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SWR3 Gedanken

(Nani an Walter)
Liebe über den Tod hinaus. Ja das gibt es. In der Zeitung hab ich das mal wieder gesehen. Walter Schwenninger, Urgestein der Grünen, ist vor einem Jahr gestorben. Ein Hüne von Mann, langhaarig, bärtig - die Älteren kennen ihn noch aus den Fernsehberichten über die ersten Grünen im Bundestag, mit Alpaca-Pulli, Jesuslatschen und Sonnenblume auf der Abgeordnetenbank. Seine peruanische Frau Nani hat zum Jahrestag seines Todes eine Anzeige in die Zeitung gesetzt. Eine öffentliche Liebeserklärung an ihren verstorbenen Mann. Mit einem Foto von ihm neben dem geschrieben steht: 
„Walter, Du lebst weiter", Du und ich
wir sind eins.
Du lebst in mir, in meinem Herzen bist Du.
Ich brauch Dich schmerzlich, wie die Luft
fehlst Du mir. Deine Liebe umarmt mich,
so kann ich weiterleben.
Ich bin dankbar für Dich, für Dein engagiertes, solidarisches, authentisches und fruchtbares Leben.
Du hast so viel in dieser Welt hinterlassen.
Walter, mein Companero, mit Deinem guten zärtlichen Herz,
Du hast das Leben so geliebt!
Deine Schritte begleiten mich auf meinem Weg,
ich allein mit Dir.
Du bist mein klares Wasser, mein Licht, meine Liebe."  (Nani).    

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Eine Frau und ein Mann sitzen auf einer Bank am Rande eines Spielplatzes. „Das da drüben ist mein Sohn", sagt die Frau und zeigt auf einen Jungen in einem roten Pulli, der gerade die Rutschbahn runter gleitet. „Ein hübscher Junge", sagt der Mann, „der da drüben auf der Schaukel mit dem blauen Pullover ist mein Sohn." Der Mann schaut auf die Uhr und ruft seinem Sohn zu „Sollen wir langsam gehen, Jonas?" „Och, nur noch fünf Minuten, Papa, bitte!" „Der Mann nickt und Jonas schaukelt weiter bis zum Anschlag. Die Minuten vergehen. Der Vater steht auf und ruft wieder zu seinem Sohn: „Gehen wir jetzt?" Und wieder bettelt Jonas „noch fünf Minuten, Papa, nur noch fünf Minuten!" Der Mann lächelt und sagt: „Okay".
„Meine Güte, sie sind aber wirklich ein geduldiger Vater", sagt die Frau. Der Mann lächelt ein wenig und antwortet: „ Mein ältester Sohn, Paul kam letztes Jahr ums Leben, bei einem Fahrradunfall hier ganz in der Nähe. Ich habe nie viel Zeit mit Paul verbracht und ich würde alles dafür geben um nur fünf Minuten mit ihm zu bekommen. Ich habe mir geschworen mit Jonas nicht denselben Fehler zu machen. Er denkt, er hat fünf Minuten mehr zum Schaukeln, tatsächlich aber bekomme ich fünf Minuten um ihm beim Spielen zu zuschauen."

 

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Heute schon jemanden gelobt? Lob ist wie ein Glas Sekt - heißt es. Es schmeckt, prickelt und belebt. Warum loben wir dann so wenig ? Tiere werden gelobt : «Sitz Bello, braver Hund!» Und Kinder werden gelobt:» Schön hast du das gemacht, weiter so." Aber die Erwachsenen? Brauchen die denn kein Lob? Weil es vielleicht herablassend wirkt, wenn zum Beispiel ein Chef seinen Mitarbeiter lobt? Oder vielleicht soll niemand bevorzugt oder herausgehoben werden, weil sich die anderen dadurch zurückgesetzt fühlen könnten? Oder bricht dem, der lobt, ein Zacken aus der nicht vorhandenen Krone wenn er anderen sagt, dass sie gut sind oder etwas gut gemacht haben? Oder ist es ganz einfach Gedankenlosigkeit? Der Alltag läuft eben wie er läuft und es gibt so viele Pflichten, die getan werden müssen und dann muss man auch kein großes Gedöns drum machen. Doch! Zwar nicht bei jeder Kleinigkeit - das wäre nicht echt. Aber ab und zu gehört ein Lob einfach dazu. Und gerade nicht nur bei den großen, herausragenden Leistungen, sondern bei den unauffälligen, scheinbar selbstverständlichen Arbeiten. Im Betrieb für die Verlässlichkeit, wenn ein Rädchen ins andere greifen muss, damit der Laden läuft; in der Klinik, für die Ausdauer täglich mit Krankheit und Schicksalen umzugehen und dabei immer freundlich und konzentriert zu sein; im Büro für eine gelungene Konferenz oder den guten Umgang der Kollegen; in der Schule für die Geduld des Lehrers oder die Mühe des Schülers- auch wenn die Note nicht spitze ist. Ab und zu ein verbales Glas Sekt. Ein Lob, das freut, gut tut und motiviert. Sektarten gibt es genug: trockene, halbtrockene oder liebliche. Sie heißen: gut, prima, toll oder  schön. Und die Gläser sind von der Firma Danke.

 

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„Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe". Ein Spruch aus der Bibel. Der dann kommt, wenn jemand unverdientes Glück gehabt hat oder wenn jemandem ohne große Anstrengung etwas besonders gelungen ist. Es ist nicht ganz sicher ob dieser Spruch so richtig aus dem Hebräischen übersetzt ist. Er könnte auch heißen „Den Seinen gibt der Herr den Schlaf. Was auf die beruhigende Wirkung von Religion hinweisen könnte. Dass Menschen mit einem gesunden Gottvertrauen einen besseren Schlaf haben. Weil sie Belastendes auch ihm überlassen können und nicht mit ins Bett schleppen. Aber auch die erste Variante - dass Gott es den seinen im Schlaf gebe - hat eine religiöse Tiefendimension. Nicht nur weil von „den Seinen" also den gläubigen Menschen gesprochen wird. Der Schlaf ist unsere Verbindung zum Unbewussten, unsere Andockstation zu den Archetypen, den großen Bildern und zeitlosen Erfahrungen der Menschheit. Und er ist Teil von Religion, als eine Art Nabelschnur durch die wir mit der anderen Welt verbunden sind. In der Bibel spricht Gott immer wieder zu den Menschen, wenn sie schlafen. In Träumen erscheinen Engel. Oder über Nacht, im Schlaf klären sich entscheidende Dinge... Nicht umsonst heißt es man soll über manche Dinge, belastende Dinge, schwere Entscheidungen noch eine Nacht schlafen. Man kann das auch neurologisch erklären. Unser Gehirn speichert die Erfahrungen die wir tagsüber machen nicht nur ab, es bearbeitet, verarbeitet sie im Schlaf, genauer gesagt im Tiefschlaf.  Wir verlieren also im Schlaf unser Bewusstsein, um uns überhaupt erst unserer selbst bewusst zu werden. Könnte das nicht auch ein Hinweis sein? Ein Hinweis darauf, dass wir mit einer ganz anderen, größeren, tieferen Welt verbunden sind? Und immer dann mit ihr in Kontakt kommen, wenn wir uns entspannen und uns vergessen?!  

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Kinder groß, Hase alt und krank. Und jetzt stellt sich die Frage ob wir unser letztes Haustier, so alt und krank es ist nicht besser einschläfern lassen. Damit es sich nicht quält. Als ich darüber mit unserer jüngsten Tochter gesprochen habe, sagte ich: „Ein fast 10 Jahre alter Hase kann dann schon auch das Zeitliche segnen". Das Zeitliche segnen - meine Tochter kannte diese Redensdart nicht und auch ich war überrascht, dass sie mir so spontan über die Lippen gegangen war. Und ich hab mich gefragt woher diese Redensart kommt. Diese etwas sanftere Art über das Sterben zu reden. Sie kommt von einem Brauch aus dem 17. Jahrhundert. Wenn es einem Menschen klar war, dass er sterben musste und dies gut vorbereitet und bei klarem Bewusstsein tun konnte, dann hat er die Seinen gesegnet. An der Schwelle von dieser Welt zur anderen wollte der Sterbende als letztes die Menschen segnen, die er liebt. Ihnen Gutes wünschen für ihr Leben hier, in Zeit und Raum. Gott schon näher als sie, ihre Zeit segnen, die sie noch haben. Ein schöner Brauch, finde ich. Zum Abschied denen, die einem lieb sind das Beste zu wünschen für den Rest ihres irdischen Lebens. Sie zu segnen im Namen Gottes, als Mittler von guten Wünschen zwischen den Welten... Unser Hase lebt übrigens noch. Es scheint ihm wieder besser zu gehen. Denn er futtert wieder fleißig vor sich hin und hoppelt über den Rasen.   Er hat wohl noch ein bisschen Zeit bis er das Zeitliche segnet...

 

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"Love is a big scary animal - Liebe ist ein großes furchterregendes Tier." So der Titel eines Popsongs. Das hört sich überraschend an. Die Liebe als angsteinflößende Bedrohung? Ja, das ist schon was dran. Einiges sogar. Wer liebt ist verletzlich, den Gefühlen ausgeliefert. Gefühle die angenommen aber auch abgelehnt werden können. Wer liebt ist immer in der schwächeren Position, hat mir mal jemand gesagt. Und das finde ich bestätigt in einer Frau, deren Mann sich von ihr getrennt hat, während sie ihn noch liebt, haltlos, hilflos, verzweifelt. „Die Liebe höret nie auf" heißt es an einer sehr schönen Stelle in der Bibel. Bitter, ganz bitter muss Menschen mit Liebeskummer so ein Satz erscheinen. Dass Liebe aber tatsächlich auch aufhören kann, veröden, zerstört werden kann, das ist eine traurige Wahrheit. Eine Wahrheit die Angst machen kann sich je wieder auf dieses Gefühl einzulassen. Ja und was sag ich einem Menschen, der sich nicht mehr traut auf das Wagnis Liebe einzulassen? Der nur müde abwinkt, wenn ich ihm sage, dass die Zeit auch diese Wunde heilen wird? So verrückt es klingt, auch in dieser Situation sage ich, dass wir jetzt einfach nur versuchen können auf die Liebe zu vertrauen. Auf diese wunderschön schreckliche Kraft. Trotz aller schwierigen Beziehungskisten, trotz allem Scheitern und allem Schmerz. Sie ist da, sie steckt in den Ritzen der seelischen Verkrustungen, wie Mauerblumen, die sich mit zarter Kraft ihren Weg durch den Stein schaffen. Auch wenn sie tot scheint, kommt sie doch immer wieder, die Liebe. So wie der Frühling auf den Herbst und Winter folgt. Ja, ich weiß, gut gemeintes romantisches Gelaber zu Tröstungszwecken. Aber wie bitte lässt sich dieses große furchterregende Tier mit Namen Liebe anders zähmen, als wieder und wieder zu ihm in den Käfig zu steigen?!

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„Wir müssen auf unsere Seele hören, wenn wir gesund werden wollen. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen, und im Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet durchschaut zu werden, kann er weder sich selbst noch andere erkennen. Er wird allein sein. Alles ist mit allem verbunden."
Fast 1000 Jahre alt sind diese Worte. So zeitlos und weise, diese Einsichten der Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen. Und deshalb wert, sie nachklingen zu lassen, in diesen Sonntag hinein. „Auf die Seele hören, wenn wir gesund werden wollen." Das ist so leicht wie schwer. Die Dinge sacken zu lassen. In mich hineinhorchen um dann ganz bei mir selbst zu sein, gesund zu sein oder gesund zu werden an Leib und Seele. „Denn auf der Flucht sind wir, sagt Hildegard von Bingen, „wenn wir uns selbst nicht in die Augen schauen und den Mitmenschen ins Herz". Auf der Flucht vor mir selbst, vor den Fragen, die echt und den Worten, die notwendig sind: Wer bin ich, was will ich, wie geht es dir, wie geht es dir wirklich? Wenn ich mich nicht wirklich interessiere, für das, was die Menschen unter der Oberfläche bewegt, wenn ich mich nicht richtig einlasse auf ihre aber auch auf meine Fragen, werde ich auch nur an der Oberfläche des Lebens bleiben. Und keine Geborgenheit und auch nicht viel Vertrauen erfahren. Wenn ich zu viel Angst habe, dass mein Vertrauen missbraucht wird, wenn ich die Türen zu meinem Inneren immer verschlossen halte, dann bleibe ich getrennt von den Menschen und allein. Aber die Seelen der Menschen können einander berühren. Wenn man die Tür behutsam, ganz behutsam öffnet. Und dann werden wir feststellen, dass wir im Innersten alle dasselbe suchen: Geborgenheit, Frieden und Liebe.

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