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SWR3 Gedanken

Herz-Jesu. Etliche Kirchen in SWR3-Land tragen diesen Namen. Ein bisschen verstohlen und hinter dem Start der Fußball-WM versteckt hat die Katholische Kirche gestern auch das dazu gehörige Fest gefeiert: Herz Jesu. Es ist ein Fest, das ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Entstanden aus einer sehr speziellen Frömmigkeit, breitete es sich vor rund 500 Jahren aus. Im 19. Jahrhundert erlebte es dann einen gewissen Höhepunkt. So kam es auch, dass der Papst das Herz-Jesu-Fest im Jahr 1856 der ganzen Kirche vorschrieb. Vielen modernen Christen heute allerdings mutet es eher seltsam an.
Sein Grundgedanke aber ist auch uns Heutigen nicht so fremd.  Vom Herz reden auch wir schließlich nicht nur im medizinisch-biologischen Sinne. Wenn uns eine Geschichte zu Herzen geht, einem enttäuschten Liebhaber das Herz bricht oder wir einen anderen Menschen ins Herz geschlossen haben, dann meinen wir damit natürlich etwas ganz anderes. Das Herz wird in unserer Sprache - allem biologischen Wissen zum Trotz - zum Ort unserer Gefühle. Dieser Gedanke liegt im Wesentlichen auch dem Herz-Jesu-Fest zugrunde. Es geht also um die Liebe Jesu zu den Menschen, von der die biblischen Geschichten erzählen. Und Liebe macht sich symbolisch nun mal am Herz fest.
Freilich kann ein Fest, das einst aus einer frommen Idee heraus entstanden ist, seinen Sinn verlieren, wenn es diese Frömmigkeit nicht mehr gibt. Wie es mit der Herz-Jesu-Frömmigkeit weiter geht, weiß ich nicht. Doch an sie erinnern werden auch künftig die Kirchen, die diesen Namen tragen.

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Endlich ist es soweit! Ab heute rollt in Südafrika wieder der Ball. Ein gigantisches Geschäft wird es werden, aber hoffentlich auch ein unvergessliches Fest. Denn Fußball kann etwas bewegen, das jenseits aller finanziellen und geschäftlichen Interessen liegt. Vor acht Jahren fand am Tag des damaligen WM-Endspiels zwischen Deutschland und Brasilien nämlich noch ein ganz anderes Finale statt. Die zwei schlechtesten Nationalteams der Welt standen sich an diesem Tag ebenfalls gegenüber: Das Team der Karibikinsel Montserrat gegen Kicker aus dem kleinen Königreich Bhutan im Himalayagebirge. Die Nummern 203 und 202 der damaligen Weltrangliste. Es ging nicht um Geld. Nicht einmal Sponsoren fanden sich für dieses bemerkenswerte Ereignis. Trotzdem kamen zum Spiel auf einem stoppeligen Platz in Bhutan 25000 Menschen zusammen. Die Begeisterung, das Mitfiebern und das Anfeuern der Mannschaften waren kaum anders als beim großen WM-Finale in Yokohama. Dass das Spiel mit 4:0 für Bhutan endete, war letztlich nebensächlich. Etwas anderes, viel Wichtigeres war zuvor schon geschehen: Eine tiefe und herzliche Völkerverständigung zwischen den Menschen zweier Nationen, die vorher nicht einmal wussten, dass es die Anderen überhaupt gibt. Zusammengebracht und begeistert vom Fußball. Ein Ereignis, dass in beiden Ländern noch lange nachklang. Genau darum gönne ich auch allen Südafrikanern diese vier Wochen, in denen sie einen Teil der Welt zu Gast haben. Weil sie Menschen zusammenbringen und füreinander einnehmen können, die sich sonst wohl nie begegnet wären.

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Geld schieße keine Tore, heißt es immer. Bei den Topvereinen der Liga und besonders beim FC Bayern war man sich da freilich nie so sicher. Aber wer weiß schon, vielleicht schießt bei den Bayern ja der Glaube Tore. Bayern-Trainer Louis van Gaal jedenfalls wurde nach dem Gewinn der Meisterschaft mit dem Satz zitiert: Die Spieler haben an mich geglaubt. Ich gehe davon aus, dass van Gaal sich nicht für Gott hält. Trotzdem ist der Satz interessant. Glaube ist eben keine Spinnerei. Im Fußball nicht und auch nicht in der Religion. Er ist nicht das Für-wahr-halten von irgendetwas Widersinnigem oder Unmöglichen. Nicht das Klammern an jenen Rest, den die Naturwissenschaften uns noch nicht erklärt haben. Was der Bayerncoach wohl eher meinte: Die Spieler haben ihm voll und ganz vertraut. Glauben - ein anderes Wort für Vertrauen. Auf dem Fußballplatz in die Fähigkeiten des Trainers, des Mitspielers und in sich selbst. Und in der Religion? Da vertraue ich auf jemand, den ich nicht sehen oder anfassen kann. Ja, von dem ich nicht mal beweisen kann, dass er da ist und auf den ich trotzdem voll und ganz baue. Auf Gott eben. Zweifel sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Dennoch gilt: Glauben, also vertrauen können, kann eine ungeheuere Gelassenheit schenken. Eine innere Stärke, hinauszugehen und den eigenen Weg zu machen. Auf dem Fußballfeld wie auch im richtigen Leben.

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Mittags in einem Linienbus in unserer Stadt: Eine Gruppe Schüler des nah gelegenen Gymnasiums steigt zu. Während der Fahrt unterhalten sich die Jugendlichen über den vorangegangenen Abend. „Die wird es nie, die ist viel zu hässlich", meint ein Mädchen. Die andern stimmen dem Urteil lautstark zu. Um wen es ging? Um Germany´s next Topmodel. Alle hatten sie die Castingshow im Fernsehen verfolgt. Alle saßen sie nun neben Heidi Klum in der imaginären Jury, die junge Leute wie sie gnadenlos begutachtet und qualifiziert. Du wirst es nie, du bist zu hässlich. Mich fröstelte beim Zuhören. Die jungen Leute im Bus stehen damit aber nicht allein. Nach Aussage eines großen Wochenmagazins sind rund zwei Drittel der Jugendlichen der Meinung, dass diese Sendung echte Anregungen geben kann, wie man im Leben weiterkommt, worauf es letztlich ankommt.
Vielleicht, so kam mir später in den Sinn, spiegelt sich in diesen Sendungen ja nur die  Gesellschaft wieder, die wir gerade dabei sind, unsern Kindern zu hinterlassen. Kaum jemand stört sich daran. Ein Leben auf dem Laufsteg. Unter ständiger Beobachtung und Bewertung. Ein Leben unter dem täglichen Diktat: Pass bloß auf, dass du nicht hässlich bist, kein Looser bist, bloß nicht versagst. Dann wirst du nie was. Allerdings: Wenn unsere Kinder tatsächlich diesen Eindruck gewonnen haben, könnte da nicht irgendwas gründlich schief gelaufen sein?

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Wenn ich morgens zur Bushaltestelle gehe, begegne ich zur Zeit dem armenisch-deutschen Boxchampion Arthur Abraham. Vom Unterstand der Haltestelle schaut er mich an und raunt mir zu: Du bekommst alles von mir. Ich auch von dir? Arthur Abraham hat es nicht auf mein Geld oder Leben abgesehen, sondern auf meine Organe, Herz, Nieren, Leber,  Lunge und so weiter. Denn Abraham und andere Promis stellen ihren Namen und ihr Gesicht für die Kampagne ProOrganspende zur Verfügung. Der Schauspieler Til Schweiger etwa, oder der Regisseur Roland Emmerich. Trauriger Hintergrund ist die Erkenntnis, dass über 90 Prozent der Deutschen bereit wären, sich im schweren Krankheitsfall ein Spenderorgan einpflanzen zu lassen. Im Falle des eigenen Todes auch eines zu spenden, das will freilich nur ein Bruchteil. Eine moralisch zumindest zweifelhafte Diskrepanz. Die Argumente für die Organspende sind nicht neu. Die tiefsitzenden Ängste vor dem Thema allerdings auch nicht. Neu bei dieser Kampagne des Deutschen Herzzentrums Berlin ist freilich, dass sie nicht nur nüchtern informieren, sondern eine Diskussion anstoßen will. Ein Nachdenken über Solidarität. Dass eine Gesellschaft nämlich nur funktionieren kann, wenn neben dem Willen zu Nehmen auch einer zu Geben besteht - nicht nur beim Geld. Dass ich auf lebensrettende Hilfe für mich nur dann hoffen kann, wenn zugleich viele andere bereit sind zu helfen. Auch ich selbst. Allen Fragen und Ängsten zum Trotz, die Bereitschaft zur Organspende ist praktizierte Nächstenliebe. Einfacher ist sie kaum zu haben.

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So ähnlich könnte man sich im Mittelalter das Ende der Welt vorgestellt haben. Da strömen Tag für Tag hunderte, wenn nicht tausende Tonnen Öl ins Meer und vergiften langsam alles Leben. Die Welt sieht dabei zu, entsetzt und hilflos, während sich allmählich Verzweiflung breit macht. Durchaus nicht nur bei den betroffenen Anwohnern. Dennoch geisterten schon einen Tag nach dem Desaster die üblichen Fragen durch die Medien: Wer bezahlt das? Wie hoch sind die Einnahmeverluste? Wie wirkt sich das auf die Aktienkurse aus? Sie scheint uns wirklich in Fleisch und Blut übergegangen, die reflexartige Frage: Was kostet das? Sie ist oft die erste, die gestellt wird, vor allen anderen. Keine Frage ist, dass die Menschen in Louisiana und anderswo nun um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen. Für sie ist die Katastrophe am verdreckten Strand  im wahrsten Sinne mit Händen zu greifen. Doch gerade an den direkt Betroffenen könnte auch bewusst werden, dass Geld zwar wichtig, aber nicht alles ist. Sie werden wohl nicht nur Geld, sondern auch die Welt verlieren, in der sie bisher lebten. Vielleicht für Jahrzehnte. 
Vor der Fixierung auf den Mammon warnt die Bibel mehr als einmal und das schon seit Jahrtausenden. Das ist kein frommes, aber weltfremdes Geschwätz, sondern in Jahrhunderten verdichtete Lebenserfahrung. Mögen die globalen Finanzmärkte inzwischen auch zu einer Art Gottersatz geworden sein, der über unser Wohl und Wehe bestimmt - sie taugen einfach nicht dazu. Auf die Frage, was für unser Leben wirklich wichtig ist, bleiben sie uns nämlich jede Antwort schuldig.

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  Es klingt wie ein skurriles Ritual. Da spuckt jemand auf die Erde, mischt aus Staub und Speichel einen Teig und schmiert ihn einem anderen auf die Augenlider. Die Szene, bei deren Vorstellung sich mancher schütteln mag, steht so in der Bibel. Immerhin, dort hat sie durchschlagenden Erfolg. Der Mensch, dem dies widerfährt, ist nämlich blind und kann danach wieder sehen. Sie ist eine von zahlreichen Geschichten der Bibel, in denen Jesus erblindete Menschen wieder sehend macht - durchaus übrigens auch auf weniger skurrile Weise. Geschichten, die meistens etwas sehr Konkretes schildern und doch dem Zuhörer auch zwischen den Zeilen etwas sagen wollen. Zum Beispiel: Mach selber erst mal die Augen auf, mit denen du alles so deutlich zu sehen meinst. Viel Wichtiges nimmst du nämlich gar nicht wahr: Wie es deinem Gegenüber gerade geht, etwa. In welchem Tonfall er dir etwas sagt. Was er vielleicht gerade jetzt von dir braucht.
Seit 12 Jahren feiern die beiden großen Kirchen in Deutschland den Sehbehindertentag, der dieses Jahr auf den heutigen Sonntag fällt. Sie wollen damit auf die besonderen Bedürfnisse sehbehinderter Menschen aufmerksam machen, die über diesen wichtigen Sinn eben nicht oder nur eingeschränkt verfügen. Menschen freilich, die dafür oftmals ihre anderen Sinne besonders ausgeprägt und geschärft haben. Die Fähigkeit, genau zu Hören etwa, oder zu fühlen. Fähigkeiten, bei denen viele vermeintlich Sehende durchaus Nachholbedarf haben.

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