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SWR3 Gedanken

Morgen ist Geburtstag. Die christliche Kirche wird gut zweitausend Jahre alt. Ungefähr so lange ist es her, dass in Jerusalem der Geist Gottes durch die Herzen und Hirne der Menschen gefegt ist. Und das so nachhaltig, dass sie nicht mehr aufhören konnten, davon zu erzählen. Bis heute. Bis heute erzählen Christen und Christinnen von diesem Pfingstereignis.

Sie erzählen von einem Geist aufrichtiger Liebe, die allen Menschen gilt. Sie erzählen davon, dass in diesem Geist Menschen gut und respektvoll miteinander umgehen können. Sie erzählen davon, dass Gott immer wieder seinen guten Geist wehen lässt. Oder wehen lassen will. Damit es uns nicht so schwer fällt, aufrichtig Liebe zu leben und fair miteinander umzugehen. Als einzelne Menschen. Und als Gottes Kirche. Ganz besonders als Gottes Kirche. In dieser Welt. Für diese Welt. Für Menschen.

Nun hat die Kirche ja wie erwähnt schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und gerade in den letzten Monaten hat man sich fragen können, ob Gottes guter Geist ein wenig müde geworden ist. Ob er weht, wo er will. Aber nicht gerade da, wo wir ihn eben dringend brauchen. Nämlich in der Kirche. Als einen Geist aufrichtiger Liebe, die keinen Missbrauch treibt. Als einen Geist aufrichtiger Liebe, die auch mit Versagen und Schuld umgehen lehrt.

Etwa zwei Milliarden Christen und Christinnen feiern morgen das Pfingstfest und damit eben Geburtstag. Und da auch ich dazu gehöre, verbinde ich mit diesem Tag neben der Pfingstfreude auch einen Geburtstagswunsch. Nämlich dass die Erinnerung an die Geburtsstunde in all unseren Herzen so richtig lebendig ist. Die Erinnerung an jenen Tag in Jerusalem, als Menschen erfüllt waren von einem Geist, der Herzen und Seelen gut tut. Der Menschen achtet und dadurch Gott die Ehre gibt.

Denn wenn dieser Geist weht, wenn dieser Geist in der Kirche weht, wenn dieser Geist Menschen begeistert, mich begeistert, dann wird die Welt das spüren. Und die Welt hat den guten Geist Gottes mindestens genauso nötig wie die Kirche selbst.

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„Die Menschen werden geboren, die Menschen sterben, und die Zeit dazwischen verbringen sie mit dem Tragen von Digitaluhren", meint der  britische Schriftsteller Douglas Adams. Und bringt damit mein Leben auf den Punkt. Und das von Millionen anderer Menschen vermutlich auch, deren Zeit durch die Uhr diktiert wird.

Wer unter dem Diktat der Zeit den Hauch der Ewigkeit vermisst, der möge nach Halberstadt im Harz reisen. Denn dort gibt es die Burchardi-Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Und dort erklingt an der Orgel ein Musikstück des Komponisten John Cage aus dem 20. Jahrhundert. Das allerdings erst im 27. Jahrhundert beendet sein wird. Genauer gesagt im Jahr 2639.

 „As slow as possible" heißt die Komposition von John Cage. So langsam wie möglich soll die Musik erklingen. Deshalb wurde die achtseitige Partitur auf 639 Jahre hochgerechnet. Der offizielle Beginn war für das Jahr 2000 vorgesehen. Der erste Wechsel von einem Klang auf einen anderen fand im Juli 2004 statt. Für den 5. Juli 2010 ist ein weiterer Tonwechsel geplant. Und den letzten neuen Akkord im Jahr 2639 werde ich sicherlich nicht mehr erleben.

Ein Musikstück, das für 25 Generationen konzipiert ist. Und damit auf seine Weise zum Ausdruck bringt, wie relativ doch Zeit ist. Auch meine. Schon wieder zehn Minuten zu spät im Kindergarten. Mit hängender Zunge beim nächsten Termin eingelaufen. Keine Zeit fürs Mittagessen. Mein Leben ist eher: As fast as possible. So schnell wie möglich.

Vielleicht werde ich nach Halberstadt fahren. In diesem Jahr oder im nächsten, wo ein neuer Tonwechsel ansteht. Nur um ein anderes Gefühl für Zeit zu bekommen. Und dafür, wie unwichtig manche Dinge im Angesicht von 25 Generationen sind. Oder werden meine Ur-ur-ur-ur-und-so-weiter-Enkel wirklich danach fragen, ob ich es am 21. Mai 2010 noch geschafft habe, die Wäsche zu bügeln?

As slow as possible. So langsam wie möglich. In meinem Alltag werde ich das nicht schaffen. Aber ab und an ein bisschen mehr „As slow as possible", das wäre schon drin. Damit eben nicht die Digitaluhr Herrin über meine Zeit ist, sondern ich selbst.

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Schneller Blick in ein Schaufenster. Ein knallblaues T-Shirt fällt mir ins Auge. Darauf in großen Buchstaben ein Satz: I really love myself. Ich finde mich richtig gut. Und ich überlege, ob ich in den Laden gehen soll und gleich einen ganzen Stapel von diesen T-Shirts kaufen soll.

Eines würde ich einer Konfirmandin schenken, die kürzlich in Tränen ausgebrochen ist. Es ging um die Frage, was ein Mensch wert ist. Und sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob sie etwas wert ist. Weil ihr alle immer nur sagen, was falsch an ihr ist.

Eines würde ich der 84jährigen Frau im Seniorenheim schenken. Sie kriegt nur selten Besuch. Im Alter ist man nichts mehr wert, seufzt sie oft. Nur eine Last für die anderen. Am liebsten wäre ich gar nicht mehr da, es will mich ja keiner, noch nicht einmal der liebe Gott.

Eines würde ich dem Mann schenken, der alle paar Monate an meiner Haustür klingelt. Er hat keinen Wohnsitz, deshalb bekommt er keine Arbeit. Er hat keine Arbeit, deshalb bekommt er keinen Wohnsitz. Einen wie mich will halt keiner haben, sagt er.

Und eines würde ich mir selbst schenken. Weil ich versuche, auf allen Schultern Wasser zu tragen. Nur damit andere mit mir zufrieden sind. Damit andere mich gut finden. Weil ich viel zu oft in den Spiegel schaue und nicht weiß, ob ich selbst mich gut finde.

I really love myself. Ich finde mich richtig gut. In der Bibel sagt Jesus einen Satz, der dazu passt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das mit der Nächstenliebe ist ja schon schwer genug, aber sich selbst zu lieben, sich selbst anzunehmen, mit sich selbst zufrieden zu sein - das ist eine hohe Kunst, die wenige Menschen beherrschen.

Ob es ein T-Shirt herausreißen kann, das weiß ich nicht. Aber ein anderer Satz aus der Bibel könnte es herausreißen. Da heißt es: Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Gott hat mich wunderbar gemacht. Gott findet mich richtig gut. Gott findet die Konfirmandin, die Seniorin, den Arbeitslosen und auch mich richtig gut. Und das ist doch ein Anfang.

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Stell dir vor, du stehst eines Tages vor dem Himmelstor. Dort wird man dich fragen: Hast du gelebt? Wer jetzt um eine Antwort verlegen ist, findet reichlich Anregung in einem Buch von Richard Horne. Genauer gesagt: 101 Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist.

Ob es nun wirklich erstrebenswert ist, das gesamte Kamasutra ausprobiert zu haben oder ob ich es schaffen werde, einmal im Leben auf der Datumsgrenze zu stehen, weiß ich nicht. Aber trotzdem trifft dieses Buch bei mir einen Nerv.

Denn manchmal frage ich mich das wirklich: Wenn morgen dein Leben vorbei ist, was ist es gewesen? Hast du dann wenigstens manche deiner Träume gelebt? Oder viel zu viele verschoben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag? Der niemals kommen wird. Wenn du ehrlich bist.

Schwerwiegende Fragen. Auf die Richard Horne in seinem Buch über hundert amüsante Antworten findet. Die zu einem guten Teil nicht meine sind. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, die Möglichkeiten zu entdecken. Und ihnen in der Lebenszeit, die ich habe, Raum zu geben.

„Gott stellt meine Füße auf weiten Raum", heißt es in der Bibel. Gott stellt mich in den weiten Raum meines Lebens. Und will, dass ich es lebe. Mit all seinen Möglichkeiten. Mit meinen Möglichkeiten. Von denen Richard Horne ja eigentlich gar nichts weiß, Gott aber wohl. Und ich eigentlich auch.

Eigentlich brauche ich also gar kein Buch. Ich weiß es auch so. Ich weiß, dass mir oft der Mut fehlt. Der Mut zum Mut. Dass mein Alltag manchmal wie ein schwarzes Loch für Träume ist. Und Stunde für Stunde, Sachzwang für Sachzwang, Erwartung für Erwartung meine Träume schluckt. Und dass ich keinesfalls will, dass das so bleibt, bis ich vor dem Himmelstor stehe.

Gott stellt meine Füße auf weiten Raum. Den Käfig baue ich mir selbst. Den, der meine Flügel stutzt. Und meine Träume erstickt. Und nur ich selbst kann die Tür öffnen. Meine Zeit gestalten. Meine Träume leben. Und Gott hilft mir dabei.

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Draußen regnet es, was es kann. Emma vergnügt sich in ihrer Kinderküche. Und brabbelt leise vor sich hin. Das Wort „Gott" kommt darin vor. Neugierig frage ich nach. „Der Gott soll machen, dass es aufhört zu regnen", sagt Emma. „Meine Freundin Alex und ich wollen das nicht." Ach so, sage ich. Und Gott soll jetzt also dafür sorgen, dass der Regen aufhört. Wenn es nach dem Willen meiner Tochter geht.

Aber vielleicht wollen die Blümchen, dass es regnet, sage ich. Emma runzelt die Stirn. Wer um Himmels willen kann denn schon wollen, dass es regnet? Aber die Blümchen brauchen den Regen, sonst können sie nicht wachsen, sage ich. Interessiert Emma nicht wirklich. „Aber ich will den Regen nicht. Das soll der Gott wissen." Und mit diesen Worten rührt sie weiter ihre Suppe.

Ich bleibe noch einen Moment stehen und denke: Gott hat es auch nicht einfach. Mit dem, was Menschen wollen. Und dem, was Menschen brauchen. Und nicht nur die. Seine ganze Schöpfung hat ihre Wünsche und Bedürfnisse. Und Gott soll machen, dass alle, alle zu ihrem Recht kommen. Ganz schön harter Job.

Den Gott seit Ewigkeiten eigentlich ganz gut macht. Auch wenn wir bisweilen nicht besonders einsichtig sind. Weil uns oft eben Jacke näher ist als Hose. Weil uns oft das am meisten interessiert, was uns nützt. Oder besser gesagt: Das, von dem wir denken, dass es uns nützt. Und wenn Gott dann nicht spurt, ist er bei uns schnell unten durch.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege", sagt Gott beim Propheten Jesaja. „Denn soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken."

In diesem Fall sind Gottes Gedanken eindeutig zu hoch für Emma. Und oft sind sie das auch für mich. Aber an einer anderen Stelle sagt Gott auch, dass er Gedanken des Friedens hat und nicht des Leides, so dass wir Zukunft und Hoffnung haben. Und weil das so ist, soll der Gott also ruhig machen, was er für richtig hält.

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Heute ist Weltfernmeldetag. Aha. Soll ich heute melden, dass ich weltfern bin? Oder warte ich auf Meldungen aus fernen Welten? Nein, am Weltfernmeldetag geht es um das ganze Universum der modernen Kommunikation, wie ich in Erfahrung bringe.

Und da hat sich ja eine Menge getan. Seit dem Jahr 1969, als der Weltfernmeldetag ins Leben gerufen wurde. Das Internet wurde zum Massenmedium, kaum einer traut sich ohne Handy auf die Straße, wer etwas auf sich hält, twittert sein Leben in Echtzeit im globalen Datennetz. Die moderne Informationstechnologie ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wenigstens für die meisten.

Vasu lebt in einem Slum der indischen Großstadt Bangalore. Die hat sich in jüngster Zeit zu einem Zentrum für Informationstechnologie entwickelt. Aber nicht für Vasu. Vasu ist siebzehn Jahre alt und stammt aus einem kleinen Dorf, in dem es keine Zukunft für ihn gab. Deswegen ist Vasu in die große Stadt gezogen. Dort lebt er jetzt in einem der vielen Slums.

Vasu heißt auf deutsch „Wohlstand". Aber von dem ist Vasu weit entfernt. Denn seinen Lebensunterhalt verdient er mit Müllsammeln. Im elektronischen Schrott der Müllkippen des indischen „Silicon Valley" sucht er nach wieder verwertbaren Rohstoffen. Das ist der einzige Kontakt zu Computern, den Vasu jemals haben wird. Sofern sich nichts ändert.

Dass sich etwas ändert, auch dafür steht der Weltfernmeldetag. In diesem Jahr hat sich die Telekommunikations-Abteilung der Vereinten Nationen genau dies aufs Fähnchen geschrieben. Dass sich etwas ändert. Vor allen Dingen in den Großstädten mit ihren Slums. Damit all die Vasus dieser Welt Zugang zu dem bekommen, was für den Rest der Welt längst selbstverständlich ist. Bildung, Information, Kommunikation. Weltweit.

Heute ist Weltfernmeldetag. Und es geht eben gar nicht um weltferne Themen, sondern um menschennahe Probleme. Und darum, dass es eben nicht mehr klingt wie eine Meldung aus fernen Welten, dass Menschen wie Vasu ein menschenwürdiges Leben führen.

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Damit ihr Hoffnung habt. Unter diesem Motto endet heute der zweite ökumenische Kirchentag in München. Jessica ist nicht dabei. Mit der Kirche hat Jessica nicht viel am Hut. Mit der Hoffnung allerdings auch nicht.

Jessica hat keinen Schulabschluss. Und das juckt sie nicht die Bohne. Weil ihre große Schwester auch keinen Schulabschluss hat. Dafür hat die große Schwester ein Kind. Das Kind lebt jetzt bei einer Pflegefamilie. Und die kleine Schwester? Die zuckt mit den Achseln.

Jessica zuckt oft mit den Achseln. Schulabschluss. Ist doch egal. Berufsausbildung. Ist doch egal. Verantwortung. Ist doch egal. Und dann schwenkt sie ihr rosa Täschchen aus dem Ein-Euro-Laden und zieht von dannen. In die Zukunft. Die nur eine Hoffnung kennt: Hartz IV.

Damit ihr Hoffnung habt. Jessica ist in unserem Land kein Einzelfall. Viel zu viele Kinder und Jugendliche kennen keine andere Perspektive als Hartz IV. Erstreben nichts anderes als Hartz IV. Weil die Hoffnung auf ein anderes Leben längst abhanden gekommen ist. Nicht erst bei den Jessicas. Sondern schon bei Jessicas Mutter und Jessicas Vater.

Hoffnung ist nichts, was einfach so vom Himmel fällt. Hoffnung kann man lernen. Von Menschen, die Hoffnung haben. Und Hoffnung machen. Auf ein Leben, das mehr ist als Hartz IV. Und rosa Täschchen aus dem Ein-Euro-Laden.

Damit ihr Hoffnung habt. Wenn heute Tausende von Menschen auf der Theresienwiese in München singen und beten und von Hoffnung reden, dann nicht nur für sich selbst. Sondern für eine Welt, die nichts so sehr braucht wie Hoffnung.

Für Jessica, die zwar mit der Kirche nicht viel am Hut hat. Aber Menschen braucht, die etwas von Hoffnung verstehen. Damit Jessica lernt, wie sich Hoffnung anfühlt. Nämlich besser als Achselzucken. Damit Jessica nie mehr sagt: Ist doch egal. Weil ihr Menschen gezeigt haben, dass sie nicht egal ist. Damit Jessica Hoffnung hat.

 

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