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SWR3 Gedanken

29MAI2010
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Album Khumalo hat einen Traum: Er hat gerade die Schule abgeschlossen und möchte studieren. Album weiß, dass Bildung der einzige Ausweg ist. Seine Familie in Johannisburg ist arm. Die Behörden haben  gerade den Obst- und Gemüseladen seines Vaters geschlossen. Wegen der Weltmeisterschaft braucht jeder Händler eine neue Lizenz. Und die ist unerschwinglich teuer. Wie Album und sein Vater während der WM ihren Weg gehen, davon erzählt das Theaterstück „Iphupho Lami" (Das ist Zulu und heißt: „Mein Traum"). Das Besondere: Das Stück wurde von ehemaligen Straßenkindern geschrieben. Sie sind es auch, die die Theatergruppe aufgebaut haben. In Hillbrow, einem besonders armen Viertel in Johannisburg. Durch ein Projekt des katholischen Hilfswerkes missio bekamen die Jugendlichen Boden unter die Füße. In dem Theaterstück verarbeiten sie ihre schmerzhaften Erlebnisse. Gleichzeitig drücken sie damit ihre Sehnsucht nach Frieden aus und holen andere Jugendliche von der Strasse. Üben mit ihnen und machen aus ihnen Schauspielerinnen und Schauspieler.
Auf Einladung von missio war die Theatergruppe aus Südafrika jetzt auf Deutschlandtournee. Die Gruppe nennt sich AYOBAH 2010 (Willkommen Fußball WM 2010) Sie alle freuen sich auf das Mega-Großereignis im Sommer. Aber sie wissen auch, dass die WM keine Probleme lösen wird. Wenn im Sommer die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika zu Ende geht werden Mannschaften und Zuschauer abreisen und viele Hoffnungen mitnehmen. Die Jugendlichen werden dank missio bleiben. Und sich auch weiterhin in Hillbrow einsetzen. Könnt Ihr uns unterstützen," sagten sie - und man denkt zuerst an Geldspenden - aber nein: „Schreibt uns ein Gedicht," wünschten sie sich. „Ein Gedicht der Hoffnung. Dann können wir diese Texte in unsere Heimat und in unseren Alltag mitnehmen und uns davon Hoffnung schenken lassen."
(Mehr Infos fürs Internet: Von Februar 2009 bis August 2010 kann man AYOBAH 2010 unterstützen, mit Gedanken, Gefühlen und Wünschen zum Thema „Good hope". Einfach in Worte fassen und zu einem Gedicht formen. Das „Poem" soll nicht mehr als 120 Wörter umfassen und kann in Deutsch oder Englisch verfasst werden. Alle Informationen zu den „Poems of good hope" findet man unter www.club-der-guten-hoffnung.de)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8307

Heute ist der Namenstag des Heiligen Germanus von Paris. 496 in Frankreich geboren, zog er sich lange Zeit als Einsiedler zurück, bevor er Priester und später Bischof von Paris wurde. Was er besaß hat er freigiebig mit den Armen und Bedürftigen geteilt.
Eine Legende erzählt, dass Germanus eines Tages einen Schreiber zu sich kommen ließ, der das Datum „28. Mai" an den Kopf seines Bettes schreiben musste. Niemand wusste, was dies zu bedeuten hatte. Bis der Bischof Monate später, am 28. Mai 576 für immer seine Augen schloss.
Verrückt. Wusste er tatsächlich wann er sterben musste? Für mich wäre das der Horror. Ich glaube, ich würde das gar nicht ertragen. Aber Germanus lebte einfach weiter wie bisher. Oder sollte man viel eher sagen: Er lebte immer schon im Gedanken an seinen Tod. Weil er sich an das gehalten hat, was im Brief des Apostels Paulus an die Römer steht: "Leben wir, so leben wir mit Gott, sterben wir, so sterben wir mit Gott. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören ihm."
Germanus fühlte sich zu Gott gehörig. Er wusste, dass er Gott ganz vertrauen durfte und bei ihm geborgen war. Nicht nur im Leben, sondern auch im Tod. Also würde der Termin des Todes lediglich eine Art Umzugstermin sein: vom Leben hier, zu einem Leben ganz bei Gott. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich wünsche mir, dass ich das auch so sehen kann wie Germanus und furchtloser auf den Tod zugehe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8306

Endlich schuldenfrei! Arturo Masias hat es geschafft. Der bolivianische Kakaobauer kann stolz sein. 1977 schloss er sich mit anderen Indios zur Genossenschaft ElCeibo zusammen. Bis dahin war er immer von den sogenannten Coyotes abhängig, den „Aasfressern“. Die kamen mit ihrem LKW in die abgelegenen Dörfer und kauften den Kakao. Da Arturo keine Alternative hatte, konnten sie den Preis diktieren. Natürlich so niedrig wie möglich. Aber als die Indios sich zusammenschlossen, war damit Schluss. Zwar hatten sie kein Geld und nur das wenige Land, das sie bebauten, aber über die Kirche fanden sie Menschen, die an sie glaubten. Menschen in Europa, die sagten: „Wir wollen Euch unterstützen. Wir können Euch Geld für einen LKW leihen.

Arturo Masias und die anderen griffen zu. Geschenkt hätten sie das Geld nicht genommen, dafür sind die Indios zu stolz auf ihre Arbeit. Aber ein Kredit zu fairen, niedrigen Zinsen, das war etwas anderes. Sie kauften einen LKW und fuhren selbst nach LA PAZ. Und sie lernten: dass man für Rohkakao nicht so viel Geld bekommt, wie für Kakaoprodukte. Sie fragten, ob sie noch einen weiteren Kredit bekommen könnten, um eine Schokoladenfabrik zu bauen. Zu ihrer Genossenschaft hatten sich 1400 Bauern zusammengeschlossen. Sie liehen sich eine halbe Million US-Dollar – unvorstellbar viel Geld. Wieder konnten Menschen in Europa helfen, die sagten: „Wir brauchen keine Sicherheit. Wir glauben an Euch.“ Auch mit dem Risiko, das Geld zu verlieren.

Heute ist die Genossenschaft ElCeibo ein florierender Betrieb. Der Kredit ist zurückbezahlt.

Für Arturo führt jetzt sein ältester Sohn Basilio den Kakaoanbau fort. Arturos Kinder mussten nicht wie viele in Bolivien vom Land in die Stadt fliehen. Sie haben mit dem Kakao ein Auskommen. Sie haben sich ein kleines Haus gebaut und Arturos Enkel können zur Schule gehen.

Und ich? Ich habe mir von den Zinsen etwas Schönes gegönnt.

(Mehr Infos: http://www.oikocredit.org)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8305

Ulrike fixiert Felix ganz fest. Wenn Blicke töten könnten, würde Felix bereits am Boden liegen. Aber stattdessen geht er noch einen Schritt vor, ist jetzt nur noch 20 Zentimeter von Ulrikes Nase entfernt, macht auf cool. Die  Gruppenleiterin der Pfadfinder kann seinen Atem riechen. Das war eindeutig zu nah!
Ulrike und Felix dürfen zurück auf ihren Platz. Beide nehmen an einer Fortbildung teil. Felix hat sie sogar mit organisiert. Er ist im Vorstand des Bundes der Deutschen katholischen Jugend Speyer (BDKJ). Thema der Fortbildung: „Sexueller Gewalt entgegenwirken". Durch die Übung, die beide gerade gemacht haben, soll die Wahrnehmung für gute und schlechte Nähe geschult werden.  In der Übung muss Felix solange auf Ulrike zugehen, bis sie ihn stoppt. Das darf sie nur durch Mimik. Ganz schön schwer. Aber dadurch konzentriert sie sich viel mehr als sonst auf die Körpersprache. So wird sie auch im Alltag leichter erkennen wo Grenzen überschritten werden und kann sofort eingreifen.
Nähe ist in der Jugendarbeit ganz wichtig. Wenn Ulrike eine Nachtwanderung mit ihren Kids macht, dann hat meistens auch jemand Angst, will an die Hand genommen werden, hält die Dunkelheit nicht aus. Nähe gibt Sicherheit und Vertrauen.  Ohne Vertrauen ist Jugendarbeit nicht denkbar.
Aber gerade die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche haben gezeigt, dass Nähe auch ausgenutzt werden kann. „Deshalb geschieht Kinder- und Jugendarbeit bei uns immer im Team," erklärt Felix. „Je mehr Gruppenleiter Verantwortung tragen, desto schneller fällt auf, wenn etwas nicht stimmt. Und das sprechen wir dann auch sofort an. Da gibt es keine Toleranz und kein Tabu."
Für den BDKJ gehört der verantwortliche Umgang mit Sexualität schon seit jeher zur Gruppenleiterausbildung, nicht erst seit in der Öffentlichkeit davon die Rede ist. Damit das auch so bleibt, werden sogar neue Standards erarbeitet.
„Wir tun was wir können, damit Kinder und Jugendliche in unseren Mitgliedsverbänden sicher  sind,"  sagt Felix. „Denn ich will auch in Zukunft mithelfen, Kinder zu starken Persönlichkeiten zu machen." 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8304

Hannah und ihr Vater fahren durch die Stadt. Dann die Ampel: Rot. Auf dem Gehweg sitzt ein Obdachloser. Hält ein Schild hoch „Bitte etwas zu essen."
Ein zweites Auto hält neben Hannah. Ein Sportwagen. Hannah schaut zu dem Obdachlosen, dann zu dem Sportwagen. Dann sagt sie zu ihrem Vater:
„Wenn der Mann neben uns ein kleineres Auto fahren würde, könnte der Obdachlose sich mit dem gesparten Geld eine Mahlzeit kaufen."
Mit diesem Gedanken steckt die 14-jährige die ganze Familie an. Und irgendwann ist es dann soweit. Hannahs Eltern verkaufen ihr Haus und ziehen in ein deutlich Kleineres. Der Erlös geht in ein Projekt in Ghana. Dort investierten sie in eine Schule und eine Krankenstation. Beeindruckend! Ich hätte nicht den Mut und schon gar keine Lust unsere Wohnung zu verkaufen. Aber ich sehe es genauso wie Hannah: Es muss kein Luxus sein. Was für Hannahs Eltern das Haus war, ist für mich eher das Auto. Wir wollten einen Neuwagen kaufen, haben uns dann aber für einen deutlich günstigeren Gebrauchten entschieden. Wir waren bereit das Geld für den Neuwagen auszugeben, haben es aber durch den Gebrauchten gespart. So konnten wir dieses Geld an meinen Freund Miguel überweisen. Der hat gerade in Peru ein Haus für Straßenkinder gekauft und konnte einen Zuschuss gut gebrauchen. Aber es muss ja gar nicht gleich eine große Summe sein. Statt einem teuren Rasierwasser tut es ja vielleicht auch was preiswerteres. Oder statt einer Markenjeans was von der Stange. Hannah nennt es „the power of Half". Die Kraft der Hälfte. Nur die Hälfte für sich auszugeben, kann eine ganze Menge bewirken.

Mehr Infos unter: www.thepowerofhalf.com oder nachzulesen in:

The Power of Half: One Family's Decision to Stop Taking and Start Giving Back von Kevin Salwen und Hannah Salwen von Houghton Mifflin (Gebundene Ausgabe - 10. Februar 2010) ISBN-10: 0547248067 ISBN-13: 978-0547248066

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8303

Mitten im 1. Weltkrieg entscheidet Hedwig Dransfeld: Ich will eine Gebetstätte für den Frieden bauen. Bis es soweit war, vergingen Jahre, aber heute steht sie in Frankfurt: die Frauenfriedenskirche. Das besondere ist das Eingangsportal. Drei große Torbogen: Links - der Krieg - symbolisiert durch Schwert und stockdustere Nacht. Rechts die Sehnsucht nach Frieden, mit der Sonne, Wolken und Palmen. Und in der Mitte? Wer ist in der Lage, Krieg in Frieden zu verwandeln und die Sehnsucht nach Frieden zu erfüllen. Gott? Als der Allmächtige könnte er doch eingreifen und mit aller Macht für Frieden sorgen. Aber das wäre ja dann auch nur wieder Gewalt gegen Gewalt. Hedwig Dransfeld entscheidet sich nicht für den Allmächtigen Gott. Frieden lässt sich nicht mit neuer Gewalt und noch mehr Macht schaffen. Frieden muss durch eine innere Haltung der Liebe wachsen. Hedwig Dransfeld war die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Ihre Entscheidung fällt auf Maria, die Mutter Jesu. Dargestellt wird sie mit einem Palmzweig, der den Frieden symbolisiert.
Wer die Kirche betritt hat Maria direkt über sich. Wird sich selbst ganz klein vorkommen gegenüber der riesigen Figur von Maria. Aber nicht eingeschüchtert durch besondere Stärke oder Macht. Eher geborgen, im Schutz der großen Madonna. Diese Geborgenheit entwaffnet. Wo ich sicher bin, wo ich beschützt bin, da brauche ich keine Gewalt mehr einzusetzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8302
23MAI2010
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Pfingsten ist der Feiertag der Angsthasen. Alle Jünger Jesu waren zusammengekommen. Ratlos. Wie soll es weitergehen? Die jüdischen Behörden wollten keine neue Religion. Deshalb musste Jesus sterben. Würden jetzt auch sie, die Jünger verhaftet, verfolgt, getötet? Sollten sie alles vergessen was Jesus ihnen gesagt hatte? Zurück an ihre Arbeit gehen? Keiner wagte sich nach draußen. Jeder sagte sich nur: Das schaffe ich nicht. Ich habe ja nicht die Kraft und das Auftreten von Jesus. Ich bin doch nur ein Fischer, ein Bauer, ein einfacher Mensch.

In diese Situation hinein gibt es einen Knall. In der Bibel heißt es: „Ein Brausen wie von einem heftigen Sturm erfüllte das ganze Haus und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer. Auf jeden von ihnen ließ sich eine Feuerzunge nieder. Alle wurden mit dem heiligen Geist erfüllt.“

Mit dem Bild vom Sturm und vom Feuer wird ein psychologisches Phänomen beschrieben. Die Jünger legen ihre Angst ab und fühlen sich plötzlich voller Kraft und Tatendrang. Aber: nicht als einzelner, als Individuum, sondern als Gruppe. Über jedem von ihnen gibt es eine Feuerzunge. Alle werden vom Geist erfüllt.

Und als Gruppe verlassen sie schon bald das Haus und beginnen zu predigen. Sie setzen Jesu Werk fort und verbreiten tatkräftig das Christentum.

Pfingsten hat den Jüngern gezeigt, dass sie die Last der Welt nicht alleine tragen müssen, sondern eine Gemeinschaft bilden. Der Geist Gottes hat sie quasi mit Feuer zusammengeschweißt.

Wer glaubt, er muss alles alleine schaffen bekommt schnell Angst und steckt den Kopf in den Sand: „Kann man ja eh nix machen.“  Wer dagegen den Geist einer Gemeinschaft spürt: in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, im Wohnviertel, der Stadt, dem Land, der Welt: der spürt den Geist Gottes: Gemeinsam können wir die Probleme in unserer Welt anpacken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8301