Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

07AUG2010
DruckenAutor*in

Gibt es eine biblische Geschichte, die wir mit den Muslimen gemeinsam haben? Die Erzieherinnen unseres katholischen Kindergartens wollten mit den Kindern zum Sommerfest eine biblische Geschichte darstellen.
Da gibt es einige. Zum Beispiel die Arche Noah. Die Erzählung von der Sintflut und der Rettung Noahs und aller Tiere steht sowohl in der Bibel als auch im Koran. Schon bald sang unsere dreieinhalbjährige Shakira den lieben langen Tag lang: „In die Arche Noah, da ziehen alle Tiere ein."
Es war eine sehr schöne Aufführung. Zuerst wurde die Arche auf der Bühne gebaut und dann kamen alle Kinder als Tiere verkleidet und zogen in die Arche. Und nach einem heftigen Gewitter mit Dunkelheit und Geräuschen aus dem Lautsprecher, stand ein Regenbogen über der Arche. Alle Kinder tanzten, und die Leiterin las vor, dass Gott seine Geschöpfe liebt und ihnen verspricht nie wieder eine Flut kommen zu lassen.
Besonders schön fand ich es, wie die Kinder als Tiere auf die Arche marschiert sind. Die Äffchen und Löwen, Giraffen und Elefanten. Aber ich kenne halt auch die Kinder, Shakira als Äffchen, Noel als Elefant, Burak als Löwe. Eine richtig bunte Gesellschaft. So bunt wie die Kinder, in unserem Kindergarten. Das hatte für mich noch einmal etwas besonders symbolisches. Gott nimmt die Kinder in die Arche. Aus vielen Ländern und Religionen. In der Arche spielen Herkunft und Religion keine Rolle. Die Kinder sind alle unschuldig, brauchen sich vor der Flut nicht zu fürchten. Ihnen gilt der Regenbogen, die Zusage Gottes, dass er uns liebt. Und ich habe gespürt, dass das der Weg in die Zukunft ist: Es unseren Kindern gleich zu tun, wenn sie unbefangen miteinander singen, tanzen und spielen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8780

Und was machst Du im Sommer?" „Ich fliege nach Chile und baue dort einen Hühnerstall." Wenn Dejan Arar das erzählt hat, wurde er bestimmt erst mal belächelt. Ein ausgesprochen ungewöhnlicher Urlaubsplan. Ist auch nicht wirklich Urlaub. Dejan Arar macht ein freiwilliges soziales Jahr. Der 21jährige Schreinergeselle fliegt nach Valdivia in Chile. Dort wird er im Kinderheim „Hogar Las Parras" ein ganzes Jahr lang mit leben und mitarbeiten. Und als erstes einen Hühnerstall bauen, denn den können die Kinder im Heim wirklich gut gebrauchen. Organisiert hat das freiwillige soziale Jahr der BDKJ. Der Bund der deutschen katholischen Jugend in Speyer. Denn ein freiwilliges soziales Jahr will gut vorbereitet sein. Wer die Menschen in einem anderen Land kennenlernen will, wer wirklich mit leben will, statt Tourist zu sein, der muss sich intensiv auf sein neues Umfeld einlassen. Aber, so Dejan Arar: „Nur wer seinen Standpunkt wechselt, kann seinen Horizont erweitern." Wenn ich gefragt werde, rate ich Jugendlichen immer dazu, das zu machen. Es ist eine Chance, die man später nicht mehr hat. Und die einen positiv prägt und verändert. Ich habe das bei Sybille gemerkt, die in Ghana war und bei Matthias, der einem Freund von mir in Peru geholfen hat. Aber ich sage auch immer, dass man sich gut vorbereiten muss, sich das gut überlegen soll. Die beiden haben so viel an Erfahrungen gewonnen, dass sie bei ihrer Heimkehr viel reifer wirkten als ihre Altersgenossen. Ob sie auch viel vor Ort helfen konnten? Nun es ist schön, wenn man helfen kann, aber das sollte nicht im Vordergrund stehen. Wir brauchen nicht loszugehen und zu sagen „Wir verbessern jetzt die Welt." Es genügt, sich auf den Weg zu machen und das Leben mit den Menschen anderswo zu teilen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8779

Heute ist der Geburtstag von Johann Baptist Metz. Er ist nicht nur ein bedeutender Theologe, sondern war auch mein Lehrer an der Universität in Münster und wird jetzt schon 92.
Für mich damals ganz spannend: seine Vorlesung über das Leben nach dem Tod. Seine entscheidende Frage: Gibt es ein Gericht? Wird Gott am Ende unseres Lebens über uns urteilen? Ich kann mich noch gut erinnern. Ich sagte: Gott ist barmherzig. Er ist der liebe Gott. Der verurteilt niemanden. Wir werden alle freigesprochen. Weil Gott es verstehen wird, wenn wir böse gehandelt haben, und weil Gott uns verzeihen wird, wenn wir bereuen. Aber Metz widersprach uns Studenten heftig. Natürlich ist es ein Ärgernis, wenn wir nicht vom „lieben Gott" reden können. Aber was soll man den Opfern von Verbrechen sagen. Dass Gott auch allen Verbrechern verzeiht? Dass sie ungestraft davonkommen?
Und dann fragte er uns, ob Gott in den Konzentrationslagern war. Ob er an der Seite der Gefangenen und Gefolterten mitgelitten habe. Und wenn ja, ob wir dann wirklich glauben, dass die Täter freigesprochen würden. Metz sagte uns, dass er wegen der Menschen, die viel erleiden mussten und müssen, an ein Gericht glaube. Nur wenn Täter bestraft würden, würde man das Leiden der Opfer ernst nehmen. Natürlich kann auch ein Theologe wie Johan Baptist Metz nicht wissen, wie Gott ist und was nach dem Tod passieren wird. Aber er hat mich angeregt, mein eigenes Bild von Gott zu überdenken - und auch die strengen Seiten im Antlitz Gottes zuzulassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8778

Woran denken Sie bei dem Wort „alt"? An ein Altenheim, einen Rollstuhl, Krankenpflege, Rente? Daran keinen Sport mehr machen zu können oder einfach nur an graue Haare?
Es fällt auf, dass wir eher negativ aufs Altwerden schauen. Vor allem wenn Politiker diskutieren bedeutet alt pflegebedürftig. Dann heißt es schnell: Alte kosten Geld. Der Caritasverband will uns ermutigen, positiver aufs Alter zu schauen. Sein Slogan: Ältere sind Experten fürs Leben.
So sieht man auf einem Plakat eine nette Seniorin und darunter den Spruch: „Expertin bei Liebeskummer sucht Ausgehhilfe". Auf einem anderen Plakat steht „Experte für Lebensfreude sucht Rollstuhlschieber." Eine Sache: älter werden. Zwei Sichtweisen: einmal als Erfahrung, aber meistens schaue ich eben doch nur auf das negative, das was weniger wird, was nicht so schön ist und was mir Angst macht beim älter werden. Wenn ich an meine Mutter denke, dann habe ich fast immer diese negative Sichtweise: sehe, dass sie kaum noch laufen kann, beim Treppensteigen völlig fertig ist. Fast nichts mehr sieht, kaum noch hört. Ich schaue auf das, was fehlt und ärgere mich darüber. Expertin? Meine Mutter? Doch - ist sie. Wenn der Fuß von Shakiras Plüschpony abgerissen ist - ich würde es wegwerfen - meine Mutter kann es nähen. Wenn es darum geht, vorzuleben, dass man auch ohne Handy zufrieden sein kann, nicht immer etwas neues braucht, weil einen der Krieg gelehrt hat, bescheiden zu sein: dann ist meine Mutter Expertin. Und auch: wenn es darum geht auf Gott zu vertrauen, dass er einem auch im Alter beisteht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8777

Ich bin 1,2 Millionen Euro wert. Aber nur, wenn ich im Straßenverkehr sterbe. Das hat zumindest die Bundesanstalt für Straßenwesen errechnet. Durch einen Unfalltod im Straßenverkehr gingen der deutschen Volkswirtschaft statistisch gesehen 1,2 Millionen Euro verloren. Wenn es darum geht, deutsche Straßen sicherer zu machen, dann muss sich das auch lohnen. Das heißt im Klartext: Wenn man durch den Einbau einer Ampel die Sicherheit so erhöht, dass es einen Toten weniger gibt, dann hat sich die Ampel rentiert. Wenn man aber eine Straßenführung so verändern muss, dass es 5 Millionen kostet, damit sie sicherer wird, dann muss man schon 4 Verkehrstote einsparen, damit es sich rentiert. Wenn ich sowas in der Zeitung lese, dann frage ich mich immer, wer sich das ausdenkt? Wer glaubt allen Ernstes, dass man einen Menschen als ökonomische Kosten-Nutzenrechnung sehen darf? In der Statistik gibt es keine Tränen, keine Kinder, die ihre Eltern verloren haben, keine Fahrer, die ihren Beifahrer auf dem Gewissen haben, da gibt es nur einen volkswirtschaftlichen Schaden von 1,2 Millionen Euro. Wenn diese Berechnungen Schule machen wird mir irgendwann jemand sagen: Herr Tremel, sie sind krank. Aber wir haben ausgerechnet, dass es teurer ist, sie zu behandeln als sie sterben zu lassen. Und tschüss." Ich finde das unglaublich traurig. So möchte ich nicht mit einem Menschenleben umgehen. Wie gut, dass Gott kein Ökonom ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8776
02AUG2010
DruckenAutor*in

Kürzlich stand ich mit meiner Shakira an der Ampel. Sie ist jetzt drei und hat gerade gelernt, Fahrrad zu fahren. Auf dem Bürgersteig. Ganz vorsichtig. Um zum Kindergarten zu kommen müssen wir immer über diese Ampel. Und sie weiß jetzt endlich, dass man bei rot steht und bei grün geht. Wir stehen also da und warten, dass es grün wird. Zwei Jugendlichen geht es nicht schnell genug und sie laufen schon mal los. Autos kommen gerade nicht. Shakira sitzt mit ihrem roten Helmchen auf ihrem rosa Fahrrad und meint entrüstet: „Das dürfen die nicht!" Ich höre so richtig ihre Enttäuschung und Entrüstung. Sie hat jetzt gelernt wie man es richtig macht und die großen halten sich einfach nicht an die Regeln. Also rufe ich den Jugendlichen hinterher:
„Hey! Es ist rot!" und ich kann ziemlich laut rufen. Beide drehen sich lachend um. Also schiebe ich nach: „Ihr seid Vorbilder, so geht das nicht." Aber sie antworten nur lachend: „Wir wollen gar keine Vorbilder sein." Und laufen weiter. Weg sind sie. Ist das wirklich so einfach? Ich will kein Vorbild sein, ich darf mich benehmen wie ich will. Ich brauche mich nicht an Regeln zu halten. Fast jeden Tag ist es jemand anders, der bei rot mal eben schnell über diese Ampel huscht: Büroangestellte, Hausfrauen, Rentner, Schüler... Auch wenn ich kein Vorbild sein will, ich bin immer eines, werde immer beobachtet, von den anderen wahrgenommen. Shakira hat es auf den Punkt gebracht. Als es grün wird und wir lossausen, sagt sie noch rasch: „Die sind blöd."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8775

Ich dachte immer, Schönheitsoperationen wären nur was für Frauen. Aber jetzt habe ich in der Zeitung gelesen, dass es Männer gibt, die sich vergrößern lassen. Ich wusste gar nicht, dass das geht. Ein Chirurg im Saarland macht das. Erst werden einem beide Beine gebrochen. Dann wird an der Bruchstelle ein Teleskopnagel eingesetzt. Der verhindert, dass der Knochen schnell zusammenwächst. Er schiebt die Bruchstücke voneinander weg, so dass im Zwischenraum Knochen nachwachsen kann. Ergebnis: Man wird bis zu 10 cm größer. Der Chirurg hat in seinem Besprechungszimmer ein 10 cm hohes Podest. Da kann man sich draufstellen und schon mal schauen wie das ist, wenn man es geschafft hat.
Jetzt habe ich es ja gut: Ich bin 1,85 m groß. Da brauche ich bestimmt keine OP. Vielleicht kann ich mir deshalb nicht vorstellen, was in kleinen Menschen vor sich geht, wenn sie diese Schmerzen auf sich nehmen: „Man bekommt einfach mehr Respekt, wenn man größer ist," sagt einer der Patienten. Übrigens vorwiegend Männer - denn Frauen lösen das Problem über die Absätze ihrer Schuhe.
Zuerst wollte ich über diese Art von Schönheits-OP laut lachen. Aber was der Patient sagt, muss ich als „Großer" ernst nehmen. Respekt? Ist es wirklich so, dass Kleinere weniger Respekt bekommen? Genauer gefragt: Wie gehe ich mit kleinen Menschen um? Schaue ich auf sie herab? Fühle ich mich stärker, größer, besser? Oder respektiere ich sie so wie andere Menschen auch. Von Gott sagt man, dass er jeden Menschen gleich liebt, ungeachtet von Hautfarbe Geschlecht oder Größe. Bei mir bin ich mir plötzlich nicht mehr so ganz sicher.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8774