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SWR3 Gedanken

Ziemlich genau drei Monate sind vergangen, seit in Haiti die Erde bebte.
Den Zeitungen ist das heute kaum noch eine Zeile wert, Radio und Fernsehen berichten nur noch selten darüber. Etwa 200.000 Menschen sind gestorben.
Manche fragen sich da schon: Wo ist Gott eigentlich in solchen Sekunden, die die Welt auf den Kopf stellen? Sieht er weg? Will er das alles nicht sehen oder nimmt er es gar hin?

Skeptische Menschen haben immer wieder gesagt. Entweder Gott ist nicht allmächtig und deshalb KANN nichts am Leid dieser Welt ändern. Oder Gott ist nicht gütig und deshalb WILL nichts am Leid dieser Welt ändern.

Ich meine: Wir leben nun mal in einer unvollkommenen Welt. Leid und Schmerz gibt es von Anfang an. Selbst Gottes Sohn - Jesus von Nazareth - hat das zu spüren bekommen und ist am Kreuz gestorben.

ABER: Ich glaube, es gibt trotzdem einen guten Grund, an Gott zu glauben. Wir haben nämlich ein Versprochen. Gott sagt: irgendwann werden das Leid und der Schmerz dieser Welt keine Rolle mehr spielen  - „Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz!" steht in der Bibel ganz am Ende.

Das soll keine billige Vertröstung auf den St. Nimmerleinstag sein. Das ist ein Versprechen, das Hoffnung machen soll! Und deshalb leben wir jetzt schon in allem Schmerz und Leid doch auch in der Hoffnung auf eine bessere Welt, die es nur leider jetzt noch nicht gibt.

Bis es so weit ist, ist es unsere Aufgabe von dieser Hoffnung zu erzählen, die uns trägt. Und es ist unsere Aufgabe, diese Hoffnung durch ganz konkrete Hilfe weiter zu geben. Was Gott uns verspricht- eine neue Erde- das können wir jetzt schon durch unsere Hilfe konkret machen! Auch und gerade in den Katastrophen, die uns treffen.

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Am 08. April 1899 wurde im US-Gefängnis Sing Sing die erste Frau auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Es war Martha M. Place. Sie war des Mordes für schuldig befunden worden. Mich hat dieser Jahrestag noch einmal nachdenklich gemacht. Wie kann es sein, das Staaten, die sich zivilisiert nennen und die sich auf Gott berufen, noch heute Menschen für ein Verbrechen mit dem Tod bestrafen. Mal abgesehen davon, dass eine große Zahl von Urteilen nach Jahren widerrufen wird, weil DNA-Untersuchungen auf einmal die Unschuld eines Hingerichteten darstellen. Mal abgesehen davon, dass das Töten eines Menschen gegen humanitäres Recht verstößt. Mal abgesehen davon, dass zivilisierte Menschen und Staaten doch andere Möglichkeiten finden müssten, um Menschen von Verbrechen abzuhalten... Mal abgesehen von all diesen Dingen gibt es doch einen ganz simplen Grund, genau das nicht zu tun - Er besteht aus vier Worten, steht in der Bibel und heißt: „Du sollst nicht töten." Dieser Satz ist einer der Lebensgrundsätze für Menschen schlechthin, damit gelingendes menschliches Miteinander möglich wird. Er muss also doch zumindest für die Menschen gelten, die sich auf den Gott dieser Gebote berufen! Und der Satz muss erst recht für Staaten gelten, die sich verpflichten, für ihre Staatsangehörigen zu sorgen und sie zu schützen!

Ich denke, auch das Töten im Namen eines Staates oder eines Rechtssystems ist Mord und gehört endlich und endgültig abgeschafft. In der Definition von Mord im Strafgesetzbuch heißt es, dass der einen Mord begeht, der mit gemeingefährlichen Mitteln heimtückisch oder grausam einen Menschen tötet. Ist es nicht  heimtückisch, einen Menschen an einem Stuhl fest zu binden, so dass er sich nicht wehren kann und ihm so lange Strom durch den Körper zu jagen, bis er tot ist? Ist das Spritzen von Gift, das zum Tode führt, nicht grausam?

„Du sollst nicht töten." Gott will Leben und nicht Morden. Im 21. Jahrhundert müsste das doch wirklich jeder kapiert haben, oder?

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Heute vor 16 Jahren hat es angefangen. Das Morden zwischen Tutsi und Hutu. In den darauf folgenden 100 Tagen fand ein unglaubliches Abschlachten der Tutsi durch die Hutu statt. Zwischen 500.000 und 1 Million Menschen wurden getötet. Keiner weiß die genaue Zahl.

Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an diesen Völkermord. Was diesen Konflikt so in die Erinnerung eingebrannt hat, das ist zum einen die Brutalität, mit der dort vorgegangen wurde. Das andere ist die kaum zu glaubende Tatsache, dass sich dort - fast aus dem Nichts heraus - Nachbarn und Freunde gegeneinander erhoben haben, sogar Schwiegersöhne gegen ihre Schwiegerväter, kurzum: Menschen, die jahrelang ganz selbstverständlich und freundschaftlich Tür an Tür und in derselben Straße gewohnt haben. Wie kann das nur sein?

Der englische Philosoph Thomas Hobbes schrieb im 17. Jahrhundert: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf". Von Gier und Egoismus getrieben wird er immer für sich das Beste und das Meiste wollen und darum wie ein Raubtier handeln, wenn es sein muss.

Hobbes Antwort auf diese erschreckende Idee war die von einem allmächtigen Staat. Einer, der den Frieden zwischen den Menschen machen und garantieren solle. Dass das mit dem allmächtigen Staat nicht funktioniert, wissen wir mittlerweile. Was aber hilft sonst?

Jesus bietet keine Allmachtsfantasien an. Er fordert schlicht: „Liebe Deinen Nächsten genau so sehr wie dich selbst." Im Anderen einen Menschen zu sehen, der dasselbe Recht auf ein gutes Leben hat wie ich - das ist doch eigentlich eine geniale Voraussetzung für ein gelingendes Miteinander, oder? Ich wüsste nichts, was das Raubtier in uns bändigen könnte, außer der Liebe.

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In der letzten Woche haben wir eine ältere Dame beerdigt. Es war eine Feuerbestattung, bei der die Asche in einer Urne in die Erde gesenkt wird. Einer der Enkel - er war so 10 Jahre alt - weinte sich am Grab fast die Seele aus dem Leib. Ich dachte über den Beerdigungsgottesdienst nach, den wir gerade gefeiert hatten und dachte: „Mensch, dieser Junge hat von allem, was du eben erzählt hast, doch sicher kaum was verstanden.

Worte wie: „Auferstehung" oder „Der Tod hat nicht das letzte Wort", oder  „Die Liebe und die Erinnerungen halten die Verstorbene in ihnen lebendig."- solche Worte sind für so ein Kind doch kaum zu verstehen.

Ich habe also am Grab mein Buch mit der Predigt zugeklappt und habe den Jungen direkt angesprochen.

„Hast du schon mal eine Raupe gesehen?" Es dauert einen Moment - ein bisschen erschrocken sieht mich der Junge an. Dann nickt er. „Weißt du," sage ich, „ich glaube mit dem Sterben ist das so ähnlich, wie bei einer Raupe: Eine Raupe lebt eine Weile, dann muss sie sich verpuppen und die eigentliche Raupe stirbt. Aber nach einer kurzen Zeit wird ein wunderbarerer Schmetterling draus. Und der fliegt dann davon. Und so ist das auch mit uns. Wir leben hier auf der Erde, so wie die Raupe. Und irgendwann müssen wir sterben. Wie jeder Mensch und jedes Tier.

Aber Gott hat uns versprochen, dass wir nach dem Tod wieder leben sollen - bei ihm in seiner Welt. Wie das sein wird, weiß kein Mensch so genau. Ich auch nicht. Und weil ich es eben nicht besser weiß, stelle ich mir das so ähnlich vor wie mit der Raupe und dem Schmetterling.  

Und wenn Du im Sommer den ersten Schmetterling siehst, dann denkst du ganz fest an deine Oma. Und vielleicht merkst du dann, dass sie gar nicht weit weg von dir ist. Nämlich in deinen Gedanken und in deinem Herzen."

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„Auferstehung- das hab schon mal am eigenen Leibe erfahren! Ich weiß, dass es das gibt!"

Ein alter Pfarrer sagte das mal zu mir. Schon lange her. Ich habe ihm gegenüber gesessen mit großen Augen und habe gestaunt: Was meinte er damit? War er mal tot und wurde wieder zurück geholt? Also Nahtoderfahrung oder so was?
Der Kollege hat gesehen, dass ich gar nichts verstanden hab. „Sehen sie, sagte er, vor 5 Jahren starb meine Frau. Schwer und unter Schmerzen. Wir haben so viele Jahre miteinander gelebt und ich habe sie geliebt bis zum letzten Tag. Als sie ging, hab ich gedacht: jetzt sterb ich mit ihr. Ich hab gar nichts mehr gefühlt. Außer Leere und Trauer und Sinnlosigkeit. Mein Leben war zu Ende. Das ging lange so. Bis - ja bis ich meine zweite Frau kennengelernt habe. Und mit einem Mal hab ich gespürt: da kehrt ja Leben in mein Leben zurück! Seitdem hat für mich Auferstehung etwas ganz Persönliches und Handfestes:  Auferstehung mitten im Leben!"

Ich habe das Gespräch nie vergessen. Auferstehung- ich hab mich als junge Pfarrerin immer schwer damit getan, anderen das zu erklären.. Das war wie eine Theorie, die ich in meinem Theologiestudium gelernt hatte. Aber: Dass Auferstehung etwas mit mir ganz persönlich zu tun haben kann, das habe ich erst damals wirklich begriffen!

Jahre später habe ich etwas ähnliches erlebt wie mein Kollege damals. Auch so ein Gefühl von: jetzt ist alles vorbei. Nichts geht mehr. Und ich habe am eigenen Leib erfahren dürfen, wie es ist, wenn Gott einen ins Leben zurückruft.

Es ist tatsächlich eine unglaubliche Erfahrung, die man erst im Nachhinein richtig versteht. Wenn man mitten drin steckt, bleibt nur Staunen und Dankbarkeit und die tiefe Gewissheit: der Tod hat nicht das letzte Wort, so lange Gott in meinem Leben ein Wörtchen mitzureden hat!

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Stellen sie sich vor, sie gehen zum Friedhof. Sie wollen das Grab eines Menschen mit Blumen schmücken, eine Kerze anzünden. Sie wollen einfach dort hingehen, um diesem Menschen, den sie erst vor ein paar Tagen verloren haben, ein Stück nahe zu sein. Sie öffnen das Tor zum Friedhof. Es ist noch früh am Morgen und sie sind allein. Langsam nähern sie sich dem Grab. Ihre Gedanken sind ganz bei diesem Menschen. Sie haben den Kopf gesenkt, weil sie traurig sind. Und dann auf einmal stehen sie vor dem Grab. Sie heben den Kopf. Sekundenlang schießt ihnen der Schreck durch die Glieder: Alle Blumen sind abgeräumt, die Erde vom Grab entfernt. Der Sarg steht noch im Erdloch, doch er ist leer. Sie gehen in die Knie, die Beine versagen ihnen den Dienst. Sie schauen sich um: Sind sie am falschen Grab? Aber nein. Sie sind richtig. Hier, hier hat man ihn vor ein paar Tagen beigesetzt? Mein Gott, was ist passiert?

Eine Horrorgeschichte? Ja - sieh hört sich fast so an. Aber genau so ist es den Frauen damals gegangen, als sie zu Jesus ans Grab gingen, um ihn zu salben: Genau dieser Schreck ist ihnen in die Glieder gefahren, dieses Entsetzen, dieses Grauen.

Markus, der früheste Evangelienschreiber, notiert dazu: „Die Frauen flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich." Da ist erst mal nichts von froher Botschaft der Auferstehung! Da ist erst mal nur Grauen und entsetztes Schweigen.

Wer kann denn auch so etwas begreifen? Jesus - der definitiv tot war - sollte leben?

Erst als sich Jesus den Jüngern ganz hautnah zeigt, da beginnen sie, zu begreifen! Da erst beginnen sie nachzudenken: Hatte er nicht genau das angekündigt: Er würde nach drei Tagen auferstehen? Nur ganz langsam beginnt der Glaube zu reifen: Jesus lebt. Und wenn uns heute schon der Versuch, an Gott zu glauben mindestens genauso schwer fällt: Lassen wir uns Zeit: Die braucht es, um zu begreifen! Jesus lebt!

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