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SWR3 Gedanken

Zwischen den Grenzen zweier Länder spricht man von Niemandsland. Aber es gibt auch die Zeit zwischen den Zeiten. So eine Art Niemandszeit. Die herrscht an diesem Samstag. Diesem Samstag in Jerusalem. Der Freitag war voller Tod. Was der Sonntag bringen wird, weiß noch keiner. Der Samstag ist die Niemandszeit. Zeit zwischen den Zeiten. Welt zwischen den Welten.
Die unter dem Kreuz standen, sind in einem Raum versammelt. Der Lärm des Passafestes dringt durch die verschlossenen Fensterläden. Im Raum selbst herrscht lähmendes Schweigen. Den Tod haben sie erlebt, das Leben ist in weiter Ferne. Die Zeit ist stehen geblieben. Niemandszeit eben. Zeit zwischen Tod und Leben.
Jede Todesanzeige spricht von Niemandszeit. Ein Mensch stirbt. Alle anderen erleben Niemandszeit. Die Uhr bleibt stehen, auch wenn die Zeiger sich weiter bewegen. Das Leben bleibt stehen, auch wenn die Uhr weitergeht. Das Leben geht eben nicht weiter, auch wenn der Alltag weitergeht. Niemandszeit. Zeit zwischen den Zeiten. Zeit zwischen Tod und Leben.
Die Niemandszeit ist mächtig. Der Tod ist mächtig. Auch in dem kleinen Zimmer in Jerusalem. Die Zeit hängt in der Luft. Der Tod hängt in der Luft. Und eine Spur Leben. Eine winzig kleine Spur Leben. Die hängt auch in der Luft.
Am nächsten Morgen werden sich Frauen auf den Weg machen. Auf die Spur machen. Auf die winzig kleine Spur Leben. Sie werden dahin gehen, wo der Tod regiert. An ein Grab. Und dort wird die winzig kleine Spur Leben zu einer breiten Bahn für das Leben.
Sie werden den Tod nicht finden. Sie werden das Leben finden. Die Niemandszeit wird zu Jemandszeit. Gottes Zeit. Im Leben und im Sterben. Und diese Botschaft, die Osterbotschaft, erreicht bis heute die Ohren und Herzen der Menschen, die Niemandszeit erleben. Und gibt ihnen Hoffnung und Zuversicht, dass inmitten aller Todeserfahrung letztendlich das Leben den Sieg davon trägt.
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Ein ganz normaler Tag. Die Sonne steht schon im Zenit. Und Simon von Kyrene steht auf dem Acker. Wo er wie an jedem Tag seiner Arbeit nachgeht. So auch an diesem Freitag. Er legt dem Ochsen das Geschirr an, richtet die Egge aus und zieht seine Furchen. Als die Sonne den Zenit überschritten hat, lässt er den Ochsen grasen, packt sein Bündel und geht nach Hause. Über die Hügel Richtung Jerusalem.
Eine merkwürdige Prozession kommt ihm entgegen. Soldaten kann er erkennen. Ein ganzer Trupp ist unterwegs. Und mittendrin schleift einer ein Kreuz. Oh, haben sie wieder einen erwischt, denkt Simon von Kyrene und spuckt auf den Boden. Entweder es ist ein Verbrecher, dann trifft ihn der Speichel. Oder es ist ein Revolutionär, dann gilt die Spucke den Besatzern, den Römern. Der Trupp kommt näher. Der Trupp bleibt stehen. Soldaten schreien, einer kommt ihm entgegen.
Simon von Kyrene erstarrt. Beide Hände streckt er von sich. Ich habe nichts getan, soll das heißen. Es geht mich nichts an, soll das heißen. Er duckt sich und schleicht weiter. Der Soldat stellt sich ihm in den Weg. „Du da, kommt mit“, herrscht er ihn an. Simon folgt. Römischen Soldaten widerspricht man besser nicht. Aber was können die von ihm wollen?
„Trag dem sein Kreuz“, schnauzt ihn einer an. Simon schaut sich um. Da liegt einer am Boden. Blut hat er am Kopf. Muss wohl von den Dornen kommen, die sich in seine Haut bohren. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Muss wohl von dem Holzbalken kommen, den er tragen muss. Die Augen sind leer. Muss wohl von der Kraft kommen, die ihm fehlt.
„Los, worauf wartest du“, zischt einer der Soldaten. Ehe er sich’s versieht, hat Simon das Kreuz auf dem Kreuz. Das trägt er bis zum Hügel vor der Stadt, bis Golgatha. Wo sie es aufrichten. Wo der andere hängen wird. Wo der seinen letzten Atemzug tun wird.
Da ist Simon von Kyrene längst zu Hause. Ohne eine Ahnung davon, dass er in die Geschichte eingehen würde. Als einer, der einem anderen geholfen hat, sein Kreuz zu tragen. Als einer, der mit einem anderen die Last geteilt hat.
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Das konnte er nicht ahnen. Nein, das konnte er wirklich nicht ahnen. Dass es so ausgehen würde. In einem Hof des hohepriesterlichen Palastes. Dort sitzt er. Simon Petrus. Petrus, der Treue. Petrus, der Beständige. Petrus, der Fels. Sitzt am Feuer in der Dunkelheit. Voller Anspannung. Voller Angst.
Jesus, sein Rabbi wird verhört. Schon so lange. Schon seit Stunden verhören sie ihn. Sie werden ihm wehtun, werden ihn quälen, werden ihn foltern. Und er kann nichts tun. Nichts außer warten. In diesem dunklen, feindlichen Hof.
Die Angst erstickt ihn. Angst um den Rabbi. Und noch viel mehr Angst um sich selbst. Einerseits würde er am liebsten abhauen. Aber das kann er nicht. Schließlich ist er auch noch Petrus, der Fels. Andererseits überfordert ihn das Ganze grenzenlos. Schließlich ist er immer noch Simon, der Fischer. Der vor vielen Monaten losgezogen ist mit Jesus von Nazareth. Auf der Suche nach einem besseren Leben. Und jetzt ist er hier gelandet. In einem stickigen, dunklen Hof. Den Tod vor Augen. Vor Angst zerfressen.
Eine Frau beäugt ihn. Von oben bis unten. „Du gehörst doch auch zu dem“, schnauzt sie ihn an. Er schreckt aus seiner Erstarrung auf. Der Petrus in ihm will aufstehen, seine Muskeln zeigen und ihr geradewegs in die Augen blicken: „Ja, ich gehöre dazu – und weiter?“ Der Simon in ihm blickt zu Boden, scharrt mit den Füßen und murmelt kleinlaut: „Nein, du irrst dich. Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Die Frau geht weiter. Ihm wird nichts passieren. Oder ist ihm schon etwas passiert? Hat seine Seele nicht schon längst Schaden genommen?
Der Simon hat seine Haut gerettet, der Simon kann nach Hause gehen. Der Petrus hat verloren, der Petrus hat kein zu Hause mehr. Es lebt sich schwer mit zwei Seelen in der Brust. Er wird sich entscheiden müssen. Der Simon, der Petrus.
Er wird sich entscheiden. Er wird sich für den Petrus entscheiden. Den Treuen, den Beständigen, den Fels. Das wird zwar seine Zeit brauchen. Aber am Ende wird Petrus nur noch eine Seele in der Brust haben. Und diese Seele weiß, dass sie endlich auf dem richtigen Weg ist.
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Heimlich haben sie ihn zur Seite genommen. „Du, Judas“, haben sie gesagt. „Willst du uns einen Gefallen tun?“ Nein, wollte er nicht. Er wollte ihnen keinen Gefallen tun. Er wollte sich einen Gefallen tun. Deshalb hat er zugehört.
„Du, Judas“, haben sie gesagt. „wir bezahlen dich gut.“ Das hat ihn nicht interessiert. Nicht so richtig. Aber eingesteckt hat er die dreißig Silberlinge trotzdem. „Du, Judas“, haben sie gesagt. „Endlich soll er sein wahres Gesicht zeigen.“ Da hat er genickt. Das wollte er auch. Dass Jesus endlich sein wahres Gesicht zeigt.
Deswegen würde er ihn verraten. Deswegen würde er ihn küssen. Mit einem Kuss würde er ihn verraten. Wenn die Soldaten kämen, würde er auf ihn zugehen und ihn mit einem Kuss begrüßen. Und die Soldaten würden wissen, dass dieser Jesus von Nazareth ist. Sie würden die Schwerter zücken und die Handschellen. Und dann würde Jesus endlich sein wahres Gesicht zeigen. Seine wahre Macht zeigen. Würde selbst zum Schwert greifen und kurzen Prozess mit diesen machen. Mit diesen Soldaten, die zum Feind gehören. Zum römischen Feind.
Alle würden zum Schwert greifen und die Römer endlich zum Teufel jagen. Und dann würden sie ihn feiern, den Rabbi. Der endlich sein wahres Gesicht gezeigt hat. Weil er ihn dazu gezwungen hat. Er, Judas, der Verräter. Er, Judas, der Freund.
Deswegen wird er ihn verraten. Deswegen wird er ihn küssen. Und in diesem Moment, in diesem Moment des Kusses wird er es ahnen. Dass dieser Kuss nichts mit Freundschaft oder Liebe zu tun hat, sondern nur mit Verrat. Verrat an allem, wofür Jesus einsteht. Verrat an allem, woran Jesus glaubt.
Denn der wird sein wahres Gesicht zeigen. Aber es wird nichts mit Schwertern oder Kampf oder Aufstand zu tun haben. Es wird das Gesicht der Liebe sein, die lieber einsteckt als austeilt. Die lieber selber leidet als andere leiden lässt. Das ist das wahre Gesicht des Jesus von Nazareth. Und Judas? Ob der dann wirklich begreift, dass darin wahre Macht liegt? Und dass die Macht der Liebe viel stärker ist als die des Schwertes?
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Er tut seinen Dienst. Er tut nur seinen Dienst. Er ist Soldat der römischen Armee. Das römische Reich beherrscht die Erde. Und das macht ihn stolz. Es macht ihn stolz, ein Teil dieser Macht zu sein.
Jeden Morgen legt er sorgfältig seine Uniform an. Jeden Tag trägt er ein würdiges Gesicht. Sicher, er ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Macht. Aber auch die Rädchen müssen laufen wie geschmiert. Dieser Verantwortung ist er sich bewusst. Jeden Tag aufs Neue.
Auch an diesem Tag tritt er seinen Dienst an. In der Wachstube am Palast des Statthalters Pontius Pilatus. Sein Vorgesetzter wartet schon. „Männer“, ruft er, „der Statthalter wünscht eine Verhaftung. Ein gefährliches jüdisches Subjekt treibt sein Unwesen. Der Statthalter erwartet, dass Ihr Eure Pflicht tut.“
Natürlich wird er seine Pflicht tun. Er wird mit den anderen marschieren und verhaften, verhören und foltern. Ohne Ansehen der Person. Der Statthalter hat es befohlen. Und auch der tut ja nur seine Pflicht.
Ein Mann wird sterben. Bespuckt und verhöhnt, gequält und gepeinigt wird er seinen letzten Atemzug tun. Unser Soldat wird unter dem Kreuz stehen. Weil das seine Pflicht ist. Er wird diesen Ort bewachen und für Ordnung sorgen. Weil das seine Pflicht ist. Er will diesem Mann nicht ins Gesicht sehen. Weil er dann seine Pflicht nicht mehr tun kann. Ein gefährliches Subjekt kann man kreuzigen, aber einen Menschen?
Wie auch immer es zugeht – unser Soldat wendet den Kopf. Blickt in das zerschundene Gesicht eines gequälten Menschen. „Seht, welch ein Mensch“, entfährt es ihm. Die Pflicht hat ein Gesicht bekommen. Und jetzt erst tut unser Soldat wirklich seine Pflicht.
Er sieht einen Menschen. Er leidet mit diesem Menschen. Pflicht ganz anderer Art. Pflicht, die aus der Reihe schert und gegen den Strom schwimmt. Pflicht ohne Uniform und Befehle. Aber Pflicht mit einem Gesicht. „Seht, welch ein Mensch.“ Seht das Gesicht der Menschlichkeit.
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Als die Frau den Raum betritt, verstummen die Männer. Erwartungsvoll und misstrauisch beäugen sie ihren langen Weg durch das Zimmer. Endlich hat sie den erreicht, wegen dem sie hier ist. Jesus von Nazareth. Sie kniet vor ihm nieder und öffnet ihren Beutel. Angespanntes Schweigen im Raum.
Umständlich fördert sie ein Fläschchen zutage und entkorkt es. Betörender Duft durchströmt den Raum. Sie schüttet den Inhalt über Jesu Kopf und verreibt mit ihren Handflächen das Öl sorgsam und liebevoll auf seinem Gesicht. Und Jesus genießt. Die Berührung, den Duft, die Hingabe. Das angespannte Schweigen weicht. Erregtes Gemurmel macht sich breit.
Welche Verschwendung, stöhnt einer. Das kostbare Öl, seufzt ein anderer. Wie viele Mäuler hätte man davon satt machen können, knurrt ein dritter. Und ein vierter will es wissen: „Rabbi, was hältst du davon?“ Jesus öffnet die Augen: „Lasst sie doch“, sagt er, „was sie tut, tut sie aus Liebe.“ Die anderen runzeln die Stirn. Liebe, was kann man sich davon schon kaufen?
Als hätte Jesus ihre Gedanken erraten, spricht er weiter: „Arme habt ihr immer unter euch. Aber mich nur eine kleine Weile.“ Die Jünger verstummen. Das verstehen sie nicht. War es nicht gerade der Rabbi, der unermüdlich für die Armen gepredigt hat? Derselbe Rabbi, der gerade im Überfluss schwelgt und sich selbst der Nächste zu sein scheint? Schwer zu verstehen.
Vielleicht hätte er noch einen Satz sagen sollen. Hätte davon reden sollen, dass Brot den Magen und Liebe die Seele satt macht. Und dass man das eine nicht gegen das andere ausspielen darf. Kein Entweder – Oder, sondern ein Sowohl – Als Auch. Menschen sterben an Hunger; Menschen sterben an Lieblosigkeit. Menschen werden satt von Brot; Menschen werden satt vor Liebe. Allein von Luft und Liebe kann man nicht leben. Aber Brot allein macht auch nicht satt.
Die unbekannte Frau hat längst den Raum wieder verlassen. Noch hängt der Duft des kostbaren Öls in der Luft. Mir ist, als könnte ich sie riechen. Die verschwenderische Liebe. Und ich spüre, wie ich mit Jesus durchatme.
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Zwei Männer an einem Frühlingsmorgen auf der Straße nach Jerusalem. Der eine reitet auf einem Esel. Er hat einen Namen. Jesus von Nazareth nennen sie ihn. Der andere hat keinen Namen. Er wird noch nicht einmal erwähnt in der biblischen Überlieferung. Er ist nur Teil der Menge, die Jesus zujubelt auf seinem Weg. Nennen wir ihn Ruben.
Ruben jubelt. Wie alle anderen auch. Sie reißen die Arme hoch vor Begeisterung. Sie schreien ihr Hosianna in die Lüfte. Ihre Augen glänzen vor Begeisterung. Ansteckende, mitreißende Begeisterung. Ruben lässt sich anstecken. Von der Begeisterung. Findet sich hüpfend und singend inmitten einer fröhlichen Menschenmenge. Und weiß gar nicht, warum.
Denn Ruben ist nur zufällig Zeuge dieser Szene. Kennt den Typ auf dem Esel eigentlich gar nicht. Aber wenn die anderen so begeistert sind, dann wird das wohl seinen Grund haben. Und wenn alle jubeln, jubelt er halt mit. Jubeln macht Spaß.
Fünf Tage später finden wir Ruben wieder. Auch diesmal ist er Teil einer Menge. Nur Jubel hört man keinen. Jetzt hört man Zischen und Murmeln. Auch Begeisterung sieht man diesmal nicht. Diesmal sieht man Hass und Gewalt. Dieselbe Menge, derselbe Ruben. Und auch derselbe Jesus. Jetzt reitet er nicht gelassen auf einem Esel, sondern trägt eine hohntriefende Dornenkrone. Und die Menge will seinen Tod. Auch Ruben. Und auch diesmal weiß er eigentlich gar nicht, warum.
Ruben ist der typische Mitläufer. Immer zur Stelle, immer Teil der Menge. Die heute Stars bejubelt und morgen Menschen niedermacht. Und meist gar nicht genau weiß, warum. Wenn alle sagen, daß es richtig ist, dann finde ich das auch. Wenn alle sagen, dass es falsch ist, dann finde ich das auch. Und fühle mich richtig stark dabei. Warum ich aber eigentlich hier bin? Keine Ahnung. Frag doch die anderen. Und wenn die es auch nicht wissen?
Dann geht das Unheil einfach seinen Weg. Dann werden Kinder auf Schulhöfen verprügelt. Dann werden Menschen gemobbt. Dann werden Völker gemordet. Dann stirbt einer am Kreuz. Und alle sind entsetzt. Wie konnte das geschehen? Wer war daran schuld? Ja, wer war daran schuld?
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