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SWR3 Gedanken

Heute ist das Fest „Verklärung des Herrn". Eine sonderbare Geschichte, die dazu in der Bibel steht. Sie beginnt am Fuße eines Berges. Jesus schnappt sich Petrus und zwei weitere Jünger und geht mit ihnen hinauf. Für die Jünger so etwas wie ein Vertrauensbeweis. Aber sie wissen nicht so recht, was er vorhat. Oben angekommen passiert es dann: Jesus leuchtet auf einmal hell wie die Sonne, seine Kleider werden blendend weiß. Das ist aber noch nicht alles. Auf einmal erscheinen noch zwei große Gestalten der jüdischen Religion, die eigentlich längst tot sein müssten: Mose und Elija. Die drei Jünger trauen ihren Augen kaum. Ihr Meister Jesus als Lichtgestalt, dazu in so prominenter Gesellschaft. Petrus will den Moment unbedingt festhalten. Er macht Jesus einen Vorschlag: „Herr, ich werde hier drei Hütten bauen. Eine für dich, eine für Mose und eine für Elija." Doch Petrus kommt nicht dazu. Eine Stimme aus dem Himmel ruft: „Das ist mein geliebter Sohn!" Dann ist alles vorbei. Die Geschichte soll den Jüngern und auch uns zeigen, dass Jesus wirklich ein göttliches Wesen hat. Mir ist noch etwas an der Geschichte wichtig. Es hat mit Petrus zu tun. Er will den dreien Hütten bauen. D.h. er will diesen großartigen Moment auf dem Berg unbedingt konservieren. Manchmal wünsche auch ich mir, dass ein Moment nie vergeht. Eine Abendstimmung im Wald zum Beispiel: wie das Holz riecht und wie die Sonne durch die Bäume scheint. Oder ein Treffen mit alten Freunden: wir erinnern uns an früher und wärmen alte Geschichten auf. So schön solche Momente sind, ich kann sie nicht festhalten oder ewig verlängern. Weder mit einer Hütte noch mit einem Fotoapparat. Eines kann ich aber tun. Ich kann solche Momente genießen, mich später an sie erinnern und Kraft daraus schöpfen.

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Die Katastrophe von Fukushima liegt jetzt 21 Wochen zurück. Die Bilder von der Wucht des Tsunamis sind immer noch in meinem Kopf: Autos, Schiffe, sogar ganze Häuser liegen wie aufeinander gestapelt da. 
Ein Bericht hat mich besonders berührt. Da stochern Japaner mit Mundschutz in den Trümmern ihrer ehemaligen Stadt. Nach was sie wohl suchen, habe ich mich gefragt. Sie suchen nach Fotos. Und zwar nicht nach ihren eigenen, sondern nach irgendwelchen. Jedes Foto, das sie finden wird wie ein rohes Ei behandelt. Sie sammeln die Fotos in einer Halle. Dort werden sie an langen Leinen getrocknet und später geglättet. Was für ein Aufwand für ein paar alte Fotos, habe ich gedacht. Da gibt es doch bestimmt wertvollere Dinge, nach denen man suchen könnte. Aber nein, anscheinend nicht. Für viele Japaner gibt es im Moment nichts Wertvolleres als alte Fotos. Sie pilgern in langen Reihen an den gefundenen Fotos entlang und hoffen auf einen Treffer. Irgendein Bild, das sie an früher erinnert: wie ihr Haus ausgesehen hat, ihre Straße, ein vermisstes Haustier oder sogar ein lieber Angehöriger, der gestorben ist. Ein Japaner, der im Schutt stochert schaut traurig in die Kamera und sagt: „Wir merken erst jetzt: Alte Fotos sind viel wertvoller als Geld oder Diamanten. Denn sie gibt es nur ein Mal." Die Menschen hier haben einiges mitgemacht. Manche von ihnen haben alles verloren. Und jetzt, wo sie nichts mehr haben, zeigt sich, was wirklich wichtig ist im Leben. Nicht etwa verlorene Möbel, Autos oder Computer. Nein, es sind die Erinnerungen.

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Ich bin gerade zurück von einer Motorradwallfahrt für Männer. Mit elf Bikern waren wir unterwegs im Riesengebirge in Tschechien. Es war aber auch eine Reise in unser Inneres. Unter dem Helm ist man ja ganz für sich allein und hat viel Zeit nachzudenken. Das Thema der Wallfahrt war „Der wilde Mann". Wir haben darüber nachgedacht, wo wir Männer heute noch wild und ursprünglich sein können. Gar nicht so einfach in einer immer abgeklärteren Zeit. Das schroffe Riesengebirge, übrigens ja auch Heimat von Rübezahl, hat uns da inspiriert. Aber es gibt auch Männer in der Bibel, die ganz schön wild sind. Da ist zum Beispiel der bärenstarke Simson, der schlaue König David oder auch Jesus mit seinen revolutionären Seiten. 
Wir haben gemerkt: Für Biker ist das Motorradfahren ein wichtiger Ausgleich. Wir spüren die Straße und die Natur noch etwas näher als sonst. Am letzten Tag unserer Wallfahrt war mir die Straße allerdings näher als mir lieb war. Ich bin in einer Kurve in eine Längsfurche gekommen und dadurch von der Straße abgekommen. Eine Felsnase hat mich dann jäh gestoppt. Ich bin abgehoben und mein Motorrad hat sich überschlagen. Es war ein riesen Schock. Aber außer einem geprellten Zeh ist mir nichts passiert. Lederkombi, Helm und Motorrad haben allerdings ganz schön was abgekriegt. Es hätte mich viel schlimmer erwischen können. In solchen Momenten ist das Leben vielleicht etwas zu wild. Aber beim Warten auf den Abschleppdienst ist mir eingefallen, dass wir beim Morgengebet einen Segen gesprochen hatten. Er hieß: „Der Herr sie neben dir, um dich in die Arme zu schließen und zu schützen. Der Herr sei unter dir, um dir den nötigen Grip, also Straßenhaftung, zu geben, der Herr sei um dich herum, um dich aufzufangen, wenn du fällst." OK, das mit dem Grip hat nicht so gut geklappt. Der Rest allerdings umso besser.

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Frisch gebackene Väter können ganz schön anstrengend sein. Sie haben meistens nur noch ein Thema: ihr neuer Nachwuchs. Jetzt bin ich selbst Vater geworden. Und prompt habe ich mich dabei ertappt, dass ich selbst nur noch von einem rede: von meinem Sohn Fred. 
Die Geburt des Kleinen hat uns ganz schön viel Kraft gekostet. Vor allem natürlich meine Frau. Aber auch ich war ganz schön mit eingespannt, denn es war eine Hausgeburt. 16 Stunden haben wir gekämpft bis der kleine Fred in unserem Wohnzimmer gelandet ist. 
In den Pausen zwischen den Wehen bin ich ins Grübeln gekommen: Ich habe mich gefragt: warum nur muss eine Geburt so anstrengend sein? Es wäre doch viel einfacher, sich neues Leben einfach an einer Ecke zu besorgen. Besser noch, sich schicken lassen. Oder wenn das nicht geht, wenigstens sauber, schmerzfrei und ohne Umstände austragen. 
Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto sicherer wurde ich: Wenn ich mir neues Leben überall rauslassen könnte, dann würde ich auch viel leichtfertiger damit umgehen. Nein, es ist gut so wie es ist. Neues Leben ist immer noch ein Wunder. Eines, das unter vielen Schmerzen auf die Welt kommt. Das zeigt mir: Leben ist wertvoll. Und so will ich es auch behandeln. Wie ein wertvolles Geschenk, das nicht selbstverständlich ist. 
Die 16 Stunden, in denen wir gebangt, gehofft und gekämpft haben, vielleicht waren sie auch ein Hinweis auf das Leben selbst. Es ist nicht immer einfach, und es geht nicht immer alles glatt. Schmerz und Anstrengung gehören ebenso dazu, wie Glück und Freude. Zum Beispiel meine Vaterfreude über den kleinen Fred.

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Wer in London über den Manor Park Friedhof spaziert, der wird möglicherweise überrascht sein. Zwischen den alt ehrwürdigen Gräbern steht plötzlich ein BMW-Cabrio aus schwarzem Granit. Quasi als Grabstein. 
Es ist das Grab von Steve Marsh. Er ist im April 2009 gestorben. Sein letzter Wunsch war, dass sein geliebtes Cabrio auf seinem Grab steht. Für die Witwe war es gar nicht so leicht, diesen Wunsch zu erfüllen. Denn die Friedhofsordnung erlaubt verständlicherweise keine echten Autos auf den Gräbern. Also musste eine Nachbildung aus Granit her. Um die 50.000 Euro soll das Teil gekostet haben. Es wurde extra aus Japan eingeschifft. Eigentlich finde ich es gut, dass sich die Bestattungskultur in den letzten Jahren geändert hat. Viele Angehörige legen Wert darauf, dass bei der Bestattung auch noch etwas von der Person des Verstorbenen sichtbar wird. Ich habe da schon schöne Sachen erlebt: Der Sarg einer liebevollen Mutti wurde von ihren Kindern mit bunten Fingerfarben bemalt. Einem leidenschaftlichen Fasnachts-Narr wurde seine Maske mit ins Grab gelegt. Oder die Bikerfreunde eines Motorradfahrers haben ihm ihre Club-T-Shirts auf den Sarg gelegt. An den Beispielen wird klar, dass es den Angehörigen wichtig war, zu zeigen, wie die Verstorbenen waren: liebevolle Mutter, leidenschaftlicher Fasnachter, oder Biker-Kumpel. 
Bei Steve Marsh und seinem BMW-Cabrio scheint das etwas anders zu sein. Hier war es wohl nicht so wichtig zu zeigen wie er war, sondern was er hatte. Und das ist für das ewige Leben zum Glück total egal.

 

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Im Berliner Stadtteil Moabit steht seit Anfang des Jahres ein „Gebetomat". Ja, ganz richtig gehört, ein „Gebetomat". Er sieht aus wie ein Passbildautomat: Roter Kasten mit Vorhang. Drinnen ein höhenverstellbarer Hocker und ein Touchscreen. Sphärische Musik und eine Stimme begrüßen mich: „Guten Tag, willkommen im Gebetomat. Sie haben nun die Möglichkeit, unter zahlreichen Gebeten das für Sie Passende zu wählen." Dann kann ich aus ungefähr 300 Gebeten auswählen. Vom islamischen Freitagsgebet über tibetanische Mönchsgesänge bis hin zum Vater unser.
Der Künstler Oliver Sturm hat den Gebetomat aufgestellt. Wenn es nach ihm geht, dann stehen die Gebets-Automaten bald schon überall: in Fußgängerzonen, Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten. Er will Menschen, die unterwegs sind, einen spirituellen Raum zur Verfügung stellen. Das finde ich gut. Spirituelle Räume für unterwegs kenne ich bisher nur von Autobahnkirchen. Und so ein roter Kasten ist bestimmt schneller aufgebaut. Allerdings bezweifle ich, ob ich in so einem Kasten spirituell so eintauchen kann wie in einer Kirche. Aber genau das hat Oliver Sturm mit seinem Gebetomaten eigentlich im Sinn. Er sagt: „Mich reizt es, religiöse Gefühle per Knopfdruck herstellen zu können." Ich weiß nicht. Wenn ich das Bedürfnis habe zu beten, dann brauche ich dazu keinen roten Kasten und schon gar keinen Knopfdruck. Ich bete meistens, wenn ich tiefe Dankbarkeit empfinde oder wenn ich in Not bin. Oder einfach so, wenn ich mich gut fühle. Wenn ich mich freue, dass ich lebe. Und das kann ich überall.

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Eine Frau aus der Bibel beeindruckt mich: Die Frau heißt Ester und ist Jüdin. Sie hat ihr ganzes Volk gerettet und ist dabei ein hohes Risiko eingegangen. Und sie muss auch eine sehr attraktive Frau gewesen sein. Ester ist im Alten Testament ein ganzes Buch gewidmet. Es liest sich wie ein Polit-Thriller - voller Intrigen und Grausamkeiten.
 Ester ist Haremsdame am persischen Hof. Damals leben viele Juden im persischen Reich. Doch das Volk ist in Gefahr: Seine Bräuche und sein Glaube ist den Persern nicht ganz geheuer. Sie finden das fremd und verdächtig. Und so erteilt der persische König die Erlaubnis, die Juden auszurotten. Aus dem Plan wird aber nichts. Dank Ester. Inzwischen ist sie die Hauptfrau des Königs geworden. Deshalb wird sie von ihren Landsleuten bedrängt: "Ester, lege beim König ein gutes Wort für uns ein. Er kann doch nicht einfach so unser ganzes Volk vernichten!" 
Für Ester ist das allerdings eine heikle Mission. Denn ihr Mann, der König, weiß noch gar nicht, dass sie Jüdin ist. Wenn sie sich vor ihr Volk stellt, könnte das auch ihren Kopf kosten. Immerhin hat der König unterschrieben, dass alle Juden umgebracht werden sollen. 
Doch Ester geht das Risiko ein. Sie zieht ihre schönsten Kleider an und strahlt den König an. Der erliegt ihrem Verhandlungsgeschick und sicher auch ihrem Charme. Und er lässt die Juden tatsächlich leben. Ich finde, das Beispiel von Ester zeigt, dass es sich lohnen kann, sich im richtigen Augenblick mutig zu engagieren.

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