Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Intensivstation. Ein Freund von mir liegt auf der Intensivstation.  Das Team der Ärzte und Pfleger kümmert sich intensiv um ihn. Tag und Nacht. Ruhig, professionell, freundlich. Nur an den Rändern unter den Augen von Manchen sieht man wie gestresst sie sind. Intensiv auch der Einsatz der Technik. Beatmungsschlauch, EKG, Pulsoxymeter, Monitor, Thorax-Drainage, Urinkatheter, Venenkatheter, Magensonde, Absaugapparat.  Ein Gewirr von Kurven, Schläuchen und Leuchtziffern. Kein schöner Anblick, nicht nur wegen der vielen Technik. Aber ohne sie wäre mein Freund wahrscheinlich schon tot. Intensiv auch die Gerüche - nach Desinfektionsmittel und Blut. Es ist ein Ort der Lebensverdichtung so eine Intensivstation. Das Leben auf' s Heftigste: Der Autounfall neben der Hirnblutung, der junge Mensch neben dem alten. Schicksale am Bett. Der Vater bei seinem Sohn, die Tochter bei der hochbetagten Mutter und die Frau am Bett eines Mannes... Sie schaut aus dem Fenster mit einem Blick, der mich mehr bedrückt als die ganze Notfallatmosphäre der Intensivstation. Im Warteraum auf dem Flur ist ein Foto, an dem mein Blick jedes Mal hängen bleibt: Der Salto eines Trapezkünstlers in Mehrfachaufnahme. So oft aufgenommen bis eine Umdrehung abgedreht ist. Mal auf dem Kopf stehend, mal in Seitenlage, aber alles frei schwebend, in einer Körperhaltung wie ein Embryo. Neben, über und unter ihm auf dunklem Blau die Lichter der Zirkuskuppel, leuchtend wie Sterne. Und darin schwebt er, losgelöst, im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod. Bis er wieder Halt findet. An den Händen der Menschen oder in einem großen weichen Netz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9815

Man gewöhnt sich so verdammt leicht daran, an die Naturkatastrophen in der sogenannten „Dritten Welt". Als ob die Menschen dort nicht schon genug am Hals hätten. Und dann immer wieder diese Nachrichten über Tornados in Bangladesh oder Erbeben in Haiti. Auch die Zahlen gleichen sich: Tote zu Tausenden gezählt. Zehntausende durch Tornados in Hunderttausende durch Erdbeben. Aber diese Schlagzeilen sind falsch, grundfalsch. Denn nicht die Naturkatastrophen töten die Menschen, sondern die Armut. Wenn wie in Haiti, die arme Landbevölkerung in die Stadt zieht und dort in windschiefen Baracken oder billig gebauten Betonkästen wohnt dann fliegen diesen armen Menschen bei einem Erdbeben die Wände um die Ohren und der Billigbeton kracht über ihnen zusammen wie ein Kartenhaus. Das muss nicht so sein, das ist kein Naturgesetz. Es gibt erdbebensichere Häuser, aber das ist eine Frage des Geldes. Wie zum Beispiel die Flutschutzbauten in Bangladesh. Die Tornados mit den unvorstellbaren Windgeschwindigkeiten bis zu 200 Km/h und bis zu 10 Meter hohen Flutwellen kommen nie aus heiterem Himmel, sondern werden durch Wetterprognosen vorher bekannt gemacht. Dann können  die Bewohner rechtzeitig in Schutzbauten gehen. Ich war selbst schon in solch einem Bau. Es sind Häuser aus Stahlbeton, vier Meter tief im Boden verankert. Sie haben bisher alle Tornados überstanden. Und was geht uns das an? Diese Flutschutzbunker wurden vom Geld deutscher Spender gebaut. Ein solcher Bau kostete 75.000 Euro. Im normalen Leben ist er Dorfzentrum und Schule. Wenn, wie regelmäßig in Bangladesh der Fall, ein Tornado anrückt, dann dient dieser Bau als Notunterkunft und zwar für ein ganzes Dorf mit bis zu 500 Menschen. Leben und Überleben mit Naturkatastrophen. Eine Frage des Geldes. So einfach ist das.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9814

„Das Leben kann man weder verlängern noch verbreitern. Man kann es nur vertiefen." Ich weiß nicht von wem der Spruch ist, aber er ist gut.  Das Leben kann man nicht verlängern und auch nicht verbreitern, man kann es nur vertiefen. Stimmt aber nicht ganz denn die Menschen werden immer älter und man kann das Leben schon ein wenig verlängern mit technischen Hilfsmitteln. Was aber den Menschen oft  nicht unbedingt hilft. Was aber wohl stimmt ist dass man das Leben nicht verbreitern kann. Man kann nicht alles machen. Man muss sich immer entscheiden. Sich entscheiden und verzichten, das sind ganz wesentliche Voraussetzungen dafür, das Leben vertiefen zu können, es intensiver, bewusster, und damit sinnvoll zu machen. Durch ein anderes Verhältnis zur Zeit zum Beispiel. Schnelligkeit lässt keine Intensität zu. Man kann nicht schnell streicheln und man kann auch nicht schnell mal verzeihen. Alle tiefen, intensiven Erfahrungen haben mit einem entsprechend langen Maß an Zeit zu tun. Tiefer, intensiver wird das Leben auch durch Leid. Wenn man Leid nicht verdrängt, kann es eine Beziehung genauso vertiefen wie Freude. Und das Leben lässt sich überall dort vertiefen, wo sich das Leben sammelt. Im Wortsinne durch die Versammlung, die Gemeinschaft von Menschen. Bei einem Fest, wenn der freudige Anlass gemeinsam einfach schöner ist als einsam. Oder bei einem Trauerfall, wenn sich die Menschen um die Trauernden versammeln um sie zu trösten und sie spüren lassen, dass das Leben weitergeht, weitergehen muss.
Und das Leben wird tiefer, intensiver durch innere Sammlung. Wenn ich mich sammle, konzentriere, versuche durch Ruhe und Stille die Bruchstücke meines Lebens zusammen zu bekommen. Wenn ich immer mal wieder ruhig, ganz und vielleicht sogar ein wenig heil dabei werde. Am Leib durch körperliche Ruhe und an der Seele durch Stille. Dann wird das Leben zwar nicht länger und auch nicht breiter, aber tiefer...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9813

Rasend schnell ist unsere Welt. Das Prinzip Autobahn beherrscht den Alltag. Wer zu langsam ist, wird überholt. Die Fußgängerampeln sind so schnell geschaltet, dass alte Menschen oder Gehbehinderte kaum in der Grünphase über die Straße kommen. Zu oft wird man hineingezogen in den Sog der Geschwindigkeit. Im Alltag, in der Arbeit und immer mehr auch in der Freizeit. Das zeigt sich in Ungeduld, Überreizung und schließlich in Erschöpfung. Ich kenne dieses Getriebensein und ich kenne auch diese Erschöpfung und wohl deshalb bin ich als ich mal wieder in einer Buchhandlung gekramt hab, bei einem irischen Gebet hängen geblieben, ein Gebet wie eine innere Notbremse: Slow me down Lord, heißt es, mach mich langsam Herr. Verlangsame, bremse mich. Beruhige die schweren Stöße meines Herzens durch die Besänftigung meiner Gedanken. Festige mich mit der Vision vom ewigen Maß der Zeit. Gib mir, mitten in der Zerstreuung meiner Tage, die Ruhe der immerwährenden Hügel. Löse die Spannung meiner Nerven mit dem sanften Fluß der Ströme. Hilf mir, die wiederbelebende Kraft des Schlafes zu erfahren und lehre mich die Kunst, Ein-Minuten-Urlaube zu nehmen. Mach mich langsam, um auf eine Blume zu schauen, mit einem Freund zu plaudern oder ein paar Zeilen in einem Buch zu lesen. Erinnere mich jeden Tag, daß mehr zum Leben gehört als seine Geschwindigkeit zu erhöhen. Laß mich in die Zweige der großen alten Bäume schauen und wissen, daß sie langsam und gut gewachsen sind. Mach mich langsam Herr und beseele mich, so daß ich meine Wurzeln in den Boden senke bis hin zu den bleibenden Werten des Lebens. Damit ich wachsen darf, den Sternen meiner größeren Bestimmung entgegen. Mach mich langsam Herr, mach mich langsam, bremse, beruhige mich."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9812

Ein Spruch wie geschaffen für den morgendlichen Blick in den Spiegel: „Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte." Au Backe. Was steckt nicht alles in diesem Spruch: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und zwar durchweg unerfüllte. „Der, der ich bin, grüßt traurig den, der ich sein könnte." Was haben wir für Vorstellungen gehabt als das Leben noch vor uns lag wie ein unberührtes Schneefeld?! Welche Visionen haben wir gehabt von uns und den Dingen, die wir uns vorgenommen haben. Und so stehen wir nun vor dem Spiegel, der so entlarvend sein kann. Immer wieder, nicht nur am Morgen, sondern immer dann, wenn wir uns selbst tief und ehrlich in die Augen schauen. Da sieht mich der an, der ich bin. So und nicht anders. Ist Leben in diesen Augen? Freude, vielleicht gar ein Strahlen? Ist mein Blick traurig, verbittert oder weicht er aus, mir selbst und den anderen? Die Augen sind die Fenster zur Seele. Augen lügen nicht. Sie erzählen ohne Worte wie es einem geht, wie es mit einem steht. Und wenn sie einen traurig anschauen, dann ist es eben so. Dann muss und kann man sich kein Lächeln abringen. Aber erkennen und anerkennen was ist. Wenn Traurigkeit oder Enttäuschung darin zu sehen sind, dann haben sie ihren Grund. Und ihn zu sehen und zu betrauern ist der erste Schritt zum geraden Blick zu sich selbst. Das, was mich beim offenen Blick in den Spiegel anschaut ist mein Leben, mit allem was drin steckt. Mit allen Macken und Abschürfungen, mit allen Fähigkeiten und Fehlern. Mit allen Erfolgen und allen Misserfolgen, mit Dingen, die ich zu verantworten habe, aber auch mit Dingen für die ich nichts kann. Wenn ich immer wieder versuche mir klar zu machen: ich kann zwar vieles steuern in meinem Leben, aber vieles liegt auch nicht in meiner Hand, sondern in Gottes Hand. Und wenn ich versuche diesesLeben, genau dieses Leben anzunehmen, dann kann ich vielleicht auch etwas gelassener in den Spiegel schauen und sagen: „ Der, der ich sein wollte, grüßt freundlich den, der ich bin."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9811

Montag morgen. Die einen sind bei der Arbeit und machen ihren Job gern, andere stöhnen bei dem Gedanken die Woche noch vor sich zu haben. Und wieder andere hätten gern eine Arbeitswoche vor sich, die die keine Arbeit haben. Ein Kollege hat mir zehn Angebote für Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitsplatzvermisser gegeben. Ich halte sie für so hilfreich für beide  dass ich sie gern weitersagen möchte. Also:

  • 1. An-Gebot für Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitsplatzvermisser:Du darfst anderes als die Arbeit wichtig nehmen, selbst wenn Du Arbeit suchst. Denn Arbeit ist nicht alles im Leben.
  • 2. Du darfst Gott für das loben, was Du erreicht hast, selbst wenn es in Deinen Augen zu wenig ist. Denn Gott gibt den Rest dazu.
  • 3. Du darfst Dich ausruhen, auch wenn Du keine Arbeit hast. Denn jeder ist mal müde und jeder hat mal frei.
  • 4. Du darfst Deinen Ruhestand genießen, wenn Du alt bist. Denn jeder hat mehr verdient als er geleistet hat.
  • 5. Du darfst, wenn Du Arbeit hast, weniger wollen.. Wenn Du keine Arbeit hast, darfst Du Arbeit wollen. Denn Arbeit läßt Dich leben.
  • 6. Du darfst lieben und dich lieben lassen, auch wenn Du keine Arbeit hast. Denn es ist nicht Deine Arbeit, die Dich liebenswert macht.
  • 7. Du darfst von Deinem Reichtum abgeben. Denn dann hast Du mehr als vorher.
  • 8. Du darfst die Reichen „zu reich" nennen und die Armen „zu arm". Denn wer das verschweigt, macht die Armen ärmer.
  • 9. Du darfst Deine Kollegen mögen, auch wenn Du Dir andre wünschst. Denn sie sind die einzigen, die Du hast.

Du darfst zufrieden sein mit Deinem Besitz, auch wenn es für Dich nicht genug ist. Denn Deinen Besitz wirst Du verlieren, alles andere behalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9810

Manchmal sehe ich Dinge, die es noch nicht gibt. Noch nicht ganz und noch nicht wirklich. Aber sie sind da, zumindest im Ansatz. Ich sehe einen wunderschönen blauen Planeten auf seinem Weg durch die Zeit. Seine Bewohner leben in Frieden miteinander. Sie hegen und pflegen ihren Heimatplaneten und sind im Kontakt mit dem höchsten aller Wesen. Ich sehe eine Gesellschaft, in der die Menschen beschenkt werden. Die, die am wenigsten haben, bekommen am meisten. Und schon bevor sie genug haben, beginnen auch sie zu schenken. Die einen schenken Zeit, die anderen Essen und wieder andere schenken Dinge. Ich sehe eine Gesellschaft, in der Politiker einander loben, wenn sie etwas gut gemacht haben und sich helfen, wenn es schwierig wird. Ich sehe eine Stadt, in der alle zu essen haben, in der keiner allein ist und keiner friert. Eine Stadt, in der jeder den anderen kennt ohne etwas von ihm wissen zu müssen. Mit Häusern, deren Türen nicht verschlossen sind und deren Fenster leuchten in der Nacht. Ich sehe Familien, denen besonders viel Zeit und besonders viel Dinge gegeben werden, weil sie das Leben am Leben erhalten. Und alle anderen sich freuen am Spiel der Kinder und an der Weisheit der Alten. Ich sehe Beziehungen von Mann und Frau, von Mann und Mann, von Frau und Frau. Sie alle halten die Liebe in der Welt und geben sie weiter über sich und ihren Partner hinaus. Und ich sehe den Menschen, einzigartig, schön und göttlich. In seiner so kurzen Zeit in dieser Welt und auf seinem Weg zur anderen. Manchmal sehe ich Dinge, die es noch nicht gibt. Noch nicht ganz und noch nicht wirklich. Aber sie sind da, zumindest im Ansatz.

 

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9809