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SWR3 Gedanken

Mehr als zweihundert Menschen sind gekommen, um Abschied von Paul zu nehmen. Paul ist bei einem Motorradunfall gestorben. Ohne eigenes Verschulden. Er war gerade mal 36 Jahre alt. In der Trauerhalle ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören kann. Da erklingen die ersten Takte eines Gitarrensolos vom Band. Es ist ein Lied von „Metallica".
Die älteren unter den Trauergästen schauen ein wenig hilflos drein. Aber alle Freunde von Paul atmen durch. Weil dieses Lied Pauls Hymne war. In diesem Lied ist uns allen Paul richtig nahe. Und auf geheimnisvolle Weise wird der Abschied leichter. Spannung löst sich. Tränen lösen sich. Weil Pauls Leben und sein Tod auf einmal ganz nah beieinander sind.
Thrash Metal gehört nun nicht unbedingt zum musikalischen Standardprogramm bei Trauerfeiern. Gerade wenn ältere Menschen sterben, wird nach wie vor meistens das Lied „So nimm denn meine Hände" gesungen. Weil es passt. Zu Paul hätte es nicht gepasst. Und es werden immer mehr Menschen, zu denen es nicht passt.
Immer häufiger werden bei Trauerfeiern moderne Lieder gewünscht. „Time to say goodbye", „My way" und „Tears in heaven" stehen ganz oben auf der Liste der Lieder, die Angehörigen lieber sind als die alten Hits von Paul Gerhardt oder Gerhard Tersteegen. Weil es besser passt. Zu dem, der gestorben ist. Zu denen, die um ihn trauern. Und dass das passt, spielt eine große Rolle bei Trauerfeiern.
Natürlich kann man sich fragen, ob all diese Lieder zu Gott passen, der ja schließlich auch eine große Rolle bei Trauerfeiern spielt. Für mich schon. Weil so mancher Hit, den man ansonsten gedankenlos mitträllert, richtig tiefsinnig ist, wenn man genau hinhört. Da geht es um Leben und Tod, um Verzweiflung und Hoffnung, um Himmel und Erde. Und in all dem steckt eine Menge Gott, auch wenn sein Name nicht fällt.
Nach der Beerdigung von Paul hat mich übrigens ein älterer Mann angesprochen. „Wissen Sie," hat er gesagt, „das Lied hat mir ja gar nicht gefallen. Aber ich habe verstanden, warum Sie es genommen haben. Es hat tatsächlich gepasst."

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Heute geht die Welt unter. Sagt der US-Prediger Harold Camping. Mit einer ausgeklügelten Formel, in der Zahlen und Bibelstellen eine wichtige Rolle spielen, hat er ausgerechnet, dass heute die Welt untergeht. Und gerade mal zweihundert Millionen Menschen werden an diesem Tag gerettet. Der Rest der Menschheit kommt halt in die Hölle. Sagt Harold Camping.
Der war sich allerdings auch schon sicher, dass die Welt am 21. Mai dieses Jahres untergehen würde. An diesem Tag besiegte der FC Schalke 04 den MSV Duisburg im DFB-Pokal. Für manche auch eine Art Weltuntergang, aber eben nicht für die gesamte Weltbevölkerung. Die blieb an jenem Tag noch einmal verschont. Weil Harold Camping sich verrechnet hat.
Dafür hat er sich auch entschuldigt und seinen Fehler korrigiert. Und so ist heute nun also der Tag, an dem alles zu spät ist. Wenn man den Zahlenspielen von Mr. Camping Glauben schenkt. Ich tue es nicht. Ich schenke der Bibel Glauben. Allerdings anders als der US-Prediger.
In der Bibel heißt es: „Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater." Mit anderen Worten: Kann schon sein, dass der Welt irgendwann die Stunde schlägt. Aber wann das sein wird, weiß Gott allein. Und wie das sein wird, weiß auch Gott allein. Und das ist auch gut so.
Jeder Tag, den Gott werden lässt, kann der letzte sein. Für mich oder für die Welt. Aber solange dieser Tag nicht da ist, bin ich am Leben. Und freue mich daran. Ich möchte nicht wissen, ob mein Leben morgen zu Ende ist. Weil ich nicht will, dass die Angst mein Leben regiert. Weil ich leben will, solange Gott mich lässt.
Wenn Sie sich morgen also noch an diese Worte erinnern können, hat sich Harold Camping wohl wieder einmal verrechnet. Aber zumindest bei mir hat er eines erreicht: Ich weiß, dass es ein Ende gibt. Aber gerade deshalb lebe ich nicht in Angst, sondern freue mich an jedem Tag, den ich habe.

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Es war einmal eine alte Frau, die erzählte von ihrem Leben. Und alle hörten ihr zu. Lauschten den wundersamen Erlebnissen, die sie auf ihren Reisen gehabt hat. Zum Beispiel im Land der tausend Farben. „Dieses Land ist wunderschön," erzählt sie. „Wälder erglühen in allen Farben. Seen schimmern smaragdgrün, Blumen leuchten rot wie das Feuer oder strahlen weiß wie frisch gefallener Schnee." Schon wenn sie daran denkt, muss sie lächeln, die alte Frau.
„Traurig ist nur eines," erzählt sie weiter. „Obwohl alles in den schönsten Farben leuchtet, kennen die Menschen in diesem Land nur die Farbe Grau." „Wie ist das möglich?" fragt einer der Zuhörer. „Nun," erklärt die alte Frau, „alle Bewohner des Landes der tausend Farben tragen von Kind an eine dunkle Brille. Sie sind es nicht anders gewöhnt. Dabei sehnen sie sich nach Farbe. Philosophieren über das Wesen der Farbe. Manche bemalen sogar ihre Brillen, aber das nützt eben nichts."
Da ruft ein Kind dazwischen: „Warum ziehen sie die Brillen nicht ab?" Die alte Frau zuckt mit den Schultern: „Genau das hat ihnen ein weiser Mann geraten. Aber stellt Euch vor, die meisten haben sich geweigert. Sie hatten Angst, die Brille abzuziehen. Zuerst wollten sie ganz sicher sein, dass sie dann auch wirklich Farben sehen würden. Und dann wollten sie zuerst bewiesen haben, wie Farben aussehen. Aber da musste der Weise passen. Wie soll man einem, der nur grau kennt, erklären, wie Farbe aussieht? Einige wenige haben den Versuch gewagt. Viel zu viele tragen bis heute ihre Brillen und sehen die Welt nur grau in grau."
Das erzählt die alte Frau. Für einen Moment herrscht Stille im Raum, dann ist ein leises Lachen zu hören. Die alte Frau wendet den Kopf. „Warum lachst du?" fragt sie. „Warum? Die Leute sind wirklich dumm! Da kann man doch nur lachen," sagt ein großer, blonder Mann. Und rückt die dunkle Brille auf seiner Nase zurecht. Sie ist ein wenig ins Rutschen gekommen.

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„Immer kriege ich den Schwarzen Peter." Emma ist unglücklich. Jedes Mal zieht sie die Karte, die keiner haben will. Eben den Schwarzen Peter. Emma ist fünf Jahre alt, „Schwarzer Peter" ist ein Spiel. Emma wird älter werden. Und wird womöglich noch viel öfter den schwarzen Peter ziehen. Nicht im Spiel, sondern im Leben.
Denn dieses Gefühl haben viele Erwachsene. Dass sie im Leben immer den schwarzen Peter ziehen. Gudrun zum Beispiel. Die mit Mitte Vierzig den Mann ihres Lebens gefunden hat. Und dann ist er zu einer anderen gezogen. Oder Thorsten. Der hat in der Hauptschule gerade noch die Kurve gekriegt und ist richtig stolz darauf. Aber eine Lehrstelle gibt ihm trotzdem keiner. Und dann noch Klaus. Der sich auf einen windigen Steuerberater verlassen hat und jetzt sein Haus zwangsversteigern muss.
Immer kriege ich den schwarzen Peter. Diesen Satz höre ich nicht nur von meiner Tochter, sondern in vielen Gesprächen. Von Menschen, die das Gefühl haben, im Leben immer nur Pech zu haben. Und das ist kein schönes Gefühl.
Findet auch Emma, schmeißt die Karten hin und beschließt, dass sie nie wieder „Schwarzer Peter" spielen will. Weil sie ja doch nur Pech hat. Und da denke ich eben wieder an Gudrun, die sich noch nicht einmal mehr die Haare wäscht, weil sie sich selbst egal geworden ist. Oder an Thorsten. Der keine Bewerbungen mehr schreibt, um keine Enttäuschung mehr zu erleben. Und an Klaus, der sich nicht mehr unter Leute traut, weil er ihre scheelen Blicke fürchtet.
Wer die Karten hinschmeißt, bekommt keinen „Schwarzen Peter". Wer die Karten hinschmeißt, ist aber auch aus dem Spiel. Und verspielt jede Chance zu erleben, wie es ist, auf der Gewinnerseite zu stehen. Deswegen rede ich Emma gut zu: Neues Spiel, neues Glück. Und siehe da, irgendwann ist sie den „Schwarzen Peter" los. Und genau das wünsche ich Gudrun und Thorsten und Klaus. Dass sie erleben, dass auch im Leben die Karten immer wieder neu gemischt werden.

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Macht Frömmigkeit fett? Hinter dieser Schlagzeile verbirgt sich eine Langzeitstudie des US-Mediziners Matthew Feinstein. Danach ist das Risiko, dass Menschen im mittleren Alter übergewichtig werden, bei 50 Prozent der regelmäßigen Kirchgänger erhöht. Womöglich verursacht das lange Sitzen in Kirchbänken und bei Bibelstunden die Gewichtszunahme. Da bin ich aber froh, dass ich trotz Kirchenbesuch nur ein bisschen mopsig um die Taille bin.
Sind Ungläubige klüger als Gläubige? Untersuchungen amerikanischer Institute haben ergeben, dass Atheisten gebildeter und toleranter sind. Die Briten allerdings kommen zu einem anderen Ergebnis. Die haben festgestellt, dass Jugendliche, die an nichts glauben, auch am wenigsten an höherer Bildung interessiert sind.
Leben gläubige Christen länger? Diese Frage stellt sich eine Londoner Untersuchung. Und kommt zu dem Ergebnis, dass die Lebenserwartung von Gläubigen sieben bis 14 Jahre über der von Ungläubigen liegt. Nach Ansicht der Ärzte Bunn und Randall hat das etwas mit der Psyche zu tun und mit einem gesünderen Lebensstil. Offen bleibt allerdings, ob es den Glauben zukünftig rezeptfrei in Apotheken gibt oder ob Glaubenskurse von den Krankenkassen gefördert werden.
Ich finde diese Untersuchungen und ihre Ergebnisse ziemlich fragwürdig. In einem aber stimme ich ihnen zu: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Körper, Seele und Geist. Und da spielt der Glaube nun einmal eine Rolle. Ob er mich dicker oder klüger oder älter werden lässt, ist schwer zu sagen. Aber ich weiß, dass er mich anders leben lässt. Mir eine bestimmte Sicht der Dinge gibt.
Weil ich glaube, dass Gott mir meinen Körper geschenkt hat, will ich auf ihn Acht geben. Weil Gott mir mein Hirn geschenkt hat, will ich es auch benutzen. Weil Gott mir meine Seele geschenkt hat, sind mir meine Gefühle wichtig. Weil Gott mich ganz und gar so gemacht hat, wie ich bin, darf und will ich mein Leben leben. So gut ich es vermag. Und bei Risiken und Nebenwirkungen frage ich meinen Gott.

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Lebensbericht von Dean aus Irland: „Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Ich war fast neun Jahre obdachlos. Jede Nacht musste ich einen Platz zum Schlafen finden. Dann sollte ich eine Nummer anrufen. Ein Bus las uns auf und nahm uns mit zu einem Nachtasyl. Aber manchmal kam der Bus nicht vor ein Uhr nachts. Um neun Uhr morgens mussten wir schon wieder draußen sein. Ohne Frühstück.
Ich fing an, Heroin zu spritzen, als ich auf der Straße lebte. Davon weggekommen bin ich durch meine Freundin, unser Baby und gute Sozialarbeiter. Sie haben mir die Kraft dazu gegeben. Im Moment leben wir in einer Frühstückspension, in der Familien willkommen sind, die eine harte Zeit haben.
In der Küche, die wir mit anderen teilen, ist eine Videokamera. Es ist uns nicht erlaubt, in der Küche zu bleiben, wenn wir fertig sind mit dem Essen. Wir dürfen in den Fluren nicht stehen bleiben und uns mit anderen unterhalten. Weil wir wissen, dass wir die ganze Zeit beobachtet werden, fühlen wir uns wie Gefangene. In der Frühstückspension teilen wir einen sehr kleinen Raum mit unserer einjährigen Tochter, die Toiletten sind feucht.
Unsere größte Sorge gilt unserer Tochter. Sie hat eine Lauflernhilfe, aber es gibt keinen Platz dafür. Sie hat keine Kraft in ihren Beinen. Wenn das Wetter gut ist, gehen wir mit ihr auf den Spielplatz, dort gibt es Schaukeln. Unser Traum ist es, das unsere Tochter auf eine gute Schule geht, weil wir das nie geschafft haben. Wir hoffen, dass sie irgendwann ein eigenes Haus hat und niemals obdachlos sein wird." Soweit Deans Bericht.
Den ich auf der Internetseite einer Organisation gefunden habe, die sich der Überwindung von Armut widmet. Über diesen Lebensbericht könnte man viele Worte machen. Aber Deans Bericht spricht für sich. Heute ist der Internationale Tag zur Beseitigung der Armut. Menschen wie Dean zuzuhören ist vielleicht ein erster Schritt.

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Sie war keine gewöhnliche Tomate. Sie war eine Tomate mit Gesicht. Wuchs munter an einem Strauch vor unserem Haus, bis sie reif zum Pflücken war. Und lachte uns an mit ihrem großen roten Kopf, einer ungewöhnlichen langen Nase und einem grünen Busch auf dem Kopf. Fast hätten wir ihr einen Namen gegeben. Aber dann haben wir sie doch einfach gegessen. Weil das ihre Bestimmung ist.
Wäre unsere Tomate in einem riesigen Gewächshaus im Süden Spaniens gewachsen, hätte sie wohl nie die Chance gehabt, uns Freude zu machen. Denn dann wäre sie aussortiert worden. Ihre Form entsprach in keiner Weise der geforderten Tomatennorm. Und was in der Gemüsewelt nicht in die Norm passt, wird aussortiert. Das gilt nicht nur für Tomaten. Das gilt für viele Lebensmittel.
Jede zweite Kartoffel bleibt auf dem Acker liegen, weil sie nicht schön genug für den Verkauf ist. Europäische Gurken müssen gerade sein, damit sie in die Kisten passen. Und bei Bananen aus Kamerun ist vorgeschrieben, wie viele Bananen an einem Strunk sein dürfen. Im Endeffekt landet ein Drittel aller weltweit hergestellten Lebensmittel im Müll. Ohne jemanden zu erfreuen oder gar satt zu machen.
Heute ist Welternährungstag. Heute vor 66 Jahren wurde die Welternährungsorganisation gegründet, um die weltweite Ernährung sicherzustellen. Was bis heute nicht gelungen ist. Denn weltweit hungert fast eine Milliarde Menschen. Während jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll landen. Irgendwie widersinnig.
Vermutlich wird auch dieser Welternährungstag daran nicht viel ändern. Solange wir nicht weltweit dazu bereit sind, uns über unseren Umgang mit Nahrungsmitteln und freier Marktwirtschaft Gedanken zu machen. Ich bin kein Ernährungs-Gutmensch. Aber es ist mir zumindest egal, wie viele Bananen an einem Strunk sind oder dass mein Apfel nicht wie gemalt aussieht. Große und kleine Kartoffeln gehören zu Gottes Schöpfung. Und der Geschmack ist schließlich derselbe.

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