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SWR3 Gedanken

Insassen des KZ Auschwitz haben in ihrer Gefangenschaft heimlich und unter Lebensgefahr Märchen geschrieben. Für ihre Kinder in der Freiheit. Obwohl sie annehmen mussten, dass sie nie gelesen werden. Jetzt sind die Märchen ans Tageslicht gekommen und in dem Buch „Märchen aus Auschwitz“ veröffentlicht worden.
Das Märchen von Henryk Czulda für seinen Sohn Zbys beginnt so: „Ich weiß nicht, ob ich lebendig aus dem Todeslager rauskomme. Ich weiß nicht, ob Gott mir erlaubt, dich noch zu sehen und deine Mami. Ich weiß nicht, ob dieses Märchen jemals in deine kleinen Händchen kommt. Aber trotzdem habe ich beschlossen, für dich, mein allerliebster blonder Zbys, diese Bildchen zu malen.“
In Auschwitz ist ein Band mit sechs Märchen entstanden, liebevoll mit Bildern illustriert. Sie handeln von hartherzigen Riesen, paradiesischen Gärten oder von Küken, die die Welt erkunden wollen.
Die Märchen sind unter riskanten Bedingungen entstanden. Henryk Czulda und seine Mithäftlinge bekamen Zugang zu Farbe und Pauspapier, weil sie für das Vernichtungslager Erweiterungspläne zeichnen mussten. Henryk durchlitt mit dem Märchenband in der Tasche noch eine Odyssee durch andere Lager. Aber er konnte ihn irgendwann persönlich seinem Sohn in die Hand drücken. Das war anderen Häftlingen nicht vergönnt. Für ihre Kinder und Enkel ist der jetzt veröffentlichte Märchenband die einzige Erinnerung an ihre Väter und Großväter.
Ein Buch, das zum Heiligtum wird. Dadurch, wie es entstanden ist, was es mitgemacht hat und welche Geschichten es erzählt: Geschichten von der Liebe der Eltern, Geschichten von der Sehnsucht nach Frieden und einem Wiedersehen. Für die Nachkommen sicherlich so etwas wie eine Heilige Schrift.
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Ein kleiner Bäckerladen an einer Hamburger Hauptverkehrsstraße. An den Stehtischen wärmen sich ein paar Gestalten, die nicht gerade nach guter Kundschaft aussehen. Trotzdem bestellen sie Kaffee und süße Stückchen. Anstatt zu bezahlen deuten sie auf den Haken, der über der Ladentheke hängt. Kaffeepause ohne Geld, das scheint hier zu funktionieren.
Es funktioniert, weil in dieser Bäckerei die Aktion „Brot am Haken“ läuft. Immer wenn ein Kunde Geld übrig hat, dann zahlt er einfach ein Brot, einen Kaffee oder ein süßes Stückchen mehr als er haben will. Dafür kommt dann ein Gutschein an den Haken über der Ladentheke. Jemand, der kein Geld hat, darf sich dann an den Gutscheinen bedienen. So wie die Männer, die sich an den Stehtischen aufwärmen.
Eigentlich eine uralte Idee. Die ersten Christen haben sich sonntags in ihren Häusern getroffen. Jeder hat mitgebracht, was er zu Hause hatte. Die einen mehr, die anderen weniger, manche gar nichts.
Klar, man hat mit diesem Essen an Jesus und das letzte Abendmahl erinnert. Aber die ersten Christen wollten damit auch deutlich machen, dass Jesus immer für diejenigen da war, die nichts hatten, oder die niemand mochte. Und dass sie es genauso machen wollen.
Ich finde, die Aktion „Brot am Haken“ ist ein echtes Sahneschnittchen. Die Bäckerei fördert den Gedanken, von seinem Reichtum etwas abzugeben. Und sie zaubert das ein oder andere Lächeln auf Gesichter, die sonst vielleicht etwas weniger zu Lachen haben.

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„St. Patricks Fegefeuer“, so heißt eine kleine Insel mitten in einem idyllischen See in Irland. Eine Wiese, ein Bootsteg, ein Kloster – das ist alles. Eine sogenannte „Buß-Insel“. Der Heilige Patrick soll sich einst hierher zurückgezogen haben. Und auch heute noch kommen Menschen hier her, die ihr Leben überdenken und ändern wollen.
Seit gut 1000 Jahren landen Pilger hier mit dem Boot. Normalerweise bleiben sie drei Tage lang auf der Insel. Als erstes heißt es dann: Schuhe aus, denn auf der Insel laufen alle barfuß. Und auch sonst ist der Aufenthalt auf „St. Patricks Fegefeuer“ kein Zuckerschlecken. Drei Tage lang bei trockenem Brot und Tee. Strenge Gebetsrituale und wenig Schlaf. Aber trotzdem sind die unbequemen Pritschen im Kloster fast immer ausgebucht.
Der Prior des Klosters, Richard Mohan, meint zu wissen, warum. Er sagt: „Barfuß und unbequem, aber umgeben von Stille und Frieden. So findet man den Weg zum eigenen Ich leichter. Hier kann man lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. “
Ich kenne das auch. Ich kann viel besser über mein Leben nachdenken, wenn ich nicht zu sehr drin stecke. Wenn ich aus dem Alltag ausbreche und wie von außen drauf schauen kann. Im Urlaub gelingt mir das manchmal. Oder wenn ich krank bin und eine Zwangspause einlegen muss.
Die meisten Menschen, die auf dem Bootsteg von „St. Patricks Fegefeuer“ auf ihre Rückfahrt warten, sehen irgendwie verändert aus. Richard Mohan hat das beobachtet. Er sagt: „Trotz aller Entbehrungen: Wenn die Menschen wieder von der Insel wegfahren, fühlen sie sich ungeheuer erfrischt und gestärkt.“
Erfrischt und gestärkt durch Verzichten - diesen Effekt wünsche ich mir auch von der Fastenzeit. Gestern hat sie angefangen und dauert bis Ostern. Etwas länger zwar als auf St. Patricks Fegefeuer, aber dafür lang nicht so hart.

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Die letzten Tage waren für Jona alles andere als ruhig. Alles fing damit an, dass Gott gerade ihm den letzten Job zuschustern wollte: In die Stadt Ninive gehen und den Bewohnern kräftig einheizen, weil sie ein gottloses Leben führen. „Ohne mich!“, hatte Jona zuerst noch gedacht. Aber bald war klar, dass er um diesen Auftrag nicht drumherum kommen würde. Ja, das Los eines Propheten kann hart sein.
Und nun läuft Jona schon den ganzen Tag durch den Sündenpfuhl Ninive. Es bringt ja wahrscheinlich nichts. Aber allen die es wollen oder nicht schreit er zu: „Ihr müsst euer Leben radikal umstellen, sonst wird eure Stadt innerhalb von 40 Tagen zerstört!“
Dann eine unerwartete Wende: Der König hat von Jonas Auftritt gehört. Aber anstatt ihn hochkant aus der Stadt zu werfen, legt er seinen Königsmantel ab, zieht ein sackartiges Bußkleid an und setzt sich in einen Haufen Asche. Ein uraltes Zeichen dafür, dass man seine Taten bereut und sich bessern will.
Der König geht noch weiter: Er lässt in der ganzen Stadt eine Fastenzeit ausrufen: Niemand soll essen oder trinken. Alle sollen laut zu Gott beten, ihre Sünden bereuen und ein besseres Leben führen als bisher. Ich finde, das klingt wie Aschermittwoch in Ninive.
Das beste an der Geschichte kommt aber zum Schluss. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie überhaupt geschrieben wurde: Gott tun die Bewohner von Ninive leid. Er lässt ab von seinem ursprünglichen Plan und verschont die Stadt.
Es sieht so aus, als ob es für Gott nie zu spät ist, seine Fehler einzugestehen und etwas zu ändern. Ob am Aschermittwoch oder sonst irgendwann im Leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7700
Ein schwarzes Schaf – das wissen wir –
ist kein ganz normales Tier.
Normal sind Schafe weiß wie Schnee
und fressen reichlich grünen Klee.

Nun haben Forscher nachgezählt
und auch ganz schnell festgestellt,
dass schwarze Schafe langsam schwinden,
bald sind sie kaum mehr noch zu finden.
Die Erklärung: nicht ganz leicht,
mit etwas „Schafkunde“ vielleicht:

Das dunkle Fell von Vorteil war,
als es bei uns noch kälter war.
Es zieht die Sonne an und wärmt,
im Winter jedes Schaf da schwärmt.
Doch dieser Vorteil der geht flöten
seit der Erwärmung des Planeten.
Denn die globale Hitzewelle
wärmt schwarze wie auch weiße Felle.

Schade also aber wahr,
es besteht nun die Gefahr,
dass die Schwarzen werden schwinden
und bald wir nur noch Weiße finden.

Auch bei uns Menschen gibt es Typen,
die manchmal etwas anders ticken.
„Schwarze Schafe“, nennt man die,
obwohl es Menschen sind, nicht Vieh.
Ökos oder Einzelgänger,
Ausgeflippt, die Haare länger,
Menschen die den Mund aufmachen
oder etwas zu laut lachen.
Menschen, die halt anders leben
für uns: „schräge Vögel“ eben.

Schade wär´s doch wenn auch jene
verschwänden langsam aus der Szene.
Wenn einer wie der andre wär
niemand kreuz und niemand quer
grau in grau, niemand sticht raus,
die Welt, sie wär ein Armenhaus.
Diese Leut´, so mein Befund
machen doch das Leben bunt.

An Fasnacht ist Gelegenheit
zu wechseln mal das graue Kleid.
Einfach einmal ausprobieren,
wie sich´s so lebt ohne Manieren.
Gradheraus nur das zu machen
worüber sonst ich würd´ nur lachen.
Kurz: alles andre sein als brav
Einfach mal sein ein schwarzes Schaf.

Wenn der Trubel sich dann legt
und jeder seinen Kater pflegt,
kommt mir vielleicht wieder in Sinn,
dass „anders-sein“ ist ein Gewinn.
Es gilt sowohl für Mensch wie Tier:
schwarze Schafe brauchen wir!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7699
Die Rosenmontagsumzüge gibt es bei uns schon fast seit 200 Jahren. Ich bin in der Bibel auf etwas ganz Ähnliches gestoßen. Das war allerdings schon so um die 1000 v. Chr., als König David in Israel regierte. Damals gab es einen Umzug mit allem, was dazu gehört: Wagen, Musikkapelle, ausgelassene Jecken und Beschwerden von Anwohnern.
Der junge König David hat gerade Jerusalem erobert und ist in die Burg eingezogen. Aber es fehlt noch etwas zu seinem Glück. Die Bundeslade steht noch in Ba´ala im Süden des Landes. Die Bundeslade war für das Volk Israel das wichtigste Heiligtum. Eine goldene, reich verzierte Truhe, in der die beiden Steintafeln mit den 10 Geboten aufbewahrt wurden.
König David zieht also mit seinem ganzen Gefolge nach Ba´ala. Dort laden sie das Heiligtum auf einen großen Wagen. Aus lauter Freude tanzen und singen sie voller Hingabe, König David vorne weg. Eine Kapelle stellen sie auch auf die Beine: Harfen, Zithern und Pauken begleiten den Umzug den ganzen Weg bis Jerusalem.
Als die Parade durch die Straßen der Hauptstadt zieht, gibt es auf einmal einen kleinen Aufruhr: Michal, die Frau von David, schaut aus ihrem Fenster und rümpft die Nase. Später stellt sie ihn zur Rede: „Peinlich, peinlich. Du machst dich zum Affen vor all deinen Untertanen.“ Doch David antwortet ihr: „Ich tu´s für Gott. Ich tanze und singe, weil ich weiß, dass ich ihm alles zu verdanken habe. Ich bin zwar König, aber Gott ist so viel größer als ich.“
Damals ein Umzug, um Gott zu verehren, und heute die Rosenmontagzüge, um Freude und Lust am Leben zu zeigen. Ich finde, so weit sind die beiden gar nicht voneinander entfernt. Und König David war sich damals ja schon sicher: Die Lust am Leben und Gott gehören einfach zusammen.

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Jedes Land hat so seine eigene Art, den Valentinstag zu begehen: in England zum Beispiel, schickt man sich anonyme Liebesbriefe. In Japan gibt’s Schokolade für die Männer und bei uns Blumen für die Frauen. Ich finde, den schönsten Brauch gibt es in Italien: Dort schließen Liebespaare kleine Schlösser mit ihren Initialen an Geländer und werfen den Schlüssel danach weit weg, am besten ins Wasser. Wohl ein Zeichen dafür, dass sie ewig beieinander bleiben wollen.
Blumen, Schlösser, Liebesbriefe - mit dem Heiligen Valentin hat das alles auf den ersten Blick wenig zu tun. Der war nämlich ein Priester im alten Rom. In einer Zeit, wo Christen dort verfolgt wurden. Obwohl Valentin sehr hilfsbereit und weise war, landete er auf der Anklagebank. Nur weil er Christ war. Er sollte gefälligst an die römischen Götter glauben, nicht an Jesus Christus.
Die Legende sagt, dass er vom Stadtrichter Asterius vernommen wurde. Der wollte Valentin und seine Religion noch einmal auf die Probe stellen und sagte: „Wenn dein Christus wirklich das Licht der Welt ist, dann soll er meine blinde Tochter gesund machen.“
Valentin betete und die Tochter konnte tatsächlich wieder sehen. Begeistert ließ sich der Richter Asterius samt Familie und Hauspersonal taufen. Für den Kaiser aber war klar: wer so standhaft und überzeugend ist, der kann dem Staat gefährlich werden. Kurzerhand ließ er Valentin foltern und enthaupten.
Valentin ist aber vielen im Gedächtnis geblieben. Als liebenswürdiger und weiser Helfer und als Paradebeispiel für große Standhaftigkeit. Vielleicht passt das Schloss, das die Italiener heute an Geländer schließen, doch ganz gut zu Valentin. Als kleine Erinnerung, ab und zu auch so entschlossen und standhaft zu sein. Für das einzutreten, was mir ganz wichtig ist und woran ich glaube.
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