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SWR3 Gedanken

Auf meinem Schreibtisch steht ein einfacher Briefumschlag. Erinnerungsbox steht darauf. Meine jüngste Tochter hat ihn mir einmal geschenkt. Darin befinden sich ein Foto unserer Familie, ein kleines Erinnerungsstück aus dem letzten Sommerurlaub und eine Eintrittskarte für ein  Theaterstück, das wir gemeinsam besucht haben. Nichtssagende Dinge eigentlich, die dennoch für meine Tochter und für mich eine tiefere Bedeutung haben. Sie verbinden uns. Sogar dann, wenn wir uns nicht sehen. Genau das war es auch, was meine Tochter mir mit diesem Geschenk sagen wollte.
Die Erinnerung ist eben das, was uns bleibt, auch wenn es keine direkte Verbindung mehr gibt. Sie ist der Grund, warum wir Museen bauen oder Gedenkstätten errichten. Sie verbinden uns sogar mit Menschen, die wir nie persönlich gekannt haben. Sie geben uns nicht nur eine Ahnung woher wir kommen sondern auch Antworten darauf, warum etwas so ist, wie es ist. Kinder, die ihre leiblichen Eltern nie kennen gelernt haben, sind nicht umsonst oft ein ganzes Leben lang auf der Suche nach ihnen. Zu wissen, woher man kommt, sich erinnern zu können und Antworten darin zu finden, ist ein Menschenrecht.
Von der Kraft der Erinnerung lebt auch die Religion. Die Bibel ist in weiten Teilen eine einzige Erinnerungsbox. Sie verbindet uns mit den Erfahrungen, die Menschen früherer Zeiten mit Gott gemacht haben. Keinesfalls jedoch, um sie unhinterfragt zu übernehmen. Für mich ist sie vielmehr eine ständige Einladung, meine eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen mit denen früherer Menschen in Beziehung zu bringen. Dabei entdecke ich immer wieder mal neue Spuren Gottes auch in meinem Leben.

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Fünf Euro mehr. Was Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind, sich tatsächlich davon kaufen, können sie zum Glück noch immer allein bestimmen. Um fünf Euro aber tobt ein Streit, der das Land durchrüttelt. Von Frechheit ist die Rede, von einem Schlag gegen die Menschenwürde. Allerdings halten auch 56 Prozent der Deutschen selbst diese fünf Euro noch für zu viel. Doch vielleicht geht es ja nur vordergründig um fünf Euro. Vielleicht sind sie eher ein Symbol für einen viel tieferen Konflikt. Für mich jedenfalls hat der ganz viel mit Angst zu tun. Mit der Angst von über sechs Millionen Menschen, die fürchten, den Anschluss endgültig zu verlieren. Den Anschluss an eine Gesellschaft nämlich, die Teilhabe im Wesentlichen über den Konsum definiert. Über die Möglichkeit, mithalten zu können. Auf der anderen Seite mit der Angst von immer mehr Leuten, die sich unterschwellig davor fürchten, genau dahin abzurutschen. Dorthin, wo jene schon sind, von denen man sich doch eigentlich so gerne abgrenzen möchte.
Angst essen Seele auf, hieß mal ein bedrückender Spielfilm der siebziger Jahre. Der Titel hat nichts an Aktualität eingebüßt. Angst scheint sich tatsächlich in die Seele hineinzufressen. Sie schottet Menschen gegeneinander ab, statt sie zusammenzubringen, zu solidarisieren. Die Bereitschaft zur Solidarität jedenfalls zerbröselt immer deutlicher, öffnet immer mehr Gräben zwischen uns. 
Die Angst überwinden kann man vielleicht nur, wenn man sie zulässt. Wenn man sich deutlich macht, wie sehr man unbewusst von ihr beherrscht wird. Erst dann wird der Blick wieder klarer. Der Blick auf den Nachbarn, den früheren Arbeitskollegen. Vielleicht dann nicht mehr mit Aggression und Misstrauen, sondern mit dem Wunsch nach Solidarität.

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Die chilenischen Bergleute: 70 Tage lang mehr als 600 Meter unter der Erde. Sie haben dort unten Schlimmes durchgemacht. Und seit gestern laufen sie rauf und runter: die Bilder von der Rettung. Alle halbe Stunde kommt die Rettungskapsel oben an und einer der Bergleute steigt aus. Die Bilder gleichen sich und doch sind sie ganz unterschiedlich. Viele umarmen ihre Liebsten, die einen still, die anderen überschwänglich. Einer kniet nieder und dankt Gott. Ein anderer beginnt hemmungslos zu weinen.
Mario Sepúlveda brüllt seine Freude raus. Er reckt seine Fäuste hoch und schreit: „Ich bin so glücklich!" Und später sagt er: „Ich war da unten mit Gott und mit dem Teufel. Sie haben gekämpft. Aber Gott, die stärkere Macht, hat gewonnen."Ich glaube nicht, dass Gott irgendeinen Kampf bestehen muss. Und schon gar nicht, dass er ihn auf dem Rücken der Menschen austrägt. Aber dieses Bild von Mario drückt wohl die ganze Ohnmacht aus, die dort unten geherrscht haben muss. Er und seine Kumpel haben in dieser Situation gespürt, dass sie es nicht mehr in der Hand haben.Wenn ich etwas nicht mehr in der Hand habe, und es klappt dann doch, dann spreche ich gerne von einem „Wunder". Sicher, es war ein Haufen an modernster Technik und menschlicher Willenskraft nötig. Aber es gehörte eben noch mehr dazu. Und das haben die geretteten Bergleute auch zum Ausdruck gebracht. Sie haben den Familien, Helfern und Technikern gedankt, und sie haben Gott gedankt.Die Erfahrung von Gott gerettet zu werden, ist eine uralte Erfahrung. Vor 3000 Jahren ist ein Gebet entstanden, das sich so anhört, als sei es für die geretteten Bergleute geschrieben worden. In Psalm 40 heißt es: „Ich  hoffte, ja ich hoffte auf Gott. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. Er zog mich herauf aus der Grube des Grauens, aus Schlamm und Morast. Er stellte meine Füße auf den Fels, machte fest meine Schritte."

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Etliche Jahre haben wir zusammen gearbeitet, Erfolge und Niederlagen miteinander geteilt. Der alte Pfarrer und ich. Vor kurzem ist er verabschiedet worden, nach fast 20 Jahren in seiner Pfarrei. Er wird nun wegziehen, weit entfernt von hier. Auf der Heimfahrt von der Feier beschlich mich ein seltsames Gefühl. So fühlen sich Abschiede an. Und mit jedem Abschied geht unweigerlich ein Abschnitt des eigenen Lebens zu Ende, mag er auch noch so wichtig, schön und erfüllend gewesen sein.
Sich niederlassen, sich häuslich einrichten, irgendwo festmachen für immer. Die meisten von uns wünschen sich das früher oder später. Genau das jedoch funktioniert nicht. Es gibt nichts Unverrückbares in diesem Leben. Manchmal ist das ganz schön schwer zu akzeptieren. Vielleicht ist es eher so, dass unser Leben einem Fluss gleicht, der immer weiter fließt, an unterschiedlichsten Orten vorüberzieht. Durch traumhaft schöne Landschaften, in denen man bleiben möchte. Aber eben auch durch schroffe, gefährliche Schluchten. Nur stehen bleibt er nirgendwo. Mir zumindest wird das mit jedem Abschied, den ich erlebe, immer deutlicher. Unsere Heimat sei nun mal im Himmel, schreibt der Apostel Paulus in einem Brief einmal an seine Anhänger. Ich glaube nicht, dass er diese Welt, in der wir leben damit als zweitklassig hinstellen wollte. Dass es eigentlich nur auf den Himmel ankommt, wo immer der auch sein mag. Ich lese darin eher ein Stück Lebensweisheit. Die Erkenntnis, dass eben nichts, was wir hier tun oder lassen wirklichen Bestand hat. Dass alles im Fluss ist und bleibt und dass es so etwas wie Sicherheit letztendlich nur im Vertrauen auf Gott gibt. Oder anders gesagt, im Himmel.

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Pfarrer Henrichsen glaubt schon länger nicht mehr an all das, was er sonntäglich den Leuten predigt. Eigentlich ist er immer unsicherer geworden, was er wirklich glauben soll. Seine früher mal so festen Überzeugungen sind von Zweifeln angefressen. Er steckt in einem Dilemma, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt. Pfarrer Henrichsen ist die Hauptfigur in einem Roman des Schriftstellers Dieter Wellershoff. Dass ausgerechnet einer, der den Glauben Anderer aufbauen und stärken soll, mit ebendiesem hadert, zieht sich verstörend wie ein roter Faden durch die Geschichte. Ganz so ungewöhnlich freilich ist das nicht. Nicht mal bei einer so vergötterten Lichtgestalt wie der Ordensfrau Mutter Theresa. In einem Buch, das nach ihrem Tod erschien, berichtet sie offen von ihren tiefen Glaubenszweifeln - und kommt damit uns Zweiflern in Wahrheit viel näher als durch alles caritative Engagement. Zweifel gehören nun mal zum Glauben, sind quasi seine Schattenseite. Ja, ein reifer, tragfähiger Glaube muss vielleicht erst durch das Feuer der Zweifel hindurch. Erst dann kann er auch in stürmischen Zeiten noch tragen. Glauben ist nun mal ein ständiges Ringen um Vertrauen und Hoffnung. Um Vertrauen in etwas, das ich letztlich nie beweisen kann, auf das ich aber doch Hoffnungen setze.
Ein gesundes Maß an Skepsis, so berichtete neulich eine Zeitung, ist sogar gesund für unsere Seele. Wer jeden aufkommenden Zweifel unterdrücke, so hieß es dort, werde oftmals einfach schneller krank. Allerdings hat das Ganze auch eine Kehrseite: Jemand, der den Zweifel zur grundsätzlichen Lebenshaltung macht, der alles und jedes in Frage stellt, wird am Ende chronisch misstrauisch und auch nicht glücklich. Mit dem Glauben wäre es damit wie mit fast allem im Leben. Auf das gesunde Maß kommt es an. Auf das für mich erträgliche Maß zwischen Vertrauen und Zweifel.

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„Ich bin stolz auf dich." Kaum ein anderer Satz baut so auf. Er ist Belohnung für viele Mühen, Balsam für unsere Seele oder einfach nur Ausdruck der Liebe. Und manchmal, da habe ich ja auch Grund, auf mich selber stolz zu sein. Wenn mir zum Beispiel eine Arbeit besonders gut gelungen ist. Oder wenn ich ein Stück nach wochenlangem Üben auf dem Instrument endlich fehlerfrei hinbekomme.
Trotzdem hat er im Allgemeinen keinen besonders guten Ruf, der Stolz. Einer, der seinen  Stolz auf das eigene Erreichte auffällig dick aufträgt, wirkt für andere oft peinlich, sogar arrogant. Stille und Bescheidenheit kommen in der Regel besser an. Mehr noch: In der Tradition der Kirche gilt der Stolz seit Jahrhunderten sogar als Todsünde. Als eine so schwere Verfehlung also, dass sie einen Menschen von der Beziehung zu Gott abschneidet. Klingt ziemlich übertrieben! Sollte ich mich in den Augen der Kirche also nicht mehr über einen Erfolg freuen, stolz auf mich sein dürfen? Natürlich soll und darf ich! Doch es ist ein Unterschied, ob ich zu Recht stolz auf meine Leistung bin oder mich für den Besten, Klügsten und Unschlagbarsten überhaupt halte.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass in manchen Sprachen dasselbe Wort sowohl Stolz wie Hochmut bedeutet. Der Schritt vom Stolz zur Überheblichkeit ist in der Tat nicht weit. Wer aber abhebt, überheblich wird, wähnt sich eigentlich schon auf einer höheren Stufe. So jemand schließt sich bewusst selber aus. Im Extremfall, so die alte kirchliche Lehre, auch aus der Gemeinschaft mit Gott.

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„Alles kann besser werden, holen wir uns den Himmel auf Erden." Ein Hit des Mannheimers Xavier Naidoo. Die Vorstellung, wie er denn nun aussehen soll, der Himmel auf Erden, dürfte allerdings reichlich unterschiedlich sein. So verschieden wahrscheinlich, wie wir Menschen, die ihn sich erträumen. Verschieden wie die Milieus und Lebenswelten, aus denen wir kommen. Uns allen gemeinsam dürfte nur sein, dass er irgendwas mit unserm ganz konkreten Leben hier und jetzt zu tun hat. So ähnlich dürfte es vor zwei Jahrtausenden auch den Menschen ergangen sein, die Jesus predigen hörten. Vom Reich Gottes erzählte der ihnen, das eigentlich schon da sei, mitten unter ihnen. Das schon sehr bald wachsen und vollendet sein werde. Nicht wenige schauten sich auch damals um und sahen, dass eigentlich alles so elend und mühsam war, wie eh und je. Andere aber ließen sich anstecken, wollten den Traum und die Hoffnung, die in ihm lag, nicht aufgeben. Im Grunde haben Christen diese Vision von damals bis heute nicht aufgegeben. Haben sie durch alle finsteren Zeiten und auch durch alle Verirrungen in der eigenen Kirche hindurch getragen. Sie wissen, dass sie den Himmel auf Erden nicht selber machen können. Ihn zu vollenden, liegt allein bei Gott. Aber den Traum davon, die Vision des Jesus aus Nazareth, die zumindest wollen sie nicht aus den Augen verlieren. In einem modernen Staat wie unserem könnte das zum Beispiel heißen: Auch wenn der Himmel auf Erden letztlich Gottes Sache bleibt. Zumindest die Chance auf einen Vorgeschmack davon, die sollte jeder haben können, der bei uns lebt. Das zu ermöglichen ist und bleibt aber unsere Sache.

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