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SWR3 Gedanken

„Das Hohelied der Liebe". Das klingt wie der Titel eines schmalzigen Liebesgedichts. Ist es auch - aber nur fast. Dieses „Hohelied der Liebe" steht in der Bibel. Und worum geht´s? Wie der Titel andeutet, wird im Hohelied der Liebe die Liebe zwischen zwei Menschen besungen. Und das sehr anschaulich. In blumigen, manchmal sogar kitschigen Bildern wird hier die körperliche Liebe zwischen Mann und Frau dargestellt. Mit allem was dazu gehört. Sehnsucht, Trennung, Vereinigung. Das Ganze hört sich dann so an: „Rote Bänder sind deine Lippen; lieblich ist dein Mund. Wie der Turm Davids ist dein Hals. Deine Brüste sind wie Kitzlein. Wie schön ist deine Liebe; wie viel süßer ist deine Liebe als Wein." oder: „Horch, mein Geliebter klopft: Ich habe mein Kleid schon abgelegt - wie soll ich es wieder anziehen? Mein Geliebter streckt die Hand durch die Luke; da bebt mein Herz ihm entgegen." Dass so ein Text in der Bibel steht, hätte ich nicht erwartet. Ich frage mich: wie kommt so ein Buch über die Liebe in die Bibel? Es gibt verschiedene Erklärungen. Die älteste meint, dass hier das Liebesverhältnis Gottes zu seinen Geschöpfen, zu uns Menschen beschrieben wird. Und da wir mit dem Bild der Liebe, mit dem Bild der Hochzeit vertraut sind, können wir das gut nachvollziehen. Gott liebt uns ohne Bedingung und geht mit uns durchs Leben. Ich finde aber, das Hohelied stärkt auch die Bedeutung unserer menschlichen Liebe. Es tut gut zu wissen, dass die körperliche Liebe nichts Verbotenes ist. Dass sie Teil der Schöpfung Gottes ist und dass ich sie deshalb auch genießen darf.

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Eine Frau steht vor einem Grab und weint. Ich käme nie auf die Idee, sie anzusprechen. Ich hätte das Gefühl, sie in ihrer Trauer zu stören. Jesus hat es ganz anders gemacht: er hat traurige, einsame oder isolierte Menschen meistens direkt angesprochen. So auch Maria Magdalena, eine Freundin von Jesus. Sie steht nach Jesu Tod an seinem Grab und weint. Sie weint, weil das Grab leer ist. Sie ahnt noch nichts davon, dass Jesus auferstanden ist. Sie gerät in Panik. Sie ist verzweifelt, weiß nicht, was hier vor sich geht. Als der auferstandene Jesus auf sie zukommt, erkennt sie ihn zunächst nicht. Jesus tritt vor sie hin und fragt ganz schlicht: „Frau, warum weinst du?" Jetzt kann Maria Magdalena ihre Sorgen und Fragen aussprechen. Sie kann ihren Schmerz und ihre Unsicherheit loswerden. Und dann erst gibt sich Jesus zu erkennen. Für ihn ist das fast schon typisch. In vielen biblischen Erzählungen kommt er erst mal mit den Menschen ins Gespräch. Jesus schaut sie an, will wissen, was sie wollen, denken, fühlen. Erst dann schreitet er zur Tat und hilft. In einer anderen Geschichte fragt er einen blinden Mann: „Was willst du, das ich dir tue?" Jesus stülpt nichts über, kommt nicht mit der fertigen Lösung. Er will erst mal wissen, was los ist.  Dadurch holt er traurige, einsame oder ausgeschlossene Menschen aus der Isolation. Er stellt sie in den Mittelpunkt. Dahin, wo sie schon lange nicht mehr sind und vielleicht auch nie waren. Wer fragt, gewinnt.

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Frau Körner wohnt bei mir gleich um die Ecke. Sie ist Ende sechzig, braun gebrannt und geht gerne wandern. Für mich ist sie ein local hero. Neben dem alltäglichen Geschäft und der Familie hat Frau Körner bis vor wenigen Wochen eine schwer kranke ältere Dame bis zu ihrem Tod begleitet. Die Dame lebte im Pflegeheim und hatte keine Angehörigen. Und Frau Körner kannte sie von früher. Damit sie nicht alleine sterben musste, ist sie in jeder freien Minute an ihrem Bett gewesen - oft mehrmals am Tag. Sie hat mit der Sterbenden gesprochen, gebetet und gesungen. Das ist für sie keine Frage, sondern einfach selbstverständlich. Und sicher nicht immer leicht. Frau Körner hat vor vielen Jahren ihren Sohn verloren. Umso mehr bewundere ich sie für ihre Stärke, ihre Geduld, für die Lebensfreude, die sie ausstrahlt. Frau Körner ist mein local heroe. Und ich bin sicher, dass sie nicht die einzige ist. Wetten, dass es auch in ihrer Straße Menschen gibt, die diesen Titel verdienen? Meistens bleiben diese Heldinnen und Helden allerdings unentdeckt. Die Uni Passau will mit einem Projekt dafür sorgen, dass die local heroes nicht länger ein Schattendasein führen. Sie will sie bekannt machen. Auf einer Internetseite werden Menschen wie Frau Körner vorgestellt. Ihr Beispiel soll dazu anregen, die Augen offen zu halten. Für die, die Hilfe brauchen und für Menschen, die helfen. Meiner Meinung nach, eine richtig gute Sache. Local Heroes - für mich sind das so etwas wie Heilige von nebenan. Ohne Titel und ohne Heiligenschein. Papst Johannes XXIII. hat in den 60er Jahren diese Menschen schon gewürdigt. Er hat gesagt: „Man kann mit dem Bischofsstab in der Hand heilig werden, aber ebenso gut mit einem Besen."

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Der 20. Juli ist ein denkwürdiger Tag.  Genau heute vor 67 Jahren versuchte eine Gruppe deutscher Offiziere Hitler umzubringen. Das Attentat scheiterte. Und alle, die irgendwie daran beteiligt waren, wurden umgebracht.  Seitdem gibt es einen Namen, der für den Widerstand gegen Adolf Hitler steht: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er hat den Plan hauptsächlich entwickelt. Er hat ihn jahrelang vorbereitet und auch fast umgesetzt. Von Stauffenberg hatte das Risiko zu sterben wohl mit eingerechnet. Und trotzdem hielt er an dem Plan fest. Er war der Überzeugung, dass das NS-Regime menschenverachtend und gefährlich war. Noch am Tag des Attentats wurde er hingerichtet. Heute ist auch der Gedenktag der Heiligen Margareta. Über Ihr Leben rund um das Jahr 300 gibt es unterschiedliche Legenden. Sicher ist, dass sie für ihren Glauben gestorben ist. Margareta hielt an ihrer Überzeugung fest, obwohl sie gefoltert wurde. Schließlich hat man sie enthauptet. Graf von Stauffenberg und die Heilige Margareta: zwei Menschen in ganz unterschiedlichen Zeiten und Situationen. Eines aber haben sie gemeinsam: sie sind für ihre tiefste Überzeugung gestorben. Nur so konnten sie sich ihre Freiheit bewahren. Freiheit oder Leben - manche Menschen stehen auch heute noch vor dieser Entscheidung. Menschen zum Beispiel, die wegen ihrer politischen Einstellung oder wegen ihres Glaubens gefoltert werden. Der Gedenktag des Hitler-Attentats und der Heiligen Margareta ist für mich mal wieder Anlass, an all diese Menschen zu denken.

 

 

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Vor ca. vier Wochen. Mein Büro. Totales Chaos. Meine Kollegin hat das irgendwie mitbekommen. Sie kommt rein und drückt mir einen Zettel in die Hand. Darauf steht: „Werde verrückt so oft Du willst...". Super, denke ich. Wenn ich jetzt auch noch verrückt spiele, kann ich gar nicht mehr arbeiten. Zur Seite geschoben. Dann habe ich entdeckt, dass auf der Rückseite des Zettels auch noch was steht: „...aber werde niemals ohnmächtig!" Jetzt ergibt der Satz natürlich Sinn: „Werde verrückt so oft du willst, aber werde niemals ohnmächtig."
Inzwischen habe ich festgestellt, dass der Spruch mir ganz viel sagt. Er schießt mir zum Beispiel in den Kopf, wenn ich mich ohnmächtig fühle: wenn ich das Gefühl habe, dass ich an eine Wand rede. Wenn ich nichts bewirken kann. Wenn ich von oben herab behandelt werde. Dieser Satz kann eine Warnung für mich sein: Ohnmacht ist eine Falle, gegen die ich mich wehren will.  Der Satz beflügelt mich aber auch, wenn ich mal verrückt spiele: wenn ich im Auto vollgas die Musik aufdrehe, wenn ich die Nacht fast durchmache, obwohl ich morgen früh raus muss. Verrückt spielen muss einfach ab und zu erlaubt sein. Und weil ich immer öfter bemerke, dass der Satz wahr ist, habe ich den Zettel an meinen PC gehängt. Er ist eine kleine Warnung und Ermunterung für mich. Wenn das Chaos jetzt zu groß wird, wenn ich Gefahr laufe, ohnmächtig zu werden, dann kann es passieren, dass ich mir ganz schnell jemanden zum Kaffee Trinken schnappe. Im schlimmsten Fall singe ich laut oder hüpfe durch den Flur. Verrückt eben. Aber nicht mehr ohnmächtig.

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Wilhelm von Ketteler - der "Arbeiterbischof
"Wie sind Sie versichert? Diese Frage wurde mir schon ein paar Mal gestellt, als ich einen Arzttermin ausgemacht habe. Egal wie, dass ich überhaupt versichert bin, ist schon beruhigend. Und ich bin ja nicht nur krankenversichert. Die Rente sichert mir hoffentlich einen ruhigen Lebensabend. Und auch die Gefahr der Arbeitslosigkeit wird dank Versicherung etwas abgefedert. Sowas war lange nicht selbstverständlich. Im 19. Jahrhundert waren die Lebensbedingungen der Arbeiter katastrophal. Sie bekamen viel zu wenig Lohn für zu viel harte Arbeit, und waren eben nicht sozial abgesichert. Sie waren völlig der Willkür des Arbeitgebers ausgesetzt. Bis ein Mann zu kämpfen begann: Wilhelm von Ketteler, der spätere Bischof von Mainz. Heute ist sein Gedenktag. Ketteler war Rechtswissenschaftler und klagte die Bedingungen an, unter denen die Arbeiter leben und arbeiten mussten. Einige Zeit war er beim Staat angestellt. Dann kündigte er mit den Worten: „Einem Staat, der die Aufopferung meines Gewissens fordert, will ich nicht dienen. "Wilhelm von Ketteler wurde Priester und setzte sich für die Arbeiter ein. Ein Mann der klaren Worte. Aber er benannte die Probleme nicht nur, er packte sie auch an. Er entwickelte ganz praktische Lösungen, um die schlechten Arbeitsverhältnisse der Menschen zu entschärfen: Krankenkassen wurden eingerichtet, Witwen und Waisen bekamen Pensionen. Und man gründete neue Krankenhäuser. Von Ketteler forderte vom Staat Gesetze für menschlichere Bedingungen am Arbeitsplatz. Und er half dabei, Gewerkschaften zu gründen. Sein Ziel formulierte er so: „Es sollen alle Menschen aus den Erdengütern ihre notwendigen Leibesbedürfnisse erhalten".
Ketteler war also davon überzeugt, dass die Güter der Erde allen Menschen zu Gute kommen sollen. Dass einige mehr und andere weniger daran verdienen, das konnte er nicht mehr rückgängig machen. Aber er hat den Staat und die Arbeitgeber an ihre Verantwortung erinnert. Und das nachhaltig - wir haben heute noch was davon.

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Ende. Aus. Abpfiff. Heute geht sie zu Ende, die Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Heute Abend wissen wir, wer die Weltmeisterinnen sind. Besonders hat mir  gefallen, dass Frauenfußball durch die WM neu in den Blick geraten ist.

Auch die Kirchen haben sich an der WM beteiligt. Das Projekt hieß Kirche am Ball. Auf der Fanmeile in Sinsheim gab es ein Kirchenzelt. Dort haben unterschiedliche Aktionen stattgefunden. Zum Beispiel das Spielfeldorakel: zu jeder Position auf dem Feld gibt es einen Orakelspruch. Und das Orakel der Stürmerinnen hieß: „Trau dich an die Spitze! Jetzt ist es dran im Sturm zu spielen und nicht auf Nummer sicher!" Die Bibel sagt dazu: „Mach dich auf und zieh voraus. Dann mache ich, Gott, deine Nachkommen so zahlreich wie den Staub auf der Erde."

Ich finde es gut und richtig, dass Kirche hier präsent ist. Denn der Kirche geht es ja eigentlich darum, dass Menschen zusammen kommen und voneinander lernen können. Steffi Jones und Theo Zwanziger haben zur Aktion Kirche am Ball gesagt: „Kirche und Sport geht es gemeinsam darum, Menschen zusammenzubringen und die Gesellschaft nachhaltig und menschenwürdig zu gestalten."

Und tatsächlich. Es gibt auch Aktionen von Kirche und DFB, die nicht nur Spaß machen, sondern auch etwas verändern. Nach der Fußball-WM in Südafrika ist z.B. ein Hilfsprojekt in Kapstadt entstanden.

Nonnen und Mönche holen Jugendliche mit Hilfe sportlicher Angebote von der Straße. Sie laden zu Ferien-Fußball-Camps und Turnieren ein. Das Besondere daran: für die Jugendlichen kann es weitergehen: in der Schule oder mit einer Ausbildung. Hier bleibt Kirche am Ball. Ich hoffe auch, dass es der Kirche nach der FrauenWM gelingen wird, weiterhin am Ball zu bleiben. Die Verbindung von Spaß, Sport und Hilfe für die Armen erscheint mir der richtige Weg. 

Kirche am Ball oder auch Kirche und Ball: eine Kombination, bei der es rund geht.

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