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SWR3 Gedanken

Würde ich meinen Bruder fragen, wofür er dankbar ist, würde er spontan vermutlich sagen „wenn ich mal ausschlafen kann".

Klar würden ihm dann auch noch wichtigere Dinge einfallen, aber das Geschenk morgens in Ruhe gelassen zu werden, sich noch mal umzudrehen, erst dann aufzustehen, wenn es im Haus nach Kaffee duftet, das steht wohl nicht nur auf seiner Wunschliste ziemlich weit oben.

Es gibt viele Gründe, weshalb Ausschlafen für Berufstätige einen hohen Stellenwert hat. Wenn ich den Alltag meines Bruders anschaue, ist so ein Tagesanfang ohne Wecker eine höchst willkommene Unterbrechung im für gewöhnlich stressigen, termingeplagten Alltag.

Ein Tag, der damit beginnt, dass ich mich einfach nochmal umdrehe, dem Körper Zeit lasse, seinen Rhythmus zu finden - wunderbar. Schließlich ist nicht alles im Leben Arbeit, Leistung und Durchhalten.

Ein Tag, der mir gleich zu Beginn Zeit lässt, langsam aus der Traumwelt in die Realität zu kommen, bringt mich nicht so leicht aus der Balance.

Für mich hat Ausschlafen deshalb auch viel mit der Erntedankzeit zu tun - ich lasse Körper und Geist schon am Morgen die nötige Zeit, sozusagen „reif" zu werden für den Tag.

Ausgeschlafene gutgelaunte Menschen sind so anziehend wie rotbackige Äpfel und leuchtende Kürbisse. Sie strahlen etwas von der Schöpfungskraft und Freundlichkeit Gottes aus.

In diesem Sinne- ein gutes Ausschlafen an diesem Wochenende und danach: fröhliches Ernten!

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In einem Kaffee in Freiburg. Ich stehe in einer Schlange für einen Kaffee zum Mitnehmen. Vor mir ein Mann, Mitte zwanzig. Wir kommen ins Gespräch. Über die Erntedeko auf den Tischen und ob Erntedank noch zeitgemäß ist. „Wofür sind Sie dankbar?" frage ich ihn. Er überlegt nicht lange „Ich bin seit einer Woche Systemadministrator in einem kleineren Betrieb. Aus über 40 Bewerbungen haben die mich ausgesucht. Meine erste Stelle! Dabei habe ich noch gar keine richtige Berufserfahrung. Ich bin echt dankbar, dass die mir so eine Chance geben."

Eine Chance bekommen. Ausgewählt werden. Menschen vertrauen mir, sehen in mir etwas, was andere nicht sehen. Vielleicht geht es ja erst mal genau darum: gesehen zu werden als ein Mensch mit Potenzial und Möglichkeiten. So sieht Dankbarkeit heute aus.

Während früher die Leute vor allem dankbar waren für die Früchte auf dem Acker, die im Oktober immer reif geworden sind, ist es heute vielleicht das: Eine Chance bekommen.

Was für ein Glück. Sich einmal nicht zuerst unter Beweis stellen, sich abrackern müssen, damit jemand Notiz von mir nimmt.

Eine Chance bekommen.
Jemand traut mir mehr zu, als ich habe beweisen können.

Eigentlich ein biblisches Erlebnis! In unzähligen Geschichten erzählt  die Bibel, wie Gott Menschen eine Chance gibt. Wie Jesus Menschen ohne Vorleistung einen Neuanfang zutraut. Wie Gott das Beste hineindenkt in den Menschen, und wie es deshalb wirken kann, wenn wir die Chance annehmen.

Mein Nachbar an der Kaffeetheke ist sichtlich beflügelt von der Chance, die er bekommen hat. Sicher wird er sein Bestes geben, um zu zeigen, was in ihm steckt.

Der Kaffee ist endlich da, wir lächeln uns an, bezahlen und gehen - beide dankbar für die paar Sekunden Vertrauen.

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Gott würfelt nicht, hat der Physiker Einstein gesagt. Falls doch, ist meine Freundin Julia jedenfalls dankbar für die Zufallswürfe, mit denen jeweils Bewegung in ihr Leben kam.

„Es ist doch erstaunlich, aus welch banalen Situationen sich manchmal Kontakte ergeben, die irgendwann plötzlich entscheidend im Leben werden", sagt sie überzeugt.

Ich denke, an all die Leute, die mein Leben entscheidend geprägt haben. Bis in die jüngste Zeit hinein fallen mir Personen und Situationen dazu ein zu dieser Art Würfelglück.

Wie ich damals übers Trampen an ein WG-Zimmer kam. Wie mir aus einem Aufenthalt im Wartezimmer ein Praktikumsangebot zufiel. Mein Studienfach Theologie habe ich damals ausgewählt, weil ich die Schwester eines Freundes so toll fand, und die Pfadfinder haben lange Zeit mein Leben geprägt, obwohl ich nur einem Freund zuliebe mitgegangen bin.

Fast wird mir ein wenig schwindlig, wenn ich Entwicklungen in meinem Leben mit Personen verbinde, die mir mehr oder weniger zufällig über den Weg gelaufen sind. Und mir fallen Leute ein, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe.

Ich bin jedem einzelnen dankbar. Dankbar, dass sie eine Zeitlang oder auch eine lange Phase mein Leben begleitet, kommentiert, bereichert haben. Dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, ihr Leben zu begleiten, zu kommentieren und zu bereichern. Dankbar, dass aus diesen vielfältigen Mit-, Neben- und manchmal auch Gegeneinander immer so viel Neues und Eigenes gewachsen ist.

Meine Freundin Julia beginnt bald ihr neues Studienfach - ich bin gespannt, wer da alles so ihr Leben prägen wird.

Falls Gott würfelt, ist er jedenfalls ein genialer Spieler. Und ich bin Gott dankbar dafür, dass Menschen wie Julia meinen Weg kreuzen.

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„Danke für manche Traurigkeiten", heißt es in einem Kirchenlied aus den 70ern. Die 80jährige Frau auf der Parkbank neben mir erzählt, dass sie dieses Lied wegen dieser einen Zeile immer wieder gerne singt.

Gerade weil sie etliche Traurigkeiten erlebt hat.
Den Krieg hat sie noch miterlebt, der Vater kam nicht zurück.
Eines ihrer Kinder hat eine schwere Behinderung.
Und vor einem knappen Jahr ist die Ehe des ältesten Sohnes zerbrochen.

„Traurig, schon wahr", sagt die korpulente Frau, „aber immer nur Sonnenschein - das ist doch auch kein Leben."

Und dann berichtet sie, wie sehr sie ihre starke Mutter bewundert hat, als die alleine vier Kinder nach dem Krieg durchbrachte. Sie sei schon manchmal traurig gewesen, und sie habe das auch gezeigt. Aber dann konnte sie sich auch wieder an vielem freuen und neuen Mut fassen. Sie blieb ihr immer ein Vorbild.

Sie erzählt weiter und als sie über die behinderte Tochter spricht, da lächelt sie. Gerade deren Entwicklung habe sie besonders aufmerksam verfolgt und bewundert. Ich glaube ihr als sie sagt: Dieses Kind hat der Familie gezeigt, was Traurigkeit wirklich ist und was Lebensfreude.

Und dann die Beziehung zu ihrem ältesten Sohn und dessen Frau. Erst durch seine Scheidung sei sie mit ihm so intensiv ins Gespräch gekommen wie nie zuvor. Das hat sie angeregt, vieles noch mal neu durch zu denken und zu bewerten. Bis heute ist sie immer wieder überrascht, wie viele gute Gründe es für ganz unterschiedliche Entscheidungen gibt. Sie verstehen sich ganz neu, sie als Mutter den Sohn, er als Sohn die Mutter.

„Ich bin dankbar für die schweren Momente", sagt sie abschließend. „Das sind im Rückblick die Zeiten, von denen ich bis heute zehre, weil sie mir den Reichtum des Lebens gezeigt haben. Die ganze Fülle an Empfindungen und Leistungen, zu denen wir Menschen fähig sind. Mein Erntedank heißt ‚Danke, für manche Traurigkeiten'."

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Der 48-jährige ehemalige Millionär ist dankbar für die neue Freiheit, die er jetzt endlich spürt.

Vor kurzem hat er seine Edelvilla samt Wellnessbereich verlost. Die Firma, die Segelflugzeuge, die Autos und das Haus in der Provence hat er schon vor einiger Zeit abgestoßen.

Freiheit heißt für Karl Rabeder aus Linz: frei zu sein von der Angst, bereits Erworbenes wieder zu verlieren.

Sein neues Leben zeichnet sich durch eine 2-Zimmerwohnung und 1000 Euro Monatseinkommen aus. Und: durch ein gemeinnütziges Mikro-Kreditinstitut, das Menschen in Lateinamerika einen Weg aus der Existenznot bietet.

Der Weg zur neuen Freiheit führte Rabeder erst einmal durch Jahre, in denen es nur um's immer-mehr ging: immer mehr Produktion, immer mehr Umsatz, immer mehr Reichtum, immer mehr Konsum. Nur mehr Glück und mehr Freiheit hat das nicht bedeutet.

Erst jetzt, als er all das losgelassen hat, fühlt er sich wieder frei und in der Lage sich auch endlich für andere zu engagieren, etwas zu bewegen, wie er es sagt.

Für mich ist seine Geschichte ein Beispiel für gelebten Erntedank, das Fest, das vorgestern in den Kirchen gefeiert wurde: Rabeder hat das, was er erwirtschaftet hat, aus der Spirale des „immer-mehr" herausgenommen. Und hat damit etwas aufgebaut, womit andere die Spirale des „immer-weniger" überwinden können. Es gibt zwei Teufelskreise: die des immer mehr- und die des immer weniger. Erst wenn wir aus diesen Teufelskreisen heraustreten, werden wir wirklich frei. Dann können wir die Welt  so gestalten, dass wir alle unseren Platz darin finden ohne Angst.
Das ist dann Freiheit.

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„Ich bin dankbar, dass es jemanden gab, der das Klavier erfunden hat", sagt die 12-jährige Philine und klimpert los. Eine Zeile Mozart, ein paar Takte Etüden, zwischendurch Tonleitern - Hauptsache es perlt und tönt unter ihren Fingern. Sie ist dann kaum mehr ansprechbar und versinkt in ihrer eigenen Welt aus Akkorden und Melodien.

Die ältesten Instrumente wurden auf der Schwäbischen Alb gefunden und sind 35 000 Jahre alt. Musik gehört zum Menschsein dazu, wie der aufrechte Gang und die Fähigkeit sich mitzuteilen. Was Philine und wohl alle, die selbst Musik machen fasziniert: da entsteht eine andere Sprache aus mir selbst heraus. Mit ihr kann ich Stimmungen mitteilen, Atmosphären her zaubern, eigene Welten schaffen und andere mit hinein nehmen, ein schöpferischer Prozess. So unbegrenzt und kreativ wie die Menschen selbst.

Auf der ganzen Welt haben Völker und Nationen sich eigene Musikwelten geschaffen. Je mehr wir uns untereinander zuhören, desto mehr Inspirationen bekommen wir und bringen Bewegung in den Musikkosmos.

Zwischen den ersten einfachen Melodien auf den Knochenflöten der Urschwaben und Beethovens fünfter Sinfonie mögen fachlich gesprochen Klangwelten liegen. Doch beides trägt in sich den zutiefst menschlichen Impuls inmitten einer wunderbaren Schöpfung selbst schöpferisch zu werden. In der Musik nehmen wir auf, was uns geschenkt ist. Wir verwandeln es, und schenken es als neue Schöpfung der Welt um uns.

Ein Klavierstück ist wie ein Erntedankfest. Zum Beispiel von Philine oder auch von Abba: Thank you for the music...

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Immer mal wieder schlagen Medien Alarm: deutsche Kinder denken Kühe seien lila und Gummibärchen wüchsen an Bäumen.

Keine Ahnung welche Kinder da interviewt werden. Bei uns in Freiburg lassen bereits Grundschulbücher keine Gelegenheit aus, über gesunde Nahrungsmittel zu belehren und die Schulen sparen nicht an Exkursionen zu Bauernöfen und Bäckereien. Das ist gut so. Wo Getreide gemahlen wird, Milch gemolken wird und Kühe gemächlich Gras käuen, werden viele Sinne angeregt. Mehr als beim Öffnen einer Gummibärchentüte. 

Heute ist Erntedank. Bei uns auch ein Fest für die Sinne. In vielen Kirchen, auch in städtischen, wogen Weizenhalme  neben Brotlaiben, duften Trauben zwischen Nüssen und Sonnenblumen, Gurken, Birnen, Äpfel bieten ein prachtvolles Farbenmeer. Auch wer sonst nur Tütensuppen isst, riecht und sieht hier eine Üppigkeit, die Appetit macht.

Appetit auf deftige Kartoffelsuppe und schlichten Landwein, auf frischen Zwetschgenkuchen und heiße Milch, auf große Scheiben Butterbrot mit Schnittlauch bestreut. Was für ein wohliges Gefühl, von all dem wirklich satt zu sein, zufrieden, dankbar.

Erntedank erinnert daran, dass uns die Erde satt und zufrieden macht.

Erntedank erinnert daran, dass wir nicht aus uns selbst heraus leben, sondern uns und alles, was die Erde füllt, Gott verdanken.

Erntedank ist ein fröhliches Fest, weil es sich um alles dreht, was froh und satt und zufrieden macht. Und wohl gefüllte Bäuche können, was hungrigen Menschen schwer fällt: Gott danken und die zugeführte Energie in Gottes Sinn nutzen.

Das feiern wir heute: dass Gott alles schenkt, was uns froh und satt und zufrieden macht. Ich verbinde damit die Bitte, meine Kraft dafür nutzen zu können, andere anzustecken mit meinem Dank und meine Energie für andere einzusetzen. Damit immer mehr Menschen mit allen Sinnen Erntedank feiern können.

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