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SWR3 Gedanken

«Die Liebe bewegt uns wie nichts anderes, sie vermag unser Leben auf den Kopf zu stellen und jegliche Ordnung zu Fall zu bringen. » Recht hat er, der Philosoph Richard David Precht mit seinem Buch über die Liebe. Die Liebe ist ein unordentliches Gefühl. Dem Glauben nicht unähnlich.
Auch der Glaube ist ein solch «unordentliches » Gefühl. Nicht greifbar, nicht beweisbar. Man kann sich auf den Kopf stellen, wie man will, der Glaube ist einfach nicht fassbar. Da können empirische Untersuchungen angestellt werden, da kann in der Geschichte des Universums und in der Geschichte der Menschheit gesucht und geforscht werden, man wird einfach nicht fündig; man wird einfach nicht schlau aus diesem Glauben.
Ja, genau das Gegenteil ist der Fall: Je mehr man sich mit dem Glauben beschäftigt, desto mehr offenbart sich einem das große Geheimnis, das Mysterium, das den Glauben ausmacht.
«Für die Biologie des Menschen ist das eine so überflüssig wie das andere: die (...) Liebe (wie) der religiöse Glaube. » (S. 313)
Was also machen mit so Phänomenen wie der Liebe und dem Glauben in einer hyperrationalen Welt wie der unseren, die alles zu erklären sucht?
Eine klitzekleine Tür offenlassen für das Unbegreifliche, für Gott?
Warum nicht?
Albert Einstein hat es einmal so formuliert: "Meine Überzeugungen (...)? Bewunderung für die Schönheit und Glaube an die logische Einfachheit der Ordnung und Harmonie, welche wir demütig und nur unvollkommen (er)fassen können."

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Corinna steht im Zimmer ihrer Tochter und kann es nicht fassen. Sie weiß sich nicht mehr zu helfen. Überall liegen Kleidungsstücke, Spielsachen, Schulsachen, Malsachen, Haarspangen, Socken. Ihre Tochter Marietta steht mit hängenden Schultern vor ihr, inmitten des ganzen Chaos. „Das ist ja ein einziges Tohuwabohu hier", schreit Corinna außer sich, „wir haben doch erst gestern hier zusammen aufgeräumt und sauber gemacht. Wie kann das sein?"
Marietta hebt ganz langsam ihren kleinen Zeigefinger. „Aus dem Chaos erhebt sich alle Kreativität." Zaghaft lächelt sie ihre Mutti an. „Was?" Corinna muss fast lachen über die Situation, über den weisen Spruch ihrer Tochter. Das hat ihr gerade noch gefehlt.
„Na, das hat die Frau im Kindergottesdienst gesagt", fügt Marietta schnell und jetzt viel selbstbewusster hinzu, „wir haben über das große Towawowa..." sie stolpert etwas über dieses komische Wort „... Tohuwabohu", hilft ihr Corinna. „Also, ja genau darüber haben wir gesprochen. Weil die Erde doch ganz durcheinander war am Anfang. Und dann kam Gott und hat alles aufgeräumt." Marietta ist ganz stolz. Da hat sie doch mal im Kindergottesdienst was Nützliches gelernt.
Jetzt muss Corinna dann doch lachen. „So", sagt sie, „dann lass uns hier mal wie Gott ein bisschen für Ordnung sorgen und aufräumen und das Tohuwabohu in aller Ruhe beseitigen."

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Wer „über den Jordan gegangen ist", der hat wohl „die Zeichen der Zeit" verkannt und alles „in sich (hinein)gefressen". Drei Redewendungen in einem Satz. Und was haben sie gemeinsam? Genau, sie stammen aus der Bibel. Über den Jordan sind die Israeliten auf ihrer Flucht aus Ägypten gegangen (4. Buch Mose 33, 51). Dabei sind sie allerdings nicht gestorben, sondern ins Gelobte Land gelangt. Jesus kannte die Zeichen der Zeit und fragte seine Gegner: Ihr meint eine Menge zu kennen und zu wissen; „aber die Zeichen der Zeit könnt ihr nicht erkennen?" (Mt 16, 1-3). Das man Leid und Kummer nicht in sich hineinfressen sollte, auch das steht in der Bibel (Ps 39, 3).
Und wenn wir von einem „schwarzen Schaf" in einer ansonsten super Familie reden, dann ist das dann zumeist negativ gemeint. In der Bibel bilden die schwarzen und die bunten, die gefleckten Schafe den Grund für den Reichtum der biblischen Väter (1. Buch Mose 30, 32). Es lebe das schwarze Schaf!
Der „Abschaum der Menschheit" sind im übrigen die Christen. Und so steht es geschrieben: „Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute" (1. Kor 4, 13). Eine Tatsache, die wir nicht allzu laut ausposaunen sollten; auch das eine biblische Mahnung: „Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht aus, wie es die Heuchler tun." (Mt 6, 1+2).

Aber wir sollten den Kopf nicht hängen lassen, so sagt es zumindest der Prophet Jesaja (Jesaja 58): Lass den Kopf nicht hängen, denn der da den Kopf hängen lässt, weil er sich von Gott und der Welt im Stich gelassen fühlt, der sieht nicht mehr die, die da sind, ihm zu helfen, ihn mit offenen Armen zu halten und zu trösten.

aus: Jörg Buchna „Schwarzen Schafen geht ein Licht auf" Norden, Selbstverlag 2004.

 

Freitag, 14. September 2011

Ein einziges Tohuwabohu

Corinna steht im Zimmer ihrer Tochter und kann es nicht fassen. Sie weiß sich nicht mehr zu helfen. Überall liegen Kleidungsstücke, Spielsachen, Schulsachen, Malsachen, Haarspangen, Socken. Ihre Tochter Marietta steht mit hängenden Schultern vor ihr, inmitten des ganzen Chaos. „Das ist ja ein einziges Tohuwabohu hier", schreit Corinna außer sich, „wir haben doch erst gestern hier zusammen aufgeräumt und sauber gemacht. Wie kann das sein?"
Marietta hebt ganz langsam ihren kleinen Zeigefinger. „Aus dem Chaos erhebt sich alle Kreativität." Zaghaft lächelt sie ihre Mutti an. „Was?" Corinna muss fast lachen über die Situation, über den weisen Spruch ihrer Tochter. Das hat ihr gerade noch gefehlt.
„Na, das hat die Frau im Kindergottesdienst gesagt", fügt Marietta schnell und jetzt viel selbstbewusster hinzu, „wir haben über das große Towawowa..." sie stolpert etwas über dieses komische Wort „... Tohuwabohu", hilft ihr Corinna. „Also, ja genau darüber haben wir gesprochen. Weil die Erde doch ganz durcheinander war am Anfang. Und dann kam Gott und hat alles aufgeräumt." Marietta ist ganz stolz. Da hat sie doch mal im Kindergottesdienst was Nützliches gelernt.
Jetzt muss Corinna dann doch lachen. „So", sagt sie, „dann lass uns hier mal wie Gott ein bisschen für Ordnung sorgen und aufräumen und das Tohuwabohu in aller Ruhe beseitigen."

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„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!" (Ps 7) - vielleicht wissen Sie ja, dass diese Mahnung in der Bibel steht. Auch das berühmte „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" (Joh 8,7) - ist noch relativ einfach zu verorten. Das hat Jesus gesagt, um eine Sünderin vorm Steinigen zu retten. Wer weiß schon, dass die Redensart „da geht jemandem ein Licht auf" (Mt 4, 15ff) auch aus der Bibel stammt?
„Das ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit" Aber wissen Sie, was da zum Himmel schreit? Es ist der erste Brudermord (1. Mose 4, 1-16): Kain tötet seinen Bruder Abel und es entspannt sich folgender Dialog zwischen Gott und Kain: Gott fragt Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?" Kain antwortet ihm: „Woher soll ich das wissen? Bin ich meines Bruders Hüter?" Und Gott spricht: "Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde."
Das ist natürlich „ein Dorn im Auge" Gottes - ein Spruch, der im übrigen auch von Gott stammt: „ein Dorn im Auge sein" (4. Mose 33, 55).
Oder auch der Anspruch „ohne Ansehen der Person" (5. Buch Mose 1, 17-18; Epheserbrief 6, 9; 1. Petrusbrief 1, 17) - ohne den unser demokratisches Rechtssystem nicht ganz so demokratisch wäre. Denn das beruht auf eben jenem Rechtsgrundsatz, dass ein Urteil immer ohne Ansehen der Person gefällt werden muss - egal, ob der Angeklagte berühmt, reich oder aber arm und alt und hässlich ist.
Tja, die Bibel ist eben nicht „von gestern", sozusagen ‚up to date'. Ein Spruch, der im übrigen in der Bibel genau die entgegen gesetzte Bedeutung hat (Hiob 8, 8+9): Will man das Leben wirklich begreifen, so muss man genau die fragen, die „von gestern" sind, man muss die Erfahrung der Generationen vor uns mit einbeziehen. Fragen wir also ruhig mal jemanden, der von gestern ist, nach seinen Lebenserfahrungen! Das könnte durchaus nützlich für uns sein!

aus: Jörg Buchna „Schwarzen Schafen geht ein Licht auf" Norden, Selbstverlag 2004.

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„Wir essen zusammen, gemeinsam halt." „Nous partageons le repas", antworten Strasbourger Studenten, wenn man sie fragt, warum sie gerade in diesem resto-u, warum sie gerade in diese Studentenmensa gehen und eben nicht in eine von denen, wo man schnell, schnell sein Essen fix und fertig auf ein Plastiktablett gestellt bekommt und fertig.
Diese Mensa ist anders. Sie ist eigentlich eine ganz normale französische Studentenmensa, in die man brav mit seinem Studi-Ausweis reinkommt - aber diese hier ist evangelisch. Eine evangelische Mensa.
Und das ist einzigartig in einem Land wie Frankreich, in dem die eine Hälfte der Bevölkerung katholisch ist und die andere Hälfte von sich sagt, nichtreligiös, nichtgläubig zu sein.
Was aber macht diese Strasbourger Mensa nun evangelisch?
Na ja, da ist natürlich die Geschichte. Die Mensa befindet sich im Hauptgebäude der elsässischen evangelischen Kirche. Hier hat bereits Albert Schweitzer, der große Arzt und Theologe, einige Jahre seines Lebens gelebt und gewirkt, bevor er nach Afrika ging.
Weit wichtiger aber ist: Man isst hier anders. Man holt die großen Schüsseln mit Suppe und Salat, die großen Platten mit Gemüse und Fleisch - und dann teilt man sich gegenseitig das Essen aus. Wie zuhause. Als würden alle zu einer Familie gehören.
„Außerdem gibt es zu jedem Essen Brot", sagt der Vorsitzende der evangelischen Kirchen im Elsass, „denn das macht unser Christsein aus: Wir brechen das Brot gemeinsam, wir teilen und wir essen es zusammen mit Freunden und Fremden."

Das Stift, 1b, quai Saint Thomas, Strasbourg; www.lestift.org.

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Auf dem Meer ist alles anders. Die acht Jugendlichen mit ihren zwei Betreuern haben alle Hände voll zu tun. Jedes Jahr bietet das Zentrum für schwererziehbare und verhaltensauffällige Jugendliche in der Nähe von Paris eine Freizeit auf ihrem Segelschiff an.
Der Kapitän ist Mönch und Priester, aber vor allen Dingen ein Mann mit Herz und Seele. Er leitet eben jenes Heim für Jugendliche, die Schwierigkeiten mit sich, mit der Polizei und dem Gesetz, einfach mit allen und allem haben. Und die deshalb von Richtern dorthin geschickt werden. Dieses Heim ist ihre letzte Chance.
Sind sie einmal auf dem Segelschiff, dann erleben sie eine ganz andere Welt.
Das Großmaul wird auf einmal kleinlaut und seekrank; der kleine, den andere immer hänseln, zeigt sich unentbehrlich, nützlich.
Das Leben auf einem Segler verlangt eine strenge Disziplin, die Autorität der beiden Erwachsenen ergibt sich automatisch: sie haben einfach mehr Erfahrung und wissen, was man machen muss, wenn die See rau wird, wenn man das Schiff durch hohe Wellen manövrieren muss. Und erstaunlicherweise beugen sich diese Jugendlichen, die sonst gegen jede Art von Autorität aufmucken, dieser quasi natürlichen Autorität der Betreuer.
Aber das Beste ist die Selbstbestätigung, die die Jugendlichen durch ihre Arbeit auf dem Schiff erfahren: Unvergesslich ist der 13jährige, der nach der Freizeit seinen Vater im Hafen wieder trifft und ihm stolz berichten kann: „Siehst Du dieses Schiff, das kann ich fahren."

aus: Jean-Marie Petitclerc „Pourquoi je suis devenu prêtre" Bayard Editions 2009.

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Auf dem Meer ist alles anders. Die Stunden vergehen langsamer. Diskussionen ergeben sich wie von selbst. Lange Diskussionen. Tiefgehende. Mehr als 20 Jahre macht Jean-Marie Petitclerc das jetzt schon. Er ist Mönch, Priester und Leiter eines Heimes für schwererziehbare, verhaltensauffällige und straffällig gewordenen Jugendliche. Jeden Sommer bricht er auf mit acht Jugendlichen und einem Betreuer. Nicht ohne Stolz sagt er: „Ich kenne noch jeden Jugendlichen mit dem ich in den letzten 20 Jahren gesegelt bin mit Namen."
Man lernt sich kennen dort auf dem Meer.
Aber vor allem lernt man beten.
Petitclerc erzählt: „Wenn man dort alleine auf dem Wasser ist, weit und breit niemand, dann weitet sich Deine Aufmerksamkeit, Du siehst auf einmal Dinge, die Dir vorher ganz unwesentlich vorkamen. Die Schönheit von Dingen : der Aufgang der Sonne, die Delphine, die das Boot begleiten, die Vögel, die die Brotreste auf dem Deck erhaschen wollen...
Der Segelmast erinnert an ein Kreuz. Für mich, meint Petitclerc, zeigt der Mast die drei möglichen Wege, Gott kennenzulernen: Da ist erstens das Vertikale, das Senkrechte. Für mich ein Symbol für das, was einem von oben in den Schoß fällt, was einen staunen lässt, wie man staunt über die Erhabenheit des Meeres;
da ist zweitens das Horizontale, die Solidarität, die Freundschaft, die eine Segelmannschaft mit sich bringt; und drittens ergibt sich da dieses Kreuz oben am Mast, das darauf hinweist: was wir suchen und erwarten, all das können wir in uns finden"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9778