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SWR3 Gedanken

Kleider mag unsere kleine Emma gar nicht. „Kein Kleid" sagt sie und wehrt sich beim Anziehen mit Händen und Füßen. „Das ist gar kein Kleid", sage ich, „das ist eine Tunika." „Ah", sagt die kleine Emma und lässt sich willig das umstrittene Kleidungsstück über den Kopf ziehen. Na dann. Wenn's die kleine Emma glücklich macht, ist es mir doch Jacke wie Hose, ob das Ding nun Tunika oder Kleid heißt.
In diesem Fall ist es vielleicht wirklich Jacke wie Hose, welche Worte ich wähle. Aber woanders ist es das nicht. Woanders macht es einen großen Unterschied, ob ich Sachverhalte bei ihrem richtigen Namen nenne oder durch die Wahl meiner Worte verschleiere. So etwas nennt man „Euphemismus" oder auf gut deutsch: sich etwas schönreden.
So verbirgt sich hinter einer „Personalfreisetzung" schlicht das Gespenst der Arbeitslosigkeit. In vielen „Seniorenresidenzen" herrschen keineswegs fürstliche Lebensbedingungen für ältere Menschen. Solange sich daran nichts ändert, reden wir doch besser von „Altenheimen". Und wenn wir uns endlich eingestehen wollen, dass etwas passieren muss, sollten wir aufhören vom „Nullwachstum" zu reden, wenn wir „Rückgang" meinen.
Es gibt eine Menge Begriffe, mit denen wir uns die Welt schönreden. Aber schöner wird sie deshalb nicht. Im Gegenteil. Wir beruhigen bestenfalls unser Gewissen. Und verhindern, dass die Welt schöner wird.
„Eine trügerische Zunge liebt die Wahrheit nicht, und ein glatter Mund richtet Verderben an", heißt es im biblischen Buch der Sprüche. Und hinter diesem Satz steckt das uralte Wissen um die Macht des Wortes. Mit unseren Worten können wir Klarheit schaffen und die Dinge beim Namen nennen. Wir können uns aber auch selbst betrügen und glatten Worten trauen, damit die Welt schöner aussieht, als sie ist.
Ob die kleine Emma morgen ein Kleid als Kleid oder als Tunika anzieht, ist mir noch immer Jacke wie Hose. Aber wenn in unserer Welt Dinge wirklich schlimm sind, dann will ich das auch hören und sagen. In klaren Worten. Und nicht mit glatter Zunge.

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Mit dem Zug unterwegs von hier nach da. Ein Bahnhof kommt in Sicht. Der Zug verlangsamt die Fahrt, ich sehe die ersten Häuser. Ich kenne diese Häuser. Von vorne allerdings. Prächtige Bürgerhäuser aus der Zeit, als das letzte Jahrhundert noch jung war. Sorgfältig restauriert sprechen sie von Reichtum und Wohlstand. Damals wie heute. Von vorne jedenfalls. Der Zug gleitet langsam an den Häusern vorbei.
Jetzt kommen sie von hinten in den Blick. Graue, schmutzige, vernachlässigte Gemäuer. Die Fensterrahmen sind morsch, die Balkongitter verrostet, der Sandstein bröckelt. Dieselben Häuser. Die Fassaden ein Bild des Reichtums, die Hinterhöfe zeugen von Alter, von Armut. Wie sehr man sich doch irren kann, denke ich.
Der Zug hält an. Menschen steigen aus und ein. Eine Frau setzt sich zu mir ins Abteil. Sorgfältig gelegte Frisur, perfektes Make-Up, edles Outfit. Sie beginnt, in einer Zeitschrift zu blättern. Aus den Augenwinkeln betrachte ich sie. Und entdecke den dunklen Haaransatz im blonden Haar und die zugepuderten Sorgenfalten auf der Stirn. Und die Schuhe, die schicken, haben abgelaufene Absätze.
Es geht ihr nicht gut, dieser Frau. Auch wenn sie sich alle Mühe gibt, das niemanden merken zu lassen. Die Fassade ist perfekt, aber der zweite Blick straft die Fassade Lügen. Wie sehr man sich doch irren kann, denke ich.
Der schöne Schein. Bei Häusern oder bei Menschen - oft sieht man nur die auf Hochglanz polierte Vorderfront. Aber das Innendrin und Hintendran, das sieht man nicht. Die traurigen Geschichten. Die üblen Erfahrungen. Die schlechten Zeiten. Weil man das auch nicht sehen soll. Wenigstens auf den ersten Blick.
Aber ich weiß auch, wie oft ich mir gewünscht habe, dass jemand einen zweiten Blick riskiert und sich von der Fassade nicht trügen lässt. Weil zu jeder Fassade ein Hinterhof gehört. Und zu jedem Menschen seine Geschichte. Und die ist eben meist mehr als schöner Schein.

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Das Weinen höre ich bereits auf dem Flur der Kindertagesstätte. Es ist meine fünfjährige Tochter, die Rotz und Wasser heult. „Ich habe keine Einladung," schluchzt sie mir entgegen. Aha. Eines der anderen Kinder feiert Geburtstag. Aber meine Emma ist nicht eingeladen. Was für ein Drama.
Und für meine Tochter ist es ein Drama. Nicht eingeladen. Die anderen dürfen zu einer Party gehen, sie muss zu Hause bleiben. Sie gehört nicht dazu. Nicht zum auserwählten Kreis. Und die kleine Emma kapiert instinktiv, worum es geht. Irgendwo spielt sich etwas Schönes ab, und sie ist außen vor.
Die kleine Emma hat ihre Enttäuschung relativ flott verwunden. Bei Erwachsenen dauert das länger. Bei Erwachsenen dauert es unter Umständen ein Leben lang. Dieses miese Gefühl, nicht eingeladen zu sein. Dass das Leben sich woanders abspielt. Einfach außen vor zu sein.
Knapp fünf Millionen Menschen in unserem Land beziehen Hartz IV. Viele davon, wenn nicht die meisten, würden etwas darum geben, nicht zu diesen knapp fünf Millionen zu gehören, die auf Staatsleistungen angewiesen sind. Weil sie genau dieses Lebensgefühl so satt haben: außen vor zu sein, sich ausgeschlossen zu fühlen.
Einige davon kenne ich. Die heulen nicht Rotz und Wasser. Dazu haben sie gar keine Zeit. Die sind rund um die Uhr damit beschäftigt, über die Runden zu kommen. Cent für Cent auszurechnen, ob es bis zum Monatsende reicht. Und ob vielleicht ein kleiner Luxus für die Kinder drin ist. So etwas wie Kino oder Zoo zum Beispiel. Damit wenigstens die Kinder nicht außen vor sind.
Meine Emma habe ich damit getröstet, dass bestimmt bald ein Geburtstag kommt, zu dem sie eingeladen ist. Und so war es denn auch. Ich wünschte, für die knapp fünf Millionen Hartz-IV-Empfänger in unserem Land wäre das auch so. Dass wir es schaffen, sie ernsthaft einzuladen, Chancen zu eröffnen, Möglichkeiten zu schaffen. Damit beim Fest des Lebens keiner außen vor bleibt.

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„Gehört das so?" Ein Mädchen mit einer viel zu großen roten Tasche. Missmutig stapft es durch die Welt, bleibt immer wieder stehen. „Gehört das so?", ruft das Mädchen empört. Zur Verwunderung all derer, die ihr nach und nach folgen. Irgendwann löst sich das Rätsel: In der viel zu großen Tasche ist Elvis. Und Elvis ist ein toter Kanarienvogel.
„Gehört das so?" ist der Titel eines Bilderbuchs von Peter Schössow. Und in dieser Frage steckt die ganze Trauer eines kleinen Mädchens über seinen toten Vogelfreund. In diesen drei Wörtern steckt die Erfahrung, die viele Menschen machen, wenn sie dem Tod begegnen: Er zieht einem die Füße unter dem Boden weg. Das macht traurig, ratlos - und manchmal ziemlich wütend.
Das kleine Mädchen im Bilderbuch ist wütend. Richtig zornig. Weil ihr etwas widerfahren ist, was sie ganz bestimmt nicht will. Nämlich ein Leben ohne Elvis. Und wer auch immer ihr das angetan hat, muss nun ihre Frage aushalten. Ob das so gehört. Ob das so sein darf.
Wenn ich mit Menschen spreche, die einen Angehörigen verloren haben, begegnen mir ganz ähnliche Fragen. Und oft auch ein ganz ähnlicher Zorn. Besonders wenn es ein Tod vor der Zeit war. Was hat Gott sich dabei gedacht?, fragen die Angehörigen. Gehört das so? Und sie sind zornig. Und wollen eine Antwort.
In meinem Bilderbuch gibt es keine Antwort. Es gibt ein Begräbnis. Geschichten über Elvis werden erzählt. Und alle malen sich aus, wie gut es Elvis jetzt geht. Dort, wo er ist. Und irgendwo und irgendwie löst sich der Zorn des kleinen Mädchens. Vielleicht weil es nicht mehr alleine trauert, sondern Freunde findet, die mittrauern. Vielleicht weil es begreift, dass Leben mehr ist als das, was wir sehen.
Gehört das so? Diese Frage spielt am Ende des Bilderbuchs keine Rolle mehr. In unserem Leben werden wir sie immer wieder stellen. Auf eine klare Antwort baue ich nicht. Aber auf Menschen, die mit mir meine Trauer aushalten. Und auf meinen Glauben, dass Leben mehr ist als das, was wir sehen.

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Ihn schauen von Angesicht zu Angesicht. Hand aufs Herz. Würde Ihnen das nicht gefallen? Wenn Sie Gott einmal von Angesicht zu Angesicht sehen könnten? Wie er wirklich aussieht? Der Herrscher des Himmels, von dem wir uns kein Bild machen sollen. Und auch keins machen können. Weil ihn eben noch keiner gesehen hat. Noch keiner?
Google Street View hat Gott gesehen. Und ihn gleich auch noch fotografiert. Genauer gesagt auf der Schweizer Autobahn A 3 in der Nähe der Gemeinde Quarten. Gott wohnt also am Walensee und trägt rosa. Denn auf der verschwommenen Aufnahme sieht man zwei Gestalten am Himmel, wovon eine ein rosafarbenes Gewand trägt. Die andere Gestalt könnte der Heilige Geist sein. Oder was auch immer.
Mittlerweile gibt es ähnliche Bilder aus Winterthur und sogar aus einem St. Gallener Tunnel. Gott scheint also auf jeden Fall ein Schweizer zu sein. Außer man glaubt den Skeptikern. Die befürchten nämlich, dass es sich keinesfalls um überirdische Phänomene handelt, sondern schlicht um eine optische Täuschung, die bei 360-Grad-Aufnahmen vorkommen kann. Oder gar nur um einen Fleck auf der Linse.
Wie auch immer. Wenn ich das Bedürfnis habe, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, dann halte ich es mit einer kleinen Geschichte. Die erzählt, wie einer erfährt, dass Gott ihn besuchen will. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden klopfen ein Bettler, eine kranke Frau und ein Kind an seine Tür. Als der Tag zu Ende ist, ist der Mann sehr enttäuscht. Weil Gott doch zu Besuch kommen wollte, aber scheinbar gar nicht da war. Doch schließlich begreift er: Gott war da. Als Bettler, als kranke Frau und als Kind. Und er hat ihn gar nicht erkannt.
Ich werde weder an den Walensee noch nach Winterthur reisen, um Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Ich werde einfach aufmerksam in das Gesicht meiner Mitmenschen blicken. Dort werde ich Gottes Angesicht vermutlich eher erkennen als auf den Aufnahmen eines Internetdienstes.

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„Wie mag sich der Tropfen fühlen, der das Fass zum Überlaufen bringt?" Ein Spruch auf dem Kalenderblatt. Gute Frage. Weil man sich über diesen Tropfen so gut wie nie Gedanken macht. Dabei ist die Welt voll von solchen Tropfen.
Zum Beispiel meine Tochter Emma. Die ist oft der Tropfen, der mein Fass zum Überlaufen bringt. Ohne es zu ahnen. Fegt das Glas mit Apfelsaftschorle vom Tisch. Und wird dermaßen ausgeschimpft. Als gäbe es nichts Schlimmeres als ein bisschen Pappapp auf dem Boden. Dabei bin ich eigentlich sauer, weil ich längst woanders sei müsste. Weil jemand am Telefon nicht besonders freundlich war. Weil mal wieder etwas nicht so klappt, wie ich das will. Aber woher soll Emma das wissen? Sie ist ja nur der Tropfen.
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Soll es auch woanders geben. Zum Beispiel die Mitarbeiterin, die einen harschen Anpfiff ihres Chefs abbekommt, weil sie zwei Minuten zu spät zum Termin erscheint. Aber dessen schlechte Laune hat schon eine lange Geschichte hinter sich. Die fing mit Zahnpasta auf dem Hemd an, ging über nörgelnde Kinder bis hin zu einem demolierten Außenspiegel auf dem Firmenparkplatz. Von all dem weiß die Mitarbeiterin nichts. Sie ist ja nur der Tropfen.
Wie mag sich der Tropfen fühlen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Mies, um es mit einem Wort zu sagen. Weil an ihm etwas ausgetobt wird, was eigentlich woanders seinen Platz hätte. Aggressionsverschiebung nennt man das auch. Der Ärger entsteht hier und da, aber ausgetobt wird er woanders. Wo er eigentlich gar nicht hingehört.
 „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen," sagt Jesus in der Bibel. Ich mag nicht der Tropfen sein, der jemandes Fass zum Überlaufen bringt. Also werde ich mir umgekehrt auch Mühe geben: dass mein Fass gar nicht erst zum Überlaufen voll wird. Dass ich meinen Ärger dort austrage, wo er hingehört. Damit eben nicht irgendein armer Tropf der Tropfen ist, und ich das Fass, das die Fassung verliert.

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Er fühlt sich anders an. Er hört sich anders an. Der Sonntag. Das merke ich schon wenn ich aufwache. Normalerweise höre ich Räder rollen. Eins nach dem anderen über den Asphalt vor unserem Haus. Berufsverkehr. An einem normalen Tag. Aber nicht am Sonntag. Nur vereinzelt ein Motorengeräusch. Dazwischen Stille.
Er fühlt sich anders an. Er sieht anders aus. Der Sonntag. Wenn ich zum Gottesdienst in den Nachbarort fahre, sehe ich nur wenige Menschen. Meistens in Freizeitkleidung. Auf dem Weg in die Bäckerei. Brötchen holen für das Familienfrühstück. Das an jedem anderen Tag ausfällt. Weil ja alle irgendwohin müssen.
Er fühlt sich anders an. Er ist anders. Der Sonntag. Er ist anders als alle anderen Tage der Woche. Irgendwie gemächlicher, zeitloser. Irgendwie entspannter. So, als hätte man an diesem Tag nichts zu versäumen. An diesem Tag atmet die Welt Zeit.
Sicher gilt das nicht für alle. Noch nicht einmal für mich. Gerade am Sonntag muss ich in der Regel zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Und andere noch mehr. Die Bäckereifachverkäuferin, der Rettungsassistent, der Schichtarbeiter.
Und dennoch: Stellen wir uns einmal vor, am Sonntag wäre alles so wie am Montag. Oder am Dienstag. Oder am Mittwoch. Morgens um sieben würden die Räder nahtlos über den Asphalt rollen. In den meisten Häusern würde mehr oder weniger eilig das Frühstück absolviert. Stellen wir uns einmal vor, der Sonntag wäre nicht anders. Nicht anders als alle anderen Tage der Woche. Wollen Sie sich das wirklich vorstellen?
 „Gott sei Dank, es ist Sonntag," heißt es in einer Kampagne der evangelischen Kirche. Weil es ohne Sonntag eben wirklich nur noch Werktage gibt. „Am siebten Tage sollst du ruhen," sagt Gott in den zehn Geboten. Weil Gott richtig Ahnung davon hat, was Menschen wirklich brauchen. Nämlich einen Tag in der Woche, der anders ist. An dem die Welt Zeit atmet.

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