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SWR3 Gedanken

„Weißt du was?" fragt meine kleine Tochter Emma. Nein, weiß ich nicht. „Der Gott hat gezaubert", sagt Emma. Ich bin ganz Ohr. „Der Gott hat gezaubert, dass du jetzt Zeit für mich hast", erklärt Emma und schaut mich erwartungsvoll an.
In diesem Moment bin ich gerade dabei, die Socken zu sortieren. Vorher habe ich die Betten gemacht, war im Fünf-Minuten-Takt am Telefon, habe einen Artikel in einer Fachzeitschrift gelesen und mir ein paar Notizen für die Sonntagspredigt gemacht. Und bei jeder einzelnen dieser Tätigkeiten habe ich zu Emma gesagt: „Gleich, gleich habe ich für dich Zeit. Lass mich nur noch das zu Ende bringen."
Jetzt lasse ich die Socken liegen und setze mich mit Emma an den Tisch, um Memory zu spielen. Denn darauf wartet sie schon den ganzen Morgen. So sehnsüchtig, dass sie sogar den lieben Gott bemüht. Denn dass das bei mir zieht, das hat sie längst begriffen.
Aber wenn ich ehrlich bin, ist es diesmal nicht Gott, der zieht, sondern eben Emma. Weil die „Gleich, gleich habe ich für dich Zeit"-Nummer ziemlich häufig vorkommt. Und weil ich befürchte, dass es für meine kleine Tochter manchmal wirklich wie ein Wunder ist, wenn ich dann endlich Zeit für sie habe. Und das tut mir leid.
Denn es sollte kein Wunder sein, wenn ich Zeit für sie aufbringe. Genauso wenig wie es ein Wunder sein sollte, Zeit für mich zu haben oder Zeit für all die anderen Menschen, die mir etwas bedeuten. Aber diese Zeit kommt in meinem Zeitbudget oft viel zu kurz. Weil so vieles andere sich in den Vordergrund drängt. Weil jedes Telefonat wichtiger zu sein scheint als ein Kind, das Zeit braucht.
Jetzt nehme ich mir Zeit. Und nehme mir vor, das auch in Zukunft zu tun. Lieber einmal nicht ans Telefon gehen oder mit unsortierten Socken leben. Lieber einmal einen Termin absagen oder abends ins ungemachte Bett steigen. Denn es ist zwar Gott, der uns Zeit schenkt, aber wie wir sie nutzen, das ist ganz allein unsere Angelegenheit.

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Simone ist alleinerziehend. Ihre Ehe ist kurz nach der Geburt des zweiten Kindes zerbrochen, Unterhaltszahlungen kommen nur stockend. Deshalb geht Simone arbeiten. Als Mutter von zwei Kindern ist sie nicht flexibel, muss nehmen, was sie kriegen kann. Zur Zeit arbeitet sie in einem großen Supermarkt, wo nachts die Regale eingeräumt werden. Der Nachbar hat derweilen ein Auge auf ihre zwei Kinder.
Außerdem hat Simone Eltern. Ihre Mutter leidet unter beginnender Demenz. Ihr Vater hat eine schwelende Krebserkrankung. Weil beide nur noch in Grenzen für sich selbst sorgen können, fährt Simone jeden Tag vormittags zu ihren Eltern, während die Kinder in der Schule sind. Dort putzt sie die Küche, geht einkaufen, badet ihre Mutter. Was eben so anfällt. In den paar Stunden, in denen sie mit ihren Kindern zusammen ist, will Simone die beste Mutter aller Zeiten sein.
Ich treffe Simone auf dem Flur der Schule. Sie kann kaum ruhig stehen, reibt fahrig mit den Händen an ihrer Hose, lächelt zuviel. Und wird nicht müde zu beteuern, dass sie alles im Griff hat. Naja, fast alles. Naja, wenn sie ehrlich ist, wächst ihr das alles ziemlich über den Kopf. Und dann zuckt sie ratlos mit den Schultern. Vielleicht passiert ja irgendwann ein Wunder, sagt sie.
Ein Wunder passiert nicht. Aber in der Beratungsstelle des Diakonischen Werkes sitzt eine Mitarbeiterin, die ein paar gute Ideen für Simone hat. Sie stellt den Kontakt her zu einer Gesprächsgruppe von Angehörigen von Demenzkranken. Sie organisiert, dass Simones Eltern vom Medizinischen Dienst in eine Pflegestufe eingestuft werden. Und sie beantragt gemeinsam mit Simone eine Mutter-Kind-Kur.
 „Wenn ich gewusst hätte, welche Möglichkeiten es gibt", sagt Simone. Und damit hat sie recht. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt. Welche Hilfsangebote es gibt. Wie zum Beispiel bei den Beratungsstellen des Diakonischen Werkes. Und wenn Sie eine Simone sind oder eine kennen, dann gibt es bestimmt auch eine davon in Ihrer Nähe.

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Seit über dreißig Jahren sind Hans und Inge verheiratet. Zwei Kinder haben sie großgezogen, gemeinsam ein Haus gebaut. Wenn man sie sieht, sind sie ein ganz unspektakuläres Paar. Sie halten nicht Händchen, sie küssen sich nicht in der Öffentlichkeit, sie wirken in keiner Weise verliebt.
Aber als sie mir gegenüber sitzen, fällt mir etwas auf. Ein kleines „H" an einer Kette um Inges Hals. Ein „H" für Hans. Und ich stelle mir vor, dass es ein ganz besonderer Moment war, seit dem diese Kette um Inges Hals hängt. Einer, von dem nur die beiden wissen.
Hans und Inge sind seit über dreißig Jahren verheiratet. Ein ganz unspektakuläres Paar. Aber als ich dieses „H" sehe begreife ich mehr von der Liebe als bei jedem Kuss in der Öffentlichkeit. Ich begreife etwas über die leisen Töne der Liebe.
Denn die Liebe ist oft leise. Sie bläht sich nicht auf, heißt es im so genannten „Hohelied der Liebe" in der Bibel. Sie heischt nicht nach Beachtung und Aufmerksamkeit. Sie will nicht ständig bestätigt oder gar bewiesen werden. Im wahrhaft glücklichen Fall ist sie einfach da. Leise, selbstverständlich, unspektakulär.
Seit fünf Jahren sind Ingo und Susanne ein Paar. Nachwuchs kündigt sich an. Deshalb soll geheiratet werden. Sie sitzen vor mir, erzählen mir von ihrer Liebe. Von den spektakulären Zeiten. Von den Schmetterlingen im Bauch. Die sich längst gelegt haben. „Jetzt ist das vorbei", sagt Ingo. Und Susanne ergänzt: „Wir sind längst wie ein altes Ehepaar." Und bei beiden schwingt leichtes Bedauern mit.
Deshalb erzähle ich ihnen von Hans und Inge. Von der leisen Liebe. Von der biblischen Liebe. Von der es in modernen Worten heißt: „Sie macht nicht große Worte, stellt sich nicht zur Schau. Sie hat immer noch Vertrauen, hat immer noch Hoffnung, hat immer noch Geduld. Diese Liebe kennt kein Ende." Bei Hans und Inge sehe ich solche Liebe. Ingo und Susanne und uns allen wünsche ich sie von Herzen.

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Ich stehe an der Ampel. Dichter Feierabendverkehr auf einer vierspurigen Straße durch die Stadt. Neben mir die Leitplanke. An der Leitplanke eine Blume. Keine besonders großartige oder spektakuläre Blume. Und dennoch wunderschön.
Die Ampel ist noch immer rot. Ich habe Zeit für die Blume. Sie hat ein paar grüne Blätter und eine blaue Blüte. In den Abgasschwaden schaukelt sie leicht hin und her. Sie hat sich keinen besonders idyllischen Platz zum Wachsen und Blühen ausgesucht.
Und dennoch wächst sie da. Trotz aller Widrigkeiten blüht sie da vor sich hin. Keiner hegt sie, keiner pflegt sie, keiner kümmert sich um sie. Und dennoch ist sie da. Gibt einfach nicht auf. Was für eine Kraft.
Auf dieser Straße, an dieser Ampel, neben dieser Leitplanke wünsche ich mir einen Funken dieser Kraft. Nicht für mich, sondern für Ina. Ina ist vier. Sie war dabei, als mit ihrem Vater der Zorn durchging, so dass er ihre Mutter mit dem Gürtel verprügelt hat. Ina war mit ihrer Mutter im Frauenhaus. Mittlerweile ist Ina bei einer Pflegefamilie. Weil ihre Mutter es alleine nicht schafft, ihr Kind zu versorgen.
Ina ist ein hübsches kleines Mädchen mit einem offenen Gesicht. Wenn sie lacht, geht die Sonne auf. Aber sie lacht immer seltener. Manchmal sitzt sie in der Ecke und brütet vor sich hin. Oder sie schlägt ohne ersichtlichen Grund um sich. Ohne ersichtlichen Grund?
Ina ist eine Leitplanken-Blume. Die stünde vielleicht auch lieber in einem schmucken Blumenbeet, wo sie nach Herzenslust wachsen und gedeihen könnte. Aber sie hat sich diesen Platz an der Leitplanke nicht ausgesucht. Die Blume schafft es, das Beste daraus zu machen. Wird Ina das auch schaffen?
Die Ampel wird grün, ich fahre weiter. Die Blume lasse ich zurück. Aber den Gedanken an Ina, den nehme ich mit. Und an Moritz und Kevin und Natascha. Weil deren Wachsen und Gedeihen schon damit beginnt, dass ihr Schicksal anderen nicht gleichgültig ist.

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Mitten in der Predigt eine helle Stimme: „Schaut mal da oben in der Ecke. Wie schön." Ein ausgestreckter Finger markiert den Weg, dem alle Augenpaare folgen. Aber in der Ecke ist nichts zu sehen. Die helle Stimme lacht froh. Worüber auch immer. Und die helle Stimme gehört keinem Kind, sondern einer Frau von 74 Jahren.
Ich kenne diese Frau seit vielen Jahren. Eine ganz tüchtige war das. Die mit beiden Beinen im Leben stand. Wo immer eine helfende Hand gebraucht wurde, war sie da. Wer immer Rat suchte, fand ihn bei ihr. Jetzt nicht mehr. Jetzt hat das große Vergessen begonnen.
An manchen Tagen geht es ihr besser. Dann weiß sie, wer sie ist, erkennt ihren Mann und erinnert sich an den Namen des Ortes, in dem sie wohnt. Aber diese Tage werden seltener. Für ihren Mann ist es besonders schwer. Die Frau, die er einmal geheiratet hat, verschwindet von Tag zu Tag mehr. Die Frau, mit der er alt werden wollte, wird zum Kind.
Wenn Menschen an Demenz erkranken, bedeutet das für die Angehörigen Trauerarbeit mitten im Leben. Es bedeutet, den Menschen zu sehen, den man kennt und liebt, und gleichzeitig mit jedem Tag mehr den Menschen zu verlieren, den man kennt und liebt. „Die Person sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus", beschreibt das der österreichische Schriftsteller Arno Geiger.
Weltweit leiden mehr als 35 Millionen Menschen unter Demenz. Mindestens genauso viele Angehörige sind Mitleidende. Im wahrsten Sinne des Wortes. Leiden mit, ohne etwas tun zu können. Trauern im Verborgenen. Und spüren, wie die Last sie auffrisst. Und sie schaffen es nicht allein.
Immer mehr Kirchengemeinden bieten deshalb gezielt Gottesdienste für Demenzkranke und ihre Angehörigen an. Traditionelle Formen und bekannte Lieder helfen den Kranken, an tief verwurzelte Erinnerungen anzuknüpfen. Und für die Angehörigen ist es ein Ort, wo sie ihren Kummer teilen können. Das große Vergessen ist dadurch nicht aufzuhalten. Aber es hilft, das große Vergessen gemeinsam auszuhalten.

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Ein Gang über den Friedhof. Rechts ein Grab, das mir ins Auge fällt. Es ist überwuchert mit Immergrün, mittendrin eine Schale mit frischer Erika. Auf dem Grabstein sitzt ein Engel. Steinern und mit Moos bedeckt. Auf seinem Gesicht liegt ein tiefer Friede. In seiner steinernen Ruhe bewacht er dieses Grab.
Zu seinen Füßen lese ich eine Inschrift, deren goldene Buchstaben schon längst stumpf geworden sind. Aber trotz aller Verwitterung heißt es da noch klar und deutlich: Sie sind uns nur vorausgegangen. Alle, die in diesem Grab liegen, sind uns nur vorausgegangen.
Vorausgegangen. Das heißt: Wer stirbt, geht den Weg, den ich auch gehen werde. Ich werde nachkommen, wann auch immer. Und es gibt ein Wiedersehen. Wo auch immer. Alles andere ist im Angesicht dieses Engels gar nicht mehr so wichtig.
Und wie ich da so stehe, habe ich das Gefühl, als ob der Friede des Engels nach mir greift. Ich lese diese wenigen Wörter und denke an all die Menschen, die ich in diesem Leben schon verloren habe. Und deren Verlust mir nach wie vor weh tut. Ich denke an all die Gräber, an denen ich schon stand. An die Tränen, an die Trauer, an den Schmerz.
Sie sind uns nur vorausgegangen. In diesen fünf Wörtern steckt so viel Gelassenheit gegenüber dem Tod. So als sei der Tod eben wirklich nur eine Station auf unserem Weg. Der mit dem Tod nicht endet, sondern weiter geht. Jenseits des Horizontes, den wir überblicken. Aber immer im Horizont eines Gottes, der uns Menschen liebt. Auch und gerade über den Tod hinaus.
In diesem Leben ist und bleibt der Tod ein Abschied. Und Abschiede tun weh. Aber in der Gelassenheit des Engels lässt sich der Schmerz aushalten. Kann ich mit dem Tod leben lernen. Weil er letztendlich ja gar nicht wirklich das Leben nimmt.
Und so verlasse ich den Friedhof und nehme das Gesicht des Engels mit. Und einen Hauch von Frieden.

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Lutherstadt Wittenberg, Wiege der Reformation. Mitten auf dem Marktplatz der Reformator Martin Luther. Nicht in echt, sondern in Bronze gegossen, als überlebensgroßes Denkmal. Das aber monatelang in einer Werkstatt war, um aufgehübscht zu werden.
Als vorübergehenden Ersatz schuf der Künstler Ottmar Hörl 800 Miniaturausgaben des Reformators. Aus Plastik und in verschiedenen Farben zierten die „Lutherzwerge", wie sie im Volksmund genannt wurden, bis Mitte September den Marktplatz von Wittenberg.
Für die einen war es eine gelungene Kunstaktion. Anderen jedoch waren die „Lutherzwerge" ein Dorn im Auge. „Hätte Luther die Zwerge gesehen, würde er mit dem Tintenfass nach den Initiatoren werfen", schimpfte zum Beispiel ein Unternehmensberater namens Klaus Kocks und meinte die Evangelische Kirche in Deutschland.
Ich dagegen überlege, ob ich mir einen Lutherzwerg wünsche. Weil ich mir nichts Schöneres vorstellen kann als einen Reformator zum Anfassen. Und irgendwie glaube ich nicht, dass Martin Luther mit Tintenfässern geworfen hätte. Im Gegenteil: Er war einer, der dem Volk aufs Maul geschaut hat. Warum sollte so einer etwas dagegen haben, in aller Munde zu sein.
Und das ist Martin Luther. Zumindest bei all denen, die in Wittenberg wochenlang zwischen den 800 Plastikfiguren umherliefen und sich dabei so ihre Gedanken über Martin Luther und die Reformation machten. Über eine Kirche, die fröhlich und bunt, die menschenfreundlich und menschennah sein soll. Eben Kirche zum Anfassen.
Nichts gegen das übergroße Denkmal von Martin Luther. Er war schon wirklich ein großer Mann. Aber ein großer Mann, der eigentlich kein Denkmal sein wollte. Sondern ganz nah bei den Menschen. Und wenn ein älterer Herr beim Anblick eines Regentropfens auf der Nase des Plastikluther darüber sinniert, ob das jetzt reformatorischer Rotz ist, dann hätte Martin Luther darüber womöglich am lautesten gelacht.

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