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SWR3 Gedanken

Endlich wieder Advent. Ich freue mich auf die Vorweihnachtszeit, mit den geschmückten Fenstern und Städten. Mit Adventskalender und Weihnachtsvorbereitungen und ich überlege auch wirklich gerne, wem ich zu Weihnachten mit was eine Freude machen kann.
Aber mir bedeutet der Advent noch mehr: Diese Zeit vor Weihnachten ist eine besondere Chance, um darüber nachzudenken, was Gott wohl mit mir vorhat. In der Bibel tauchen kurz vor Jesu Geburt eine ganze Reihe Engel auf. Sie helfen verschiedenen Menschen, ihre Bestimmung zu finden. Da ist zum einen der berühmteste, der Engel Gabriel. Er erscheint Maria und verkündet ihr: Du wirst Gottes Sohn, Jesus Christus zur Welt bringen. Dazu bist Du auserwählt. Auch ihr Mann Josef sieht einen Engel. Der hilft ihm das Jesuskind zu beschützen. Ein weiterer Engel erscheint dem Zacharias: der kinderlos war, obwohl er gerne Nachwuchs gehabt hätte. Der Engel sagt zu ihm: Deine Bestimmung ist es, für Johannes den Täufer ein guter Vater zu werden. Die Engel in der Weihnachtsgeschichte helfen den Menschen, ihre Bestimmung zu finden. So eine Botschaft würde ich auch gerne von Gott bekommen. Seit ein paar Monaten ist meine Erziehungszeit zu Ende und ich arbeite wieder als Religionslehrer an der Berufsschule. Ist das die Aufgabe, für die ich bestimmt bin? Ich will den Advent als Zeit nutzen, über meine Bestimmung nachzudenken. Und wer weiß? Ausschließen möchte ich es nicht: vielleicht erscheint mir ja sogar ein Engel.

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Mein Farbdrucker hat mich an den Rand des Ruins getrieben. Schlechte Ausdrucke, verstopfte Patronen, Papierstau. Ein Neuer! Das wär´s. Ach, ich habe ja bald Geburtstag, da könnte ich mir ja einen neuen gönnen. Also ausgesucht und bestellt. Und schon wird er geliefert, geht ja heutzutage echt schnell. Aber bis zu meinem Geburtstag waren es noch 2 Wochen. Also die große Gewissensfrage: Schon mal auspacken, anschließen und ausprobieren? Oder bis zum Geburtstag warten, weil es doch eigentlich ein Geschenk sein sollte? Es spricht viel für sofort auspacken: ich kann gleich schauen ob alles vollständig ist, ob das Gerät auch funktioniert. Und am allerbesten: ich muss mich nicht mehr 2 Wochen lang mit meiner alten Kiste herumschlagen. Trotzdem habe ich gewartet. Ganz tapfer. Bis zu meinem Geburtstag. Jedesmal wenn ich an dem riesigen Karton vorbeikam habe ich mich gefreut, aber ihn doch erst an meinem Geburtstag ausgepackt und angeschlossen. Damit habe ich meinen Geburtstag „geadelt", zu etwas besonderem gemacht.
Warum ich mir soviele Gedanken über das Warten mache? Nun - jetzt beginnt der Advent - auch eine Zeit des Wartens. Ich könnte schon jetzt alle Lebkuchen essen, den Baum aufstellen, alle Geschenke verschenken, aber ich will Weihnachten auch „adeln". Es soll etwas besonderes sein. Schließlich ist es der Geburtstag von Jesus Christus.

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 Wenn Ihr Chef sagt, Sie sollen ihm helfen illegal zu handeln, würden Sie es tun? Ich frage das regelmäßig in der Berufsschule ab. Anonym natürlich. Bei Maurern, Gipsern, Malern... An einem konkreten Fall: Freitags abends, Sie sind alleine mit dem Chef auf der Baustelle. Er sagt: „Das Gerüst von dem Gerüstbauer könnte ich gut gebrauchen. Jetzt sieht uns niemand mehr. Helfen Sie mir, es auf unseren LKW zu laden." Beim letzten mal haben 60 % angekreuzt: „Jawohl Chef, wird gemacht." Und nur der kleinere Teil würde sagen: „Aber das wäre doch gestohlen, Chef." Das liegt übrigens nicht daran, dass meine Schüler alle Verbrecher sind. Im Gegenteil. Alle aus der Klasse haben bei der nächsten Frage angekreuzt: Bevor ich Werkzeug von der Baustelle mitnehme frage ich erst mal den Chef. Ganz brav, ganz korrekt. Es geht vielmehr darum, dass der Diebstahl von oben befohlen wird. Und das ist mit Ängsten verbunden: Wenn ich nicht gehorche, dann fliege ich vielleicht raus. Und ich brauche doch den Job. Außerdem: wenn der Chef befiehlt, dann wird es schon richtig sein. Irgendwie muss Abraham das auch gedacht haben, als Gott ihm befahl: Bringe Deinen Sohn auf einen Berg. Und dann schneide ihm die Kehle durch. Als Opfer für mich. „Wenn Gott sagt, er will ein Opfer, dann wird es schon richtig sein." Hat Abraham gedacht, seinen Sohn gepackt, gefesselt, auf den Berg geschleppt und das Messer gezückt.  Zum Glück hat Gott ihn gestoppt: „Hast Du Sie noch alle? Glaubst Du wirklich ich will Menschenopfer? Fang endlich an zu denken! Und trau Dich, mich in Frage zu stellen. Ich will nicht der große Boss sein, der absoluten Gehorsam verlangt. Ich bin Dein Freund.  Gott will keine schlichten Ja-Sager! Er möchte Menschen, die ihn hinterfragen und ihr Handeln selbst verantworten.

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Man kann ja viel auf ein T-Shirt drucken, „Kampfsäufer" „Papas Liebling", alles mögliche. Ich lese gerne was auf T-Shirts steht. Schließlich beweisen die Träger damit Humor oder sie zeigen Flagge: Kürzlich habe ich auf einem T-Shirt gelesen: „Terrorism has no religion" - Terrorismus hat keine Religion! Schickes schwarzes Shirt, helle Schrift. Da bekennt sich jemand zur richtigen Sache: Egal wie religiös sich Attentäter geben. Wer sprengt, schießt oder terrorisiert kann kein gläubiger Mensch sein. Weder Christ noch Muslim. Der T-Shirt-Spruch „Terrorismus hat keine Religion" stammt von den Modedesignern Melih und Yeliz Kesmen. Die beiden sind Deutsch-Türken. Sie sagen von sich, dass sie traditionell muslimisch geprägt sind. Aber Melih und Yeliz möchten zeigen, dass ihr Glaube nicht verbohrt ist. Und dass er nichts, aber auch wirklich gar nichts mit Terrorismus zu tun hat. Wer im Namen Allahs mordet, kann kein gläubiger Muslim sein. Die beiden haben noch mehr gute Sprüche auf Lager: „Read Quran - Charge your Imam - Lies den Koran und fordere damit Deinen Imam" steht auf einem anderen T-Shirt. Nicht billig nachplappern, was einem religiös vorgesetzt wird, sondern wirklich nachlesen was Allah von einem will. Auch den dritten Spruch finde ich ziemlich gut, geradezu visionär: Jesus & Muhammad Brothers in Faith - Jesus und Mohammed, Brüder im Glauben.

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Mal ehrlich: Noch nie gedacht? Zum Beispiel auf dem Beifahrersitz: „Ich würde jetzt besser fahren." Oder in der Küche „Bei mir würde es besser schmecken." Und natürlich beim Sport „Den Ball hätte ich reingekriegt."
Warum vergleiche ich mich so schnell? Muss ich überhaupt immer besser sein?
Im Studium kam ich sonntags mal in die Kirche und war geplättet: Der Pfarrer hatte den Altar einfach in die Mitte der Kirche geschleppt und die Bänke rundherum aufgestellt. Damit alles passte, hatte er sogar bei einigen Bänken mit der Kreissäge nachgeholfen. Es gab kein vorne und hinten mehr, kein „ich bin Gott ganz nahe" oder „ich muss mich hinten verstecken", sondern plötzlich war jeder gleich weit vom Altar entfernt. Egal wo er saß. Das hat für mich wie nichts anderes deutlich gemacht, dass wir vor Gott alle gleich sind. Dass es Quatsch ist, mit oben und unten, besser und schlechter zu argumentieren. Dass ich nichts für meinen IQ und meine sportlichen Fähigkeiten kann, sondern dass ich ganz viele Talente schon bei meiner Geburt geschenkt bekommen habe.
Der Pfarrer (damals im Studium) hat nicht einfach nur die Bänke umgestellt. Er hat Gott für mich in die Mitte gerückt. Ich weiß, warum ich vergleiche: weil ich mich nur dann mag, wenn ich etwas kann, etwas geleistet habe, etwas erreicht habe, einfach besser bin. Aber Gott mag mich auch ohne Leistung, weil ich für ihn von Geburt an gut genug bin, so wie ich bin.

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22NOV2010
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.Heute haben alle Cäcilias Namenstag. Cäcilia war Römerin. Sie lebte im 3. Jahrhundert nach Christus. Damals wurden Christen noch brutal verfolgt, den Löwen vorgeworfen oder hingerichtet. Wer an Jesus glaubte, hat sich besser versteckt. Sich zu bekennen war gefährlich. Aber Cäcilia tat es trotzdem. Schon als Kind war sie von Jesus fasziniert. Seine Wunder, die Nächstenliebe, die er ausstrahlte. Und dann war er sogar bereit für die Sache Gottes zu sterben. Deshalb wollte Cäcilia mit ihrem ganzen Leben Jesus dienen. Wie eine Nonne. Nur dass es damals noch keine Klöster gab. Sie gelobte Gott heimlich, Jungfrau zu bleiben. Aber ihre Eltern hatten anderes mit ihr vor. Sie suchten einen Mann und bereiteten die Hochzeit vor. Was man so liest, war das eigentlich ein ganz netter Kerl. Valerianus hieß er. Aber als es zur Hochzeit kam, sagte Cäcilia zu ihm: „Ich kann nicht! Kein Sex! Ich möchte mein Leben Jesus weihen. Bitte akzeptiere das."
Valerianus wollte das zuerst gar nicht glauben. Aber dann - so wird in den Legenden berichtet - sah er einen Engel neben Cäcilia stehen, der ihr Rosen schenkte. Das genügte ihm. Er akzeptierte, dass Cäcilia wie eine Nonne leben wollte. Aber er verließ sie deswegen nicht. Im Gegenteil: Er wurde auch Christ, ließ sich taufen. Und gemeinsam lebten sie ihren Glauben: Sie haben verfolgten Christen geholfen, Hingerichtete begraben, sich um Witwen und Waisen gekümmert. Bis man sie erwischte: zuerst wurde Valerianus verhaftet und enthauptet, dann Cäcilia. Sie sollte Jesus abschwören. Aber sie blieb standhaft, bis in den Tod. Taffe Frau, diese Cäcilia.

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Justitia hat den Kopf verloren. Das Haupt der Göttin der Gerechtigkeit liegt lächelnd auf einem Stuhl. Um die Augen eine blutrote Binde. Denn die Gerechtigkeit darf nicht auf die Person schauen. Egal ob einer reich oder arm, schwarz oder weiß ist.
Justitias Kopf wirkt friedlich. Aber vom Rest der Statue fehlt jede Spur. Der einzelne Kopf auf dem Stuhl wirkt ein wenig verlassen. Wäre da nicht die Machete unter dem Stuhl. Eine messerscharfe Waffe. Als ich das Kunstobjekt in einer Zeitschrift entdecke, denke ich sofort: Hier hat ein Verbrechen stattgefunden. Wer hat die Gerechtigkeit geköpft?
Das ist genau das, was die Künstlerin Thea Pott aus Aachen erreichen will. Sie will den Betrachter wachrütteln. „Wir alle könnten es gewesen sein", sagt sie. „Wir alle könnten die Gerechtigkeit auf dem Gewissen haben."
Ein Bild, das mich nachdenken lässt: Wo war ich letzte Woche ungerecht? Wo habe ich die Gerechtigkeit geköpft? Nicht unbedingt im Großen. Gerechtigkeit fängt im Kleinen an. Wo habe ich jemanden bevorzugt? Mich unkollegial verhalten? Mich vorgedrängelt? Oder gar gelogen?Der abgeschlagene Kopf auf dem Stuhl macht mir deutlich, dass Ungerechtigkeiten nicht harmlos sind. Kein Kavaliersdelikt. Sondern etwas Gewaltsames: Verbrechen an der Menschlichkeit.

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