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SWR3 Gedanken

Wenn glücklich sein heißt, immer viel Geld zu haben...,
Jesus war nicht reich,
er hat niemals das goldene Los gezogen,
er war auch nicht viel wert:
für gerade mal 30 Silberstücke ist er von Judas verraten worden.

 Wenn glücklich sein heißt, ein schönes Auto zu haben
und ein fettes Motorrad zu fahren...,
Jesus ging zu Fuß,
manchmal reiste er auch auf dem Rücken eines Esels.

Wenn glücklich sein heißt, ein großes Haus zu besitzen mit allem drum und dran...,
Jesus hat immer nur bei anderen gewohnt:
er wurde in einem Stall geboren, der einem anderen gehörte,
und er wurde in einem Grab beerdigt, das einem anderen zugedacht war.

 Wenn glücklich sein heißt, eine tolle Karriere hinzulegen, ganz oben anzukommen, Minister zu duzen, mit Medaillen ausgezeichnet zu werden...,
Jesus wurde hingerichtet wie ein Verbrecher, gekreuzigt.
Die einzige Ehre, die ihm zuteil wurde, war ein Dornenkranz.

Hingegen - wenn glücklich sein heißt, zu spüren: ich bin von Gott geliebt,
also ja, dann war Jesus glücklich.

Wenn glücklich sein heißt, für Gerechtigkeit zu kämpfen, anderen zu verzeihen, sich für den Frieden einzusetzen,
also ja, das alles hat Jesus gemacht.

Wenn glücklich sein heißt, hungrig zu sein,
hungrig nach Leben, hungrig nach einer Zukunft,
hungrig danach zu lieben und geliebt zu werden,
hungrig andere kennen zu lernen,
hungrig nach Sehnsucht, hungrig nach Gott...,
also ja, dann war Jesus glücklich hier auf Erden.

 

 


[1] Nach dem Gedicht « Etre heureux » von Jean DEBRUYNNE.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7916

Nackt steht er da und tanzt. Der große König David. Die Bibel erzählt die Geschichte von vor 3000 Jahren, der nackte König tanzt - vor seinem ganzen Volk.

Seine Frau ist so gar nicht begeistert über den Auftritt ihres Gatten: Nackt zu tanzen gehört sich schließlich nicht für einen König und schon gar nicht vor seinem Volk, alle können ihn sehen, auch die Frauen im Volk... Nein, die Königin war „not amused".

Aber David sieht sie nur verständnislos an - er tanzt doch schließlich zur Ehre Gottes! Und Recht hat er: Die Hauptstadt war von den Feinden eingenommen worden, sein Volk eingekesselt gewesen, überall Feinde und dann hat Gott ihm und seinem Volk geholfen, aus diesem Krieg heil und unbeschadet herauszukommen.

Da kann man schon verstehen, dass man sich im Überschwang vor Freude seiner Kleider entledigt und tanzt - zur Ehre Gottes!

Heute wird nicht mehr allzu oft aus Dankbarkeit getanzt. Schon gar nicht  zur Ehre Gottes. Und dann noch in unseren Kirchen! Schade eigentlich. Grund genug haben wir ja, einmal Danke zu sagen für all das, was Gott für uns getan hat und was Gott jeden Tag für uns tut. Dass Gott uns hilft und uns beiseite steht.

Aber heute ist ja Freitag, das Wochenende beginnt. Vielleicht mal wieder ein guter Grund auszugehen. Auf eine Fete, in eine Disko. Und wenn man dann mal alle Hemmungen überwunden hat, von wegen, dass man doch nicht tanzen kann.

Und wenn man vergessen hat, dass man sich eigentlich mit seinen ungelenken Bewegungen zum Affen macht, wenn man endlich ganz aufgeht in der Musik - dann, ja dann ist vielleicht ein guter Augenblick, einmal Danke zu sagen: Danke Gott!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7915

In was kann man eigentlich noch investieren- heute, in Zeiten der Krise?
In Paris nun gibt es eine neue Mode: In Paris investiert man in Kühe. Jawohl. In diese schwarz-weißen, manchmal auch braunen Lebewesen, die auf Feldern rum stehen und muhen, wenn man sie freundlich grüsst.

Mich hat diese neue Investitionsidee begeistert: Sie ist absolut umweltfreundlich- naja, bis auf die paar Pupser, den CO2 Ausstoß. Aber wirtschaftlich gesehen ist die Idee eine relativ sichere Geldanlage, die man sogar in freier Natur bewundern kann.

Ein Anleger berichtet, dass ihn seine Enkelkinder nun immer, wenn sie an Kühen vorbeifahren, fragen: „Sind das deine?" Was ja heißt: sogar Kindern ist diese neue Möglichkeit der Geldanlage einsichtig. Und es ist ja auch ganz einfach: man nehme ein kleines Kälbchen, füttere es bzw. lasse es füttern und, schwups, ist das Kälbchen eine große Kuh, die nun Milch gibt oder Fleisch.

Als ich davon hörte, fiel mir die Geschichte von den Kühen und Joseph ein. Die Bibel erzählt, dass der ägyptische König, der Pharao einen Traum hat. Und den erzählt er Joseph: Sieben schöne, fette Kühe sind da und auf einmal kommen sieben hässliche, magere Kühe dazu. Und die fressen die sieben fetten Kühe auf - schweißgebadet erwacht der Pharao. Joseph hilft ihm; er sagt ihm, was sein Traum zu bedeuten hat:

Die sieben fetten Kühe bedeuten: Die kommenden sieben Jahre werden gute Jahre sein - fette Ernte, reicher Handel, dann aber folgen sieben magere Jahre, schlechte Ernte, schlechter Handel. Und Joseph schlägt dem Pharao vor, was er nun machen soll. Er soll während der sieben fetten Jahre Silos anlegen und Essen darin lagern, damit während der mageren Jahre alle genug zu essen haben.
Vielleicht sind die Pariser Kühe auch so was: Eine sichere Geldanlage auch in schlechten Zeiten. Wäre doch schön, wenn diese Mode auch zu uns rüber käme!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7914

Animal, Vegetable, Miracle oder Gottes Gemüse[1].
Ein Jahr lang - nur Gemüse aus dem eigenen Garten.
Ein Jahr lang - nur Fleisch von Tieren, die hinterm Haus groß geworden und dort auch geschlachtet worden sind.

Ein Jahr lang - einkaufen in einem Umkreis von höchstens einer Autostunde und nur das, was regional produziert wird; also Honig vom Imker von nebenan, Lammfleisch vom Bauern aus'm Nachbardorf, einkaufen auf dem Wochenmarkt.

Ein Jahr lang... - aber es gibt auch Ausnahmen: Olivenöl und Gewürze zum Beispiel und jedes Familienmitglied hat einen Wunsch frei: der Vater will auf seinen Kaffee nicht verzichten und die Jüngste wünscht sich Schokolade.

Die Mutter, Barbara Kingsolver hat ein Buch über dieses Jahr geschrieben. Das Buch heißt „Animal, Vegetabel, Miracle", also „Tiere, Gemüse, Wunder". Und ein Wunder passiert: Die Familie Kingsolver, Vater, Mutter, eine achtzehnjährige und eine zehnjährige Tochter, erleben ein Jahr lang, was es heißt, wenn man das, was man isst, selbst produziert; sie erleben die Jahreszeiten in ihrer gemüsemäßigen Bandbreite; Essen wird zum Wunder. Weil es ein Wunder ist, wenn die Saat aufgeht, wenn schließlich das auf dem Tisch steht, was man lange Zeit gehegt und gepflegt hat.

Als ich das Buch las, dachte ich bei mir, eigentlich fängt das Wunder schon dort an, wo man sich hinsetzt zum Essen. Es fängt schon dort an, wenn man gemeinsam kocht, wenn man genießt, wenn man Gott dafür dankt, dass er uns so reichhaltig beschenkt. Kurzum: das Wunder beginnt, wenn man Essen, wieder als Wunder sehen kann.
„Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, oh Gott, von dir, wir danken dir dafür!"

 


[1] Barbara KINGSOLVER « Animal, Vegetable, Miracle - A Year of Food Life » 2007.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7913

Conrad ist auf der Suche. Er hat da so eine unbestimmte Sehnsucht nach mehr. Gott? Vielleicht. Also macht er sich auf, fährt nach Indien. Er erhofft sich, dort echte Spiritualität zu finden, einen richtigen Heiligen, der ihm sagen kann, was wahr ist und was nicht.

Und jetzt steht Kalkutta doch glatt unter Wasser. Eine riesige Überschwemmung hat Kalkutta heimgesucht. So hoch steht die Flut, dass Conrad sich einen Lastwagen mieten muss, um bis zu jenem Vorort von Kalkutta zu gelangen, jenem Vorort, in dem ER wohnt, ER, - laut Conrad - einer der größten Heiligen Indiens. Nein, DER größte Heilige Indiens. Jedenfalls, der größte lebende Heilige.

Selbst in Indien sieht man das so, sagt Conrad. Der grösste Heilige Indiens wohnt also in einem Vorort von Kalkutta. Ohne Tempel, ohne Jünger. Zwischen Luxusvillen und Slumhütten ganz allein in einer kleinbürgerlichen Wohnung. Knietief im Wasser vor der Haustür steht nun Conrad. Der Heilige wundert sich sehr und empfängt Conrad mit einer Frage: „Was fährst du hier mit einem Lastwagen in Indien herum?"

Conrad ist auf der Suche nach Gott; was also soll er ihm antworten? „Ich suche Gott," stammelt er verlegen. Mit einem breiten, fast kindlich scheuen Lachen lacht der Heilige Conrad aus:

„Um Gott zu finden, brauchst du doch keinen Lastwagen. Du brauchst überhaupt nicht in Indien herumzufahren. Gott ist im Westen wie im Osten. Fahr heim und such Gott in deiner eigenen Welt. Es gibt im Westen echte Heilige genug."

Conrad macht sich nach ein paar Tagen beim Heiligen wieder auf den Weg nach Hause. Und er sucht weiter. Sucht im Westen nach „unseren" Heiligen, nach „unseren" Vorbildern im Glauben. Und er hat eine Unmenge gefunden:

Theresia von Avila, Dietrich Bonhoeffer und viele andere. Hat er auch Gott gefunden? Er ist auf dem Weg.

 


[1] Hans Conrad ZANDER « Die emanzipierte Nonne - Gottes unbequeme Freunde » 2. Auflage 2007.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7912

„Fünfzehn Minuten Menschlichkeit - das ist doch das Mindeste, was man einem Menschen am Ende noch geben kann." Die Pfarrerin aus Mannheim guckt mich offen und ernst an.

Sie erzählt mir vom Alltag obdachloser Menschen in Mannheim. Niemand will sie in der Stadt haben, niemand will sie dort sehen - und doch sind sie da und haben Probleme, denn gerade in der kalten Jahreszeit ist es besonders schlimm. Gewiss, Diakonie und die Caritas versuchen, ihnen zu helfen. Sie auf Behördengänge zu begleiten, für das Nötigste zu sorgen.

 

Aber was ist, wenn sie sterben? Wer kümmert sich dann um sie? Und dann erzählt sie, wie das ist, wenn sie als Pfarrerin diese obdachlosen Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Manchmal sind bei diesen Beerdigungen Freunde, Bekannte oder Familienangehörige da. Manchmal kommt aber auch niemand. Dann steht sie ganz allein vor dem Sarg, betet zu Gott, singt ein Kirchenlied, hält inne, um diesem einen Leben zu gedenken.

 

„Auch wenn niemand kommt und ich allein vor dem Sarg stehe", sagt sie und guckt mich eindringlich an, „Jeder Mensch hat ein Recht darauf, würdevoll beerdigt zu werden. Egal, was jemand in seinem Leben gemacht oder nicht gemacht hat, egal was ein Mensch gewesen oder nicht gewesen ist. Sogar wenn jemand großen Mist gebaut hat, auch dann hat er eine Würde. Deshalb: Fünfzehn Minuten Menschlichkeit - das ist doch das Mindeste, was man einem Menschen am Ende noch geben kann."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7911

Als Kind hatte ich in meinem Zimmer eine Tapete aus Kork. So was hässliches gibt's heute wahrscheinlich gar nicht mehr. Aber wenn ich nachts so da lag, konnte ich in ihrem Korkmuster wilde Gestalten erkennen: freundliche Monster, fiese Hexen, allerlei Tiere und Gesichter. Ich musste nur hingucken, schon waren sie da. Und das schönste war, niemand außer mir konnte sie sehen!

Manchen Menschen geht es genau so auf der Toilette: Sie starren vor sich hin, denken an nichts Böses und sehen auf einmal kuriose Muster auf den ansonsten unauffälligen Fliesen und Kacheln. Da ist plötzlich mehr - Form, Farben, Rechtecke und Kreise, Muster.

Mancher Maler hat dieses Phänomen zu seinem Thema erklärt. Jackson Pollock zum Beispiel malte Bilder, die aussehen wie Farbklekse, wie Wolken aus Farbe, aber wenn man genau hinsieht, ist es ganz eindeutig eine Horde Pferde oder tanzende Mädchen oder einfach ein Gefühl wie Zufriedenheit oder Lachen.

Erwachsenen fällt es oft schwer, solche Dinge wahrzunehmen. Kindern fällt es viel leichter, Gestalten oder Gefühle zu sehen, die anscheinend nicht da sind.

Viele verlieren diese Fähigkeit auf dem Weg zum Erwachsenwerden: diese kreative Vorstellungskraft, mit der man sich staunend in der Welt umschaut und sieht was - oberflächlich betrachtet - eigentlich gar nicht da ist.

Wer sich diese Vorstellungskraft bewahrt hat, hat es leichter, Gott zu sehen. Denn Gott ist auch da und zugleich nicht da. Wie ein unauffällig-auffälliges Muster, das unser Leben begleitet. Manchmal können wir es sehen, können Gott sehen. Vor allem dann, wenn wir nicht damit rechnen.

Alles was wir brauchen, ist diese Freiheit des Geistes, Gott wie ein Kind zu sehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7910