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SWR3 Gedanken

„Das ist dein Problem." Die Antwort ließ an Deutlichkeit keine Fragen offen. Mein Kollege hatte einen Fehler gemacht. Hatte gedankenlos Dinge herausgegeben, die er ungefragt nicht weitergeben durfte. Nichts Dramatisches zwar, aber ein ärgerlicher Fehler, ganz klar. Nur, kritisieren lassen wollte er  sich dafür nicht. Er weigerte sich schlicht, seinen Fehler zuzugeben. Sein einziger Kommentar zu meinem Ärger: „Das ist dein Problem."
Jeder von uns macht Fehler. Immer wieder. Kleine und harmlose, und manchmal leider auch richtig Heftige. Das ist menschlich. Doch offenbar führt bei manchen schon der kleinste Fehler zu einem angeknacksten Selbstwertgefühl. Und deshalb darf es eben keine Fehler geben. Dann muss ich mir, wenn nötig, die Wirklichkeit schon mal zurechtbiegen: Ich versage nie. Und: Falls du meinst, ich hätte doch einen Fehler gemacht, ist es halt dein Problem. Nun ist es natürlich ein Unterschied, ob ich bloß die Nudeln versalzen oder etwas wirklich Schlimmes angerichtet habe. Doch am Ende gilt für das eine wie das andere: Ich kann nur in Frieden mit mir und andern leben, wenn ich mir auch meine Fehler zugestehe. Wenn mir klar ist, dass ich immer wieder welche machen werde, weil ich nicht perfekt bin. Und: wenn ich mir meine Fehler irgendwann auch mal selber vergeben kann.
Für mich hat das viel mit dem alten Wort Barmherzigkeit zu tun. Die richtet sich nämlich nicht nur an andere, sondern auch an mich selbst. Wenn ich mit mir nicht barmherzig sein kann, wie soll ich es dann eigentlich gegenüber anderen sein?

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»Gesegnet sind die Liebenden. Ohne sie geht die Welt unter«. „Was für ein Quatsch" dachte ich, als ich den Satz in einer Kirche hörte. Die Welt hat schließlich schon ganz andere Sachen erlebt als einen Mangel an Liebe. Untergehen wird sie davon jedenfalls kaum. Doch der Satz ließ mich einfach nicht mehr los.
In der Tat: Die Erde wird schon weiterbestehen, auch ganz ohne uns. Uns Menschen braucht sie schlicht nicht. In einem faszinierenden Buch hat ein amerikanischer Journalist einmal beschrieben, wie die Welt aussehen wird, nachdem der letzte Mensch sie verlassen hat. Pflanzen und Tiere werden sich die Straßenzüge der Großstädte nach und nach zurückerobern. Einige hundert Jahre später wird kaum noch etwas an eine pulsierende Metropole wie New York erinnern. Nein, die Welt geht nicht unter ohne uns, ob mit oder ohne Liebe.
Eine menschliche Welt allerdings, die scheint kaum denkbar ohne die Liebenden. Zumindest dann, wenn ich darunter mehr als das Verliebtsein verstehe. Eine Welt, in der man keine Rücksicht mehr nimmt auf Schwache. In der der maximale Profit oberstes Ziel ist. Eine Welt, in der ein rücksichtsvoller Umgang am Arbeitsplatz keine Rolle mehr spielt oder soziale Einrichtungen als überflüssiger Ballast abgeschafft werden. Eine solche Welt wird ziemlich bald lebensfeindlich sein. Die zivilisierte, menschliche Welt aber, die wäre tatsächlich untergegangen.
Also, ein Segen sind Alle, die diese Welt erst zu einer menschlichen, lebenswerten Welt machen. Gerade auch heute, am Martinstag.

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„Das kann ich ja wohl selbst entscheiden". Diesen Satz höre ich von meiner zwölfjährigen Tochter immer wieder. Den eigenen Weg finden, sich ausprobieren, nicht mehr von Eltern und Lehrern gegängelt werden. So geht Erwachsen werden.
In den Straßenprotesten der Occupy-Bewegung finde ich einiges davon wieder. Viele junge Erwachsene sind dort zu sehen, die vor Börsen und Banken demonstrieren. Wohl auch, weil sie den Eindruck haben, nicht wirklich erwachsen sein zu können. Denn dazu gehört die Freiheit, selbst zu entscheiden, selbst Verantwortung zu tragen. Das Leben und die Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können. Doch aus dem Gängelband der Eltern ist für viele offenbar ein neues, unheimliches Gängelband geworden: Gigantische Schuldenberge, von anderen hinterlassen. Schulden, die Gestaltungsmöglichkeiten beschneiden und von denen noch keiner weiß, wie sie wieder getilgt werden können. Statt der ersehnten  Freiheit, der Fluch einer vielleicht schon jetzt verbauten Zukunft. Viel Angst und noch mehr Wut sind da zu spüren. Schade eigentlich, dass die Kirchen sich dazu bislang kaum geäußert haben. Denn immerhin  geht es hier um Freiheit. Nicht nur in einem geistigen Sinn. Sondern ganz konkret: Um die Freiheit, sein Leben selber gestalten zu können. Nicht in vorgespurten Wegen laufen zu müssen, weil Chancen geraubt und Türen verschlossen sind. Die Bibel kennt etliche Geschichten, in denen es um die Befreiung von äußeren Zwängen geht. Für mich jedenfalls hätten die eine Menge mit dem zu tun, was die Protestierer heute in den Finanzvierteln einfordern.

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Vierzehnheiligen. Echten Fans barocker Kirchen huscht bei diesem Namen ein verklärtes Lächeln übers Gesicht. Die Klosterkirche in der Nähe von Bamberg ist ein Höhepunkt dieser Stilepoche. Lichtdurchflutet, gefüllt mit barocken Bilderwelten. Man weiß kaum, welches Bild man sich zuerst anschauen soll. Die Wände, die Decken. Überall werden in bunten Farben Geschichten erzählt. Zum Gottesdienst kam man nicht selten wohl auch, um zu schauen.
Im Zeitalter von Youtube und anderem klingt das eher drollig. Denn heute ertrinken wir geradezu in Bilderfluten. Wo man früher noch mühsam zusammengestellte Fotoalben zeigte, gibt es heute Datenbanken mit hunderten, ja tausenden von Fotos. Ich ertappe mich nicht selten dabei, dass ich gar nicht mehr genau hinschaue. Trotz aller Faszination - vielleicht gibt es auch ein Zu-viel. Man kann wohl auch übersättigt sein von Bildern. Wer zu viel in sich reinstopft, dem wird halt irgendwann übel. Du sollst dir kein Bild machen, klingt da jedenfalls schon ziemlich seltsam. Im ersten der zehn biblischen Gebote steht dieser Satz: Du sollst dir kein Bild machen. Kein Bild von Gott. Es gibt nämlich einfach keines. Keines zumindest, das man anschauen, retourschieren, beurteilen könnte. Der Gott der Bibel als einer, der sich all unseren Bilderfluten einfach entzieht, seit Menschengedenken. Interessant finde ich diesen Gedanken und auch geheimnisvoll. Irgendwie so, wie ich mir Gott vorstelle.

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Was macht ein renommierter Musikjournalist, wenn er eines Tages keine Musik mehr hören kann? Wenn sie ihn regelrecht ankotzt, er sie einfach nicht mehr erträgt.  Er zieht den Stecker raus, setzt sich in seinen Garten uns lauscht. Der Engländer David Toop hat das erlebt. Einer, der jeden Tag den neuesten musikalischen Trends hinterhergejagt war, muss erst mal raus. Beschließt von Stunde an, dass es viel interessanter ist, den Schnecken beim Fressen zuzuhören, als den neuesten Ergüssen des Musikmarktes. Der Mann sitzt tatsächlich stundenlang in seinem Garten und hört. Hört Dinge, die er gar nicht mehr wahrgenommen hat. Das leise Rauschen der Blätter, summende Insekten und eben die Schnecken. Er ist fasziniert von dieser leisen Welt um ihn herum, erschließt sie sich noch mal ganz anders mit seinen Ohren.  Mich hat seine Geschichte fasziniert. Weil ich das selber kenne, wenn ich nach getaner Arbeit im Garten hinter meinem Haus sitze. Einfach mal abschalten kann. Nicht noch drei Dinge nebenher im Kopf wälzen muss. Es schaffe, mal nur dem zu lauschen, was da zu hören ist. Herrlich. Wenn mir das wirklich gelingt, dann ist es die pure Meditation. Selbst, wenn es nur ein paar Minuten sind. Statt ständigem Multitasking also Konzentration auf den Augenblick, auf das was gerade jetzt, und nur jetzt dran ist. Nicht immer, aber immer wieder mal. David Toop übrigens, der renommierte Musikexperte, hört inzwischen wieder gern Musik. Eine Weile den Schnecken zu lauschen - ihm hat das offenbar richtig gut getan.

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„Ich habe Alzheimer. Seit Kurzem weiß ich es." Völlig unvermittelt kommt dieser Satz. Wie ein Hammerschlag. Mitten in einem langen und netten Gespräch in einer Dorfkirche in den Niederlanden. Ein alter Holländer hat mitbekommen, dass wir deutsch sprechen und sich sofort zu uns gesellt. Eine ganze Weile haben wir dann miteinander erzählt. Davon, dass er als Ingenieur viele Jahre in Deutschland gearbeitet hat. Dass er dabei unsere Kultur kennen und schätzen gelernt hat und so fort. Es war eigentlich eine banale Frage, auf die er mir dann sagte: „Ich kann ihnen leider keine Antwort geben, ich weiß es nicht mehr. Ich habe Alzheimer." Er sagte das nicht verschämt, nicht verbittert, nicht traurig. Vielmehr so, als sei es das Normalste von der Welt. Erst war ich geschockt und dann verblüfft.
„Wissen sie", sagte er dann, „ich habe mir angewöhnt, das Leben anzunehmen, wie es kommt. Es bringt nichts, sich ständig über alles Mögliche zu ärgern und aufzuregen. Man wird irgendwann depressiv." Er wusste ganz genau, was die Diagnose seiner Krankheit bedeutet. Wie die Entwicklung weitergehen wird, langsam aber sicher. Doch er strahlte eine tiefe Lebensfreude und -zufriedenheit aus.
Unser Gespräch hat mich noch lange beschäftigt. Ob ich das so sagen könnte? Nimm das Leben an, wie es kommt und mach das Beste daraus. Sätze sind leicht gesagt. Sie auch zu leben unendlich viel schwerer. Manchmal braucht es wohl die Begegnung mit solchen Menschen wie dem alten Niederländer. Einfach um zu wissen: Ja, man kann es wirklich. Vielleicht ja auch ich.

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Woher kommst du eigentlich? Wenn man mir die Frage stellt, würde ich spontan wahrscheinlich meinen Geburtsort nennen. Vielleicht auch die Region, aus der ich stamme. Doch wenn ich etwas länger darüber nachdenke, dann führt die Frage mich immer weiter. Denn zu mir gehört ja noch viel mehr. Meine Einstellungen, meine politische Haltung, mein Glaube? Woher kommen die eigentlich? Wenn man mal anfängt, diesen Fragen nachzugehen, dann landet man schnell in der eigenen Geschichte. Bei Eltern, Großeltern, und immer so weiter. Bei jenen also, die vor mir gelebt haben.
Gerade ist in Speyer eine großartige Schau zum Kaiserreich der Salier zu Ende gegangen. Fast 1000 Jahre ist das jetzt her. Finsteres Mittelalter. Uralte Bücher, Steine oder Münzen waren da zu sehen. Auf den ersten Blick ja nichts Besonderes. Doch wenn man die alten Dinge zum Sprechen bringt, dann können sie einem unglaubliche Geschichten erzählen. Geschichten unserer Vorfahren. Davon, was sie damals gedacht, getan und geglaubt haben. Wie sie gelebt haben. Wie manche ihrer Entscheidungen noch bis heute nachwirken. Und auch, wie sehr die Religion sie und indirekt auch uns geprägt hat. Über Jahrhunderte hinweg. Wie auch immer man heute zur Religion stehen mag. Ohne sie gibt es wohl keine Antwort auf die Frage: Woher komme ich eigentlich? Das jedenfalls ist mir dort in Speyer nochmal ganz deutlich geworden.

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