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SWR3 Gedanken

„Engel im Fels" steht unter der Postkarte auf meinem Schreibtisch. Die Karte zeigt einen Stausee im Tessin. Stahlblauer Himmel, das Wasser leuchtend grün, dahinter die Staumauer - natürlicher Fels. Ich kann die einzelnen Gesteinschichten sehen, Wind und Wetter haben den Fels ausgewaschen, schichtenweise Steinmasse abgetragen. Ein richtiger Bogen hat sich so in die Mauer eingefräst. Hat was von einem Himmelsbogen. Und aus der Entfernung des Fotografen erkenne ich in diesem Bogen eine Gestalt. Sie sieht aus wie eine menschliche Figur, sie hat die Arme ausgebreitet aber eigentlich sieht es aus als hätte die Gestalt Flügel.  Ein ‚Engel im Fels'. Ein Engel, den die Zeit hervorgebracht hat. Jetzt füllt er seinen Felsbogen aus - ein starkes Bild.
Von dem Foto angeregt denke ich über mein Leben nach. Bei mir ist auch einiges im Laufe der Zeit ausgewaschen, abgetragen, abgewetzt worden! Wie viele Spuren hat der Fluss des Lebens an und in mir hinterlassen.
Das Bild vom Engel im Fels bringt mich auf eine Idee: Kann es sein, dass manche schmerzhaften Erfahrungen auch eine positive Seite haben? Weil ich in so mancher Krise erlebt habe, wie da etwas in mir aufgewacht ist, in mir groß wurde, mich stark gemacht hat. Trotz erlebter Niederlagen oder vielleicht gerade deswegen. Vielleicht gehört das zu unserem Leben - etwas verlieren müssen: Freundschaften, Träume, Illusionen - damit wir erkennen, welche Kraft uns im Innersten trägt.
Den Engel im Fels -  den gibt es nicht nur am Tessiner Stausee. Ich kann ihn auch in meinem Leben erkennen. Und wenn ich das nächste Mal von der Wucht des Lebens überrascht werde, hilft mir hoffentlich ein Blick auf die Postkarte. Der Engel im Fels ist schließlich einiges gewohnt.

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„So betet man nicht!", Ariane sieht Felix streng an. Er hat gerade im Unterricht vorgemacht, wie bei ihm Zuhause das Tischgebet gesprochen wird und hat dazu die Handflächen aneinander gelegt. „So betet man", sagt Ariana. Sie faltet ihre Hände und rasselt einen Tischsegen herunter.
„Nee", platzt Daniel heraus, „es geht doch um das, was du sagst und nicht darum, wie du die Hände hast."
Jetzt gehen so viele Finger in die Höhe, dass ich alle Mühe habe, die Beiträge zu sortieren.
Schließlich bringt es Jonas auf den Punkt: „Ich glaube, manchmal brauche ich eine feste Form - mit gefalteten Händen oder so - damit ich mich überhaupt auf ein Gebet einlassen kann. Aber manchmal betet es wie von selbst in mir. Und das kann dann auch beim Aufstehen sein, oder auf dem Fahrrad oder sonst wo, dann sind die Hände egal."
Ariane ist verunsichert: „Aber woher weiß Gott dann, dass du betest?
„Vielleicht ist es ja gerade anders herum", überlegt Jonas, „vielleicht beten wir ja eigentlich immer, also sind irgendwie immer im Gespräch mit Gott, aber nur ganz selten ist uns das auch wirklich bewusst."
Ariane ist das unheimlich: „Na, dann will ich aber lieber, dass Gott nur dann zuhört, wenn ich die Hände falte." Die Kinder lachen, es klingelt.
Wenn Jonas Recht hat, überlege ich im Rausgehen, sollte ich in Zukunft besser acht geben auf meine Gedanken. Oder noch besser: Ich sollte Gott bitten, meine Gedanken zu lenken. Und für einen Moment, bevor ich das Klassenzimmer abschließe, lege ich meine Handflächen still aneinander.

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Ein Wolf beim Spielen. Ein Wolf beim Spielen mit einem Lamm  - in der Natur eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. In der Bibel sind die beiden spielenden Tiere ein Bild für eine ganz bestimmte Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der selbst Tiere kein Interesse mehr haben am Fressen und Gefressen werden. Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Menschen und Tiere nach neuen, friedlichen Maßstäben leben.
Der Wolf, der mit dem Lamm spielt - das ist auch ein Hoffnungsbild: irgendwann wird sich Gerechtigkeit durchsetzen, dann werden die Menschen aus Liebe handeln, nicht aus Angst. Und dann, dann ist das Reich Gottes da.
Jesus hat zu seiner Zeit immer wieder versichert, dass dieses Gottesreich längst angebrochen ist. Dieses Friedensreich ist mitten unter euch, hat er gesagt, ihr braucht es nur mit eurem eigenen Leben umsetzen.
Ach, denke ich oft, schön wär's, aber die Realität sieht doch ganz anders aus.
Oder doch nicht? Jetzt im Herbst war ich mit einem Jäger unterwegs. Von diesem Jäger habe ich erfahren, dass es ausgerechnet unter Tieren dieses Friedensreich tatsächlich gibt!
In Ausnahmefällen, hat er erzählt, teilen Füchse ihren Bau mit einem Hasen. Innerhalb des Baus herrscht dann eine Art Burgfrieden, man arrangiert sich irgendwie in verschiedenen Ecken. Begegnet der Fuchs dem Hasen jedoch draußen ein Stück weit weg vom Bau, wird er gejagt und gefressen. So nah dran ist der Fuchs am Reich Gottes! Er müsste nur seine homezone vergrößern!
Und wir Menschen? Wenn Jesus Recht hat und wir wirklich so nah dran sind an diesem Friedensreich? Dann bräuchte es einfach den Mut, unsere homezone zu vergrößern! Dazu müssten wir allerdings auf die Vorstellung verzichten, dass die anderen grundsätzlich böser, blöder oder weniger wert sind als wir selbst.
Das Reich Gottes ist vermutlich nur einen Hasensprung von uns entfernt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11832

Vor 50 Jahren wurde Max Frischs Theaterstück Andorra zum ersten Mal aufgeführt. Seither haben sich unzählige Schulklassen mit der Geschichte Andris beschäftigt. Eine erfundene Geschichte, ein Lehrstück. Andri, der junge Andorraner, wird von den Bewohnern seines Ortes so lange als Jude behandelt, bis er sich so verhält, wie alle denken, dass sich ein Jude bestimmt verhält. Seine Freundin Barbli kann ihn weder schützen noch ihm helfen, am Ende verliert sie den Verstand darüber wie die Behandlung der anderen ihren Freund verändert.
Andorra ist ein klassisches Lehrstück darüber, wie sich Vorurteile auf unser Verhalten auswirken. Wie sie einen Menschen zunächst langsam verformen und schließlich ein Leben zerstören können! Dazu braucht es kein ganzes Dorf wie bei Andri. Da reicht schon eine Familie aus, die sich einig ist, dass einer oder eine „unmöglich" ist. Eine Schulklasse kriegt das auch locker hin. Und erst recht die Medien. Da wird dann in knalligen Artikeln verkündet wie manche Promis oder Verbrecher angeblich tatsächlich sind. Das führt nicht nur zu Rufmord einzelner- Vorurteile können eine ganze Gesellschaft vergiften.
Was tun? Ein wirksames Gegengift steckt im ersten Kapitel der Bibel. Als Gott den Menschen erschafft, macht er ihn nach seinem eigenen Bild. Als Mann und Frau schafft er den Menschen, heißt es da, Gott selbst gleich. Deshalb gilt von jedem Menschen, egal welcher Hautfarbe, nationaler oder religiöser Zugehörigkeit: in diesem Menschen können wir ein Stück von Gott erkennen.
Jeder Mensch hat schon allein deshalb unseren Respekt und unser Interesse verdient. So vielfältig wie wir Menschen sind, spiegeln wir Gottes Vielseitigkeit wider. Was für ein Reichtum!

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„Man müsste das Leben so einrichten, dass jeder Augenblick bedeutungsvoll ist", das hat der russische Schriftsteller Turgenjew geschrieben vor mehr als hundert Jahren.
Jeder Augenblick bedeutungsvoll. Ob Turgenjew öfters Langeweile hatte?
Mir geht es gerade anders herum - mein Alltag ist so voll an wichtigen Terminen, dass der Tag meist zu kurz ist, um alle vernünftig unterzubringen. Trotzdem fühlt sich mein Leben nicht bedeutungsvoll an. Ausgelaugt trifft es eher.
Es gibt offensichtlich einen Unterschied zwischen wichtig und bedeutungsvoll. Wenn mein Leben Bedeutung hat, dann deutet es auf etwas hin. Dann lebe ich so, dass mein Tun und Lassen auf etwas dahinter deutet, dass noch etwas anderes darin sichtbar wird.
An guten Tagen - und das sind meistens nicht die mit den vielen wichtigen Terminen, spüre ich, dass mein Leben ganz von sich aus Bedeutung hat. Gerade, wenn ich nicht so wild am Rumrennen bin, holt mich die Gewissheit ein, dass mein Leben gut ist, wie es ist. Es ist gut, dass nicht ich meinem Leben Bedeutung geben muss. Es ist gut, dass mein Leben mit meiner Geburt schon bejaht worden ist. Es ist gut, dass ich so bin wie ich bin. Es ist gut, dass ich nicht alles kann und weiß, so hat jeder Tag seine eigene Bedeutung, ist auf seine Weise einzig und ja: heilig.
Allerheiligen heißt der erste November auch. Dieses Jahr nehme ich diesen Tag als eine Heiligung aller Tage meines Lebens. Und so gesehen, bin dann auch ich heilig, und Sie auch, alle eben - sogar Turgenjew!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11830

Heute ist Reformationstag! Ein Protesttag!
Einem Protest nämlich verdanken die protestantischen Kirchen ihr Dasein. Damals, am 31. Oktober im Jahr 1517 hat der Mönch Martin Luther 95 Protest-Thesen aufgestellt und damit eine Lawine losgetreten, die bis heute nicht verebbt ist.
In seinen Thesen hat er die Kirche seiner Zeit scharf angegriffen. Denn aus der Angst der Menschen vor Hölle und Fegefeuer hatte die Spitze der Kirche damals ein Geschäft gemacht. Sündenerlass gegen Bezahlung - und die Kassen klingelten. Solcher Ablass, wie das kirchlich heißt, war für Luther unvereinbar mit seinem Verständnis von Gottes Zuwendung.
Weil Luther keine Kompromisse gekannt hat, wenn es um Bibel und Glauben ging, hat er damals mit seinem Protest die Abspaltung von der katholischen Kirche verursacht. Protestanten werden die Zugehörigen der Kirchen der Reformation, die Evangelischen, seither genannt.
Eine Name, der geradezu dazu auffordert es auch heute nicht bei feierlichen Gottesdiensten zum Reformationstag zu belassen. Wie wäre es, diesen Tag zum Anlass zu nehmen, um gegen Missstände heute zu protestieren?!
Die Angst mehr vor dem Fegefeuer ist längst nicht mehr unser Problem. Missstände gibt es aber auch heute zur Genüge. Mich zum Beispiel ärgert es, dass manche Leute für Stundenlöhne arbeiten müssen, von denen sie nicht mal die Miete zahlen können. Und ich rege mich auf, wenn in der Kirche selbst gesetzte Umweltziele in der Warteschleife hängen bleiben. Und wie kann es sein, dass ich jede Kindergelderhöhung ungefragt ausgezahlt bekomme, während Familien mit Hartz IV leer ausgehen.
Reformationstag als Anstiftung zum Protest. Wenn wir gegen das protestieren, was wir ungerecht finden, reformieren wir nicht nur die Kirche, sondern auch die Gesellschaft!

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„Es geht darum, Mensch zu werden" - so beginnt der Buddhist seinen Vortrag, und ich bin sofort hellwach - Mensch werden, darum geht es auch in meinem Glauben, im Christentum.
So viele biblische Geschichten handeln genau davon. Von Menschen, die sozusagen Menschsein lernen. Von Menschen, die scheitern und eine zweite Chance bekommen. Von Menschen, die schuldig werden, und daran lernen Verantwortung zu übernehmen. Die Bibel ist voll von starken Persönlichkeiten, deren Leben die merkwürdigsten Wendungen nimmt und die daran reifen und sich entwickeln. Mensch werden eben.
Der Vortragende ist inzwischen bei seiner Kernaussage angekommen: Unsere Vorstellungen von Glück und Besitz, sagt er, verursachen viel mehr Leid als Glück. Weil wir unfrei werden, wenn wir uns aufs Bekommen und Haben konzentrieren.
Na ja, denke ich, genau das hat Jesus auch immer gesagt!  Er hat als Erwachsener auf allen Besitz verzichtet, ist herumgezogen und hat den Menschen erzählt, was wirklich frei macht:
Frei macht mich das Vertrauen, dass ich als Mensch von Gott geliebt bin. Frei macht mich die Gewissheit, dass Gott mehr in mir sieht als ich selbst und andere. Ich kann deshalb auch Niederlagen annehmen und Verluste. Und eigentlich müsste ich deshalb auch alle anderen Menschen annehmen können. Oder mich wenigstens nicht so von anderen drausbringen lassen. Genau das gelingt mir leider nicht oft, das muss ich noch lernen.
Aber anfangen kann ich ja schon mal, das hat der Buddhist auch gesagt. Schließlich geht es ja darum Mensch zu werden!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11828