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SWR3 Gedanken

Oder sich versichern, absichern, und notfalls klagen
Bitte keine Katzen in die Mikrowelle stecken. Oder: Diese Sofadecke bietet keinen Schutz vor Tornados. Besonders schön finde ich den Hinweis: Bevor Sie den Kinderwagen zusammenklappen, nehmen sie das Kind doch bitte aus dem Wagen.
Über Warnhinweise wie diese können wir nur lachen. In Amerika wollen sich damit Firmen nur dagegen absichern, verklagt zu werden.
Aber so weit über den Atlantik braucht man gar nicht zu gucken. In Frankreich wird die Jugendarbeit immer schwieriger. Will man mit einer Gruppe Jugendlicher zum Beispiel mal einen Bauernhof besuchen, muss man einen Antrag beim Ministerium für Sport und Jugend stellen. Das habe ich getan und er ist abgelehnt worden.
Warum? Weil die Kinder unter die Kornmähmaschine geraten könnten. Man malt sich alle möglichen Katastrophen aus und fragt: wer übernimmt dafür die Verantwortung? Natürlich keiner. Es sei denn, der Jugendleiter haftet dafür persönlich.
Wie soll man da noch etwas Kreatives und Spannendes mit Kindern und Jugendlichen unternehmen?
Gegen jedes mögliche Unglück gilt es, sich mit möglichst vielen Versicherungen abzusichern. Man weiß ja nie, was passieren könnte. Aber: Ist das Leben nicht unberechenbar? gefährlich? und schwierig?
Und: Ist es nicht auch genau das, was das Leben ausmacht?

Die Dichterin Rose Ausländer hat das mal so gesagt:
„Du fragst, was soll ich tun. Und ich sage: Lebe wild und gefährlich!"

http://www.tagesschau.de/schlusslicht/bizarreproduktwarnungen100.html
„Diese Sofadecke bietet keinen Schutz vor Tornados" von Julia Hummelsiep)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11036

Sie lächelt verlegen.
„Der Mann, den du gerade gesehen hast. Der kommt immer hierher zu mir, wenn er Probleme hat und Geld braucht. Das geht jetzt schon ca. vier Jahre so."
Sie beugt sich vor, um mir ihre Geschichte besser zu erzählen.
„In diesen vier Jahren habe ich ihm schon mehr als 2 000 Euro gegeben. Für Fahrkarten und wenn's am Ende des Monats nicht mehr reicht, für ein Bett in einer Obdachlosenherberge, für eine neue Mütze im Winter. Er ist nicht böse, nicht Alkohol abhängig, nimmt keine Drogen; er ist einfach ein armer Mann, der keine Arbeit lange halten kann, der nicht mit Geld umgehen kann. Ein armes Schwein halt, der hin und wieder Hilfe braucht."
Natürlich weiß sie, es gibt die Diakonie und die Caritas und etliche andere Hilfseinrichtungen. Und sie weiß, er kommt nur zu ihr, weil er Geld braucht. Aber sie kann irgendwie nicht anders. Wenn er so kommt und ihr seine Geschichten erzählt und wofür er gerade jetzt mal wieder Geld braucht.
Und sie fragt:
"Wer hilft den Leuten wie diesen schnell mal eben, unbürokratisch, ohne groß zu fragen? Niemand. Auf der anderen Seite..." sie guckt mich traurig an, „ich verdiene gut, so dass ich bequem über die Runden komme; aber halt auch nicht so viel, dass ich noch viel mehr geben könnte. Ich weiß auch, dass es nicht hilft, einem Menschen hin und wieder ein paar Almosen zuzustecken, das hilft ihm nicht, in seinem Leben weiterzukommen. Und die Gesellschaft ändert es auch nicht. Aber", sie guckt mich eindringlich an, „ich kann doch nicht einfach nein sagen, woanders hingucken, so tun, als ob es das Elend in der Welt nicht gäbe und ihn einfach im Regen stehen lassen. Oder?"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11035

Es fängt alles so schön an: Mack macht Campingurlaub mit seine Kindern. Alles ist so, wie es sein soll: Die Kinder sind ausgelassen, der See kalt und die Luft klar. Alles wunderbar, bis ES passiert: Seine Kleinste, Missy, verschwindet spurlos. Alle suchen. Die Polizei kommt und findet schließlich Missys blutverschmiertes Kleid. Von ihr selbst keine Spur.
So beginnt der Roman „Die Hütte". Ein Buch, das mich sehr bewegt hat. Weil es so berührend erzählt, was aus Mack wird nach diesem schrecklichen Verlust seiner kleinen Tochter: er versinkt erst einmal in „Der Großen Traurigkeit".
Ein Jahr vergeht, aber Die Große Traurigkeit bleibt. Da bekommt Mack einen Brief von Gott „Lieber Mack, es ist eine Weile her," schreibt Gott, „ich vermisse Dich. Ich bin am nächsten Wochenende bei der Hütte, wenn Du mich treffen möchtest."
Mack geht hin, neugierig; verlieren kann er ja nicht mehr viel.
Und er begegnet Gott. Er begegnet Gott in Gestalt einer schwarzen Mama, eines netten Zimmermanns und einer etwas flüchtigen Grande Dame. Gott hilft Mack seinen Weg zu finden, das Unglück anzunehmen als ein Teil seines Lebens.
Das alles wird nicht beschwichtigend erzählt, das Unglück von Mack wird nicht einfach beiseitegeschoben. Es bleibt da. Aber es wiegt nicht mehr so schwer.
Am Ende begreift Mack: Das Leben ist manchmal grausam, nicht aber Gott. Es passieren jeden Tag unglaublich schreckliche Dinge, „trotzdem hat es Gott nicht auf uns abgesehen, und selbst inmitten des größten Schmerzes ist er da". Steht Mack zur Seite, steht uns zur Seite.

William P. Young „Die Hütte" 2009 Allegria.
Roger E. Olson „Gott und die Hütte - Was ist dran am Gottesbild des Weltbestsellers?" 2009 Gerth Medien.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11034

Aussprechen und loslassen unserer Sünden und befreit weitergehen

„Sie war's!"- „Nein, er hat angefangen!" Hannah und Jonah stehen mit tränenverschmierten Gesichtern und wutschnaubend vor mir. Sie erwarten, dass ich Partei ergreife, dass ich ganz klar sage, wer Schuld hat - und das ist natürlich jeweils der andere. Bei einem Streit unter Kindern kann man die Schuldfrage vielleicht noch klären.
Schwieriger wird's, wenn Erwachsene nach einem langen gemeinsamen Lebensweg sich trennen, wenn Ehepaare sich scheiden lassen.
Solche Trennungen sind oft das Ergebnis von jahrelangem Streit oder von resigniertem Schweigen, das beide einfach nicht lösen konnten. Hier gilt die schmerzliche Lebensweisheit: Wenn es mit der Beziehung nicht klappt, tragen oft beide Schuld daran.
Natürlich sind genauso wie bei Hannah und Jonah beide verletzt: „Ich wollte es doch nicht, er hat angefangen." So schieben sie sich gegenseitig die Schuld zu. Er hat sich in eine Andere verliebt. Nein, sie hat sich zu sehr in ihre Karriere reingekniet. Tatsache ist: ihre Liebe ist verloren gegangen. Und damit müssen beide fertig werden.
Was hilft? Es vielleicht einfach anzunehmen, wie es jetzt ist. Wie viel der eine oder die andere auch schuld gewesen ist. Es ist, wie es ist. Es ist tragisch, aber es ist nun einmal passiert.   
Im alten Israel gab es so eine Tradition: Jedes Jahr lud man alle Sünden des Volkes einem Bock auf - und schickte ihn in die Wüste. Den sprichwörtlichen Sündenbock.
Heute könnte man das vielleicht nach so einer Trennung auch mal versuchen. Man lässt die Frage nach der Schuld los. Die Trauer, die Wut und die Frage, wer angefangen hat - all das wird in die Wüste geschickt. Dann ist der Weg frei weiterzugehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11033

Der Pfarrer trägt eine Regenbogenstola und kommt mir lächelnd entgegen. Ich bin in der Metropolitan Community Church in Kansas City, in den USA. Eine ganz besondere Gemeinde.
Entstanden ist sie in einer Zeit, in der Schwule und Lesben nicht willkommen waren in den sogenannten normalen, in den etablierten Kirchen. Homosexuelle wurden ausgegrenzt, ihnen wurde gesagt, dass Gott sie so bestimmt nicht lieben würde.
Daraufhin haben sie sich, ihre Familien, Freunde, aber auch andere Menschen aller Couleur zusammengetan und die MCC gegründet. Als Gegenentwurf zu einer Kirche, die Menschen aufgrund ihrer Sexualität ausschließt, sollte die MCC eine offene Kirche sein, frei von Vorurteilen und alle willkommen heißen.
Das ist jetzt schon länger her. Heute muss die Gemeinde nicht mehr so kämpfen. Alle legen viel Wert darauf, sich gegenseitig zu unterstützen, sich zu helfen. Was ist Liebe? Wie sieht Vertrauen und gegenseitiger Respekt aus? Um diese Fragen ringen die Gemeindeglieder heute. Der Pfarrer zeigt mit seiner Hand auf sein Herz: to have an open hand and an open heart, eine offene Hand und ein offenes Herz haben, das ist hier wichtig.
Aber, so frage ich ihn herausfordernd: Schenkt die MCC der Sexualität des Menschen nicht ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit?
Ich bin schwul, antwortet er, und genau so möchte ich als Kind Gottes angenommen und akzeptiert werden. Aber natürlich bin ich immer auch mehr als das. Und deswegen heißen wir in unserer Gemeinde alle willkommen, alle Kinder Gottes - egal welchen Geschlechts, welcher Rasse, welcher Herkunft, egal welcher sexuellen Orientierung sie sind.
Das zu leben, ist Gottes Auftrag an uns. Wir sind eine bunte Gemeinschaft der Kinder Gottes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11032

„Och, ist doch alles nicht so schlimm."
„Ja, ja das habe ich mal versprochen - ist doch egal, jetzt sehe ich es halt anders."
Eins ist sicher, Engel sind wir alle nicht. Wir machen Fehler, wir irren uns, wir versprechen Dinge, die wir dann einfach nicht halten können. Schlimm finde ich das nicht. Schlimm finde ich nur, wenn man den anderen darüber völlig aus dem Blick verliert.
„Ich muss mich entwickeln", heißt es dann, „Ich muss weiterkommen. Hauptsache, ich finde meinen inneren Frieden."
Da kann dann schon mal die eine oder andere Freundschaft dabei drauf gehen.
In Afrika sieht man das anders. Ubunthu, sagen die Leute. Ubunthu heißt - ein Mensch ist nur ein Mensch durch andere. Mensch wird man, weil da noch andere Menschen um einen herum sind.
Das heißt dann aber auch: Ich komme nur weiter, ich wachse nur, weil da Menschen um mich herum sind, die mir dabei helfen. Weil ich mich mit anderen austauschen kann und auseinandersetzen muss. Auch wenn das nicht immer einfach ist.
Aber man muss nicht so weit nach Afrika gehen. Ein Blick in die Bibel genügt auch. Da steht dieser kleine, banal klingende Satz: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Das eine hängt mit dem anderen zusammen: Ich bin Mensch dank der vielen Menschen um mich herum.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11031

Stéphane Hessels Vermächtnis
Empört euch! Engagiert euch!
Seit geraumer Zeit finden sich die Streitschriften von Stéphane Hessel auch auf den deutschen Büchertischen.
Stéphane Hessel ist Franzose deutscher Abstammung, er ist Mitte neunzig und er empört sich. Das schlimmste, so sagt er, ist die Gleichgültigkeit. Es kann nicht sein, dass man Ungerechtigkeiten, Ungleichheit und Verstöße gegen die Menschenrechte einfach zulässt; nach dem Motto „Was kann ich da schon alleine dagegen tun?" Nein, er sagt ganz genau, was man dagegen tun kann: Man kann sich aufregen, sich empören - und sich dann entsprechend engagieren.
Stéphane Hessel kann das so sagen; ihm glaubt man das.
1917 kommt er in Berlin zur Welt, bald zieht es die Familie nach Paris. Mit einem jüdischen Vater ist der Weg in den französischen Widerstand, die Résistance fast selbstverständlich. Im Namen der Résistance kehrt er als Spion zurück nach Frankreich. Jemand verrät ihn, er wird von der Gestapo gefasst und kommt in verschiedene KZs unter anderem nach Buchenwald. Er überlebt. Nach dem Krieg gehört er zu den Mitverfassern der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948.
Andere lehnen sich zurück im Alter, viele resignieren. Stéphane Hessel nicht. Mit über neunzig ruft er die Welt auf zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten unserer Welt: gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung. Empört euch, ruft er uns zu, nehmt es nicht einfach hin - und leistet Widerstand!

Stéphane HESSEL, Indignez-vous ! 2010; Empört Euch! 2011

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11030