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SWR3 Gedanken

Ich seh' sie noch genau vor mir, eingebettet in saftiges Grün, abgeschieden in absoluter Stille: die Einsiedelei des Franz von Assisi.
Und über dem Eingang des so schönen wie schlichten Gebäudes die Worte „Ubi deus ibi pax", wo Gott ist da ist Frieden. Ja, stimmt, passt. Passt ganz besonders an diesen himmlischen Ort mitten in der wunderschönen Natur Umbriens.
„Wo Gott ist, da ist Frieden" - und in der unberührten Natur ist Gott wohl leichter zu spüren. Durch das beruhigende Grün der Eichen, Pinien und Zypressen, in der einsamen Stille, die noch deutlicher wird durch das Rauschen des Windes in den Blättern. Himmlische Weltabgeschiedenheit mit äußerer Ruhe, die auch die Seele still macht. An diesem Ort soll der heilige Franziskus mit den Vögeln gesprochen haben, soll er nachts auf dem Waldboden gelegen haben, sich in den Sternenhimmel verloren und in Gott wiedergefunden haben. „Ubi deus ibi pax", wo Gott ist, da ist Frieden. Eigenartigerweise habe ich den Spruch anders herum erinnert: Ubi pax ibi deus - natürlich funktioniert er auch so herum: wo Frieden ist, da ist Gott. Ja so gefällt er mir fast besser, weil ich ihn so auch aus der Einsiedelei heraus in den Alltag mitnehmen kann. Denn wenn ich es immer wieder schaffe aus dem Alltagsgetümmel raus und in die Ruhe zu kommen, kann ich Gott näher kommen. Wenn ich im Reinen bin, mit mir selbst und mit den anderen ist da auch Gott. Wenn ich jemanden liebe, im Geist, im Herzen, mit Leib und Seele, da ist Gott. Wenn ich einen Streit schlichte, um Entschuldigung bitte, mich versöhne, überall dort ist Gott. Wenn ich Menschen die Würde gebe, wenn ich gerecht bin oder wenn ich teile, Zeit, Geld oder was auch immer ein Mensch gerade nötig hat, da, gerade auch da ist Gott. Ubi pax, ibi deus - überall dort, wo Frieden ist oder entsteht, da ist Gott.

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Also ich bin nun wirklich kein Technikfreak der immer gleich das neuste Handy haben muss. Aber 2-3 alte Modelle liegen mittlerweile auch bei mir rum. In den gelben Sack möchte ich sie nicht werfen da sind sie mir zu schade. Vielleicht kann sie ja noch jemand gebrauchen. Deswegen kam mir ein Artikel über eine Handy-Sammelaktion gerade recht. Die Jesuitenmission in Nürnberg sammelt alte Handys und gibt sie an eine umweltbewusste Recyclingfirma in München weiter. Diese Recyclingfirma prüft die Handys. Die Geräte die nichts mehr wert sind werden auseinandergenommen und so geschreddert dass sie der Umwelt nicht schaden. Denn in Handys sind viele Giftstoffe enthalten. Die, die noch brauchbar sind werden auf dem größten Second-Hand-Markt für Mobiltelefone in Hongkong verkauft. Von dort werden sie hauptsächlich an ärmere Länder in denen es keine Festnetze und Telefonleitungen gibt weiterverkauft. Was die individuelle Kommunikationsmöglichkeiten und die gesellschaftliche Infrastruktur in diesen Ländern verbessert. Die Jesuitenpatres die die Handys sammeln und der Recyclingfirma schicken bekommen 3 Euro pro Gerät. Diese 3 Euro gehen direkt an ein Projekt für bedrohte Indiovölker am Amazonas. Eine super Idee! Die Handy-Sammelaktion schont die Umwelt, unterstützt  Menschen in armen Ländern und schützt bedrohte Naturvölker. So viel Nützliches durch alte scheinbar nutzlose Handys...

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Es war verboten dort zu schwimmen - in Sichtweite eines Klosters auf der Halbinsel Athos, dem Heiligen Berg der Orthodoxie. Aber das Wetter war zu schön, das Meer zu blau und ich zu verschwitzt als dass mich dieses Verbot hätte abhalten können ein erfrischendes Bad in der Ägäis zu nehmen. Und es war herrlich! Darum merkte ich nicht wie ich abgetrieben wurde. Ganz schön weit abgetrieben. Und als ich zu dem Ort an dem ich ins Meer gestiegen war zurückschwimmen wollte, ging es nicht, die Strömung war zu stark. Ich bin kein besonders guter Schwimmer und vielleicht hat mich das auch davon abgehalten gegen die Strömung anzuschwimmen. Ich ließ mich treiben, tragen von den Wellen. Es war einer dieser besonderen Momente im Leben. Ein besonderer, weil überraschender Moment. Ich bin kein Held und habe Angst schon bei viel weniger spektakulären Situationen. Aber in dieser bin ich überraschend ruhig geblieben. Das ist mir schon öfter passiert, dass ich in existentiellen Situationen, von denen ich gedacht habe, ich würde in Panik verfallen, völlig ruhig geblieben bin. Eine mir sonst unbekannte Eigenschaft. Eine Gabe, vielleicht auch eine Seite meines Glaubens. Die ich auch von einer anderen, scheinbar aussichtslosen Situation her kenne. Auch da konnte ich mich fallen, innerlich tragen lassen und sagen: so lieber Gott, ich kann jetzt nichts mehr machen, jetzt bist du dran! Auch da kam ich, Gott sei Dank, aus der Situation raus - wie damals bei meinem verbotenen Bad in der Ägäis. Einige hundert Meter von dem Ort, an dem ich ins Meer gestiegen war, konnte ich dann ganz leicht ans Ufer schwimmen. Ein Erlebnis bei dem ich Glück hatte und was für' s Leben gelernt habe. Darum musste ich schmunzeln als ich vor kurzem eine Postkarte von ein paar jungen Leuten bekommen habe. Auf dieser Karte waren schöne große Wellen abgebildet und darüber stand geschrieben: „Man kann gegen Wellen ankämpfen oder sich von ihnen in die Zukunft tragen lassen...."

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Es ist eine Frage bei der sich die Leute immer wieder die Köppe heiß reden: Gibt es ein Leben nach dem Tod?! Keiner kann was beweisen. Man kann das nur glauben oder darauf hoffen - oder eben nicht. Und wenn man dran glaubt dann ist es oft besser diesen Glauben in Bildern oder Geschichten auszudrücken. Dem Theologen Henry Nouwen ist das wie ich finde ziemlich gut gelungen. Mit dem Streitgespräch eines Zwillingspaares im Mutterleib. Er lässt die beiden Zwillinge diskutieren ob es ein Leben nach der Geburt gebe. „Glaubst Du an ein Leben nach der Geburt?" fragt also der eine Zwilling den anderen im Mutterleib. „Ja ich glaube das gibt es", antwortet ihm der andere. „Ich denke unser Leben hier ist nur dazu gedacht dass wir wachsen und uns auf das Leben nach der Geburt vorbereiten." „Blödsinn", sagt der nicht gläubige Zwilling, „das gibt es doch nicht. Wie sollte das denn überhaupt aussehen, so ein Leben nach der Geburt? „Das weiß ich auch nicht so genau" antwortet der andere, „aber vermutlich wird es viel heller sein als hier und vielleicht werden wir herumlaufen." „So ein Unsinn", entgegnet der andere, „herumlaufen?! Das geht doch gar nicht. Die Nabelschnur ist doch jetzt schon viel zu kurz!" „Doch, ich glaube das geht dann schon. Es wird eben alles ein bisschen anders... „Es ist noch nie einer zurückgekommen von ‚nach der Geburt', antwortet der ungläubige Zwilling, „mit der Geburt ist das Leben zu Ende." Der andere: „Auch wenn ich nicht genau weiß wie das Leben nach der Geburt aussehen wird, aber ich denke wir werden dann unsere Mutter sehen und sie wird für uns sorgen." „Mutter?! Du glaubst an eine Mutter?!! Wo soll die den bitte sein?!" „Na hier, überall um uns herum: Wir sind in ihr, leben in ihr und durch sie. Ohne sie können wir gar nicht sein." „Quatsch! Von einer Mutter hab ich noch nie was bemerkt, also gibt es sie auch nicht." „Doch, manchmal wenn wir ganz still sind, kannst Du sie singen hören oder spüren wie sie unsere Welt streichelt..."   

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„Die stärkste Waffe des Menschen ist seine Stimme". Tatsächlich? Ja, die Stimme des Menschen kann schon eine Waffe sein. Ein unsichtbares Messer, wenn sie jemandem das Wort abschneidet oder ein akustischer  Faustschlag, wenn sie einen Menschen niederbrüllt. Die menschliche Stimme als Waffe, da steckt schon viel Wahrheit drin, aber natürlich nicht die ganze. Denn die Stimme kann zwar eine Waffe sein, aber auch eine Wohltat. Sie kann Balsam sein, Balsam für die Seele. Wenn sie beruhigt oder tröstet. Die Stimme des Menschen ist ein ganz feines Instrument. Sie zeigt auch die Gestimmtheit eines Menschen an, ob er es will oder nicht. Sie ist belegt nach Überanstrengung oder bei Spannungen und Nervosität. Brüchig bei starken Gefühlen. Neben dem Gesicht und der Körperhaltung eines Menschen ist die Stimme sein unverwechselbares Wesensmerkmal. Daran erkennt man ihn. Darum tut es auch so weh, wenn man die Stimme eines Verstorbenen auf Tonbändern oder CD's hört. Weil durch sie eine fast greifbare Verbindung zum Verstorbenen hergestellt wird. Die Stimme des Menschen hängt eben ganz eng mit seinem Wesen, mit seiner Person zusammen. Das Wort Person kommt vom Lateinischen persona und per-sonare heißt durchklingen. Und nicht umsonst ist an vielen Stellen in der Bibel von der Stimme Gottes die Rede. Die zum Wesenskern der Menschen durchklingt. In Träumen, aus dem Himmel oder über den Wassern. In den Stimmen der Menschen klingt aber auch ihr Wesenskern durch. Und egal ob eine Stimme nun hoch oder tief, weich oder rau ist, Hauptsache, sie ist echt. Das heißt, dass der Mensch nicht versucht sich zu verstellen oder jemand anderes zu sein. Sondern im Einklang mit sich selbst, stimmig eben. Und wenn das, was mit Atem durch den Körper aus dem Mund strömt, ehrlich ist, feinfühlig und mit Liebe gesprochen, dann ist jede Stimme schön.

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Sanibona! Wie bitte? Ja, Sanibona. Das ist Zulu, eine afrikanische Sprache und heißt guten Tag. Genauer gesagt: ich sehe Dich! Sanibona bedeutet aber noch mehr als ein rein oberflächliches Sehen. Es heißt „ich nehme Dich wahr". Das ist schön. Weil es Respekt ausdrückt, den Menschen Würde gibt. Wenn ich jemanden anschaue, mir einen kurzen Moment Zeit für ihn nehme. Natürlich kann ich das nicht immer tun. Aber wenigstens kurz kann ich das schon. Und das reicht oft auch. An der Kasse im Supermarkt: die Frau sehen, wahrnehmen und nicht wie einen Zahlautomaten behandeln. Meinen Bischof nicht reflexhaft als Kirchenchef oder Promi sehen, sondern als Mensch der auch Sorgen und Nöte hat. Die alte Nachbarin nicht in mein Wahrnehmungsbild einordnen wie einen Baum oder Laternenpfahl, sondern sie sehen, sie wahrnehmen. Mal ein Schwätzchen mit ihr halten.
Das gelingt mir natürlich auch nicht immer. Aber eine gute Voraussetzung dafür ist wenn ich gut drauf bin. Also gut geschlafen habe, mich an Leib und Seele wohl fühle und mich auf ein paar Sachen freuen kann. Dann kann ich auch die Menschen ganz anders wahrnehmen. Es ist wie wenn im Auto meine verschlierte Sicht auf die Welt mit Wasser, Spiritus und Scheibenwischer gereinigt wird. So wird mein Blick auf die Menschen durch gute Laune klarer. Und dann nehm ich sie auch ganz anders wahr. Dann „seh" ich sie. Das tut ihnen gut, das spür ich immer wieder. Es tut aber auch mir gut.
Und so wird eine der klassischen Lebensregeln des christlichen Glaubens für mich immer wieder konkret: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.
Also schau dass es Dir gut geht an Leib und Seele. Sorge Dich auch um Dich und nicht nur um die Anderen. Hege Deinen Leib und pflege Deine Seele. Dann tut das auch den Anderen wohl. Die Du dann auch ganz anders sehen kannst. Sanibona!

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Ja, es gibt sie noch, die großen Lieben, die ein Leben lang halten. Trotz aller Beziehungskrisen und Scheidungsraten. Darum hat es mich gefreut als ich in einer SWR Sendung eine ganz wunderbare Liebeserklärung gehört habe. Eine so beiläufige wie schöne Liebeserklärung. Der Umweltkünstler Christo - das ist der, der den Reichstag verhüllt hat - dieser Christo hat in einem Interview immer wieder von seiner Frau gesprochen. Das ist ja noch nix Ungewöhnliches. Er hat aber immer im Präsens, in der Gegenwartsform von ihr gesprochen, was auch noch nichts Ungewöhnliches wäre, wenn sie nicht tot wäre.
Christo's Frau Jeanne Claude ist im November 2009 gestorben. Und ihr Mann spricht von ihr als ob sie noch da wäre. Er spricht von Projekten die sie noch machen, er redet von „wir" wo doch nur noch er da ist.
Man könnte jetzt natürlich sagen dass er es noch nicht verinnerlicht hat, dass seine Frau nicht mehr lebt oder dass er es einfach nicht wahrhaben will. Aber wenn man weiß dass Christo und Jeanne Claude im selben Jahr und am selben Tag geboren wurden, dass sie wegen ihrer Liebe lange in Armut leben mussten, dass sie 47 Jahre verheiratet waren und fast alles gemeinsam gemacht haben, dann versteht man, dass der Tod dieses Paar nicht trennen kann. Nicht wirklich trennen kann.
Und vielleicht passt das ja auch zu ihrer Art von Kunst. Nicht nur weil sie jahrzehntelang all ihre Kunstwerke gemeinsam geplant, finanziert und durchgeführt haben. Sondern weil der Kern ihrer Kunst das Enthüllen durch Verhüllen war. Dadurch dass sie Gegenstände, Natur oder Bauwerke eine zeitlang verhüllt haben wollten sie auf den inneren Wert von Dingen, Bauwerken und der Natur hinweisen. Und vielleicht ist der Tod ja auch nur eine Verhüllung die uns das so intensiv enthüllt was uns über ihn hinaus verbindet: die Liebe...

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