckten Tische sind Teil der Ausstellung „unser täglich Brot". Bis zum 29. April ist sie im Mannheimer Technoseum aufgebaut. Die Tische mit den virtuellen Mahlzeiten haben mich besonders beeindruckt: Mir ist klar geworden: Es liegt nicht nur an mir, wie viel ich zu essen habe. Sondern den größten Teil verdanke ich den äußeren Umständen: in welche Zeit ich hinein geboren werde. Ob Jahrhundertwende, Weltkrieg, Nachkriegszeit oder eben heute. Essen ist für mich eigentlich etwas Selbstverständliches. Aber nachdem ich die Ausstellung besucht habe, bete ich innerlich: Danke Gott, dass ich jeden Tag so gut satt werde.

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In Tübingen hat vor einigen Wochen das erste Zentrum für Islamische Theologie eröffnet. Jetzt müssen muslimische Studenten nicht mehr in der Türkei, in Marokko oder Saudi-Arabien studieren. Sie können ihre Ausbildung zum Imam direkt in Deutschland machen. Ein Imam ist ein Vorbeter und Lehrer in der Moschee.
Gut oder schlecht? Ich persönlich finde es eine gute Sache. Ich habe vor 20 Jahren in Münster Theologie studiert und hatte damals das große Glück, dass wir einen Professor hatten, der Islamwissenschaften unterrichtet hat. Dadurch habe ich nicht nur die Bibel, sondern auch den Koran gelesen und konnte meinen Blick für den Islam weiten. Heute unterrichte ich Religion an einer Berufsschule. Es sind auch einige muslimische Schüler in meiner Klasse. Da kommt es im Unterricht vor, dass ich den Koran besser kenne und auslegen kann als sie. An Weihnachten zum Beispiel: Da habe ich von der Sure 19 im Koran erzählt. Dass dort Maria, die Mutter Jesu beschrieben wird. Wie ein Engel sie besucht und Ihr verkündet, dass sie Jesus zur Welt bringen wird. Wenn muslimische Schüler das hören, nehmen sie mich ernst und sind bereit, über ihre Religion zu diskutieren, dann entdecken christliche und muslimische Schüler plötzlich Gemeinsamkeiten. Hätte es an meiner Uni ein Zentrum für Islamische Theologie gegeben, dann wäre ich sicher mit den muslimischen Studenten ins Gespräch gekommen. Vielleicht hätten wir einiges kontrovers diskutiert, aber auf jeden Fall hätten wir mehr über die jeweils andere Religion erfahren und Vorurteile abbauen können. Deshalb bin ich der Meinung: Ja, das neu eröffnete Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen ist eine gute Sache.

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Hildegard Burjan war österreichische Parlamentarierin und lebte vor ca. 100 Jahren in Wien. Sie wurde dieses Jahr für Ihr Lebenswerk von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen. Für Hildegard Burjan gehören Christentum und Politik ganz eng zusammen. „Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum," sagte sie einmal. In Zeiten der Politikverdrossenheit hat mich das Zitat hellhörig gemacht. Ich soll mich als Christ voll für Politik interessieren? Auf einem alten Schwarzweißfoto um 1920 sieht man Hildegard Burjan im Kreis der anderen Abgeordneten. Sie hat eine weiße Bluse an, um sie herum nur Männer in dunklen Anzügen. Sie sticht richtig hervor auf dem Bild. Vielleicht ist das typisch für Hildegard Burjan, denn auch ihre Arbeit stach damals hervor. Ihr ging es in der Politik immer darum, sich für die Armen einzusetzen: Sie hat die Arbeiterinnen Österreichs in Verbänden organisiert. Damit wollte sie bessere Arbeitsbedingungen für die oftmals ausgebeuteten Frauen durchsetzen. Wenn es darum ging, sich für das Leben der Menschen einzusetzen, hat es für Hildegard Burjan keine Kompromisse gegeben. Schon gar nicht im eigenen Privatleben. Als sie schwanger war, rieten ihr die Ärzte zur Abtreibung. Andernfalls könne sie bei der Geburt sterben. Doch sie hat sich davon nicht beirren lassen und brachte unter Lebensgefahr ihr Kind zur Welt. Diesen persönlichen Einsatz zeigte sie auch im Parlament. Die Seligsprechung Hildegard Burjans ist für mich ein Signal: Christen sollen sich in der Politik engagieren, um den Armen eine Perspektive zu geben.

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