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SWR3 Gedanken

„Mama, mir ist so langweilig“, quengelt die kleine Emma an ihrem Tisch. „Spiel mit mir.“ Ich kann nicht mit ihr spielen, weil ich gerade hundert andere Dinge tun muss. „Lies ein Buch“, sage ich. „Mag kein Buch“, nörgelt es vom Tisch. „Dann male doch ein bisschen“, schlage ich vor. „Mag nicht malen.“ Hm. Langsam gehen mir die Ideen aus. „Dann ist dir jetzt halt ein bisschen langweilig“, sage ich und widme mich mit leicht schlechtem Gewissen wieder meinen hundert Dingen.

Zehn Minuten später beobachte ich, wie die kleine Emma emsig Decken über ihren Spieltisch breitet und mit einer Menge Kuscheltiere im Arm darunter verschwindet. „Was machst du da?“, frage ich. „Das ist meine Höhle“, sagt die Emma, „da wohne ich jetzt. Aber du sollst draußen bleiben.“ Na gut. Dann bleibe ich draußen. Und wundere mich einmal mehr, wie schnell Langeweile in Kurzweil umschlagen kann.

Langeweile ist ein Gefühl, das keiner mag. Dabei ist es ein wichtiges Gefühl. Weil es hilft herauszufinden, was man wirklich will. Weil es ungeahnte Phantasie und Kreativität freisetzt. Wer sich langweilt, empfindet die Zeit als leer. Und weiß nicht, wie er sie füllen soll. Aber oft entstehen gerade aus diesen Zeitlöchern Zeitfüller, auf die man sonst nie gekommen wäre. Nur: Die Langeweile auszuhalten, ist gar nicht so leicht.

Gerade für Eltern. Sobald es Kindern langweilig wird, verfallen Eltern in hektische Aktivität. Lassen alles stehen und liegen, was sie gerade tun, um das Gespenst der Langeweile aus dem Kinderzimmer zu vertreiben. Schon allein deshalb, weil Kinder echt nervig sind, wenn sie Langeweile haben. Aber Langeweile gehört zum Alltag. Und auch das müssen Kinder lernen.

Wenn der kleinen Emma also wieder einmal so langweilig ist, dass sie mich um den letzten Nerv quengelt, atme ich tief durch und lasse es zu. Lasse sie in ihrer Langeweile. Und bin gespannt darauf, womit sie sich schließlich beschäftigen wird. Denn sie wird sich beschäftigen. Und es wird ihr gut tun. Jedenfalls mehr als Dauerprogramm und Terminhopping.
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Urlaubserlebnis eins: In einem französischen Lokal. Die Speisekarte ein Buch mit sieben Siegeln, ich bestelle mein Essen auf gut Glück. Aus Versehen stoße ich mein Glas um. Peinlich, peinlich.

Der Kellner kommt. In seinem Gesicht ein festgefrorenes Lächeln. Ich will ihm erklären, wie es dazu gekommen ist. Aber das kann ich nicht. Dazu reicht mein Französisch hinten und vorne nicht. Also schaue ich beschämt zur Seite, während er das Debakel beseitigt. Unangenehm.

Urlaubserlebnis zwei: In einem französischen Lokal. Die Speisekarte ein Buch mit sieben Siegeln, ich bestelle mein Essen auf gut Glück. Aus Versehen stoße ich mein Glas um. Peinlich, peinlich.

Der Keller kommt. In seinem Gesicht ein festgefrorenes Lächeln. Ich will ihm erklären, wie es dazu gekommen ist. Aber das kann ich nicht. Dazu reicht mein Französisch hinten und vorne nicht. Deswegen suche ich schnell nach einer Serviette und helfe dem Kellner, das Debakel zu beseitigen. Ich lächle ihn entschuldigend an, er klopft mir beruhigend auf die Schulter. Alles wieder in Ordnung.

Menschen sprechen verschiedene Sprachen. Und können sich doch verstehen. Weil Sprache viel mehr ist als Wörter und Fremdwörter. Ob ich mit meiner Zunge die richtigen Wörter sage oder mich mit Händen und Füßen verständlich mache, ist gar nicht so wichtig. Hauptsache: Ich finde eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Sprachebene mit meinem Gegenüber. Dann können wir uns miteinander verständigen, auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Und sei es durch ein einfaches Lächeln.

Wenn Sie also im Urlaub ins Ausland fahren, schadet ein kleines Lexikon sicher nichts. Aber wenn Sie damit nicht mehr weiterkommen, dann bauen Sie doch auf die Sprache des Herzens. Denn die ist international und auf der ganzen Welt zu verstehen.

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Sie wollten schon immer einmal mit Gott sprechen? Wählen Sie 0031-644244901. Unter dieser Nummer erklingt nämlich folgende Ansage: „Sie hören die Stimme von Gott. Zur Zeit kann ich Ihren Anruf leider nicht entgegen nehmen.“ Und dann kommt der Signalton. Und man kann eine Nachricht hinterlassen. Falls Gott zurückrufen will.

Was er in der Tat nie tun wird. Denn hinter der Mailbox verbirgt sich der niederländische Konzeptkünstler Johan van der Dong. Der hat sich das Projekt mit dem Handy des Herrn ausgedacht, um „dem Ritual der stillen Zwiesprache mit Gott eine neue, zeitgemäße Form zu geben“, wie er sagt. Mit anderen Worten: Ihm geht es ums Beten.

Früher seien die Menschen zum Beten in die Kirche gegangen, erklärt van der Dong. In einer mobilen und vernetzten Gesellschaft will der Künstler nun sehen, wie die Menschen auf eine Hotline mit Gott reagieren. Mittlerweile haben sich mehrere hundert Nachrichten auf der Mailbox angesammelt. Ob aus Neugier oder echter Frömmigkeit sei einmal dahingestellt.

Ich jedenfalls habe aus Neugier angerufen. Und das gleich dreimal, weil die Ansage auf Niederländisch ist, und diese Sprache verstehe ich ziemlich schlecht. Hier scheitert mein Kontakt mit Gott also schon einmal an einer Sprachbarriere. Was bin ich froh, dass der Gott, an den ich glaube, alle Sprachen der Menschen spricht.

Im Übrigen verfolgt Gott schon seit Jahrtausenden ein ganz anderes Konzept als der Konzeptkünstler. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten“, heißt es im 50. Psalm. Mit anderen Worten: Gott hat eigentlich die mobile Kommunikation erfunden. Ich kann ihn von jedem Platz dieser Erde aus erreichen und bin grundsätzlich immer mit ihm vernetzt.

Also lege ich das Telefon zur Seite und weiß: Ob ich in die Kirche gehe oder in meinem Auto sitze, ob ich in meiner Küche werkle oder in meinem Garten ruhe, kann ich mit Gott reden. Auf einer 24-Stunden-Hotline. Noch dazu ohne Auslandsgebühren.
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Der Mann im grauen Anzug und weißen Hemd mit gestreifter Krawatte zündet eine Kerze an, verlässt den Raum und eilt zu seinem Mittelklassewagen. Er fährt vom Parkplatz und fädelt sich wieder ein in den dicht fließenden Verkehr auf der A 8 Richtung München. Der Ort, den er verlässt, ist die Autobahnkapelle Adelsried. Sie ist die älteste Autobahnkirche Deutschlands, wurde 1958 eingeweiht.

Mittlerweile gibt es deutschlandweit 32 Autobahnkirchen und – kapellen. „Raststätten für die Seele“ wollen sie für all die Menschen sein, die für ein paar Minuten dem Verkehrsstress entfliehen wollen. Und das Angebot wird genutzt. Über eine Million Menschen halten übers Jahr an einer Autobahnkirche an, um – ja um was zu tun?

Vielen Menschen geht es um die Stille des Ortes. Für ein paar Minuten innehalten, die Geborgenheit des Raumes erleben, innerlich zur Ruhe kommen. Aber die Seele sehnt sich offenbar nach mehr. Fast 150.000 Opferkerzen werden in Adelsried jährlich angezündet, ungefähr 3000 Seiten im ausliegenden Gebetsbuch werden im selben Zeitraum gefüllt.

Und da finden sich die verschiedensten Anliegen. „Lass meine Katze in den Katzenhimmel kommen“, steht da in Kinderschrift. Jemand bedankt sich für die bestandene Fahrprüfung. Und zahllose Menschen vertrauen in diesem Buch Gott ihre Sorgen um kranke Familienmitglieder an.

Am Rande der Autobahn Gott finden. Oder doch zumindest das Leben für eine Weile entschleunigen. Und das an einem Ort, an dem einen keiner kennt und keiner anspricht. Gerade die Anonymität und Unverbindlichkeit der Autobahnkirchen macht für viele den Reiz dieser „Tankstellen für die Seele“ aus.

Vielleicht sind Sie heute auch auf einer Autobahn unterwegs. Zur Arbeit oder in den Urlaub. Und vielleicht ist Ihnen schon häufiger das blaue Schild aufgefallen, das auf eine Autobahnkirche hinweist. Dann biegen Sie doch einmal ab und tanken sie Ihre Seele auf.
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Meiner ist groß und grün. Er hat viele Taschen und Seitenfächer. Man kann ihn tragen oder rollen. Meinen Koffer. Auf zahlreichen Urlaubsreisen hat er mir schon treue Dienste geleistet. Weil er alles in sich aufnimmt, was ich in den Wochen fern von daheim brauche. Aber neben seinem praktischen Nutzen, lehrt er mich auch jedes Mal etwas über das Leben. Mein Koffer.

Schau mich an, sagt er. Ich fasse ungefähr zwanzig Kilo Gepäck. Das klingt nach einer ganzen Menge. Aber ich muss es dir nicht erzählen: Wenn’s ans Packen geht, sind zwanzig Kilo gar nicht so viel. Jedes mal stehst du grübelnd vor mir und musst dich entscheiden. Ob die Menge an Socken reicht. Ob du die richtigen Schuhe eingepackt hast. Und dann packst du seufzend das blaue Kleid wieder aus. Um Platz zu machen für das Badehandtuch.

Wenn wir es dann geschafft haben, sagt mein Koffer, spüre ich deinen Zweifel. Jedesmal. Ob das, was du eingepackt hast, auch wirklich reichen wird, um in der Fremde zu bestehen. Aber bei meinem Reißverschluss: Natürlich wird es genug sein. Vermutlich wird es immer noch mehr an Kleidung und Zubehör sein, als du wirklich brauchen wirst. Und jetzt, sagt mein Koffer, überlege einmal, was das heißt.

Und ich weiß, was er meint: Einmal im Jahr reduziere ich mein Leben auf Koffergröße. Und stelle fest, dass es reicht. Dass ich mit dem auskommen kann, was in einen Koffer passt. Und so mache ich wenigstens einmal im Jahr die Erfahrung, dass es sich mit leichtem Gepäck eben wirklich besser reist. Vielleicht nicht nur in den Urlaub, sondern auch durchs Leben.

Denn mittlerweile verstehe ich das Kofferpacken als eine gute Übung. Mir zu überlegen, was wirklich wichtig ist, was ich unbedingt brauche, was entbehrlich ist. Und was vielleicht sogar richtiger Ballast ist, mit dem ich meinen Alltag vollstopfe und mein Leben belaste. „Prüft alles, aber das Gute behaltet“, sagt der Apostel Paulus. Meinen Koffer hat er vermutlich nicht gemeint, aber ganz sicher mein Leben.
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Sie haben Urlaub in einem Drei- oder gar Vier-Sterne-Hotel gebucht? Ha, ich kenne einen, der war in einem Tausend-Sterne-Hotel. Und der heißt Jakob. Allerdings war der nicht auf einer Urlaubsreise, sondern auf der Flucht. Vor seinem tobenden Bruder, der ihm ans Leder wollte. Weil Jakob ihn nach Strich und Faden betrogen hat.

Um sein Leben zu retten, macht sich Jakob auf die Reise. Ungefähr 600 Kilometer liegen vor ihm. Das schafft man nicht an einem Tag zu Fuß. Und als es Nacht wird, sucht er nach einem Platz, wo er ausruhen kann. Weit und breit nichts. Kein Haus, keine Hütte. Und schon gar kein Hotel.

Deswegen lehnt sich Jakob irgendwann an einen Stein und schläft ein. Und in dieser Nacht wird der offene Himmel zu einem Tausend-Sterne-Hotel. Zum Tausend-Sterne-Hotel Gottes. Denn dort erholt sich Jakob. Im Schlaf. Nicht nur körperlich. Seine Seele wird heil. Weil Gott im Traum mit ihm spricht.

Gott weiß alles über Jakob. Er kennt ihn in- und auswendig. Er kennt den Mist, den er gebaut hat. Er weiß um die die Schuld, die er mit sich herumträgt. Aber, sagt Gott, trotzdem bleibe ich bei dir. Auf deiner Lebensreise. Ich begleite dich bis ans Ende deiner Tage. Und ich will, dass es trotz und alledem gut mit dir ausgeht.

Am nächsten Morgen wacht Jakob auf. Auf der Stirn trägt er noch den Abdruck des harten Steines, auf dem er geschlafen hat. Aber in seiner Seele spürt er den warmen Zuspruch Gottes. Und mit frischem Mut und neuer Energie macht sich Jakob wieder auf die Reise.

Aber erst gibt er seiner Bleibe für die Nacht noch einen Namen. Er nennt den Ort „Haus Gottes“, obwohl da tatsächlich nur ein Stein steht. Aber für Jakob ist und bleibt dieser Ort eine Luxusherberge. Weil an diesem Ort seine Seele heil geworden ist. Weil er in Gottes gutem Wort Erholung gefunden hat. Weil überhaupt ein gutes Wort manchmal mehr zählt als alle Wellness-Angebote dieser Welt.

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Die Sonne lockt mich ins Grüne. Weil ich nicht viel Zeit habe, gehe ich auf eine Stunde in den Park. Setze ich mich auf eine Bank und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Entspannt lehne ich mich zurück – und spüre etwas Kaltes in meinem Rücken. Ah, ein Schild.

Auf Messing eingraviert lese ich den Namen dessen, der diese Bank gespendet hat. Ein Name, der mir nichts sagt und den ich wahrscheinlich auch gleich wieder vergessen werde. Obwohl das wohl gerade nicht Zweck der Übung ist. Wer eine Bank im Park spendet, der will nicht vergessen werden. Der will, dass man sich seiner erinnert. Wenigstens durch diese Bank.

Ich überlege mir, was das wohl für ein Mensch war. Das Schild sagt mir, dass es sich um einen Industriellen handelt, der in den 50ern des 20. Jahrhunderts eine Firma zur Herstellung von Schuhleisten gegründet hat. Die Firma gibt es noch, aber sie trägt nicht mehr seinen Namen. Womöglich gibt es dort noch ein paar Menschen, die sich an den alten Chef erinnern. Aber die Jungen, die ihn nicht mehr kennen gelernt haben, die werden mit den Achseln zucken, wenn sein Name fällt. Wer? Nie gehört.

Ob sich wohl jemand in ein paar Generationen an meinen Namen erinnert? Wo ich noch nicht einmal eine Firma gegründet oder eine Parkbank gestiftet habe. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich wird auch mein Name irgendwann einmal vergessen sein. Wer? Nie gehört. Das könnte mich traurig stimmen. Weil auch ich gerne hätte, dass sich jemand meiner erinnert. Daran denkt, wer oder was ich gewesen bin.

“Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind”, heißt es im Evangelium. Ein Stück Unsterblichkeit wird da verheißen. Nicht auf einer Parkbank, sondern im Himmel. Da wird sich auf jeden Fall einer an mich erinnern. Ich werde nicht vergessen sein. In Ewigkeit nicht. Und der Parkbankstifter übrigens auch nicht.
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