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SWR3 Gedanken

Vor wenigen Tagen ist sie sechzehn geworden. Doch seit Wochen höre ich von meiner Tochter schon, was sie dann endlich alles darf: Endlich in Gaststätten Alkohol bestellen. Endlich im Kino Filme ab 16 ansehen. Endlich bis Mitternacht in der Stadt ausgehen. Ob sie all das auch wirklich tun wird? Sie weiß es wohl selbst noch nicht. Es ist auch gar nicht so wichtig. Einfach zu können, wenn man denn möchte, das ist es! So schmeckt Freiheit.

Trotzdem klafft zwischen Wollen und Können ja nicht selten ein breiter Graben. Auch in einer freien Gesellschaft wird der Geschmack von Freiheit durch Grenzen getrübt. Wenn zum Beispiel das Geld fehlt, um sich Wünsche zu erfüllen. Oder wenn Körper oder Geist nicht mehr so funktionieren, wie wir vielleicht gern möchten. Wenn jemand ans Haus gefesselt ist, oder in der eigenen Welt seiner Demenz versinkt. Und schließlich: Freiheit bedeutet immer auch ein gehöriges Maß an Verantwortung. Für sich selbst und für andere. Jeder Weg, den ich einschlage, hat Konsequenzen, schließt in der Regel andere Wege aus.

Das alles ist auch meiner Tochter irgendwie klar. Und doch ist da diese Sehnsucht nach Freiheit, die offenbar allen Menschen gemeinsam ist. Zur Freiheit seien wir schließlich befreit, lese ich schon in der Bibel. Zur Freiheit, das jeweils Richtige für mich und andere zu finden und auch zu tun. Und zwar ich ganz allein und niemand sonst. Ob es auch immer gelingt - das ist eine andere Frage.

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„Der Mensch denkt, Gott lenkt". Ein Sprichwort, das ich ehrlich gesagt nie sonderlich gemocht habe. Dieser Tage fand ich es in einem Kalender wieder. Etwas abgewandelt steht es sogar in der Bibel (Spr 16, 9). Angesichts der Katastrophen, die wir in diesem Jahr schon gesehen haben, erscheint es mir heute zweifelhafter denn je. Was könnte denn da heißen: Gott lenkt?

Ist er es, der in Japan oder Haiti die Erde beben lässt. Millionenfach Angst und Leid über die betroffenen Menschen bringt? Ist er vielleicht verantwortlich für Bürgerkriege in Afrika? Ist er derjenige, der die Mörderbanden losschickt? Im Kongo, im Sudan, in Libyen? Dann wäre Gott im übelsten Falle eine Art Erfüllungsgehilfe von Despoten und Menschenschändern. Der Mensch denkt sich was - und Gott lenkt? Nein, so einfach können wir es uns nicht mehr machen. Nicht heute. Wir wissen sehr genau, warum die Erde bebt. Wir wissen, wie daraus Tsunamis entstehen. Wir wissen auch, dass das meiste Elend in den Kriegsgebieten Afrikas mit der Gier nach Geld und Macht zu tun hat. Die Vorstellung, dass Gott hinter so etwas steckt, womöglich, um zu disziplinieren, erschien vor 3000 Jahren vielleicht plausibel. Heute klingt sie geradezu pervers. Als lenkender Zuchtmeister hat Gott inzwischen ausgedient.

Die Frage nach dem Sinn des Ganzen ist damit aber nicht erledigt. Vielleicht ist sie der Grund, warum sich Menschen im Angesicht von Katastrophen dennoch an Gott wenden. Weil sie darauf vertrauen, dass er auch in den tiefsten Abgründen noch zu finden ist. Und weil sie hoffen, dass Gott sie in ihrem Abgrund nicht vergisst. Wenigstens er nicht.

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Wie oft muss man eigentlich einem Andern vergeben, hat ein enger Mitstreiter Jesus einmal gefragt. Sieben Mal vielleicht und dann reicht´s endgültig? Nein, bekam er zur Antwort. Nicht sieben, sondern siebenundsiebzig Mal, was so viel heißen sollte wie: immer wieder, da gibt's kein Ende!

Das ist so eine biblische Forderung, hab ich mir oft gedacht, an der du nur scheitern kannst. Und was sollen erst Menschen sagen, denen wirklich Schlimmes angetan wurde. Menschen etwa aus Ruanda. Ein Student, der in unserem Haus wohnt, hat mir die Horrorgeschichten aus seiner Heimat erzählt. Fast keine Familie gibt es in seinem kleinen Land, in dem nicht irgendwer im Bürgerkrieg vor 17 Jahren dem großen Morden zum Opfer gefallen, oder - nicht minder schlimm -  zum Täter geworden ist. Menschen, denen man tagtäglich im Dorf begegnete. Ohne eine übermenschliche Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung wäre Zukunft kaum denkbar gewesen. In Dorfversammlungen, sogenannten Gacacas, haben sie es dann versucht. „Wenn wir sagen, was wir gesehen haben, wenn wir gestehen, was wir getan haben, dann wird das unsere Wunden heilen", hieß ein Motto dieser Zeit. Täter und Opfer saßen sich dabei oft gegenüber.

Vergebung, das ist mir da einmal mehr klar geworden, gibt es nicht um jeden Preis und schon gar nicht zum Nulltarif. Soll sie gelingen, kostet sie beide Seiten verdammt viel Mut und Überwindung. Für den Täter, seine Schuld einzugestehen und um Vergebung zu bitten und für das Opfer, ihm tatsächlich zu vergeben, denn ein Anrecht auf Vergebung  gibt es nicht. Nur die Bitte. Wenn möglich, immer wieder. Vielleicht ist es ja der einzig gangbare Weg zum Frieden.

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Eine Minute lang die Augen schließen und einfach aufmerksam hinhören. Die Kinder in der Gruppenstunde sollten das mal versuchen. Eine simple Aufgabe eigentlich. Doch manche scheiterten schon daran. Sechzig Sekunden Stille können nämlich ziemlich anstrengend sein. Ständige Berieselung und unablässiger Lärm sind vielen so vertraut, dass sie plötzliche Stille als unangenehm, vielleicht sogar als bedrohlich empfinden. Manche Menschen lassen sogar am Bett noch Musik laufen, weil sie sonst nicht einschlafen können. Dauerbeschallung, so kommt es mir manchmal vor, kann ja etwas von einer Flucht haben. Wenn unablässig irgendwelche Geräusche, Musik, Stimmen auf mich einprasseln, komme ich gar nicht erst in Verlegenheit, vielleicht mal wahrzunehmen, was mit mir selber los ist. Ein Mönch erzählte mir einmal, dass manche Gäste, die ein paar stille Tage im Kloster verbringen wollen, sich erst mal unwohl fühlen. Sie kommen mit der Ruhe einfach nicht klar. Wissen nichts mit sich anzufangen ohne Fernsehen, Smartphone, Internet. Ohne ständige optische und akustische Berieselung. An Stille müssen sich manche erst wieder gewöhnen. Doch dann lassen sich vielleicht Dinge entdecken, die uns sonst gar nicht aufgefallen wären. Die Bibel hat dafür ein schönes Bild gefunden. Gott, so erzählt sie einmal, sei nicht im Erdbeben, nicht im Sturm und überhaupt in keiner vernichtenden Naturgewalt zu finden. Wohl aber im leisen Säuseln des Windes. Oder anders ausgedrückt: in der Stille.

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Erinnern sie sich noch daran, was sie am 11. September 2001 gerade taten? In genau dem Moment, als sie von dem großen Terroranschlag in New York hörten? Ich weiß es noch ganz genau. Manche Ereignisse brennen sich geradezu in unser Gedächtnis ein. Mit dem 26. April 1986 ist das nicht ganz so leicht. Ich war damals Student. Erinnern kann ich mich an sonnig milde Frühlingstage, als mich morgendliche Radiomeldungen über eine radioaktive Verseuchung aufhorchen ließen. Genaues wusste da noch niemand. Dass sich die dürren Meldungen erst Tage später als die größte Atomkatastrophe des Jahrhunderts entpuppen sollten, war heute vor 25 Jahren noch nicht absehbar.

Auch ich habe damals nach der Katastrophe gegen Atomkraft demonstriert. Doch wenige Monate später flaute der spontane Protest schon wieder ab. Vielleicht glaubten wir tatsächlich, dass so ein Unglück wie in der Ukraine bei uns nicht passieren könne. Die Rede vom Restrisiko freilich, die gab es auch damals schon. Eine mathematische Größe. Mir ist heute klar, dass das nie nur eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung war. Es ist immer auch eine Glaubensfrage. Wir glauben daran, dass wir eine Situation beherrschen können. Genauso wie wir daran glauben, dass die Bremsen im Auto auch bei starkem Regen zuverlässig funktionieren. Wie wir daran glauben, dass das Bungeeseil beim Sprung in die Tiefe hält. Oder wie wir glauben, dass die Brücke, über die wir gehen, uns trägt. Und doch gibt es bei allem, was wir tun, ein Risiko. Sogar in den banalsten Alltagsdingen. Das Restrisiko eben. Dass wir das trotzdem im Griff haben, es beherrschen können, daran glauben wir. Genau dieser Glaube hat in Fukushima nun ein paar hässliche Risse bekommen.

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Sie hat sich Hals über Kopf aus dem Staub gemacht. Ist geflohen, vor der Wirklichkeit und vor sich selbst. Wo sie hin will weiß sie eigentlich nicht. Nur eines ist ihr völlig klar: Zurückgehen kann sie nicht. Unmöglich! Ora heißt die Heldin in einem Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman. Ihr Sohn ist Soldat und sie will einfach nicht da sein, falls seine Kameraden kommen. Kommen, um ihr womöglich schlimme Nachrichten von ihrem Sohn zu überbringen. Unterwegs sein, das ist jetzt ihre Überlebensstrategie.

Gründe, sich auf einen Weg zu machen, gibt es viele: eine Reise, eine Flucht,  eine Suche. Manchmal vielleicht alles zusammen. Bei der Romanheldin Ora ist das so. Aber auch bei den Beiden aus der Bibel, die sich nach dem Tod Jesu auf den Weg gemacht haben. Bloß weg von dem Ort, an dem ihr Freund ums Leben kam. Einen Tagesmarsch wollten sie machen, nach Emmaus, einem kleinen Dorf in der Nähe. Auf dem Weg dorthin aber beginnt die Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Erst jetzt begreifen sie nach und nach, was da geschehen ist. Je weiter der Weg sie führt, ihrem Ziel entgegen, desto mehr Einsichten und neue Perspektiven brechen in ihnen auf. Am Ende angekommen, gehen ihnen dann die Augen auf, wie es heißt.

Der Romanheldin Ora ergeht es ähnlich: Je weiter sie läuft, desto mehr entdeckt sie über sich selbst, Schmerzliches und Tröstendes. Und je mehr sie entdeckt, umso stärker wird sie. Sich aufmachen, um letztlich bei sich selber anzukommen. Nicht der Weg, ich selbst bin das Ziel! Man muss nur bereit sein, sich überhaupt auf einen Weg zu machen.

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Er war tot und lebt jetzt wieder. Ein Vater sagt diesen Satz. Sein Sohn hatte sich von ihm losgesagt, viele Jahre zuvor. Einfach weg gegangen ist er, hat nie mehr etwas von sich hören lassen. Und auf einmal kommt er zurück, steht eines Tages unvermittelt vor der Tür. Die Überraschung und die Freude sind grenzenlos. Eine Geschichte aus der Bibel ist das und trotzdem eine, die auch heute jeden Tag passieren kann. So oder auch ganz anders. Sie könnte auch heißen: Da fällt einer nach einem Unfall ins Koma. Ist medizinisch praktisch abgeschrieben und findet doch Stück für Stück wieder zurück ins Leben. Monate, vielleicht Jahre später, aber immerhin. Oder: Da findet jemand nach der Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen seine Lebensfreude wieder. Geschichten vom Leben. Vom Verlieren und Wiederfinden. Vom Sterben und vom Auferstehen. Jede dieser Geschichten für sich ein kleines Wunder. Jede eine kleine Ostergeschichte.

Denn heute, am Ostersonntag, feiern Christen das Leben. Sie feiern ihre Hoffnung, dass Tod und Verzweiflung nicht das letzte Wort sein müssen. Dass es da noch mehr und anderes geben kann. Auferstehung ist nicht nur eine theologische Floskel. Manchmal geschieht sie tatsächlich mitten im Leben. Vielleicht gibt es in unserem Leben ja viel mehr Auferstehungsgeschichten, als wir meinen.

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