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SWR3 Gedanken

Die kanadischen Indianer haben eine ziemlich einfache Bärenfalle. Sie besteht aus einem großen, mit Honig eingeschmierten Stein. Dieser Stein hängt an einem Seil von einem Baum herab. Der Bär versucht nun, diesen Leckerbissen, diesen Honigstein zu packen, wobei er ihm mit den Tatzen Schläge versetzt. Er löst mit seinen Schlägen eine Schaukelbewegung aus und jedes Mal, wenn der Stein zurückschwingt, bekommt der Bär einen Hieb. Der Bär verliert die Geduld und haut immer fester zu. Aber je mehr er zuschlägt, desto heftiger kommt der Stein zurückgesaust und prallt gegen den Kopf des Bären. Bis zu seinem endgültigen KO.

Eigentlich ist es ganz einfach. Der Bär müsste einfach nur aufhören, gegen den Stein zu schlagen. Aber seine Gier, unbedingt und ‚komme, was wolle’ den leckeren Honig haben zu wollen, bringt ihn schließlich zu Fall.

Natürlich ist das nicht nur eine nette Geschichte eines dummen Bären. Denn wie viele Dinge in meinem Leben will ich haben- unbedingt und ‚komme, was wolle’? Und wie oft schlage ich blindlings zu, statt einfach mal einen Schritt zurück zu treten und zu überlegen: brauche ich das überhaupt? Um mir dann in aller Ruhe eine geeignetere Strategie auszudenken. Um das zu bekommen, was ich wirklich brauche.

Der Sonntag ist ein schöner Tag. Genau dafür. Ein Tag in der Woche, an dem die Geschäfte geschlossen haben; ein Tag für die Familie, für Freunde; ein Tag zum Ausruhen, für andere Dinge; ein Tag auch, an dem Kirchenglocken läuten und zum Gottesdienst einladen. Ein Tag, um sich zu überlegen: Was will ich wirklich? Was brauche ich in meinem Leben? Was ist mir wichtig?
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„Wer mit Fünfzig immer noch kein Geld hat, sich eine Rolex zu leisten, hat sein Leben verfehlt.“
Der Spruch ging vor ein paar Wochen in Frankreich wie ein Lauffeuer durch die Presse.
Jacques Séguéla, ein Freund von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy hat das gesagt:
„Wer mit Fünfzig immer noch kein Geld hat, sich eine Rolex zu leisten, hat sein Leben verfehlt.“
Irgendwie hat er es nett gemeint. Er wollte seinen Freund Sarkozy in Schutz nehmen, über den und vor allen Dingen über dessen neue Rolex sich die Franzosen aufregen: Da steckt man mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise und dann meint der Präsident des Landes, sich angesichts steigender Arbeitslosenzahlen eine derartig abartig teure Uhr leisten zu müssen. Schwierig. Da wollte Jacques Séguéla seinen Freund Sarkozy halt verteidigen.

Nur, was soll das denn heißen? Eine Rolex soll über das Gelingen meines Lebens entscheiden?

Jesus hat gesagt:
„Glücklich sind alle, die barmherzig sind. ... Glücklich sind alle, die reinen Herzens sind. ... Glücklich sind alle, die Frieden stiften.“ (Matthäus 5, 7-9)

Ist n’bisschen weniger handfest als ’ne Rolex, das was Jesus da sagt. Und doch scheint es mir deutlich wichtiger zu sein.
Seid barmherzig – tut euch doch einfach mal gegenseitig was Gutes! Helft einander!
Seid reinen Herzens – handelt so, dass ihr dazu stehen könnt! Dass ihr ein reines Gewissen behaltet!
Und stiftet Frieden – vertragt euch!

Denn letztendlich ist es das doch, was das Lebensglück ausmacht: Familie und Freunde, Menschen, die sich gegenseitig helfen und unterstützen, die füreinander da sind.
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Im Juni ist es wieder so weit: Am Freitag, dem 22. Juni um 22 Uhr fällt der Startschuss. Da laufen die Läufer los.
Ultramarathon in der Schweiz, in Biel. Was an diesem Marathon ultra ist? Er geht 100 km durch die Nacht. 100 km Grenzerfahrung.

Natürlich; wer es wagt, 100 km durch die Nacht zu laufen, muss sich gut vorbereiten. Körperlich und vor allen Dingen auch psychisch. 100 km läuft man nicht einfach so mal nebenbei.

Um 22 Uhr also läuft man los. Noch voll motiviert. Aber irgendwann kommt die Nacht und das Dunkel - und mit der Kühle und der Dunkelheit kommt auch der innere Schweinehund hervorgekrochen: „Das hast du doch so wohl nicht gemeint. Du bist total durchgeknallt. Hör auf. Geh nach Hause. Ins Bett. In aller Ruhe.“ Mit der Nacht, mit dem Dunkel kommen auch ganz andere Dinge hoch: Bilder, Szenen, Diskussionen, Türenknallen, Streit. War das alles so richtig? Hätte ich nicht eigentlich...? Hätte er nicht eigentlich...?

Und dann fällt er mir der 23. Psalm ein, den ich mal vor langer Zeit im Konfirmandenunterricht auswendig lernen musste:

„Muss ich auch durchs finstere Tal – ich fürchte kein Unheil! Du, Gott, bist ja bei mir; du schützt mich und führst mich, das macht mir Mut“ so heißt es dort.

Und dann. Gerade, wenn man in seinen Abgründen zu versinken droht, bricht die Sonne hinter den Gipfeln hervor. Leuchtet. Strahlt. Verkündet den Tag. Die Sorgen, Gedanken, Zweifel der Nacht sind vorbei. Das Trübe liegt hinter mir: Vergeben, vergessen.

„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser... (Er schenkt) mir voll ein.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6101
In den Bäumen spazieren gehen. Ein bisschen wie Tarzan und Jane. Nur hat man hier einen festen Klettergürtel um die Hüften und Karabinerhaken, um sich an den Stahlseilen abzusichern. Die „Wege“ in den Bäumen sind wie Skipisten mit Farben markiert. [Die grüne Route ist für Anfänger, die blaue hat es dann bereits in sich, rot und schwarz sind für die Erfahrenen.] Man hangelt sich von Baum zu Baum auf Stahlseilen, auf wackeligen Hölzern, Netzen, Schaukeln. Und dann gibt es da noch etwas: Rollen. Sonst klettert man eher. Aber mit der Rolle ist es etwas anderes. Als ich an die Stelle komme, an der ich mich den Rollen anvertrauen soll, ist mir doch eher mulmig zumute. Ich hänge brav meine Rolle an dem Stahlseil ein, befestige meine beiden Karabinerhaken, hole Luft und denke: „Nur Mut! Hab einfach Vertrauen.“ Und da schwebe und gleite ich auch schon mitten durch die Luft. Ein wunderbares Gefühl: leicht und frei.

Man braucht viel Mut und Vertrauen in dieser Kletterlandschaft. Vertrauen, das sich nachprüfen lässt: Da sind Stahlseile und Karabinerhaken und der Klettergürtel und wenn ich keine falschen Handgriffe tue, geht auch alles gut.

Schwieriger ist es schon mit dem Vertrauen in andere Menschen. Na klar, vertraue ich meinem Freund! Am Anfang unserer Beziehung haben wir darüber gesprochen, was uns wichtig ist. Und jetzt vertraue ich ihm halt, sage ich zu einer Freundin. „Ja“, sagt sie, „so naiv war ich auch: Ich habe ihm vertraut und dann hat er mich doch hinter meinem Rücken betrogen.“

Ich glaube, das schwierigste ist jedoch das Vertrauen in Gott. Ich vertraue auf Gott – obwohl ich ihn weder sehen noch anfassen noch ihn begreifen kann. Obwohl ich mich manchmal alleine auf dieser Welt fühle und enttäuscht und verlassen. Dieses Vertrauen erfordert Mut, es immer wieder neu mit Gott zu versuchen. Dieses Vertrauen ist manchmal naiv und doch gibt es mir Halt im Leben und Kraft im Umgang mit anderen Menschen.
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15 m hoch. Eine Riesenleiter mitten in den Himmel hinein. Riesige Stufen.
Wir hangeln uns von einer zur nächsten.
Teamarbeit ist angesagt, denn alleine schafft man diese Stufen nicht – die sind gut und gerne soweit auseinander, wie ich groß bin.
Sprich: Stehe ich auf einer Stufe, kriege ich die nächste gerade mal so zu fassen. Alleine schafft man es nicht, da hochzuklettern.

Himmelsleiter nennt sich dieses Riesending. – Und ich hoffe, es heißt so, weil man das Gefühl hat, in den Himmel hineinzukraxeln und nicht, weil man hierbei quasi auch aus allen Wolken fallen kann. –
Wir sind zu fünft. Fünf Freundinnen. Gemeinsam klettern wir in den Himmel.

Oben angelangt erzählt Jana von Jakob. Jakobs Geschichte steht in der Bibel.

Jakob hat Mist gebaut: seinen Bruder bestohlen, seinen sterbenden Vater hintergangen. Und jetzt ist er auf der Flucht. Auf der Flucht vor seinem Bruder, auf der Flucht vor seinen Verbrechen. Er hat Angst. Er läuft weg. Er läuft und als es Nacht wird, nimmt er einen Stein als Kissen und legt sich hin. Er schläft sofort ein. Er träumt von einer Leiter, die in den Himmel ragt. Auf dieser Himmelsleiter schweben Engel hinauf und herunter. Und dann kommt auch Gott die Leiter herunter und spricht zu Jakob: „... Ich werde dir beistehen. Ich beschütze dich, wo du auch hingehst... Ich lasse dich nicht im Stich...“ (1. Mose 28,10ff)

Unsere irdische Himmelsleiter hat mit dieser himmlischen wohl nichts gemein. Keine Engel schweben hier herauf und herunter. Wir müssen uns jeden Meter hart raufarbeiten. Und trotzdem gilt dieses Versprechen Gottes auch uns. Wenn man gemeinsam diese riesige Himmelsleiter erklommen hat, weiß man, was das heißt: Jemandem beistehen, jemanden beschützen, jemanden nicht im Stich lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6099
„Keine Angst! Du trittst gleich über die Dachkante und dann geht’s ganz gemütlich abwärts.“
Ich stehe mitten auf so einem Wolkenkratzer und unter mir ein gähnender Abgrund. Wenn das mal so einfach wäre. Ebenen Boden unter den Füßen hat man nicht mehr, wenn man da runterläuft. Hochhausrunning nennt man das. Und ich hab’s gemacht. Eine super Erfahrung! Auf dem Dach des Wolkenkratzers wird man fachmännisch angegurtet und dann geht’s tatsächlich ganz gemütlich herunter. Man geht spazieren. Nur halt senkrecht auf der Mauer eines Hochhauses. Mit Blick Richtung Erde.

Vor ein paar Tagen hat mich jemand gefragt, was denn der Glaube sei. Was verändert sich, wenn man glaubt? Kann man ‚Glauben’ erfahren?
Ich meine, ja. Denn eigentlich ist ‚glauben’ wie Hochhausrunning: Der Blickwinkel, die Perspektive verändert sich.

Wenn ich am Hochhaus herunter spaziere, sieht die Welt ganz anders aus. Ich nehme alles um mich herum auf einmal ganz anders wahr: Die Skyline der Stadt breitet sich vor mir aus, die Autos, die Menschen auf den Strassen sind weit weg und niedlich klein, das Adrenalin lässt mich die Luft, die Geräusche, die Farben intensiver wahrnehmen.

Mit dem Glauben ist es genauso: Man nimmt die Welt, die Menschen anders wahr. Der Blickwinkel, der ändert sich. Der Abstand zur Erde macht manches kleiner, unwichtiger. Ich sehe mehr auf das Ganze, sehe, wie schön das ist, so von oben. Wenn ich glaube, dann begreife ich die Welt als Gottes Schöpfung; die Menschen und die Tiere als Geschöpfe Gottes und damit wird alles, was um mich herum ist, kostbar und einzigartig, man könnte sagen ‚göttlich’. Jedenfalls von Gott gewollt.

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