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SWR3 Gedanken

Gestern Morgen wache ich auf und ein Schmerz zieht durch meine Wirbelsäule: Übel! Den ganzen Tag über geht ich irgendwie krumm und schief: Jede Bewegung langsam, vorsichtig. Ich komme mir irgendwie merkwürdig vor. Jeder, der mir begegnet, scheint mich irgendwie zu mustern: „Was ist denn mit der los? Wie läuft die denn?" Ein wirklich blödes Gefühl. Und mir fällt eine Geschichte ein, in der auch eine Frau Stress mit ihrem Rücken hat - aber nicht nur für ein paar Tage! Sie lebte seit Langem schon so! Jesus begegnet dieser Frau. Wie gesagt: Sie ist schon seit Jahren völlig verkrümmt. Sie kann sich nicht mehr aufrichten, sie kann keinen Himmel sehen. Sie kann niemandem in die Augen sehen. Sie kann nicht sehen, ob die Menschen es gut mit ihr meinen oder böse. Sie sieht nur die Füße der Anderen und den Schmutz und Staub der Erde. Ob auch sie denkt - dass alle Welt ausgerechnet nach IHR sieht? Es ist nicht alle Welt, die nach ihr sieht - aber Jesus tut es. Und er tut es in Liebe, nicht mir Häme, Schadenfreude oder Neugierde. Er ruft sie zu sich, er spricht mit ihr, er richtet sie auf. Er nimmt sie wahr! Er heilt ihre Seele und ihren Körper. Und er schenkt ihr das Selbstvertrauen und die Fähigkeit, den anderen ins Gesicht zu sehen. Ich könnte mir vorstellen, dass er ihr zuflüstert: „Frau, was kümmert dich das Urteil der Anderen? Ist es nicht egal, was SIE von dir denken? Du bist jemand! Du bist wichtig. Du bist geliebt von mir, von Gott! Genau so, wie du bist!" Alles, was anders ist als das „Normale" zieht unsere Blicke auf sich. Das ist ja auch erst mal nicht schlimm. Nur leider ist es ganz oft auch mit einer schnellen Wertung verbunden - mit einem Einsortieren in die Schubladen unserer Vorurteile! Menschen mit Behinderungen können davon viele Geschichten erzählen. Das nur für einen einzigen Tag mitzukriegen ist schon nicht wirklich schön, geschweige denn ein ganzes Leben! Wie gut, wenn sie jemanden an ihrer Seite haben, der ihnen zeigt, wie wertvoll und wichtig sie sind.

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Es war ein langer anstrengender Tag. Endlich komme ich nach Hause und schließe die Türe auf. Es dauert keine 5 Sekunden und ich werde stürmisch von meinem Hund begrüßt. Wicky, meine Retrieverhündin hat mich vermisst und freut sich, mich wieder zu sehen. Also: Schicke Kleider aus, Jeans, Pulli und dicke Jacke an und raus an die frische Luft, die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genießen. Wir gehen und laufen und toben und der kalte Wind bläst uns um die Ohren.
Als wir nach einer Stunde wieder nach Hause kommen habe ich eine rote Nase und rote Wangen. Wicky ist k.o. Meine Anstrengung ist verflogen und ich bin wie ausgewechselt. Jetzt noch eine Tasse Tee und ich bin wieder voll einsatzfähig. Diese Auszeiten und Spaziergänge sind für mich zu kleinen Fluchten geworden. Ich muss nicht reden, wenn ich nicht will. Stattdessen komme ich wieder in Bewegung. Diese kleinen Fluchten verscheuchen Mühen und Ärger und schaffen neuen Platz im Hirn und im Herzen. Wicky ist erst seit einem Dreivierteljahr bei mir. Aber seither hat sich mein Leben zum Guten verändert. Ob ich will oder nicht - Wicky will spazieren gehen. Ob die Arbeit sich stapelt oder nicht - Wicky will spielen. Ob ich müde bin oder nicht - Wicky stupst mich mit ihrer Nase an und fordert mich auf, mich um sie zu kümmern, alle Arbeit und alle Gedanken mal liegen zu lassen. Es klingt vielleicht banal, aber Wicky hat mich ganz neu spüren lassen, was das heißt: gesegnet zu sein. In der Schöpfungsgeschichte segnet Gott ja nicht nur den Menschen - sondern eben auch die Tiere. Draußen beim Spielen habe ich das Gefühl, als gebe Wicky diesen Segen Gottes an mich weiter. Und das gibt mir die Kraft dasselbe zu tun - so gut ich das kann in meinem beruflichen und privaten Umfeld.

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Und warum verkleiden Sie sich an Fastnacht? Weil man das halt so macht?
Ich glaube, es gibt viele Gründe, das mal für eine kurze Zeit auszuprobieren. Vielleicht will man einfach mal jemand anders sein. Oder mal was unter der Verkleidung verstecken, was keiner sehen soll!
Da können wir schon bei Adam und Eva anfangen. Die Bibel erzählt, wie sie normalerweise im Paradies herumgelaufen sind: nämlich so wie Gott sie schuf: Nackt und ohne Kleidung - Ver-kleidung! Keiner von beiden konnte oder wollte was verbergen. Wozu auch: Es gab ja nur sie beide, ein paar Tiere und Gott, der sie ab und zu besuchen kam und für alles gesorgt hat. Warum sollten sie auch was verbergen? Dann aber verstoßen sie gegen das, was Gott von ihnen verlangt- wie Kinder, die zum ersten Mal etwas tun, was die Eltern verboten haben. Adam und Eva kommen sich sehr clever dabei vor. Aber in Wirklichkeit verlieren sie ihre Unschuld. Auf einmal haben sie was zu verbergen! Auf einmal sehen sie, wie verletzlich sie sind, wie fehlerhaft und wie nackt und sie kleiden - sie verkleiden sich. Sie verbergen ihre Scham  vor dem Anderen, vor Gott. Denn auch jetzt kommt Gott irgendwann mal wieder - sozusagen auf einem seiner Spaziergänge durch das Paradies bei den beiden vorbei. Er ruft nach ihnen, kann sie nicht mehr finden. Weil sie sich versteckt, verkleidet, verborgen haben. Ich glaube, dass uns das genau so geht wie Adam und Eva. Vor lauter Angst, ein anderer könnte unsere Verletzlichkeit, unsere Schwachstellen, unser tiefstes Inneres und unsere Fehler der Vergangenheit und der Gegenwart entdecken verkleiden wir uns mit Stärke, Coolness und Kaltschnäuzigkeit. Wir leben halt nicht mehr im Paradies, deshalb ist das vielleicht auch manchmal nötig. Aber immer? Auch auf die Gefahr hin, dass nicht immer schön liebevoll ist, was ich entdecke - bei mir, bei anderen: Ich will einfach glauben, dass wir weiterkommen, wenn wir immer öfter wieder den Menschen zeigen, der wir sind, den wir verbergen - hinter unseren schützenden Masken.

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Verkleiden ist ein Spiel. An Fastnacht jedenfalls. Es macht Spaß, mal in eine andere Rolle hineinzuschlüpfen, jemand anderes zu sein als im normalen Leben.
Verkleiden kann aber auch ganz schön hinterlistig sein. Wie bei Jakob und seiner Mutter. Die Bibel erzählt davon, wie die beiden die Schwäche des alten Vaters ausnützen. Sie machen einfach aus Jakob jemand anderen!
Und das kam so: Isaak hat zwei Söhne: Das ältere Raubein Esau, der immer draußen bei den Tieren ist und den feineren und jüngeren Jakob. Als Isaak im Sterben liegt, bittet er Esau, ihm ein Wildgericht zu bereiten, damit er ihm dann anschließend den absolut einmaligen väterlichen Segen geben kann. Esau geht sofort auf die Jagd. Rebekka jedoch, die Mutter der beiden, ist mit dieser Erbfolge überhaupt nicht einverstanden. Ihr Liebling ist nämlich der jüngere Jakob. Also tricksen die beiden den Sterbenden aus. Rebekka kocht ein gutes Gericht und steckt den feinen Jakob in das raue Fell eines Tieres, verkleidet ihn so gut es geht. Und Isaak, der alte Mann, merkt nichts davon und wird durch diese Verkleidungstaktik eiskalt überlistet. Er zögert noch, als er die Stimme des jüngeren Bruders hört - doch als er die rauen Hände berührt - die ja im Tierfell stecken, da ist er überzeugt:
Es ist Esau, der Ältere, das Raubein. Und: Er segnet ihn! List geglückt! Als Esau später den Betrug erkennt, ist er maßlos entsetzt und wütend. Er bittet seinen Vater um einen weiteren Segen - aber das geht nicht. Denn mit dem ersten Segen hat Jakob schon seinen Besitz vererbt. Es kommt, wie es kommen muss: Jakob muss fliehen vor der Wut und der Rache seines Bruders Esau. Verkleiden ist klasse - so lange es ein fröhliches Spiel bleibt und am Schluss nicht ein einzelner die Zeche zahlen muss!

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Haben sie schon ein Kostüm? Ich meine für Fastnacht, Karneval. Noch nicht, na dann wird es aber höchste Zeit! Das Verkleiden ist doch mit das Spannendste, finde ich. Endlich mal jemand anderes sein als man ist. Endlich mal so mutig wie ein Pirat sein, so geheimnisvoll wie eine Hexe, so fröhlich wie ein Clown oder so kühl wie eine Meerjungfrau!
Mal jemand anders sein ist spannend - und manchmal sogar hilfreich! Wie bei der jungen Tamar in der Bibel: Sie war Witwe geworden und ihr Schwiegervater Juda verwehrt ihr das Recht, bei ihm im Haus zu leben, wie das damals vor 3000 Jahren üblich war. Juda schickt sie wieder zu ihrem Vater zurück - eine Schande für die junge Frau. Aber: Tamar ist geduldig, ein wenig listig und eine Künstlerin im Verkleiden!
Sie schminkt, verhüllt und verkleidet sich, bis sie aussieht wie eine Hure. Als ihr Schwiegervater in ihren Ort kommt, erkennt er sie nicht und will ihre Liebesdienste in Anspruch nehmen. Sie stimmt zu, lässt sich aber ein Pfand für die Bezahlung geben: Der Siegelring des Schwiegervaters. Drei Monate später wird sie vor ihm verklagt: Man sagt ihr nach, sie habe Hurerei betrieben und sei dabei schwanger geworden. Darauf stand damals die Todesstrafe, wegen der Ehre der Familie und der Schande und überhaupt! Aber: Die kluge Tamar lässt ihrem Schwiegervater den Siegelring bringen „Von dem Mann, dem dieses gehört, bin ich schwanger geworden!" Juda erkennt sein Unrecht. Und er erkennt, dass Tamar gerechter und klüger ist, als er selbst.
Tamar hat ihre Verkleidung und ihre Klugheit das Leben gerettet. Uns soll unser Kostüm an Fastnacht wohl einfach nur Spaß machen. Und trotzdem: Es ist gut, wenn man weiß, wer sich hinter der Meerjungfrau versteckt, die einem gerade den Kopf verdreht!

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Frau Sander würde sterben. So viel war klar. Ich sah es an ihrem Gesicht, an ihren Augen. Sie war auf der Reise in eine andere Welt. Wir haben uns seit einigen Jahren gekannt und die Angehörigen hatten mich gebeten noch mal zu kommen und mit ihr zu beten.
Wir standen also im Kreis rund um ihr Bett und wussten nicht, was sie noch mitbekam und was nicht. Ich schlug das Gesangbuch auf und wir sangen leise eines ihrer Lieblingslieder: Stern auf den ich schaue. Tränen flossen, aber kein Wunder geschah - oder vielleicht doch? Die Lippen der alten Dame bewegten sich. Mehr flüsternd als singend kamen die Worte des Liedes über ihre Lippen. Wort für Wort, leise - aber klar verständlich. Von der ersten bis zur dritten Strophe. Auswendig und fehlerfrei. Zwei Tage später war sie tot.
Wenn ich heute darüber spreche kriege ich noch immer eine Gänsehaut. Wie hat Frau Sander mit diesem Lied gelebt! Ich wusste, dass sie in ihrem langen Leben zu Kriegszeiten und auch später Dinge gesehen und erlebt hat, die man niemandem wünscht. Offenbar hat das Lied ihr so großen Halt gegeben, dass sie es in der letzten schweren Situation ihres Lebens immer noch im Herzen hatte - nämlich beim Sterben.
„To learn by heart", so heißt es im Englischen, wenn man etwas auswendig lernt - mit dem Herzen lernen. Das hat sie mit diesem Lied wohl getan.
Meine Konfirmanden und Konfirmandinnen lernen im Unterricht nicht mehr viel auswendig. Und auch sonst in der Pädagogik ist das kein wirkliches Thema mehr - auswendig lernen. Ich habe mir vorgenommen, daran etwas zu ändern, denn: Es gibt auch heute eine Menge Liedtexte, die es wert sind, mit dem Herzen gelernt zu werden - auch für Jugendliche

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„So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein seligs Ende und ewiglich" -das ist ein Kirchenlied. Gern und oft besonders von älteren Menschen gesungen. Als junge Pfarrerin ging das echt gegen mich: Die antiquierte Sprache, dieses „Sich-fügen" in Gottes Willen... das war nichts für mich. Bis mich ein älterer Kollege scharf zurecht gewiesen hat. Ob ich denn überhaupt wüsste, wie viel es den Menschen bedeutete und wie es entstanden sei. Bevor ich mir ein Urteil erlaube, solle ich mich doch erst mal schlau machen.
Also hab ich im Internet gesurft und herausgefunden, wer dieses Lied geschrieben hat: und zwar eine Julie von Kaufmann. Ihre Geschichte war die: Julie ist frisch verlobt. Aber: Ihr Mann geht fort. Es ist das Jahr 1862 und er hat sich schon für ein Leben als Missionar in Afrika entschieden! Julie Kaufmann reist ihm nach, will ihn überraschen. Als sie in Schwarzafrika ankommt, fragt sie sich bis in das Dorf vor. Ganz allein. Sie kommt heil im Dorf an und überquert den Friedhof. Sie sieht ein frisches Grab. Das Grab ihres Verlobten. Erst 29 Jahre jung, ist er gestorben an einer heimtückischen Krankheit. Julie Kaufmann bricht an seinem Grab zusammen mit den Worten: „Mein Gott, warum?" Doch noch am selben Abend setzt sie sich hin und schreibt: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein seligs Ende und ewiglich." Keine Wut, kein grausames quälendes „Warum" mehr. Nur noch die Bitte: Mach du's, Gott, führe mich! Diesen schweren Weg kann nicht alleine gehen!
Vielen Menschen spricht dieses Lied aus dem Herzen. Oft sind es ältere Frauen. Sie haben die Wirren des Krieges erlebt, haben ihre Heimat und liebe Menschen verloren. Sie haben erlebt, was Julie Kaufmann schreibt: Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht. Du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht.

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