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SWR3 Gedanken

In der Ruhe liegt die Kraft. Das habe ich mir für das neue Jahr vorgenommen. Das neue Jahr liegt nämlich schon vor mir. In Gestalt des Kalenders von 2012. Den habe ich mir gestern gekauft. Weil ich jetzt schon die ersten Termine für das neue Jahr rein bekommen habe. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass dieser Termin-Wettlauf jedes Jahr früher beginnt.
Vielleicht haben Sie ja schon das ganze Jahr 2012 verplant. Aber ich hab trotz mancher Termine noch leere Seiten für 2012. Und deshalb gilt ab jetzt: in der Ruhe liegt die Kraft.
Bevor die nächsten Terminanfragen eintrudeln, werde ich mich mit meiner Familie hinsetzen - vielleicht ja schon an diesem Wochenende -  und in aller Ruhe überlegen, wann wir im nächsten Jahr gemeinsam Urlaub machen wollen und welche Wochenenden als Privat-Zeiten reserviert sein sollen. Die werden dann grün im Kalender markiert. Da geht dann dienstlich nichts mehr.
Für das nächste Jahr plane ich ganz bewusst meine Auszeiten. Und zwar so, dass mein Körper oder meine Seele sich ihre Auszeiten nicht erzwingen - durch Krankheit oder Erschöpfung.
Alles hat seine Zeit, steht in der Bibel. In diesem Jahr fange ich mit der Auszeit an. So wie jede Woche. Die beginnt auch mit morgen. Mit dem Sonntag, dem ersten Tag der Woche. Das ist für uns Christen der Tag der Auferstehung. An einem Sonntag ist Jesus von den Toten auferstanden. Und am Sonntag gilt: in der Ruhe liegt die Kraft. Das will ich lernen für die restlichen Tages dieses Jahres und für alle Tage im neuen Jahr. In der Ruhe liegt die Kraft. Auch heute wieder.

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Vor ein paar Tagen habe ich sie entdeckt: die ersten Lebkuchen und Zimtsterne und Schokoladen-Weihnachtsmänner. Noch laufe ich im T-shirt durch den Supermarkt, weil draußen ein so schöner spätsommerlicher Tag ist. Und hier drinnen wird versucht, mich schon jetzt auf Winter, Advent und Weihnachten einzustimmen. Jedes Jahr ein bisschen früher, wie es mir scheint. Und schon bald wird es in den großen Kaufhäusern und Möbelmärkten die ersten Weihnachtsabteilungen geben. Schließlich muss in wirtschaftlich unsicheren Zeiten frühzeitig der Konsum angekurbelt werden.
Und dann werden weit vor den stillen Feiertagen im November die ersten Weihnachtsmärkte öffnen und der Duft von Glühwein und Rostbratwurst durch die Straßen zieht. Stopp, Halt: wir haben erst September, heute ist der 23. - Herbstbeginn!
Alles hat seine Zeit! Steht in der Bibel. Wie wahr. Alles hat seine Zeit! Jetzt ist Herbst. Und das ist die Zeit der Ernte und der Vorbereitung auf den Winter. Jetzt ist es bunt draußen - die Blätter färben sich rot und gelb und braun und an den Ästen hängen pralle reife Früchte. Alles Leben hat seinen eigenen Rhythmus. Alles Leben, auch mein eigenes, ist vergänglich. Das sagt uns der Herbst. Das muss man immer wieder gesagt bekommen. Was für die Natur gilt, ist auch für uns Menschen wichtig: loslassen gehört zum Leben. Nur so kann Neues wachsen.
Der Herbst stimmt uns darauf ein: alte Gewohnheiten und Denkweisen loszulassen. Neues zu wagen. Auch in Beziehungen.
Alles hat seine Zeit! Und vor dem Winter, vor Advent und Weihnachten mit ihrem Licht und Zauber, kommt erst mal der Herbst. Wie schön!

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Hallo Papst Benedikt, heute kommen Sie zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Deutschland. Ein Land, das Sie besonders gut kennen, weil Sie hier geboren sind. Sie haben hier studiert, sind Professor und Bischof gewesen, bevor Sie dann vor vielen Jahren nach Rom gegangen sind. Dort haben Sie weiter Karriere gemacht und sind heute Papst. Sie ganz alleine. Ein mächtiger Mann an der Spitze der katholischen Kirche, der heute weltweit 1,2 Milliarden Menschen angehören.
Sie werden bei Ihrem Besuch in Ihrer Heimat vielen Menschen begegnen, die Ihnen zujubeln werden. Viele junge Menschen sind dabei. Von vielen werden Sie gefeiert werden wie ein Popstar.
Aber Sie werden auch von vielen Menschen hören, die Ihnen gegenüber kritisch sind. Die sogar auf die Straße gehen, um gegen Sie und eine Kirche zu demonstrieren, die das Vertrauen der Menschen verloren hat.
Ich denke da an Johannes, ein ehemaliger Messdiener aus einer gut katholischen Familie. Mit Mitte vierzig ist er jetzt aus der Kirche ausgetreten. Und zwar nicht, weil er seinen Glauben verloren hat. Aber die katholische Kirche ist für ihn kein Zuhause mehr. Er hat sein Vertrauen verloren, weil ihm aufstößt wie scheinheilig Menschen in dieser Kirche mit den Missbrauchsfällen und überhaupt mit Themen, die den Menschen heute wichtig sind, umgehen. Er hat seine Kirche als ausgrenzend und nicht einladend erlebt. Als rückwärtsgewandt und an Reformen nicht interessiert. Als eine Kirche der Priester und Bischöfe und nicht als eine Kirche der Menschen, die miteinander im Gespräch sind. Seinen Glauben wird Johannes in Zukunft in der evangelischen Kirche leben.
Lieber Benedikt, die Menschen erwarten von Ihnen mutige, nicht nur kluge Worte. Und mutige Entscheidungen, damit auch in Ihrer Kirche Menschen wieder ein Zuhause für ihren Glauben finden.

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Ein Seil, fast 1000 Meter lang, gespannt hoch oben in den Alpen, von einer Bergspitze zur Nächsten. Und auf diesem längsten und höchstgelegenen Seil balanciert einer ohne Balancierstange. Dieser Rekordlauf ist dem Schweizer Freddy Nock diesen Sommer gelungen. In sieben Tagen hat er sieben bisher noch nie aufgestellte Rekorde auf dem Hochseil geleistet. Nicht in einem Zirkuszelt, sondern alle in der freien Natur, inmitten der faszinierenden Alpenlandschaft.
Für den Zuschauer sieht es unwirklich leicht aus, wie er da über das Seil spaziert. Nur der konzentrierte, nach vorne gerichtete Blick verrät jedem, dass jahrelange Übung und eine gehörige Portion Gottvertrauen dahinter steckt. Seit dem vierten Lebensjahr balanciert Freddy auf dem Hochseil. Sein Lebensmotto: Das Unmögliche möglich machen! Er will vor allem anderen Menschen Mut machen, an sich zu glauben. Dabei geht es ihm nicht nur um den sportlichen und einmaligen Kick, sondern auch darum, für andere da zu sein. Mit seinen Auftritten sammelt er Geld, damit zum Beispiel Kinder in Bangladesh eine Schulausbildung bekommen.
Als ich Freddy Nock einmal gesehen habe, dachte ich: wie hält der nur die Balance? Wenn er runterschaut und daran denkt, was alles passieren kann? Wie hält er die Balance zwischen Anspannung und Gelassenheit, zwischen Angst und Lust aufs Abenteuer?
„ Hier auf dem Hochseil - sagt er - geht es darum, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Nicht gedankenlos und hektisch, sondern alles darauf ausgerichtet, sicher nach vorne zu kommen. Wie im richtigen Leben."
Ich würde mich ja auf ein Hochseil niemals wagen. Aber durchs Leben balancieren, das will ich auch. Schritt für Schritt und mit ganz viel Gottvertrauen.

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- ein Anfang, für den es nie zu spät ist
Können Sie sich noch an Ihre eigene Taufe erinnern? Also ich hab da Null Erinnerung. Denn ich bin schon direkt vier Wochen nach meiner Geburt getauft worden.
Ich habe nur vergilbte Familienfotos und die Erzählungen der Eltern und der Paten. Damals war es eben selbstverständlich, kleine Kinder zu taufen. Das gehörte einfach dazu. Aber meine Eltern haben mich nicht nur taufen lassen, weil es einfach üblich war. Sie wollten, dass ich von Gott behütet und gesegnet bin. Die Taufe ist so etwas wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zwischen Gott und seinem Menschenkind. Und es ist der Beginn einer Gemeinschaft. Mit der Taufe gehört man dann zu einer christlichen Gemeinde. Und so ist auch mein eigener Sohn als Kind getauft worden.
Aber es gibt auch Familien, die sich bewusst dafür entscheiden, ihre Kinder erst dann zu taufen, wenn die das auch selber wollen.
So war das auch bei Nina Hagen. Die ist erst mit 54 Jahren getauft worden. Erst da hat sie sich dazu entschieden. „Jesus und ich haben so lange in wilder Ehe gelebt - hat sie gesagt - jetzt musste es mal was Festes werden. Für mich ist die Taufe in erster Linie die Besiegelung einer großen Liebesgeschichte." Schöner hätte ich das als Pfarrer nicht sagen können. Mit der Taufe gehören wir zu Gott. Und gleichzeitig zu diesem manchmal merkwürdigen Club, der sich Kirche nennt. Da wird auch gestritten und man ist unterschiedlicher Meinung. Wie in jeder normalen Liebesgeschichte. In der Streiten die Beziehung lebendig hält. Aber wir stehen und fallen ja nicht mit unserer Harmonie. Sondern können uns auf Gott verlassen, der gesagt hat: Fürchtet euch nicht! Ich bin bei euch alle Tage eures Lebens, bis an das Ende der Welt!

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Karl sitzt auf dem Sofa und starrt vor sich hin. Karl ist dement, wie über eine Million Menschen in unserem Land. Er lebt bei seiner Tochter und ihrer Familie, zu der auch Monika, die siebenjährige Enkeltochter gehört. Früher hat er unbeschwert mit der Kleinen gespielt und gelacht. Heute erkennt er sie manchmal nicht mehr und behandelt sie wie eine Fremde. Nicht immer versteht sie das, aber sie weiß, dass ihr Opa krank ist. Weil ihre Eltern ganz offen über diese Krankheit reden - auch mit Monika. Denn sie soll wissen, warum ihr Opa manchmal orientierungslos ist oder plötzlich aggressiv werden kann. Dieses Wissen hilft ihr, das richtig zu verstehen. Und es nicht persönlich zu nehmen. Monika weiß jetzt, wie sie das seltsame Verhalten von ihrem Opa zu verstehen hat- und kommt deshalb auf tolle Ideen.
Karl war früher Bäckermeister und neulich kommt Monika mit frisch gebackenen Brötchen zu ihm aufs Sofa. Die hält sie ihm unter die Nase. Der Duft zaubert sogar für einen Moment ein Lächeln in sein Gesicht. „Opa", fragt sie dann, „wie backt man denn solche Brötchen?" Da fängt Karl auf einmal an zu erzählen. Von früher und seiner geliebten Backstube. Von frisch gebackenen Apfelkuchen und heimlichen Naschereien. Er erzählt von seiner ersten großen Liebe und seinem ersten Auto. Monika hört ihrem Opa aufmerksam zu. So viel hat sie ihn selten reden gehört. Nach einer Weile verstummt er wieder und guckt sie mit ganz großen Augen an: „Wann kommt denn endlich der Bus?" Monika streichelt ihm über die Hand und lächelt ihn an. „Alles ist gut, Opa. Der Bus hat dich doch längst nach Hause gebracht."

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Posaunen können Mauern zum Einsturz bringen. So steht es jedenfalls in der Bibel. Vor 3000 Jahren sollte die Stadt Jericho, die erste befestigte Stadt, eingenommen werden. Niemand hat es geschafft. Aber dann sind die Angreifer eines Tages siebenmal mit ihren Posaunen um die Stadt gelaufen und auf einmal stürzten alle Mauern ein.
Heute werden an die 1000 Posaunen erklingen. Und zwar auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. Da treffen sich Posaunenbläser aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen, um einen ganzen Tag lang auf dem Gelände der Bundesgartenschau Musik zu machen. Diesmal werden die alten Mauern sicher stehen bleiben. Denn diese Musik wird unter freiem Himmel Tausende von Menschen miteinander verbinden.
Posaunen gehören ja in vielen evangelischen Gemeinden dazu wie das Amen in der Kirche. Und dabei stehen nicht nur alte Lieder auf dem Programm. Auch heute in Koblenz wird Jazziges zu hören sein. Neue, ungewohnte Töne - auch für eine Posaune.
Viele junge Leute engagieren sich in den Posaunenchören ihrer Gemeinde. Sie haben Spaß daran, Gottesdienste im Grünen und Großveranstaltungen wie Kirchentage oder eben eine Bundesgartenschau mit zu gestalten.
Musik bringt heute keine Mauern mehr zu Fall. Eher baut sie Brücken. Musik verbindet ganz unterschiedliche Menschen miteinander. Sie singen mit oder wenn sie nicht singen können, bewegen sich mit im Takt und tanzen. Vielleicht ist Musik die eigentliche Sprache, in der Gott zu uns Menschen spricht. Heute jedenfalls wird es in Koblenz ein fröhliches und friedliches Fest geben. Und wer weiß, vielleicht fällt ja doch die eine oder andere Mauer - im Herzen.

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