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SWR3 Gedanken

Eine Mall irgendwo in Kanada zur Mittagszeit. Im Foyer des Einkaufsparadieses sitzen Familien und essen Pizza. Paare trinken einen Kaffee, ältere Menschen ruhen sich bei einem Glas Saft aus. Berufstätige hämmern Nachrichten in ihre Laptops.
Plötzlich steht eine Frau auf, nimmt ihr Handy und singt schallend laut Halleluja hinein. Laut, richtig laut. Sie zieht alle Blicke auf sich. Doch schon müssen sich die überraschten Leute umdrehen. In der anderen Ecke stellt sich ein Mann auf seinen Stuhl und stimmt mit ein. Dann erklingt das Halleluja mit von einem Paar am Rand, und aus der Kehle eines als Putzmann verkleideten Mannes. Überall tauchen Sänger und Sängerinnen aus der Menge auf und singen Halleluja, Halleluja - das bekannte Chorstück aus Händels Messias. Immer größer wird der Chor - die verblüfften Einkaufenden wissen gar nicht wohin schauen - um sie herum schallt es aus allen Ecken und Enden „Halleluja".
Manche hören mit Tränen in den Augen zu. Kinder lassen mit offenem Mund die Gabel sinken. Für die fünf Minuten des Chorstücks befindet sich die Welt in dieser Mall in einer anderen Dimension. Mitten im profanen Alltag ist in diesen Minuten das Lob Gottes zu erleben, ein Hereinbrechen des Jubels in die Welt.
Natürlich ist es ein Profichor, der da aus heiterem Einkaufshimmel den Menschen eine solche Überraschungsfreude macht. So kraftvoll, enthusiastisch und spontan singen nur Profis - oder Engel.
Die Szene gibt es als Video- Sie können es sich auch angucken auf youtube unter dem Stichwort flashmob halleluja  - so stelle ich mir das vor- ein Stück Himmel auf der Erde.

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„Dieser war auch mit dem Jesus aus Nazareth" - so steht es auf dem Grabstein von Johannes Rau, dem ehemaligen Bundespräsidenten. Gestern vor 5 Jahren starb er in Berlin.
Dieser war auch mit dem Jesus aus Nazareth. Das sagt eine Magd über Petrus. Der Jünger Petrus sitzt nach der Gefangennahme Jesu ängstlich im Hof des Hohenpriesters, um zu sehen, was passiert. „Dieser war auch mit dem Jesus aus Nazareth" sagt eine Magd und zeigt auf ihn. Petrus kriegt Panik, leugnet und flieht schließlich. Erst später, als er dem Auferstandenen Jesus begegnet, findet er zu der früheren Begeisterung zurück. Warum? Weil Jesus ihm seine ganze Feigheit vergeben hat. Weil er ihn trotzdem liebt und ganz gezielt ihm Verantwortung überträgt.
Johannes Rau hat auch als Bundespräsident keinen Hehl daraus gemacht, dass ihn diese Hoffnung trägt. „Wir rackern", sagte er einmal, „als wäre dieses Leben nicht nur der Güter höchstes, sondern auch das letzte. Wir tragen unseren Stress wie eine Ordensspange vor uns her. Vielleicht wäre es wichtiger, wenn die Mitteilung der Magd zum Hauptsatz unserer Who-is-who- Kurzbiographie würde: dieser war auch mit dem Jesus aus Nazareth"
Johannes Rau kann keine Reden mehr halten, aber der Satz auf seinem Grabstein predigt auf eindrückliche Weise. Entstanden in einer Situation von tiefer Niederlage erzählt der Satz auch von einem Leben, das mehr ist als die Summe seiner Erfolge oder Niederlagen.

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I will survive!! Zu den Beats des alten Hits tanzen vier junge Leute und ein alter Mann. Der alte Mann trägt ein weißes Shirt mit der Aufschrift ‚survivor', Überlebender.
Die Gruppe tanzt auf Eisenbahnschienen, vor altem Gemäuer, auf Gedenkplätzen und mit Stacheldrahtzäunen im Hintergrund. Eins ist allen Plätzen gemeinsam - es sind Orte, an denen vor rund 70 Jahren jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger ghettoisiert, zusammengepfercht und ermordet wurden.
Adolek Kahns Tanz in Auschwitz hat für Furore gesorgt. Darf man in Auschwitz tanzen? Ich habe mir das Video angeschaut und bin überzeugt: ja! Adolek Kahn darf, kann, soll tanzen. Der 89Jährige soll tanzen, an allen Orten, die bisher in seiner Erinnerung mit Angst, Tod und Verbrechen verbunden waren.
Gibt es ein eindrücklicheres Zeichen dafür, dass Leben und Liebe stärker sind als Tod und Hass?
Damit wird nichts beschönigt und nichts heruntergespielt - die Verbrechen der Nazis kann man nicht wegtanzen, mit dem Bewusstsein für die Manipulierbarkeit des Menschen leben wir. Aber man kann dem auch etwas entgegen setzen.
Wenn Adolek Kahn tanzt, wird eine Lebensfreude sichtbar, die einlädt -zum gemeinsamen Erinnern, zur Versöhnung und dann zum Tanzen!
Heute ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz. Es wäre gut, wenn wir beides könnten: die Schrecken erinnern, Verdrängtes offen legen. Und dann: das Leben feiern!

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Es gibt Menschen, die verbreiten Chaos. Wo immer sie gehen und stehen. Martin ist so jemand. Wenn er ins Büro kommt, sind binnen Sekunden alle damit beschäftigt, seinen Schlüssel zu suchen. Oder wir legen unser Kleingeld zusammen, damit er sich einen Kaffee holen kann, weil er seinen Geldbeutel nicht findet. Oder wir hören zu, wie er heute Morgen den Nachbarn aus dem Bett klingeln musste, weil sein Autobatterie leer war - er hatte das Licht angelassen. Oder wir telefonieren unsere PC-Hilfe-Liste durch, weil Martin diesen Virus auf dem Computer hat - sein Virenprogramm ist schon drei Jahre abgelaufen.
Immer wieder frage ich mich, wie Martin mit dieser Chaoswolke um sich herum eigentlich seinen Alltag hinkriegt.
Wahrscheinlich weil er Massen von Menschen mobilisiert, seine Versäumnisse auszubügeln und ihm aus der Patsche zu helfen. Vermutlich sind chaotische Leute deshalb auch die kreativsten Köpfe, ständig müssen sie sich Strategien einfallen lassen, nicht im Tohuwabohu zu versinken. Was übrigens das Wort ist, aus dem Gott laut biblischem Schöpfungsbericht die Welt entstehen ließ. Tohuwabohu. Mitten in dieses Tohuwabohu, also ein undefinierbares Chaos spricht Gott und es entsteht eine geordnete Welt.
Insofern leisten chaotische Menschen vielleicht tatsächlich wertvolle schöpferische Arbeit: weil für sie immer wieder auf's Neue ordnende Wege entstehen müssen. Am 6. Tag hat Gott als Krönung seines Werks den Menschen aus dem Chaos ins Leben gerufen. Gut, dass auch Menschen wie Martin dabei sind. Jeden Tag vermittelt er uns, dass Gott uns viel zutraut: das Chaos bändigen, kreativ werden, nicht zuletzt für andere und mit anderen.

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„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott." - ein Spruch, den ich noch nie mochte.
Als ob es meinen Aktionismus , meinen sichtbaren Einsatz bräuchte, damit Gott in Notlagen auf mich aufmerksam würde. Als ob wir uns letztlich sowieso nur auf uns selbst verlassen könnten.
Die Erfahrung glaubender Menschen ist gerade die umgekehrte: In der tiefsten Einsamkeit, in der größten Notlage, wenn sie nicht mehr weiter wissen, steigt manchmal ein Gebet herauf. Und immer wieder machen Menschen dann die Erfahrung: mein Gebet geht ja gar nicht ins Leere. Jemand sieht mich, hört mich, ich habe ein Gegenüber. Ich bin nicht ganz alleine."
Aus diesem Erlebnis heraus, gewinnen Menschen die Kraft wieder Schritte aus der Tiefe zu wagen, vielleicht auch sich anderen mitzuteilen. Aus der Erfahrung am eigenen seelischen Nullpunkt auf ein Gegenüber in der Tiefe zu treffen, nehmen sie wieder wahr, dass es noch andere Menschen gibt, die es gut mit ihnen meinen. Manche rappeln sich dann auf, arbeiten sich selber oder mit Hilfe anderer aus dem Loch heraus. Andere haben trotz der positiven Gebetserfahrung dazu die Kraft nicht mehr. Aber: sie wissen sich dennoch geborgen und trauen Gott zu, dass ihr Leben auch in seiner Brüchigkeit geborgen ist.
Beides ist Hilfe, die sich niemand selbst geben kann.
Wer nur auf sich selbst vertraut, dem kann Gott auch nicht mehr helfen. Oder, wie es einer meiner Lehrer in der Schulzeit formulierte: „Wer sich nur auf sich selbst verlässt, ist schnell verlassen."

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„Wozu muss ich das lesen?", gelangweilt drückt mir meine Älteste die Reclamausgabe eines Klassikers in die Hand. „Weil es wichtig ist", sage ich, „es ist zeitlos! Was die Menschen in diesem Stück umtreibt, ist nach wie vor aktuell. Der Autor hat die Gefühle und Gedanken der Menschen so treffend beschrieben, dass wir auch heute noch was davon haben."
Ohne Kommentar und Begeisterung ziehen Tochter und Reclamheft ab. Eine Weile liest sie tatsächlich. Dann steht sie wieder an meinem Schreibtisch und schaut auf meine Arbeitsbibel. „Warum liest du immer in der Bibel? Ist die auch zeitlos?"
„klar", sag ich, „zeitlos und unerschöpflich. Weil anders als in deinem Drama viele unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten darin geschrieben haben."
„Und was soll dann daran zeitlos interessant sein?"
„Weil sich alles darin um Menschen und ihre Geschichte mit Gott oder um Gott und seine Geschichte mit den Menschen dreht. Jedes Buch in der Bibel, manchmal sogar jedes einzelne Kapitel, erzählt eine andere Geschichte."
„Und warum liest du das dann immer wieder?"
„Tja, ich entdecke eben immer wieder was Neues darin, oder verstehe endlich, wie vieles darin mit mir und meinem Leben zu tun hat."
„Warum schreibst du sie dann nicht weiter, Mama. Aus unserer Zeit hat ja wohl niemand mehr was dazu getan."
„Na ja, sie wird doch weitergeschrieben. Mit jedem Leben, mit jedem Erlebnis, das Menschen mit Gott machen, wird die Bibel weitergeschrieben."
„Du meinst: du und ich, wir schreiben die Bibel weiter?"
„Ja, so kann man es vielleicht sagen. Wir alle schreiben die Bibel weiter mit unserem Leben."
Mein Teenager legt das Reclamheft zur Bibel, „Na gut, dann passt vielleicht sogar auch der Schiller da rein. Ganz zeitlos"

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Solche Januartage wie jetzt sind wohl immer matschgrau. Da machen Urlaubsplakate viel her: sattgrüne Palmen an einer Meeresbucht, ein Segelschiff schaukelt auf einem blitzblauen Ozean, eine Gruppe braungebrannter Menschen lacht unbekümmert vor einem antiken Tempel - Paradies so weit das Auge reicht.
Paradies im doppelten Sinn: eins, das ein besseres Leben verspricht und eins, das meist unerreichbar ist, zumindest mit normalem Geldbeutel und Terminplaner.
Ach ja, das Paradies! Laut Bibel ist es die erste Heimat des Menschen. Eine Heimat, die er verloren hat. Verloren, weil Adam und Eva die Idee hatten, mehr zu wollen, als vorgesehen war. Sie wissen schon, die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel. Seit diesem vorhistorischen Rausschmiss aus dem Paradies, sehnen sich die Menschen dorthin zurück.
Aber vielleicht sind wir trotz matschgrauem Januar gar nicht so weit davon entfernt. Ich denke dabei nicht an die Malediven, griechische Inseln oder Feuerland. Vielleicht ist der Trick sich ganz auf unseren aktuellen Lebensraum einzulassen. Auf die bunten Seiten, die es ja auch hier gibt. Anstatt mich sehnsüchtig von Plakat zu Plakat und von Tagtraum zu Tagtraum zu hangeln, entdecke ich die kleinen Oasen in meinem eigenen Umfeld. Ohne noch mehr, noch anderes, noch schöneres zu wollen.
Ich sage ja zu dem, was nun mal so ist. Und vertraue darauf, dass Lebensqualität nicht vom Wetter oder dem Ambiente abhängt. Das Leben ist lebenswert, wenn ich es wertschätze. Das was ich habe. Das, was schon da ist, was andere mir geben, was ich selbst anderen geben kann. Da kommt dann doch einiges zusammen, bunt und lebendig - und lebenswert.
Klar - das Paradies in Gänze habe ich damit noch nicht gefunden, aber ich bin doch eine ganze Strecke näher dran. Näher jedenfalls als dem Urlaubsparadies auf dem Werbeplakat.

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