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SWR3 Gedanken

Glück, Liebe, Gesundheit, Geld. Es sind die Standarddinge, die den meisten von uns wohl zuerst einfallen, wenn wir gefragt werden, was unser Leben lebenswert macht. Allerdings merken wir dann ziemlich schnell, dass diese Antwort eigentlich viel zu pauschal ist. Es gibt – zumindest in diesem Leben - nun mal nicht das endlose Glücksgefühl oder die ewige Liebe. Wir träumen vielleicht davon, aber in der Realität...? Es gibt aber Glücksmomente in meinem Leben. Augenblicke, in denen ich mich geliebt oder aufgehoben fühle, in denen ich mit mir und meiner Umgebung im Reinen bin. Funkelnde Perlen sind das dann, wie sie einer beim Tauchen auf dem Meeresboden findet, wo sonst alles nur grau oder braun aussieht. Wenn wir noch etwas länger nachdenken, fallen uns vielleicht sogar einzelne Dinge ein: Das Glas Rotwein am Abend, das Zusammensein mit guten Freunden, das versunkene Spiel auf meinem Instrument. Die Antworten dürften so unterschiedlich ausfallen, wie wir Menschen nun mal sind. Für mich zum Beispiel gehört auch dazu, jetzt an einem Sommerabend mit einem Glas Wein draußen zu sitzen und einfach die Schönheit der Natur, der Schöpfung auf mich wirken zu lassen. Die satten Farben der Pflanzen oder den nächtlichen Sternenhimmel. Ein kleiner Glücksmoment ist das dann und ganz umsonst.
Vor ein paar Jahren machten einmal kleine Aufkleber die Runde: Glück ist ... war da zu lesen und es folgte ein mehr oder weniger gelungener Spruch. Glück, das ist wohl vor allem, diese kleinen Dinge, die mein Leben lebenswert machen, überhaupt wahrzunehmen und sie sich dann immer wieder mal zu gönnen.
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Wenn ich für einige Tage an einem fremden Ort bin, dann besuche ich gern schon mal den Friedhof. Ob nun idyllisch schön oder eher lieblos angelegt – es sind Orte, an denen ich in der Regel Ruhe finde und reichlich Gelegenheit zum Nachdenken. Hin und wieder bleibe ich dann an einem Grabstein stehen, weil er zum Beispiel mit einem Symbol geschmückt ist, oder ein interessanter Satz dort zu lesen steht. Dann versuche ich mir vorzustellen, was für ein Mensch das gewesen sein muss, der dort begraben liegt. In meiner Vorstellung wird dieser Mensch für einen Moment wieder lebendig. Der unvergängliche Stein auf dem Grab - er soll ja nicht nur diesen einen Menschen überdauern, sondern auch dem Gedächtnis der Besucher auf die Sprünge helfen. Wer immer auch dort liegt: Er oder sie soll nicht vergessen werden.
Der Grabstein der Zukunft könnte im Internet stehen, denn immer mehr Menschen leben ihr Leben quasi öffentlich im Netz. In Blogs oder Selbstdarstellungsportalen wie facebook oder myspace breiten sie ihr Leben vor andern aus. Doch wie es nun mal im Leben vorkommt, sind einige inzwischen gestorben. Ein seltsamer Zwischenzustand. Im Netz stehen dann noch ihre Bilder, Filme oder Texte, lassen sich ihre Freuden und Leiden verfolgen. Nur - dieser Mensch lebt nicht mehr. Eine junge Schwedin kam deshalb auf die Idee, eine Art von Internetfriedhof einzurichten. Ein Dienst, in dem man selber regeln kann, was eigentlich mit dem digitalen Nachlass geschehen soll. Was der Nachwelt an Erinnerungen hinterlassen bleibt, wenn man einmal nicht mehr ist. Als digitaler Grabstein sozusagen. Ewig unvergessen? Noch lese ich diese Hoffnung auf echten Grabsteinen. Sie richtet sich nicht zuletzt auf Gott, der größer ist als unser löcheriges Gedächtnis. In Zukunft könnte er vielleicht irdische Unterstützung bekommen: Im Internet, dem Medium, das angeblich ja auch nichts je Gespeichertes mehr vergisst
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Wer hätte nicht irgendwann mal davon geträumt? Alles hinter sich zu lassen, noch mal ganz neu anzufangen. Raus aus dem eingefahrenen Trott, Träume verwirklichen, im Buch des Lebens ein ganz neues Kapitel aufschlagen. Für die Meisten von uns bleibt es ein Traum, an dem man sich gelegentlich wärmt wie an einem Lagerfeuer. Es gibt ja auch tausend gute Gründe, es nicht zu tun: Der Job, das feste Einkommen, die Hypothekenraten, die Kinder. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Und weil wir den großen Schritt nicht gehen können oder wollen, begnügen wir uns mit den kleinen, überschaubaren: Dem Motorrad, auf dem wir am Wochenende mal so was wie Freiheit spüren. Dem Fernsehen, das uns die weite Welt, die wir nicht erleben können, ins Wohnzimmer holt. Schön portioniert und verbrauchsfertig zubereitet. Der große Traum aber, wirklich etwas Neues anzufangen, der bleibt.
Vielleicht sind ja die biblischen Geschichten auch deshalb jahrhundertealte Bestseller. Viele von ihnen sind nämlich klassische Aussteigergeschichten. Da ist etwa Abraham, der auf eine vage Verheißung hin sein Heimatland verlässt, um noch mal neu anzufangen. Da ist Petrus, der Fischer, der sein ganzes geordnetes Leben aufgibt, um einem gewissen Jesus zu folgen, der ihn fasziniert. Da ist schließlich dieser Jesus aus Nazareth, der gelernte Zimmermann, der eines Tages seine Werkstatt zurücklässt um etwas ganz anderes zu machen und den seine Familie erst mal für völlig verrückt erklärt. Keiner von ihnen hatte sein neues Leben generalstabsmäßig vorbereitet, sich nach allen Seiten abgesichert. Sie sind einfach losgegangen, im Vertrauen darauf, dass es richtig ist. Mit einem geradezu unglaublichem Gottvertrauen, würden wir sagen. Vielleicht ist es ja das, was diese Geschichten unter anderem so faszinierend macht. Ohne akribische Planung würde so etwas heute niemand wagen. Aber ob es am Ende gelingt, hat dann doch immer ganz viel mit Vertrauen zu tun. Vielleicht ja in einen Gott, der uns unsere Träume nicht nur schenkt, sondern sie auch begleitet.
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Im Persischen Golf vor der Stadt Dubai haben sie das Paradies gebaut. Zumindest das, was manche dafür halten. Eine künstliche Lagune in Form einer Palme, bestückt mit exklusivsten Anwesen. Ein Paradies für die Reichen und Superreichen dieser Welt. Dummerweise nur ging immer dann, wenn Menschen versucht haben sich selbst das Paradies zu errichten, irgendetwas gründlich schief. Das erzählt schon die Paradiesgeschichte der Bibel, in der die Menschen den wunderschönen Garten Eden räumen mussten, weil sie es mit Gott aufnehmen wollten. Gott, dem es zu bunt wurde, vertrieb sie für immer. Die Legende ist fast 3000 Jahre alt und scheint sich nun doch im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise zu wiederholen. Inzwischen, so heißt es, verlassen zahlreiche Millionäre das Paradies am Golf, weil das Geld knapp geworden ist. Die irrwitzigen Neubauprojekte stocken. Auch die Reichen müssen sparen. Was für manchen Wohlhabenden eine ärgerliche Schwächephase sein mag ist für zigtausende Billigarbeiter aus Drittweltländern freilich eine Katastrophe. Das vermeintliche Paradies haben sie immer nur von außen gesehen. Hinein durften sie nie. Sie konnten bestenfalls davon träumen, durften sich ihre Gesundheit auf riesigen Baustellen ruinieren, um für ein paar Dollar im Monat die paradiesisch wirkenden Anlagen zu bauen.
Geschichten wie diese ließen sich so oder ähnlich viele erzählen. Von Paradiesen, die immer nur für wenig galten. Das Paradies, das ich mir vorstelle, wäre gerade nicht eine Luxuslagune für Superreiche, sondern eine Welt, in der Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle existieren. Ob wir es jemals verwirklichen können, sei dahin gestellt. Aber davon träumen und dafür kämpfen sollte man schon
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Vielleicht ist es ja auch bei ihnen so wie in unserer Familie, wo der Kleiderschrank manchmal aus allen Nähten platzt. Da türmen sich Berge von Kleidungsstücken, die zumindest in dieser Menge keiner wirklich braucht. Ist ja auch zu verlockend, wenn gerade jetzt wieder im Schlussverkauf die Superschnäppchen winken. Und, ist ja wirklich ein gutes Gefühl, mit der zwanzigsten Hose im Schrank aber nun richtig was gespart zu haben. Schließlich werden wir ja fast täglich von Bekleidungsgeschäften und Elektronikdiscountern mit bunten Blättchen bombardiert. Billig, geil, Tiefpreisalarm, Kauf mich!! Ein allwöchentlicher Kampf mit dem gesunden Menschenverstand. Der sagt zwar: Du hast alles, was du brauchst. Aber oft genug kapituliert er doch, der gesunde Menschenverstand. Dann landet doch wieder was Neues in der Einkaufstüte. Ich denke, also bin ich, hat der Philosoph Rene Descartes einmal messerscharf gefolgert. Ich konsumiere, also bin ich, müsste es heute vielfach heißen. Konsumieren, shoppen gehen ist zum Lebensinhalt geworden. Trösterli, Belohnung, Zeitvertreib, alles zugleich. Zuviel nachdenken über Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung schadet da nur.
Doch was, wenn wir tatsächlich nicht mehr konsumierten? Wenn wir nur noch das anschafften, was wir wirklich brauchen? Offenbar stecken wir in einer Zwickmühle, denn ohne permanenten Konsum kein Wirtschaftswachstum. Ohne Wachstum aber keine neuen Jobs, Stagnation, Arbeitslosigkeit, Sinnkrise. Einen schnellen Ausweg aus dem Dilemma unseres Wirtschaftssystems scheint es bis auf Weiteres nicht zu geben. Er würde wohl oder übel eine Abkehr von lieb gewonnenen Ansprüchen und Konsumgewohnheiten bedeuten. Ob das gelingt erscheint fraglich. In Zeiten einer globalisierten Wirtschaft ist weniger offenbar doch nicht unbedingt mehr
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„Das würde ich nicht aushalten“, entfuhr es entsetzt einer Mitarbeiterin in unserer Hochschulgemeinde. Ein Student hatte davon erzählte, dass er drei Wochen nach Nordschweden fahren wolle. Wandern. Allein. Fernab aller Touristenrouten. Manchmal, so sagte er, triffst du dort stundenlang keinen einzigen Menschen. Für ihn ist das Erholung pur. Für viele andere dagegen eine einzige Katastrophe.
Woran liegt es bloß, dass so Viele von uns die Stille nicht mehr aushalten können? Das wir nervös und hibbelig werden, wenn wir plötzlich keinen Handyempfang mehr haben? Dass die Sinnkrise vor der Tür steht, wenn der Internetzugang eine Weile nicht mehr funktioniert? Als uns eine technische Panne im Mobilfunknetz der Telekom vor einigen Monaten ein paar Stunden Stille beschert hat, war dies das Topthema in allen Nachrichtenkanälen. Da wurden Menschen von Ängsten verfolgt, weil sie sich mit einem Mal vom Leben abgeschnitten fühlten. Weil sie sich vielleicht urplötzlich nicht mehr mit Anderen und Anderem, sondern mit sich selbst beschäftigen mussten?
Wer aus dem Alltag mit permanenter Erreichbarkeit in die Stille eines Kloster flieht, der merkt dort als Erstes, wie schwer das fällt. Wie schwer, das Handy einfach ausgeschaltet zu lassen, kein Notebook und kein Drahtlosnetzwerk verfügbar zu haben. Manchmal braucht es erst einige Tage, bis man sich daran gewöhnt hat und die innere Unruhe des Abgeschnittenseins verschwunden ist. Doch dann erlebt man ganz Erstaunliches: Dass das Leben auch ohne digitale Nabelschnur funktioniert und mehr noch: Dass es sogar ganz wunderbar sein kann. Erst dann bekommt man nämlich die Chance, jemanden wieder zu treffen, den man womöglich schon länger nicht mehr getroffen hat: Sich selbst.
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„Schönes Wochenende“ wünschte mir der Kollege, als er am Freitag das Büro verließ. Ein mir gut bekannter Pfarrer hätte ihm darauf wohl geantwortet: „’Schönen Sonntag’ heißt das bei uns Christen“. In einem Punkt freilich irrt der Mann. Auch für Christen gilt schon lange die Fünf-Tage-Woche. Zumindest, sofern sie nicht zu jenen zählen, die auch am Wochenende arbeiten, weil Patienten versorgt werden, Züge fahren oder eben Radio gemacht werden muss. Der Sonntag ist längst schon ein Teil unseres Wochenendes geworden, das die meisten von uns immer noch mit freier Zeit für sich, die Familie oder Freunde verbinden. Da gehört dann durchaus auch mal der Shoppingbummel am Samstag dazu – auch wenn Andere dafür bis zum Abend arbeiten müssen.
Wenn die Kirchen dennoch so beharrlich für den Sonntag als den arbeitsfreien Tag kämpfen, der sogar im Grundgesetz festgeschrieben ist, dann geht es dabei nicht zuallererst um die sonntäglichen Gottesdienste. Der Kampf um den einen, für alle freien Tag in jeder Woche hat im Tiefsten etwas mit uns selbst zu tun. Er soll nämlich für uns da sein, nicht umgekehrt. Dieser freie Tag war vor langer Zeit mal eine kulturelle Errungenschaft, dazu gedacht, dass alle einen Gang zurückschalten und Zeit für einander haben können. Festgeschrieben wurde er mit quasi göttlicher Autorität schon in den ersten Versen der Bibel, als siebter Tag der Woche, an dem alles ruhen soll. Zur Sonntagsruhe für alle zurückkommen werden wir nicht mehr – und können es auch nicht. Dennoch ärgert es mich, wenn die Sonntagsruhe schleichend immer weiter aufgelöst wird, von wegen Konjunktur oder geändertem Freizeitverhalten. Ginge sie verloren, wäre es ein echter kultureller Verlust. Denn wann, wenn nicht am Sonntag, hätten wir sonst verlässlich Zeit füreinander, und zwar möglichst alle.
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