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SWR3 Gedanken

Gott ist ein Camper. Jedenfalls in der Bibel. Da wird viel davon erzählt, wie Gott mit den Menschen auf Wanderschaft ist. Mit Abraham oder mit dem Volk Israel in der Wüste. Als Mose die zehn Gebote in Stein gehauen vom Berg Sinai mitbringt, werden die Steintafeln in eine Kiste gepackt und die Kiste in ein Zelt gestellt. Wenn das Volk weiter zog, wurde das Zelt abgebaut und am nächsten Rastplatz wieder aufgebaut.
Gott hatte also keinen Wohnwagen, es war ein Zelt. Später, als Israel sesshaft wurde, bekam Gott sozusagen auch ein ordentliches Zuhause: Den Tempel in Jerusalem.
Aber als Israel von den Babyloniern überfallen wurde und die Oberen Zehntausend nach Babylon verschleppt wurden, dachten schon alle, dass Gott mit dem Tempel zerstört wurde. Aber Gott ist eben ein Camper: Er ging mit! Nach Babylon und zurück.
Später, als Jesus den Menschen von Gott erzählte, war er ständig auf Wanderschaft durch Israel. Und weil Gott offenbar liebend gern unterwegs ist, wurde er in der ganzen Welt bekannt gemacht. Ausgerechnet der Zeltmacher Paulus verbreitete die Botschaft Gottes in der ganzen damals bekannten Welt. Bis zu uns.
Gott ist ein Camper. Diese Vorstellung finde ich sympathisch, weil Gott damit leicht wird. Und ich mir vorstellen kann, dass er auch bei allen meine Wegen, bei allen Irrungen und Verirrungen dabei ist. Im Zweifel, braucht er nicht mal ein Zelt. Es geht auch unter freiem Himmel.
Auch wenn ich mich in dunkelster Nach verirrt habe, Gott ist auch dabei. Er campiert einfach mit.

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Bei meiner allerersten Beerdigung waren wir zu viert. Der Organist, mein Ausbildungspfarrer, der Sohn des Verstorbenen, und ich.
Dabei hätte es noch viel mehr Menschen gegeben. Es gab noch zwei Töchter und mehrere Enkel. Sie sind alle nicht gekommen. Sie wollten mit der Beerdigung und dem Tod ihres Vaters nichts zu tun haben. Dabei hatte der Sohn alle eingeladen und auch gedacht, dass sie kommen. Ziemlich traurig, das alles.
War es Gleichgültigkeit oder doch so tiefe Verletzungen, die es den Angehörigen unmöglich machten an der Beerdigung teilzunehmen? Ich kann mir jedenfalls Fälle vorstellen, bei denen die Angehörigen wirklich die Trauerfeier eines Menschen nicht besuchen, weil sie schlicht nicht trauern, sondern immer noch zornig, gedemütigt und verletzt sind. Ich konnte für meine erste Beerdigung nicht herausfinden, was der Grund war.
Was auch immer: Ein Satz aus der Bibel bekam für mich damals eine besondere Bedeutung:

„So spricht Gott der Herr, ich habe Dich bei deinem Namen gerufen, Du bist mein!" Das war wichtig, denn es war klar. Wenn der Sohn nicht mehr ist, dann wird keiner mehr an den Verstorbenen denken, geschweige denn vermissen. „Du lebst in unseren Erinnerungen weiter..." Der Spruch hatte sich hier schnell erledigt.
Aber dass Gott ihn gerufen hat und der Verstorbene zu ihm gehört, das wog schwerer, jedenfalls für mich. Was auch immer der Verstorbene war, was er falsch oder richtig gemacht hat in seinem Leben, ob diejenigen, die nicht zu seiner Beerdigungen gekommen sind einen Grund hatten oder nicht. Er gehört zu Gott. Und ist bei ihm gut aufgehoben. Das hat mich sogar an dieser traurigen Beerdigung getröstet.
Für mich wünsch ich mir eine große Trauerfeier. Aber eines Tages wird auch der letzte gestorben sein der dabei war und nicht mehr an mich denken. Selbst dann, glaube ich, bin ich nicht vergessen.

 

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„Bin ich Jesus? Mach doch dein Maul auf!" Mein Bekannter - nie verlegen um offene Worte - half mir endlich den Einkaufskorb in den Wagen zu heben. War für mich fast unmöglich nach meiner Operation. Sollte ich eigentlich auch nicht.
„Mach doch dein Maul auf!" ja, schon gut... mach ich aber nicht so gerne, mir helfen lassen. Wer will das schon? Hätte er mir gleich geholfen - so jesusmäßig gleich gewusst, was ich brauche, hätte ich es angenommen. So musste ich erst ein wenig vor mich hin stöhnen und prusten, bis er mir den Korb endlich abgenommen hat und dann muss ich mich noch anpflaumen lassen.
Jesus hat den blinden Bartimäus zwar nicht angepflaumt, aber sein Maul aufmachen musste der auch.
Die Geschichte geht so: Bartimäus sitzt als Blinder am Stadttor von Jericho und bettelt. Jesus kommt vorbei. Bartimäus hat das durch die Gespräche mitbekommen und deshalb brüllt er also „Jesus, erbarme dich meiner" Allen drumrum ist das etwas peinlich, bis Jesus Bartimäus zu sich ruft und dann... muss Bartimäus sein Maul aufmachen und sagen, dass er behindert ist und was er von Jesus will! Nämlich: „Das ich wieder sehen kann." Jesus erfüllt ihm den Wunsch.
Die Heilungskräfte von Jesus sind zwar unübertroffen, aber seine hellseherischen Fähigkeiten offensichtlich unterbelichtet. Jesus hat sich erstmal sagen lassen, was Bartimäus wollte, obwohl ich mir vorstelle, dass er gleich gesehen hat, dass er blind war.
Damit einem andere helfen, muss man auch klar und deutlich sagen, was einem fehlt und was man will. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist, ist das unangenehm, aber die Geschichte von Jesus und Bartimäus zeigt mir: Es klappt, wenn man sein Maul aufmacht. 

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Ich kenne keine Soldaten mehr. Sie sind aus meinem Umfeld verschwunden. Find ich schade. Dabei gab es früher in meiner Heimatstadt Bad Mergentheim mal eine Kaserne und natürlich gab es Soldaten, die in unserer Nachbarschaft wohnten. Heute gibt es nicht mal mehr Wehrdienstleistende! Die Bundeswehr und damit die Soldaten wurden irgendwie in eine Schublade gesteckt, wo ich sie heute nicht mehr sehe, außer in den Nachrichten. Dabei gab es doch mal den Bürger in Uniform. Das Prinzip, dass Militär und Gesellschaft verzahnt sind.
Viele Soldaten sind heute verunsichert. Das war früher auch schon so. Ein Soldat hat einmal Martin Luther geschrieben und ihn gefragt, ob er denn mit seinem Beruf eigentlich noch Christ sein kann.
Luther hat damals in etwa Folgendes geantwortet. Ja, es stimmt, dass Gott keinen Krieg will, aber das Ziel ist vorerst noch nicht erreicht. Bis dahin gibt es leider weiterhin Gewalt und Krieg. Und deshalb braucht es auch weiterhin Soldaten. Und besser es sind Soldaten, die ein Gewissen haben und sich christlich verhalten wollen, als solche ohne innere Gewissensbindung. Soldaten können trotzdem Christen bleiben, auch wenn ihr Beruf sie immer wieder vor große Gewissensnöte stellt.
Wer heute den Beruf des Soldaten ergreift, wird vor ähnlichen Fragen stehen, die sein Gewissen und sein Christsein auf die Probe stellen. Sie müssten doch eigentlich Experten darin sein. Wer von uns Normalos steht vor solch schwierigen Entscheidungen, wie die Soldaten in Kunduz zum Beispiel.
Schade also, dass ich keine Soldaten mehr kenne. Ihre Ansichten, glaube ich, zum Thema Gewissen wird gebraucht in unserer Gesellschaft, auch wenn ich nicht immer der gleichen Meinung bin wie sie.

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Buddha ist kein Gartenzwerg! Trotzdem steht er in vielen Gärten als Symbol für Ruhe und Gelassenheit. Entweder lustig lächelnd oder meditierend in sich versunken sitzt die Buddhafigur zwischen den Sträuchern.
Dabei war auch bei Buddha nicht alles eitel Sonnenschein. Bis er dahin gekommen war ruhig und gelassen zu sein, hat er lange an sich gezweifelt. Lange hatte er gefastet und meditiert. Es gibt auch Buddhabilder, die ihn völlig ausgemergelt und leidend zeigen.
Das Symbol für Jesus ist das Kreuz. Am Kreuz ist Jesus qualvoll gestorben. Ausgerechnet dieses Folterinstument ist zum Symbol des christlichen Glaubens geworden. Es steht dafür, dass Gott auch in den ganz dunklen Stunden - in denen man sich gottverlassen fühlt - mit dabei ist. Optisch ist es wohl nix für einen schönen hellen Garten.
Dabei gibt es auch Darstellungen von Jesus, die ihn als den Auferstandenen zeigen, wie der Thorvaldsen-Jesus in Kopenhagen oder die große Christus-Figur über Rio de Janeiro. Das hat jedenfalls nichts mit Leiden zu tun. Aber mit Ruhe und Gelassenheit auch nicht.
Bleib ich eben ohne Statue in meinem Garten. Denn im Grunde gibt der mir schon so Ruhe und Gelassenheit, wenn ich mich da auf meinen Sessel setze. Und wenn ich bemerke, dass zum Beispiel die Mirabellen in diesem Jahr so lecker schmecken, ohne dass ich irgendwas dafür tun musste. Da denke ich doch: Gott hat es mit seiner Schöpfung schon ganz gut eingerichtet.

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Mein Freund Tim ist Arzt und ihm brummte der Kopf. er war nicht krank, aber er hatte das Gefühl, dass er sich um sich selbst drehte. Mit seiner Arbeit  war er unzufrieden.
Und was jetzt? Man gibt ja seine Stelle nicht so mir nichts dir nichts auf. Löst ein neuer Arbeitgeber eigentlich die Probleme? Werden seine Frau und seine Kinder mitspielen? Immerhin haben sie in einer vorher fremden Stadt inzwischen Freunde gefunden. Eine nette Nachbarin, dich auch mal die Kinder nimmt. Das gibt man nicht so leichtfertig auf.
Er hat jetzt in einer anderen Stadt eine Arztstelle. Aber es dauerte über ein Jahr um das wirklich zu entscheiden, alles durchzurechnen, die Fürs und Widers zu bedenken. Tim hat dafür alle seine Gedanken aufgeschrieben. Alles hat er dokumentiert - auch das schmerzhafte. In zwei dicken Kladden. 800 Seiten Papier wurden in der Zeit beschrieben. Natürlich mit Hand und Füller.
Schreiben, einfach für sich, damit man den Kopf klar bekommt. Das hat eine lange Tradition. Der christliche Philosoph Sören Kierkegaard zum Beispiel hat so sein Leben lang seine Gedanken geordnet. Viele Meter Bücher hat er geschrieben. Manches war für die Öffentlichkeit bestimmt, vieles nur für ihn, um darüber nachzudenken. Über sich selbst und sein Wünsche nachzudenken, seinen Schmerz zu benennen. Das ist eine Form der Selbstliebe, die Jesus empfiehlt.
Wer sich also um sich selbst dreht, könnte mal anhalten und auf einer geraden Linie schreiben. Langsam schälte sich für Tim dann die Lösung heraus. Der neue Job ist es. Und er ist glücklich.

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„Bis ois plärrt" so geht es oft bei meinen Kindern zu. Was anfangs ein lustige kleine Rangelei war, an der auch beide ihre Freude haben, artet irgendwann aus. Eben „bis ois plärrt" Als Eltern steht man oft dabei und weiß ganz genau, dass es nicht gut geht, aber die Kinder hören einfach nicht auf. Sehr ärgerlich!
Manchmal frage ich mich: hört dieses Verhalten denn nie auf. Auch Erwachsene können sich nämlich so verhalten. Sturköppe weichen keinen Millimeter, bis der Familiensegen komplett schief hängt. Und manche rücken nicht raus mit ihren Problemen, bis sie der Burnout oder die Depression geholt hat. Und dann?
Man ist ja geneigt, sich einfach wegzudrehen und zu sagen: Selbst Schuld. Jetzt musst  Du allein damit klar kommen.
Bei Jesus höre ich das nicht. Wenn jemand plärrt, wird das ernst genommen. Eigene Schuld hin oder her. Ob jemand sein eigenes Leben besonders vorsätzlich verpfuscht hat oder nicht. Jesus erzählt lieber davon, dass es da einen Vater gibt, der den verlorenen Sohn wieder aufnimmt. Der dreht sich nicht weg, wenn der Sohn weint, sondern der sieht, dass der Sohn plärrt, weil es ihm dreckig geht.
Bis ois plärrt! Das hört wohl nie auf. Aber Tränen zeigen nicht wie blöd man ist, sondern wie weh einem etwas tut. „Ich habs ja kommen sehen!" „Selbst Schuld?" Vielleicht. Aber das kann später geklärt werden. Nach dem Weinen. Nachdem man sich mit sich und den anderen versöhnt hat. 

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