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SWR3 Gedanken

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss? Oder das erste eigene Auto? Den ersten Urlaub im Ausland? Solche ersten Augenblicke sind immer etwas ganz besonderes. Dieser Morgen ist es auch. Ein neues Jahr.
Heute werde ich noch einmal in aller Ruhe meine Weihnachtspost durchlesen. Ein Freund hat mir eine Karte geschickt.  Auf ihr ist ein verschneites Feld zu sehen, über dem die Sonne gerade aufgeht. Und ich erkenne Fußspuren im Schnee.
Und dazu hat mir der Freund geschrieben: „Ich wünsche dir an jedem neuen Tag einen großen Schluck leuchtende Morgensonne gegen das Dunkel der Nacht. Ich wünsche dir jeden Tag ein Lächeln, mit dem du andere beschenken kannst. Eine Handvoll Geduld und Nachsicht mit den eigenen Vorsätzen, und achtsame Schritte durch die Tage dieses Jahres. Gehe liebevoll auch mit dir selber um. Nimm jeden Schritt und jeden neuen Tag als ein Geschenk entgegen."
Diesen Neujahrswunsch möchte ich an Sie weitergeben. Vielleicht brauchen Sie ja auch solche Wünsche, solche Segensworte, die den Schritt ins neue Jahr ein bisschen leichter machen.
Es liegt ja noch ziemlich vieles im Dunkeln, was das neue Jahr angeht.
Was kommt alles auf uns zu? Auf unsere Familien? Auf unsere Gesellschaft? Und wie werden wir damit umgehen, wenn es kommt?
Mir hilft dann immer zu wissen: ich bin nicht allein. Es gibt mindestens diesen einen Freund, der mir diese Karte geschickt hat. Und es gibt den Engel, der mir diesen Freund geschickt hat. Und es gibt den, der den Engel geschickt hat. Sie alle zeigen mir: Du bist nicht allein an diesem ersten Morgen. Du bist nicht allein in diesem neuen Jahr.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes, ein vertrauensvolles Neues Jahr 2011.

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Viktor aus Warschau und Carlos aus Madrid feiern heute Abend den Jahreswechsel in Rotterdam, gemeinsam mit über 30.000 Jugendlichen aus ganz Europa. Sie treffen sich dort zum 33. Europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taize.
Taize, das ist diese Lebensgemeinschaft in dem kleinen Dorf in Burgund. Vor 70 Jahren haben sich Männer und auch Frauen aus unterschiedlichen christlichen Kirchen zusammen getan, um gemeinsam ihren Glauben zu leben, um gemeinsam zu beten und zu feiern. Taize ist vor allem für junge Leute ein faszinierender Ort. Viele Tausende kommen Jahr für Jahr dorthin, um gemeinsam eine Woche zu verbringen: in Zelten lagern sie um die so genannte Kirche der Versöhnung. Sie reden miteinander über Geschichten der Bibel und feiern Gottesdienste mit einfachen und meditativen Gesängen.
Hier können die Jugendlichen erleben: auch wenn Menschen ganz unterschiedlich sind, können sie doch miteinander ihren Glauben leben und Kirche für andere sein.
Jedes Jahr treffen sie sich in einer anderen europäischen Stadt, um miteinander den Jahreswechsel zu feiern.
Bruder Alois, der die Gemeinschaft von Taize leitet, kommt beim Anblick der vielen Menschen ins Schwärmen: „So viele, verschiedene Jugendliche aus so verschiedenen Nationen versammelt zu sehen, sagt er, gleicht einem Fest und stärkt unsere Hoffnung, dass ein Zusammenleben der Menschen in Frieden möglich ist".
Viktor und Carlos teilen diese Meinung. Wenn Raketen und Böllerschüsse das neue Jahr ankündigen, werden sie in Rotterdam mit vielen jungen Leuten aus aller Welt für diese Welt beten. Mit ihrem Gebet an der Schwelle zum neuen Jahr verbinden sie Ost und West miteinander, Nord und Süd. Mit ihrem Gebet machen sie mir Hoffnung auf eine Welt, in der es mehr Frieden und Gerechtigkeit gibt.
Ohne dieses Gebet würde heute Abend einfach etwas fehlen.

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Große und kleine Helden. Sie stehen wieder im Mittelpunkt der vielen Jahresrückblicke, die in diesen Tagen gehalten werden. Traurige und schöne Ereignisse ziehen da noch einmal aus den letzten zwölf Monaten an uns vorbei. Menschen und Ereignisse der großen Weltpolitik genauso wie die ganz persönlichen Erfolge oder Niederlagen jedes Einzelnen. Ich möchte jetzt mal an die denken, die es in keine Schlagzeile oder Nachrichtensendung geschafft haben. Und die doch auch Helden sind. An wen denke ich?
Zum Beispiel an die Lehrerin einer Berufsschule, die Tag für Tag versucht, jungen und zum größten Teil nicht sehr motivierten Schülerinnen und Schülern Mathematik beizubringen. Etwas, was sie in jedem Beruf und im Leben überhaupt gebrauchen können. Was aber so richtig niemanden interessiert. Warum ist für mich diese Lehrerin eine Heldin? Jeden Morgen steht sie vor viel zu großen Klassen und ist die meiste Zeit damit beschäftigt, Streitigkeiten zu schlichten und für Ordnung zu sorgen. Seit vielen Jahren macht sie das schon, auch wenn sie nur selten die Früchte ihrer Arbeit zu sehen bekommt. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen, weil sie ihren Beruf immer noch als Berufung versteht. Einfach so das Handtuch zu schmeißen, wenn es schwierig ist, kommt ihr nicht in den Sinn.
Mehr von solchen Helden wünsche ich mir in der großen Welt der Politik oder der Wirtschaft. Menschen, die ihre Verantwortung für andere ernst nehmen. Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, auch wenn ihre Arbeit zäh und ermüdend ist und mit wenig öffentlicher Anerkennung verbunden.
An die stillen Helden wie diese Lehrerin möchte ich heute denken. Sicher gibt es solche Helden auch in Ihrer Nähe.
Diesen Frauen und Männern möchte ich am Ende dieses Jahres einfach nur Danke sagen.

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Es gibt Tage, die sollen nicht sein. Es gibt Tage, die man am besten vergessen möchte. Ich habe noch kein Geheimrezept gefunden, wie man mit solchen Tagen umgehen kann. Aber ich kenne eine Geschichte, die mich dazu berührt hat:
Es war einmal ein weiser Mann. Er lebte allein in einem alten Haus inmitten eines großen Gartens. Eines Tages hört der Mann eine Stimme: „Geh und sammle bei den Menschen die Tage, die nicht sein sollen!"
Der Mann folgt der Stimme und lässt sich von den Winden in alle Himmelsrichtungen tragen. Überall hin, wo es Tage gab, die nicht sein sollten. Er sammelt Tage, an denen Menschen ihr Liebstes verloren haben. Er sammelt Tage, an denen ein Mensch einfach unerträgliche Schmerzen aushalten musste. Er sammelt Tage ohne Trost, Tage, an denen das Leben eine Last ist, Tage des Zorns. Der Mann sammelt sie alle.
Er lässt sich von dem Wind zurück in seinen Garten bringen und legt die Tage wie Samen in die Erde. Dann fällt der Regen auf die Erde, die Sonne gibt ihr Licht und schließlich bedeckt der Schnee alles.
Im nächsten Frühling wachsen Blumen und Bäume und die Menschen kommen und bestaunen alles. So einen schönen Garten haben sie schon lange nicht mehr gesehen.
Ach wenn es doch so einfach wäre mit den Tagen, die nicht sein sollen. Vielleicht gelingt es uns ja doch, nicht alle diese Tage mit in das Neue Jahr zu nehmen. Vielleicht können wir den ein oder anderen wie ein Samenkorn in die Erde legen und darauf hoffen, dass daraus eine Blume wird. Und wenn wir dann im nächsten Jahr in einen Garten oder in einen Park kommen und die ersten Blumen blühen sehen, dann können wir uns ja daran erinnern, dass aus einem Tag, der nicht sein sollte, vielleicht doch noch etwas Gutes und Schönes geworden ist. Und das braucht eben seine Zeit.
Von dieser Hoffnung möchte ich etwas mitnehmen in das Neue Jahr, das in wenigen Tagen beginnt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9706

Josef ist auf der Flucht. Dabei hat seine Verlobte gerade einen Sohn geboren. Irgendwo in einem Stall, weit weg von Zuhause. Aber die kleine Familie kann sich nicht ausruhen. Sie müssen fliehen. Und zwar ins Ausland, weil sie nur dort sicher sind. So berichtet es die Bibel.
Was dort steht, ist alles andere als heile Weihnachtswelt und romantische Familienidylle. Aber es gehört zur Weihnachtsgeschichte.
Menschen auf der Flucht und weit weg von zuhause. Das ist nicht nur eine Erfahrung aus biblischen Zeiten.
Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat erst kürzlich erschreckende Zahlen veröffentlicht: Weltweit sind im Jahr 2010 wieder über 43 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen. Auf der Flucht vor Hunger und Krieg oder einfach, weil sie einer Religion angehören, die in ihrem Land verboten ist.

Wir haben in diesem Jahr sehr intensiv über Zuwanderung und Integration diskutiert und gestritten. In diesem Streit ist viel von fehlender Integration die Rede. Von dem, was alles falsch läuft. So sind neue Abgrenzungen und neues Misstrauen entstanden. Sind wir aber dabei den Menschen, die aus guten Gründen in unser Land kommen, wirklich gerecht geworden? Und haben wir denen, die hier ihre Heimat haben, eine Brücke bauen können zu mehr Verständnis und zu einem fairen Miteinander?
Josef und seiner Familie sind im Ausland Menschen begegnet, die ihnen ohne Vorurteile einfach weiter geholfen haben. Ohne viel zu diskutieren und zu streiten.
Es ist an der Zeit, eine Kultur der Gastfreundschaft wieder zu entdecken und zu leben. Gastfreundschaft gehört zu den jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft. Und Gastfreundschaft ist auch im Islam eine wertvolle Einstellung zum Leben. Auch die Gastfreundschaft verbindet uns. Und das ist wichtiger als alles, was uns voneinander trennt.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9705

Endlich sind die Feiertage vorbei. Die Besuche sind erledigt. Und nach dem Stress der letzten Wochen kommen jetzt wieder etwas ruhigere Tage. Alle Jahre wieder der gleiche Trubel mit seinen vielen schönen und auch den weniger besinnlichen Augenblicken und Begegnungen. Und das alles wegen eines Kindes in irgendeinem windschiefen Stall im Nahen Osten vor zweitausend Jahren?
Mich erstaunt das immer wieder.
Wenn die Feiertage mit ihrem eigenen Zauber vorbei sind, dann fängt Weihnachten für mich erst richtig an. Wenn wieder Ruhe einkehrt und ich Zeit zum Nachdenken habe. Über dieses Kind in der Krippe. Und das will uns ja sagen: Gott fängt bei uns ganz klein an, wenn er sich zeigt. Und wenn jemand anfängt, an diesen Gott zu glauben, dann ist das auch oft unscheinbar und wenig spektakulär. Wenn zum Beispiel zwei Menschen den Mut haben, nach langem Schweigen endlich wieder miteinander zu reden und den anderen vielleicht zum ersten Mal wirklich verstehen. Meinen Glauben spüre ich, wenn ich nicht nur darüber nachdenke, was ich alles Gutes tun könnte, sondern wenn ich eine Sache wirklich angehe und ohne großes Aufsehen in die Tat umsetze. Ohne auf den Applaus der anderen zu warten.
Mit dem Glauben ist es wie mit dem Kind in der Krippe. Das ist ja auch nicht das ewige Christkind geblieben Es ist über die Jahre ein erwachsener Mensch geworden, der unbeirrt seinen Weg geht. Der immer mehr seine Bestimmung entdeckt und sie in die Tat umsetzt: da zu sein für die, die keine Stimme haben und am Rand der Gesellschaft leben. Und der die Mächtigen an ihre Verantwortung für mehr Gerechtigkeit und Frieden erinnert.
So wächst auch der Glaube und wird erwachsen und mutig.
Weihnachten kann ein Anfang sein. Ein Anfang, den manche von uns brauchen. Um ruhig zu werden und um mitten im Leben in den Glauben hineinwachsen zu können. Alle Jahre wieder.

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Michaela ist 9 Jahre alt und freut sich auf den Weihnachtsbesuch bei ihrer Oma. Und dieses Jahr hat sie sich ein besonderes Geschenk ausgedacht: einen kleinen Engel, aus Holz geschnitzt. Darüber wird sie sich bestimmt freuen.
Als ihre Oma den Engel auspackt, ist sie für einen Augenblick ein wenig enttäuscht: noch einen Engel. Sie hat doch schon ein paar davon im Regal stehen. Michaela lächelt ihre Oma an: Oma, sagt sie, ich weiß, dass du schon genug von diesen Figuren hast. Aber von Engeln kann man keinen einzigen zuviel haben, denn an jedem Tag soll doch mindestens einer auf dich aufpassen.
Engel - in der Bibel sind das immer Menschen. Und immer geben sie anderen Menschen zu verstehen: Gott ist ganz in der Nähe. In den wenigsten Fällen haben sie Flügel. Und sie sind auch alles andere als kitschig. Sie öffnen den Menschen ein Stück vom Himmel. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Engel lassen die Menschen staunen, zum Beispiel über ein Kind, wenn es lächelt. Engel machen Mut, auch in ausweglosen Situationen nicht aufzugeben. Engel stehen dafür ein, dass Gott die Welt nicht verloren gibt. Und deshalb hat Michaela ihrer Oma einen Engel geschenkt. Damit der sie an all das erinnert.
Noch schöner ist es, wenn wir selber für andere ein Engel werden. Keiner, der nur einfach so rumsteht wie so ein Deko-Engel auf dem Regal. Ich meine einen Engel, der wirklich lebt. Wir brauchen dafür keine Flügel, aber ein Lächeln und die Bereitschaft, für andere einfach da zu sein, ihnen zuzuhören und ihnen zu helfen, wo sie es selber nicht mehr können. Wenn einer zum anderen sagt: Hab keine Angst, du bist nicht allein! -  daran kann ich einen Engel erkennen.
Ich wünsche Ihnen ein offenes Herz für die, die heute einen Engel brauchen. Und staunende Augen, wenn Ihnen nicht nur zu Weihnachten selber ein Engel begegnet.

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