Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken


Uli hat schwierige Eltern. Auch an seiner Hochzeit.
Sie rufen dauernd an und reden viel und meckern noch viel mehr. Ständig wollen sie sich in Ulis Leben einmischen. Besonders schwierig ist die Mutter, der nichts recht zu machen ist und die vor allem seine Frau nicht leiden kann.

Ulis Hochzeit gestaltet sich dementsprechend schwierig. Wo setzt man die Eltern hin? Wie kann man es verhindern, dass etwas eskaliert. Immerhin wollte auch er den Namen seiner Frau annehmen. An manchen Tagen war die Stimmung zum zerreißen.

„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ Das war dann der Trauspruch und Uli meinte zu mir, der ich die beiden trauen sollte: Das gibt unsere Situation gut wieder. Wir haben Lasten zu tragen und wir wollen es gemeinsam tun und es gemeinsam durchstehen und durchtragen. Wir heiraten ja nicht, weil wir jeden Abend gemeinsam etwas unternehmen wollen, sondern weil wir uns gegenseitig das Leben schöner machen wollen. Dazu gehört eben auch das Schwierige“

Ich finde, er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Eine Ehe ist manchmal auch ein gegenseitiges Durchtragen. Und genau so wird auch etwas von der Liebe Gottes sichtbar, wenn man einander eben gemeinsam durchträgt.

Die Hochzeit war dann ein schönes Fest. Es kam zu keinen Skandalen. Seit dem haben sich Ulis Eltern nicht besonders verändert. Aber Uli und seine Frau haben sich verändert. Sie gehen jetzt gemeinsam und offensiv mit dem Problem um. Sie tragen die Last gemeinsam.
Uli sagt: Das hat mir viel mehr für mein Leben gebracht, als alles andere. Ich hätte auch einen anderen Weg gehen können, aber ich bin sicher, dass es der beste für mich ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6631

Heute vor 260 Jahren ist Johann Wolfgang von Goethe geboren. Das klingt nach gelben Reclam-Heftchen mit Schmierereien drauf und danach den Götz von Berlichingen so lange durchzublättern bis man endlich schwarz auf weiß den Schwäbischen Gruß gelesen hat. Nach mehr als zweihundert Jahren wird Goethe – zumindest in der Schule – immer noch gelesen.

Meine Geschichte mit Goethe ist auch in der Schule angesiedelt. Als wir das Stück „Iphigenie auf Tauris“ behandelten, kamen wir darauf zu sprechen, dass Iphigenie sich von den Göttern lossagt und selbst ihr Schicksal in die Hand nimmt. Meinem Lehrer fiel dabei das Sprichwort ein: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“. und dann meinte er noch, das stünde so in der Bibel.

Wir konnten ihm nachweisen, dass das nicht stimmte. Und Goethe selbst hätte wahrscheinlich am schnellsten widersprochen. Denn, auch wenn Goethe wahrlich kein Kirchenchrist war: Seine Bibel hatte er gelesen und kannte sie gut.

So sagte er selbst, die Bibel sei ihm „lieb und wert“ Für ihn war die Bibel da, „damit wir uns daran wie an einer zweiten Welt versuchen, uns daran verirren, aufklären und ausbilden mögen."

Ich finde es spannend, die Bibel zu lesen wie Goethe, nämlich immer mit der Frage: Wie würde ich es machen? Und: sehe ich das auch so? Mir mal vorzustellen, ich wäre in den Situationen, in denen die biblischen Figuren sind.

Mit diesem goetheschen Prinzip, glaube ich, kann man die Bibel noch einmal gut kennenlernen. Und noch was kann man von Goethe gut lernen. Wer seine Bibel gut kennt, der wird vielleicht auch noch in 200 Jahren gern gelesen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6630

Auf dem Marktplatz stehen jetzt wieder die großen Bekenner: Sie sind ausgestattet mit Sonnenschirmen oder Pavillons dazu ein Stehtisch auf dem das Parteiprogramm ausliegt. Frauen und Männer bekennen sich öffentlich zu einer Partei und stehen Rede und Antwort. Meistens gibt es noch ein paar Kugelschreiber oder Luftballons mit dem Logo der Partei dazu.

Für die große Mehrheit der Bundesbürger ist das nichts mehr: Sie engagieren sich nicht mehr für eine Partei, geschweige denn sind Mitglied einer Partei und bekennen sich dazu

Sich zu etwas zu bekennen ist nicht immer einfach. Und manchmal ist es auch lästig. Mit einem Bekenntnis legt man sich ja fest. Dabei soll man doch schön flexibel beleiben. Wer sich bekennt, macht sich dadurch auch angreifbar. Eine ganz unangenehme Position. Das war zu allen Zeiten so, wenn sich Menschen zu ihrem Glauben gekannt haben.

Bekenner sind aber auch notwendig. Eben weil sie befragt werden können, können sich andere eine Meinung bilden. Eben weil sie sich festgelegt haben, kann man sich an ihnen reiben und seinen eigenen Standpunkt neu ausrichten. Das gilt für alle religiösen wie politischen Bekenner.

Deshalb bin ich froh, dass es Menschen gibt, die sich bekennen. Und ich möchte allen danken, die das jetzt gerade im Wahlkampf tun. Damit alle anderen sehen, dass die Parteien nicht nur aus den Personen bestehen, die im Fernsehen zu sehen sind, sondern auch Mitglieder haben.

Übrigens, bei der Wahl selbst wird jeder Wahlberechtigte zum Bekenner, aber das muss er nicht öffentlich tun. In der Wahlkabine schaut niemand, wo man sein Kreuzchen macht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6629

Nichts kann ich erledigen. Immer kommt etwas dazwischen. Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Und jetzt wird auch noch meine Tochter krank und meine Frau ist nicht da. Na toll. Also muss ich zum Arzt mit der Kleinen. Beim Arzt dauert es gefühlte drei Stunden, bis etwas passiert. Meine Tochter ist sowieso schon mit den Nerven am Ende, also muss ich noch gute Laune machen. Ich trommle mit dem Fingern.

Was mich an diesen und ähnlichen Situationen nervt ist, dass ich vollkommen fremdbestimmt bin. Ich kann nicht das tun, was ich will Für meine Tochter muss ich ja sorgen, und muss also ganz demütig annehmen, was sie mir vorgibt .

Demut ist ein verstaubtes Wort, aber an diesem Tag habe ich gemerkt, was es heißen kann, nämlich das annehmen, was einem von einem anderen vorgegeben wird. Demut heißt ursprünglich soviel wie: Sich wie ein Gefolgsmann verhalten. Nun, meine Tochter führt in dem Fall, ich bin der Gefolgsmann.

Jesus sagt von sich selbst, er sei von Herzen demütig. Wenn das so ist, dann folgt er mir aber nach. Er lässt sich von mir fremdbestimmen. Wenn es wie bei meiner Tochter und mir ist, dann folgt er mir wohl aus dem selben Grund: Aus Liebe.

Ich kenne viele Menschen, die Demut erst lernen mussten. Oft durch ihre Kinder oder durch Menschen, die sie pflegen mussten. Die anderen waren jetzt im Mittelpunkt nicht sie. Die Anderen haben den Lebensrhythmus und das Ziel vorgegeben. Sie sind demütig gefolgt.

So, sagt Jesus, sei Gott. Nur dass er beides hinbekommt: Er lässt sich den Rhythmus von anderen vorgeben und kriegt trotzdem noch alles zu erledigen, was er zu erledigen hat.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6628

Menschen, die gut zuhören, haben mehr vom Leben, glaube ich. So wie Nicole. Sie kann gut zuhören und wenn sie etwas nicht ganz verstanden hat, dann fragt sie nach. So lange, bis sie es verstanden hat. Ich habe sie schon mit anderen diskutieren sehen und immer wieder hörte ich sie sagen: Aber Moment, das verstehe ich nicht…“

Nein, es ist nicht immer einfach mit Nicole. Weil sie so gut zuhört, entdeckt sie auch die Widersprüche, die Wiederholungen und die Ausflüchte. „Nein, nein, nein, vorhin hast Du das doch noch ganz anders gesagt…“ Sie nimmt das ernst, was gesagt wird und deshalb stützt sie oft ihren Kopf auf die Hand, wenn sie zuhört und runzelt die Stirn. Es ist Arbeit.

Aber dann findet sie doch wieder einen Punkt, von dem aus es weiter gehen kann. Dann rutscht sie etwas auf ihrem Stuhl herum, gestikuliert mit den Händen, lächelt einen an und sagt: „Genau“ oder „Ja, du hast recht!“

In der Bibel heißt es: Glauben kann ich, wenn ich zuhöre. An Nicole sehe ich, dass zuhören manchmal anstrengend sein kann, aber auf der anderen Seite auch sehr beglückend, so dass es einen ganz kribblig macht.

Manche Menschen können das sehr gut, die sagen einem was wichtiges oder schönes und jeer versteht das sofort. Aber es gibt auch die, die sich kompliziert ausdrücken oder leise sprechen und auch etwas zu sagen haben. Die versteht man dann leider schlecht. Jemand wie Nicole ermutigt mich da nicht aufzugeben und nachzufragen und genau zuzuhören. Bis ich versteh. Damit ich nicht etwas verpasse, was mein Leben reicher machen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6627

Weiß die nicht, wie beten geht? Dachte ich, aber es war anders.
Eine Frau fragte mich:„Können sie für meine Mutter beten, ich kann das gerade nicht“. Ich kannte die Mutter von Besuchen. Beim vorletzten Mal war sie noch ganz fit. Beim letzten Mal ging es ihr schon nicht mehr gut und jetzt lag sie nur noch im Bett. Und war dem Sterben nah. Es war ihr sichtlich eine Qual. Nachdem ich sie dann besucht hatte fragte mich die Tochter eben, ob ich für sie beten könnte.
Naja, dafür bin ich als Pfarrer wohl da, dachte ich. Und doch- so einen Auftrag hatte ich bisher noch nicht bekommen. Also ging ich in die Kirche und zündete eine Kerze an. Und dann habe ich für die Frau und für deren Tochter gebetet. Ich habe Gott erzählt, was die Frau mir erzählt hat.
Als die Mutter gestorben war, kam ich wieder zur Tochter. Und da bedankte sie sich als erstes dafür, dass ich für sie gebetet hatte. „Wissen Sie, dann hatte ich den Kopf frei und konnte mich um meine Mutter kümmern.“

Stimmt, habe ich gedacht. In der Bibel gibt es einen Satz, der das ganz schön beschreibt, wie man sich den Kopf frei machen soll: Werft eure Sorgen auf Gott, er sorgt für Euch.

Ich verstehe den Satz so: Ich muss mir keine Sorgen machen, weil Gott sich Sorgen macht. Und weil Gott sich Sorgen macht, muss ich mir keinen Kopf machen.
Die Frau hat mit mir das gleiche gemacht. Sie gab mir den Auftrag, dass ich mir Sorgen machen soll, sie hat sich dafür einfach um ihre Mutter gekümmert.
Die Frau wusste sehr wohl, wie beten geht: Nämlich für einander die Sorgen vor Gott bringen, dann soll der sich sorgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6626
„Was ist denn da für ein Lärm bei Dir?“ Ich telefoniere mit meinem Bruder in Berlin. Es ist Sonntag. Und Ein Höllenlärm ist da durchs Telefon zu hören. „Das ist mein Nachbar. Der renoviert sein Haus und er hat sich so einen kleinen Bagger ausgeliehen und buddelt damit jetzt ein Loch.“ Meint mein Bruder.
„Am Sonntag?“ bricht es auch mir heraus. Natürlich, es stört meinen Bruder schon, schließlich sitzt er gerade auf seiner Terrasse, aber ob nun Sonntag oder nicht, ist doch egal.
Vielleicht sieht man das in der Bundeshauptstadt einfach so: Meinen Sonntag hab ich, wann ich will.
Ich kann dem nichts abgewinnen. Bin ich jetzt ein Landei oder nur komplett altmodisch, weil mir der Sonntag wichtig ist? Und das Gebot; Du sollst den Feiertag heiligen. Bin ich ein Spielverderber, wenn ich meinem Nachbarn seine Baggerfahrt im eigenen Garten nicht gönne Mein Bruder jedenfalls hat seinem Nachbarn nichts gesagt, soll der doch machen, was und wann er es will.
Ich glaube nicht, dass das Gebot der Sonntagsruhe ein Spielverderbergebot ist. Im Gegenteil: Es ist die Erlaubnis zu spielen. Es ist die Erlaubnis einmal in der Woche alles ohne Zweck und Ziel zu tun. In der Sonne faulenzen oder ein Buch lesen, mit seinen Kindern spielen oder einfach beisammen zu sitzen, ein Glas Wein trinken und sich unterhalten. Dazu kann man keinen Lärm brauchen, finde ich. Das war dann auch meine Empfehlung an meinen Bruder. Ob er allerdings dann ein Arbeitsverderber wurde und seinen Nachbarn zum Spielen überredet hat, weiß ich nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6625