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SWR3 Gedanken

Manchmal piept´s bei mir. Nicht bei mir selbst natürlich, aber bei meinem schnurlosen Telefon. Ein Hinweis darauf, dass der Akku bald leer ist. Bei meinem in die Jahre gekommenen Teil funktionieren die Ladekontakte manchmal nicht mehr richtig. Dann fließt kein Strom und der Akku lädt nicht mehr auf. Kleine Ursache - große Wirkung. Verhindern lässt sich das nur durch Aufmerksamkeit. Indem ich nach dem Telefonieren darauf achte, dass die Kontakte tatsächlich Verbindung haben. Sonst ist früher oder später eben der Saft weg.
Die Sache mit den Kontakten und dem leeren Akku, die kenne ich leider auch von mir selber. Immer dann, wenn mal wieder viel zu tun ist und alles termingerecht fertig sein muss. Wenn einfach keine Zeit und keine Ruhe bleibt, bei allem Wichtigen auch noch an mich selbst zu denken. Oft funktioniert das auch halbwegs, aber eben nicht immer. Und wer es übertreibt mit den ganzen Wichtigkeiten, der merkt plötzlich irgendwann, wie leer der innere Akku wirklich ist. Wie müde man ist, wie lustlos. Wie dringend gerade jetzt ein paar Tage nötig wären ohne Termindruck, Schreibtisch und PC. Einfach nur zum Auftanken. Und auch das hat schließlich eine Menge zu tun mit Aufmerksamkeit, mit Achtgeben auf mich selber. Mit einem gestörten Kontakt zu mir selbst. Zu dem, was ich auch noch brauche, um Körper und Seele im Lot zu halten. Der Urlaub, der nicht nur bei mir bald ansteht, gibt nicht nur die Chance, den Akku mal wieder gründlich aufzuladen. Er könnte auch Gelegenheit bieten, mal wieder in Ruhe dem nachzuspüren, was da sonst noch fehlt. Am Körper und an der Seele.

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Ich liebe alte Häuser. Mein eigenes wird bald 60 Jahre alt! Ein bisschen altmodisch ist es und sicher auch nicht mehr hyper-energieeffizient. Aber dafür bringt es eine Geschichte mit. Unsere gemeinsame währt zwar erst seit ein paar Jahren. Aber immerhin haben vor mir schon 50 Jahre lang Menschen in diesem Haus gelebt. Manchmal begegnen sie mir noch, in Geschichten, die meine alten Nachbarn von ihnen erzählen. Diese Geschichten sind es, die mein altes Haus zu etwas Besonderem, Unverwechselbaren machen. In seinen Mauern wohnen eben nicht nur wir, sondern auch diese Geschichten.
Welche unglaublichen Geschichten könnten da erst Häuser erzählen, die noch viel älter sind? 100, 200 oder 500 Jahre? Der mächtige Dom zu Speyer etwa wird in diesem Jahr sogar stolze 950 Jahre alt. Kaiser und Könige sind in ihm ein- und ausgegangen. Einige liegen sogar in ihm begraben. Er hat verheerende Kriege gesehen, ist schwer zerstört worden. Diente Menschen als Gotteshaus ebenso wie als Pferdestall. Vor allem aber diente er als Ort unzähliger Gebete, die in diesen dicken Mauern gesprochen worden sind. Jahrhundertelang. Freudige und Traurige, Verzweifelte und andere voller Hoffnung. Fast eintausend Jahre lang haben Menschen an diesem Ort gebetet. Allein dadurch ist er für mich schon kein gewöhnlicher Ort mehr. So wie alle alten Kirchen. Das sind nicht einfach irgendwelche Mauern, sagte mir mal jemand. Diese Mauern sind seit Jahrhunderten durchbetet. Was für ein Wort. Wenn ich in einem solchen Gebäude stehe, dann spüre ich zumindest, dass sie durchtränkt sind. Durchtränkt von unzähligen Geschichten.

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Mein Gott, ist das schön!! Der Ausspruch ist mir auch schon herausgerutscht. Bei einem Besuch in Nahen Osten etwa, als am frühen Morgen die Sonne über der Wüste aufging. Der Anblick grandioser Schönheit öffnet geradezu das Herz. Nun mag der eine als schön empfinden, was für andere nur gewöhnlich ist. Aber trotzdem gibt es Dinge, die den Allermeisten von uns gefallen. Grandiose Sonnenaufgänge zum Beispiel. Ein Pfau in voller Pracht und anderes mehr. Doch manche Schönheit in der Natur existiert scheinbar sinnlos, meint ein Biologe nun. Wenn nämlich alles in der Natur vor allem einem bestimmten Zweck dient, von der Evolution in Jahrmillionen optimiert, dann gibt es Dinge, deren Pracht auf den ersten Blick einfach sinnlos erscheint. So wie beim Pfau etwa. Um ein Weibchen herumzubekommen reicht anderen Vögeln jedenfalls sehr viel weniger Aufwand. Warum also diese Überfülle? Noch etliche andere Beispiele für scheinbar sinnlose Schönheit hat er gefunden. Und auch die Bibel erzählt ja davon. Von den Lilien etwa, die einfach auf den Feldern wachsen und in ihrer Schönheit prachtvoller seien als selbst der König. Warum? Es ginge doch auch einfacher, weniger aufwändig - effizienter würden wir das heute wohl nennen.
Der Gedanke vom sinnlos Schönen jedenfalls hat mir gefallen. Dass auch die Schöpfung nicht nur maximal effizient und zweckrational ist. Dass es da auf den ersten Blick Sinnloses gibt, Überschwängliches, zweckfrei Schönes. Und vielleicht hat all das ja doch einen tieferen Sinn. Indem schöne Dinge das Leben einfacher, angenehmer, eben schöner machen. Indem sie uns, wenn wir sie sehen, erfreuen und das Herz aufgehen lassen. Ganz zweckfrei. Einfach so. Welch schöner Gedanke.

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Vor 70 Jahren haben die beiden geheiratet, mitten im 2. Weltkrieg. Es ist ein seltenes Fest, die sogenannte Gnadenhochzeit. Von einem Paar aus unserer Stadt, das in diesem Jahr 70 gemeinsame Jahre feiert, las ich vor kurzem in der Zeitung. Sie seien auch heute noch so verliebt wie am ersten Tag, erklärten die beiden. In einer Zeit, in der statistisch mehr als jede dritte geschlossene Ehe wieder in die Brüche geht, ein immerhin bemerkenswerter Satz. Ein besonderes Rezept für eine so lange, glückliche Beziehung hatten die beiden allerdings nicht. Es wäre uns Jüngeren wohl auch wenig hilfreich gewesen. Denn die Lebensformen und -umstände unter denen wir heute leben und lieben sind inzwischen fast so bunt und verschieden wie wir selbst. Jeder muss da seine für ihn passende Form finden. Gemeinsam scheint allen nur die Hoffnung auf das lebenslange Glück. Das wünschen wir uns zwar immer wieder, scheitern aber trotzdem so oft daran. Sicher, es gibt ein paar Spielregeln für eine gute Beziehung. Die Ratgeberseiten der bunten Lifestyle-Magazine sind schließlich voll davon. Doch wenn es wirklich über sieben Jahrzehnte hinweg klappt mit dem Glück und der Liebe, muss da noch mehr sein als die Einhaltung bestimmter Spielregeln. Die volkstümliche Bezeichnung dieses seltenen Festes erscheint mir da eigentlich ganz passend. Gnaden-Hochzeit. Denn Gnade meint etwas, das ich niemals machen kann. Ein Geschenk, durch und durch. Wie die Liebe. Und falls man sich je dafür bedanken möchte: Ein Gebet wäre vielleicht die passende Antwort.

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„Es knallten haushohe Kopfbälle von Dauerwelle zu Dauerwelle"! Klingt ziemlich herablassend und war wohl auch so gemeint. Mit diesem Satz kommentierte eine Tageszeitung vor 54 Jahren ein Fußball-Länderspiel der Frauen. Deutschland gegen die Niederlande hieß es damals und natürlich war das Spiel nicht offiziell. Denn im Deutschland der fünfziger Jahre war Frauenfußball verpönt. Doch die Frauen von damals haben sich zum Glück nicht beirren lassen und einfach weiter gespielt. Schlappe 13 Jahre später hat sie dann auch der DFB offiziell anerkannt.
Damit wurde aber nur ein kleiner Satz, der schon lange in unserem Grundgesetz steht, ein Stückchen wahrer: Männer und Frauen sind gleichberechtigt! Ein Satz, der überhaupt erst auf Drängen einer engagierten Frau in den Text hinein kam. Doch während Frauen sich in den folgenden Jahren in immer mehr männerdominierte Bereiche vorwagten, gilt das umgekehrt nur bedingt. Schließlich machen wir Männer nach wie vor einen Bogen um die sogenannten Frauenberufe: In Kindergärten und Grundschulen, in der Kranken- oder Altenpflege. Und auch bei den Elternzeiten ändert sich nur mühsam etwas. Gleichberechtigt sein muss man auch wollen. Da ist auf jeden Fall noch Bewegung möglich.
Auch in meiner Kirche hat sich diesbezüglich schon unglaublich viel bewegt. Doch völlige Gleichberechtigung haben wir bekanntlich nicht. Ob sich das irgendwann mal ändern wird? Ich weiß es nicht. Sicher bin ich mir nur, dass kirchlich engagierte Frauen auch in dieser Frage nicht locker lassen werden. So wie damals beim Fußball. Eine Beharrlichkeit immerhin, die sich für den Fußball mehr als ausgezahlt hat.

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Keine Frage: Rankings sind was Tolles. Wenn ich etwa ein neues Handy brauche, dann werfe ich einen Blick in die Testmagazine und weiß sofort, wie mein Wunschmodell dort gerankt ist. Oder unsere Studenten. Viele lesen erst mal diverse Hochschulrankings, bevor sie sich für eine bestimmte Uni entscheiden. Kein Wunder also, dass mittlerweile alles Mögliche gerankt wird. Hotels und Kneipen, Schwimmbäder und Städte und inzwischen sogar ganze Staaten. Dank Internet ist Vergleichen einfach wie nie zuvor. Deutlich kritischer wird es allerdings, wenn es um Menschen geht. Wenn etwa das Fernsehen mal wieder unter unsern Vorfahren die 100 Größten, Schönsten, Klügsten oder was auch immer ermittelt, dann mag das ganz unterhaltend sein. Besonders vielsagend ist es nicht. Wenn da etwa der Stauferkaiser Barbarossa neben Johann Sebastian Bach steht? Oder das Fußballidol Fritz Walter neben Reichskanzler Bismarck? Echt problematisch wird es für mich bei Menschen, mit denen wir aktuell zu tun haben. Lehrer, Pfarrer, Vorgesetzte und wer sonst alles auf einschlägigen Websites bewertet und gerankt werden kann. In der Regel anonym und kaum überprüfbar. Urteile sind da schnell gefällt.
Vielleicht bin ich ja etwas antiquiert und idealistisch. Aber direkte Kritik wie direktes Lob von Angesicht zu Angesicht sind mir im menschlichen Bereich noch immer das Maß der Dinge. Denn bewerten hat für mich erst mal mit Verstehen zu tun. Verstehen, warum der andere so tickt und so handelt. Sinnvoll lässt sich das nur im direkten Gespräch klären, in einer Atmosphäre der Offenheit und der Transparenz. Wohlgemerkt, auf beiden Seiten! Vielleicht gibt es da ja noch Verbesserungsbedarf in manchen Schulen, Kirchen oder Unternehmen. Dann jedenfalls wären anonyme Rankings im Netz nicht nur überflüssig, sondern auch viel weniger spannend.

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Eigentlich hat er alles richtig gemacht. Er hat sich gründlich vorbereitet, die Lage genau sondiert. Im entscheidenden Moment seine Gesprächspartner auf Augenhöhe angesprochen. Es war eine geradezu perfekte Präsentation. Eigentlich. Und doch zieht er danach mit leeren Händen von dannen. Nein, die Rede ist nicht vom gescheiterten Handelsvertreter, sondern von Paulus, dem Apostel. Der hatte versucht, die gebildeten Bürger im antiken Athen vom christlichen Glauben zu überzeugen - und scheiterte dabei grandios. So wie viele, die heute versuchen, von dem, was ihnen wichtig ist, etwas an andere weiterzugeben und dann Ähnliches zu hören bekommen: Lass mal gut sein. Erzähl´s mir ein anderes Mal. Interessiert mich gerade nicht. Es trifft Politiker im Wahlkampf ebenso wie Pfarrer im Firmunterricht. Umweltschützer, die sich für bedrohte Arten engagieren und Lehrer, die am Desinteresse ihrer Schüler verzweifeln. Wir leben zwar Tür an Tür im globalen Dorf, doch mitunter in gänzlich verschiedenen Welten. Da kann man schnell mal zur falschen Zeit am falschen Ort bei den falschen Adressaten sein. Mag die Botschaft noch so richtig wie wichtig und die persönliche Performance noch so gut sein. Wir dringen einfach nicht durch.
Manchmal helfen da wohl nur Gelassenheit und das Warten auf den „Kairos", den richtigen Augenblick. Vor allem aber ein langer Atem, sich auch von Misserfolgen und Niederlagen nicht unterkriegen zu lassen. Aufzustehen und es wieder zu versuchen. So wie schon Paulus vor 2000 Jahren.

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