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SWR3 Gedanken

Manchmal beneide ich meine Kinder. Ganz viele Wege stehen ihnen offen und nicht selten fällt es gar nicht so leicht, sich da den Passenden herauszusuchen. Doch mit jeder Entscheidung, die sie auf ihrem Lebensweg treffen, wird es eben auch ein bisschen enger, denn jede Entscheidung schließt notwendig erst mal andere Wege aus. Manchmal, wenn man falsch im Leben abgebogen ist, lässt sich das noch korrigieren. Je weiter aber jemand auf dem Weg vorangeht, umso schwieriger scheint es, noch einmal einen radikalen Kurswechsel hinzubekommen. Eines Tages kann es sogar ganz eng werden, wenn etwa plötzlich Krankheit oder Gebrechlichkeit hinzu kommen. Es erscheint manchmal so, als ob das Leben in einer Gasse läuft, deren Wände links und rechts langsam enger werden.
Doch sind es nicht manchmal Wege, auf die wir irgendwann mal geraten und dann einfach nicht mehr herunter gekommen sind? Aus Angst, Bequemlichkeit oder warum auch immer? Sicher, das Zurückgehen auf Start funktioniert irgendwann einfach nicht mehr. Aber neue Aufbrüche sind immer möglich, solange Körper und Geist noch mitspielen, egal wie alt wir sind. Was hindert mich daran, auch im vorgeschrittenen Alter den Traum von einer Reise zu verwirklichen? Warum nicht noch mal ein Instrument oder eine Sprache neu erlernen oder mit dem Malen anfangen? Zur Meisterschaft wird man es nicht mehr bringen, aber darauf kommt es ja auch nicht an. Neue  Aufbrüche ins Leben zu wagen, bevor es eines unbekannten Tages wirklich zu spät dazu ist. Die Osterzeit, die den Sieg des Lebens über den Tod feiert, ist dazu vielleicht nicht mal die schlechteste.

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Armes Deutschland. Ein Spruch, der uns manchmal so rausrutscht, wenn wir uns über irgendwas wundern oder ärgern. Armes Deutschland, in dem über 11 Millionen Menschen inzwischen von Armut mindestens bedroht sind. Das zumindest hat das ideologisch eher unverdächtige Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung festgestellt. Aktuell betrifft es also nahezu jeden siebten Bürger. Man stelle sich nur einmal einen sonnigen Nachmittag in der belebten Fußgängerzone vor: Jeder siebte, der mir dort begegnet, lebt - statistisch betrachtet - an der Grenze zur Armut. Eine wahrhaft bedrückende Vorstellung in einem Land, das zu den 25 reichsten und am höchsten entwickelten der Welt gehört.
Dabei sind die deutschen Armen ja nur relativ arm, wie der Journalist Heribert Prantl einmal schrieb. Verglichen etwa mit Menschen in Afrika. Allerdings, so meinte er, sind die deutschen Armen auch relativ arm dran, weil ihre Probleme nicht wirklich wahrgenommen werden. Wer nur sehr wenig Geld hat, dem bleiben nun mal viele Möglichkeiten verschlossen. Wer wenig Geld hat, hat es einfach schwerer am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ganz nebenbei macht Armut auch noch unglücklich - und nicht nur die Armen. Die Lebenszufriedenheit ist nämlich keineswegs in jenen Ländern am größten, in denen die meisten Millionäre leben, sondern dort, wo der Abstand zwischen Arm und Reich am wenigsten auseinanderklafft. Ein Grundanliegen sozialer Gerechtigkeit übrigens, auf das die Sozialenzyklika des Papstes im letzten Jahr ausdrücklich hingewiesen hat.
Übrigens ist das Jahr 2010 von der Europäischen Gemeinschaft zum Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung erklärt worden. Acht Monate bleiben noch. Dann werden wir sehen, ob es mehr war als nur soziale Rhetorik.

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Wo ist er denn nun, euer Gott? Die Frage stellen nicht nur kritische Geister heute. Sie wurde schon in der Bibel gestellt, sogar lange vor der Zeit Jesu. Wer an den einen Gott glaubt, so scheint es, muss sich rechtfertigen und hat sofort ein Problem: Glauben an etwas, das sich nicht vorzeigen, nicht sehen oder anfassen, ja beim besten Willen nicht  mal beweisen lässt. Für manchen damals wie heute eine geradezu absurde Vorstellung. Und dennoch suchen Menschen immer wieder nach Gott. Zum Beispiel, weil sie nicht wissen, wohin mit Dankbarkeit oder mit Freude, aber auch mit Traurigkeit oder ohnmächtiger Wut. Sie suchen nach der Ahnung, dass da irgendwo jemand Größeres sein muss, dem sie diese Gefühle anvertrauen können und der ihnen hilft, sie zu ertragen.
Doch wo lässt sich dieser Gott erfahren, wo spüren, dass es ihn gibt? In Kirchen und Gottesdiensten natürlich, doch nicht nur dort. Gott selbst zu finden ist ein Projekt, für das auch die größten Gottsucher oft ein ganzes Leben brauchen. Seine Spuren aber sind überall. Prinzipiell an jedem Ort, zumindest wenn ich annehme, dass alles auch seine Schöpfung ist.
So schrieb mir vor kurzem eine Freundin nach der Aufführung des grandiosen Requiems von Mozart, der Himmel müsse an solcher Musik wohl irgendwie beteiligt sein. Gottes Spuren in der Musik, in Filmen oder Kunstwerken, in der Natur oder der intensiven Begegnung mit einem andern Menschen. Wo auch immer etwas tief in mir zum Klingen kommt, da kann ich seinen Spuren begegnen. Das zumindest haben uns die großen Gottsucher der Geschichte bestätigt, denn gefunden haben sie ihn letztlich tief in sich selbst.

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Der weltgrößte Autokonzern muss derzeit kostspielig erfahren, was es heißt, wenn Menschen wegen sich häufender Pannen das Vertrauen in die Marke verlieren. Vertrauen sei sogar der Anfang von allem, meinte in den 90er Jahren eine große Bank einmal in einem Werbeslogan. Vertrauen ist sogar unerlässlich, wo Menschen sich zutiefst anderen an-vertrauen. Unter anderem in unseren Kirchen. Das Vertrauen in eine Institution gründet sich aber letztlich auf die konkreten Menschen, die dort arbeiten und auf deren Vertrauenswürdigkeit. Ein enormer Anspruch und ein wertvolles Gut, das uns allen, die wir in und für die Kirche arbeiten, da übergeben wurde. Ein Schatz eben, den wir in zerbrechlichen Gefäßen tragen, wie es die Bibel einmal vielsagend ausgedrückt hat. Hat das Gefäß nämlich einen Sprung, dann ist auch der Schatz darin nicht mehr sicher. Ins Hier und Heute übersetzt: Vertrauen muss mehr denn je durch das eigene Leben gedeckt sein. Vertrauenswürdig wird man, wenn Reden und Tun in Einklang sind. Die evangelische Bischöfin Margot Käßmann hat das messerscharf erkannt, als sie nach ihrer Alkoholfahrt zurücktrat, obwohl sie niemandem geschadet hatte - außer vielleicht ihrer Glaubwürdigkeit.
In der Theologie haben wir gelernt, dass Gott jede Schuld vergeben kann, quasi in einem Augenblick. Wir haben aber auch gelernt, dass für den Menschen dazu ein längerer Weg der Umkehr und der Buße gehört. Der ist auch nötig, will man zerstörtes Vertrauen wieder zurück gewinnen.

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Ein verzagter Mensch wird keine Fröhlichkeit ausstrahlen. Der große Kirchenreformator Martin Luther hat das schon vor 500 Jahren in freilich etwas anderen und ziemlich derben Worten ausgedrückt. Der Mann hatte einfach recht. Mieses Betriebsklima im Beruf, Mobbing, permanenter Druck und Kontrollwahn machen Menschen nämlich nicht nur verzagt, sondern richtig gehend krank. Etwa jeder achte, so belegen Umfragen immer wieder,  hat schon innerlich gekündigt. Die unschönen Zahlen jedenfalls ähneln sich seit Jahren. Das Schlimme daran: Am Ende stehen nur Verlierer: Die Mitarbeiter selbst, die Kunden und auch die Institutionen und Unternehmen, besonders dort, wo es auf intensiven Kundenkontakt ankommt.
Einige intelligent geführte Unternehmen haben längst verstanden, dass nicht die Gebäude, Maschinen oder Vermögenswerte das wichtigste Kapital des Unternehmens sind, sondern die Menschen, die dort arbeiten. Auch dort werden zwar keine höheren Gehälter gezahlt, aber dafür wird viel Wert auf das Klima, auf Fortbildungen und die soziale Betreuung der Mitarbeiter gelegt. Die meisten Menschen arbeiten jedenfalls gern dort. Das spüre ich übrigens auch als Kunde und genau darum gehe ich auch gern dorthin. Seltsam nur, dass diese scheinbar so einfache und kostengünstige Maßnahme oft so viel schwerer umsetzbar erscheint als jene Strategien, die Mitarbeiter vor allem als Kostenfaktor sehen.

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Noch feiert die Kirche Ostern. Genau genommen noch vier Wochen lang. Ostern, das Fest des Lebens, das Fest der Rückkehr vom Tod ins Leben. Doch so richtig will sich keine Feierstimmung einstellen in diesem Jahr. Zu tief sitzt nicht nur bei mir die Wut über immer neue Ungeheuerlichkeiten, die Mitarbeiter meiner Katholischen Kirche sich haben zu Schulden kommen lassen. Zu tief das Unverständnis darüber, dass hohe und höchste Vertreter meiner Kirche die Dimension des Problems noch immer nicht zu begreifen scheinen. Nein, es fällt schwer, in diesem Jahr befreit Ostern zu feiern. Meine Kirche, so scheint mir, ist in diesem Jahr eher im Karfreitag, dem Tag der Verunsicherung und der Trauer stecken geblieben.
Dass die Lawine der Enthüllungen kurz vor Ostern ins Rollen kam mag Zufall gewesen sein und doch hat das Datum für mich etwas Symbolisches. Wenn es an all diesen Geschichten überhaupt etwas Positives gibt, dann, dass Menschen endlich, nach Jahrzehnten des Schweigens und des Schämens, darüber sprechen können. Dass sie die seelisch verheerenden Erinnerungen ans Tageslicht bringen können und ihnen endlich zugehört wird, auch von der Kirche. Die Wahrheit wird euch frei machen, heißt ein vielsagender Satz in der Bibel. Zumindest eröffnet sie die Chance zu einem neuen Anfang. Ein hoffentlich neuer Anfang für die Opfer. Aber vielleicht auch ein neuer Anfang für die Kirche. Sehr vieles wird da noch zu klären und offen zu diskutieren sein. Vielleicht ist es dann ja im nächsten Jahr wieder möglich mit mehr und mit echter Freude Ostern zu feiern, das Fest des Lebens.

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Auf dem Land begegnen sie mir gelegentlich noch. Schafherden, die im Sommer von Wiese zu Wiese ziehen. Geführt und behütet von einem Hirten mit seinem Hund. Ein eindrückliches Bild, das mich fast jedes Mal unweigerlich an die Bibel denken lässt. Jesus - der gute Hirte, heißt es dort. Ein Bild, von dem heute in vielen Katholischen Kirchen die Rede sein wird, denn die Kirche begeht heute weltweit den Gebetstag für Geistliche Berufe. Sie betet also um Männer und Frauen, die bereit sind, sich für Andere in den Dienst Jesu zu stellen. Um aktuelle Hirten und Hirtinnen gewissermaßen.
Doch passt das Bild heute wirklich noch? Wirkt es nicht eher schräg? Das Bild von Hirt und Herde, vielleicht passte es ja früher. Doch auch welcher aufgeklärte Christ lässt sich heute noch gängeln, sich ungefragt in sein Leben hineinreden? Vermutlich keiner von uns. Wir sind sehr empfindlich geworden gegen jede Bevormundung. Trotzdem scheint es vielen nichts auszumachen, allen möglichen modischen und sonstigen Trends zu folgen. Idolen zu huldigen, die uns ihre Denk- und Lebensmuster vorgeben. Nur: Es sind eben nicht unsere.
Mir scheint, dass wir heute mehr denn je Menschen brauchen, die wirklich Orientierung geben können. Menschen, die unangenehmen Wahrheiten nicht ausweichen und die Wegbegleiter sind, wenn in schweren Lebensabschnitten der Durchblick fehlt. Die weder alles besser wissen und können noch ungebeten mit fertigen Antworten daher kommen. Männer und Frauen, die andere vielmehr deshalb begleiten können, weil sie auch ihr eigenes Leben und ihren Glauben kritisch bedacht und hinterfragt haben. Menschen, die sich um die Seele sorgen. Geistliche Menschen. Moderne Hirtinnen und Hirten eben.

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