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SWR3 Gedanken

Die Kirchen sind voll in Krisen und Katastrophenzeiten. Menschen, die schon lange keine Kirche mehr von innen gesehen haben, suchen Trost und Beistand, wenn sie wie nach dem Amoklauf im Innersten erschüttert sind. Und es ist nur gut dass sie das tun. Und auch völlig egal wenn sie sonst nicht in die Kirche gehen. Denn sie handeln nach einem so tiefen wie natürlichen Impuls: die Gemeinschaft suchen und beten, gerade wenn sie keine Worte haben und Fragen, die ihnen keiner beantworten kann.
Eine Geschichte von Eli Wiesel beschreibt worum es beim Beten im Innersten geht:
„Warum weinst Du beim Beten?“ fragte er als kenne er mich seit langem. „Ich weiß es nicht“, erwiderte ich verstört. Die Frage war mir nie gekommen. Ich weinte, weil… weil etwas in mir weinen wollte. Ich konnte nichts dazu sagen.
„Warum betest Du?“ fragte er mich eine Weile später. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich noch verwirrter und noch befangener. „Ich weiß es wirklich nicht.“
Von diesem Tage an sah ich ihn häufig. Er versuchte mir eindringlich zu erklären, dass jede Frage eine Kraft besitzt, welche die Antwort nicht mehr enthält.
„Der Mensch erhebt sich zu Gott durch die Fragen, die er an ihn stellt“, pflegte er immer wieder zu sagen. Das ist die wahre Zwiesprache. Der Mensch fragt und Gott antwortet. Aber man versteht seine Antworten nicht. Man kann sie sie nicht verstehen, denn sie kommen aus dem Grunde der Seele und bleiben dort bis zum Tode. Die wahren Antworten, (Elieser), findest Du nur in Dir.“
„Und warum betest Du, Mosche?“ fragte ich ihn. „Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, ihm wahre Fragen zu stellen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5631
Reliunterricht, neunte Klasse. Kommentar von Tobi: „Das ist ja voll Porno!“ Tobi meint nicht etwa ein Handy-Video oder ein Schmuddelheftchen unterm Tisch. Nein, wir haben eben in der Bibel gelesen. Das Hohelied aus dem Alten Testament war dran. Und dann Tobi eben: „Das ist ja voll Porno!“
Etwas krass ausgedrückt, vor allem im Zusammenhang mit der Bibel. Aber irgendwie kann ich Tobi auch verstehen, denn im Hohelied geht es sehr ausführlich um die Liebe.
Da beschreibt ein Bräutigam seine Braut. Es heißt: „Rote Bänder sind deine Lippen; lieblich ist dein Mund. Wie der Turm Davids ist dein Hals. Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein. Wie schön ist deine Liebe; wie viel süßer ist deine Liebe als Wein.“
Etwas schwülstig die Sprache vielleicht, aber meine Neuner verstehen es schon. Wir lesen weiter, wie die Geliebte auf ihren Bräutigam wartet: „Horch, mein Geliebter klopft: Ich habe mein Kleid schon abgelegt - wie soll ich es wieder anziehen? Mein Geliebter streckt die Hand durch die Luke; da bebt mein Herz ihm entgegen.“ Ich finde, diese Bildsprache hat etwas Ästhetisches. Und es ist schön, dass der Liebe in der Bibel so viel Platz eingeräumt wird.
Im neuen Testament legt der Apostel Paulus noch einen Aspekt von Liebe dazu. Er beschreibt, was die Liebe - neben der körperlichen Sehnsucht - noch ausmacht: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie sucht nicht ihren Vorteil, trägt das Böse nicht nach. Sie hält allem stand.“
Die Tatsache, dass beide Texte in der Bibel stehen, sagt mir: zur wahren Liebe gehört sowohl die körperliche Lust als auch eine innere Haltung. Die Bibel will uns alle Facetten zeigen, die zur Liebe gehören. Und das ist eben mehr als nur „voll Porno“.

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Schmidt und Pocher – die Late-Night-Show im Ersten ist nicht gerade ein Erfolgsmodell. Im April soll die letzte Sendung laufen. Aber ich bin nun mal ein Harald Schmidt Fan. Er bringt mich oft zum Lachen und manchmal auch zum Nachdenken.
Eine der letzten Shows hat Harald Schmidt mit dem Rücken zum Publikum begonnen. Eine ganze Weile stand er so da und hat seine Gags gegen die Rückwand des Studios geplaudert. Ein Seitenhieb auf Papst Benedikt, der die alte Form der katholischen Liturgie von 1962 teilweise wieder erlaubt hat. Bis damals war es üblich, dass der Priester der Gemeinde den Rücken zukehrt. Die Idee dahinter: Priester und Gemeinde richten sich gemeinsam auf Gott aus.
Ich bin erst 1968 geboren und habe deshalb die alte Form der Messfeier nie miterlebt. Aber als mir Harald Schmidt im Fernsehen den Rücken zugewendet und gegen die Wand moderiert hat, da habe ich mich ziemlich ausgeschlossen gefühlt. Und mir ist klar geworden, warum die Kirche ihre Liturgie 1965 reformiert hat. Sie hat ganz bewusst entschieden: wichtiger als sich gemeinsam auf Gott auszurichten ist es, dass wir im Gottesdienst die Gemeinschaft der Feiernden zum Ausdruck bringen. Wenn der Priester sich der Gemeinde zuwendet, dann werde ich mit ins Geschehen hinein genommen. Und ich werde zu jemandem, der mitfeiern kann.
Ich denke, es gehört wohl beides dazu wenn ich Gott verehren will: der gemeinsame Blick auf ihn und die Verbundenheit untereinander. Neue Kirchenbauten lösen diesen scheinbaren Wiederspruch ganz einfach: Die Gläubigen sitzen rechts und links in einer Art Ellipse und schauen sich gegenseitig an. In der Mitte der Ellipse, jeweils etwas nach außen gerückt, stehen Altar und Lesepult.
So muss ich mich nicht entscheiden zwischen Rücken und Bauch, zwischen 1962 und 2009, sondern ich habe beides: Gemeinschaft untereinander und die gemeinsame Ausrichtung auf das Wesentliche.
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Da hat sich das Parlament in Nebraska ganz schön vertan. Als sie im letzten Juli ein Gesetz verabschiedeten, dachten sie in dem US-Bundesstaat eigentlich an eine Art Babyklappe. Eltern sollten ungewollte Kinder straffrei in Krankenhäusern abgeben dürfen. Und das haben die Eltern auch getan. Nur: es waren keine Babys, die da abgeliefert wurden, sondern die meisten waren Teenager. Eltern kamen sogar von weit her nach Nebraska gefahren, um ihre halbwüchsigen Kinder abzugeben. Eine tragische Geschichte.
Das Babyklappengesetz hatte einen kleinen Fehler: weil sich das Parlament nicht auf Altersgrenzen einigen konnte, schrieb man einfach „Kinder“ hinein. Mit schwerwiegenden Folgen, wie man sieht. Wer aber nun glaubt, mit einer Nachbesserung des Gesetzes sei´s getan, der irrt wahrscheinlich. Denn die Probleme zwischen Eltern und Jugendlichen, die bleiben.
Diese Probleme gibt es auch bei uns. Ich werde immer wieder von verzweifelten Eltern angesprochen, die Probleme mit ihren pubertierenden Kindern haben. Aber auch mir fällt da keine Patentlösung ein.
Viele Eltern geben sich unheimliche Mühe. Probieren es mit den unterschiedlichsten Strategien. Sie wollen die Kumpel ihrer Kinder sein, sie wollen sie coachen oder sie erlassen immer strengere Gesetze und Regeln. Ich bewundere diese Eltern. Vor allem dann, wenn sie bei den Jugendlichen mit ihren Versuchen immer wieder auf Granit beißen.
Aber es ist nun mal so in der Pubertät: viele Jugendliche müssen sich an etwas reiben. Sie wollen Grenzen austesten und brauchen die Auseinandersetzung mit der Familie. Wichtig erscheint mir also, mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben, das Gespräch zu suchen.
Wie gesagt, ein Patentrezept scheint es nicht zu geben. Aber es gibt einen Trost: die meisten Eltern und Kinder halten diese Zeit irgendwie durch. Und eines scheint sicher: beide können an der Aufgabe wachsen und sich dabei weiter entwickeln. Kein Grund also, nach Nebraska zu fahren, und ihr Kind abzugeben.
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Im Westen Irlands ragt ein imposanter, kegelförmiger Berg aus der Ebene. Es ist der „Croagh Patrick“, Irlands heiliger Berg. Benannt nach dem irischen Nationalheiligen. Heute feiert ganz Irland seinen Gedenktag, den St. Patrick´s Day. Mit Guinness, Parties und Paraden.
Die Iren lieben ihren Patrick. Im Sommer verehren sie ihn auf eine ganz besondere Art: Dann pilgern sie zu zehntausenden auf eben jenen „Croagh Patrick“, 764 Meter hoch. Manche sogar barfuß, obwohl der steinige Geröllpfad schon mit Schuhen eine Tortur ist.
Woher kommt wohl die große Sympathie der Iren zum Heiligen Patrick? Ich kann´s mir schon vorstellen. Es wird überliefert, dass Patrick ein sehr „handfester“ Heiliger war. Er war einer von ihnen, hat mit angepackt. Und vor allem hat er die Sprache der einfachen Leute gesprochen. Wenn er predigte, hat er nicht schlau daher geredet, sondern er hat von Schafen und Kleeblättern erzählt und was Gott damit zu tun hat.
Patrick hat das Christentum nach Irland gebracht. Aber er hat es den Iren nicht übergestülpt. Er hat die keltischen Heiligtümer respektiert und sie in christlichem Licht gedeutet. So entstand der ganz besondere und eigenwillige Glaube der Iren. Lebensfroh und durchsetzt mit keltischen Traditionen.
Auch der heilige Berg „Croagh Patrick“ mag ursprünglich ein keltisches Heiligtum gewesen sein. Patrick soll sich im Jahre 441 vor Ostern für 40 Tage auf diesen Berg zurückgezogen haben. Zum Beten und Fasten. Da erscheint ihm ein Engel und fragt ihn nach seinen Wünschen. Patrick sagt: „Am Tag des Jüngsten Gerichts will ich selbst über die Iren urteilen dürfen.“ Als ihm der Wunsch abgeschlagen wird, droht Patrick damit, den Berg nie mehr zu verlassen. Schließlich lenkt der Engel ein.
Diese Legende zeigt, warum die Iren den Heiligen Patrick so verehren: er hat sich um „seine Iren“ gekümmert. Und er hat sie so genommen, wie sie nun mal sind.
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Die Trendfarben des Frühlings: kupfer, orange und apfelgrün. Und wenn´s nach Dietmar Kattinger ginge: gerne auch gelb-weiß. Denn er ist der Erfinder der neuen Kirchenkrawatte, die es seit diesem Frühjahr für knapp 20 Euro zu bestellen gibt. Und die ist eben in den Farben des Vatikans gehalten: weiß mit zarten Gelbstreifen.
Der Krawattenerfinder und Theologe Dietmar Kattinger gibt aber zu: „Ein bisschen habe ich geschummelt und einen schmalen dunkelblauen Streifen einarbeiten lassen. Sonst wird die Krawatte zu hell und macht den Träger blass.“
Für alle, sie sich jetzt fragen, wozu so eine Krawatte gut sein soll, hat Kattinger ein Extra parat: Auf dem unteren Rand der Krawatte ist der Schriftzug eingestickt: „Gern Katholisch“. Wenn ich die Krawatte trage, dann ist das also so was wie ein Bekenntnis. Oder auch ein Gesprächsangebot.
Kattinger sagt: „Ich möchte mit einem Augenzwinkern Werbung für die Kirche machen. Oft wird über Zölibat, Priestermangel und Kreuzzüge gejammert. Dem möchte ich etwas entgegensetzen.“
Ob es da mit einer Krawatte getan ist, weiß ich nicht. Ich jedenfalls tue mich momentan etwas schwer damit, „gern katholisch“ zu sein. Gerade vor dem Hintergrund der letzten Entscheidungen aus dem Vatikan. Manchmal kommt es mir so vor, als würde dort etwas verbockt, und ich muss hier die Wogen glätten. Da bin ich momentan ganz froh, dass ich kein Krawattenträger bin.
Aber in einem Punkt hat der Krawattenerfinder Kattinger natürlich Recht. Auch ich finde es wichtig, zu meinem Glauben zu stehen. Und egal ob mit oder ohne Schlips, Hauptsache nicht griesgrämig, sondern einladend und freundlich. Oder eben einfach „Gern katholisch“. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5601
Was erwartet mich wohl, wenn ich tot bin? In der Heidelberger Jesuitenkirche habe ich nachgeschaut. Dort stand im letzten Herbst nämlich ein großer Kasten mit Röhren. Und die Enden der Röhren haben ein Stück rausgeguckt. Beim Blick durch die Röhren in den Kasten habe ich Bilder und Beschreibungen von Kindern gesehen, wie sie sich das Tot-Sein vorstellen.
Der seltsame Kasten mit Röhren war Teil einer Ausstellung. Die Veranstalter wollten, dass das Thema Tod wieder mehr im Alltag der Menschen vorkommt. Wohl mit Erfolg. Denn über 20.000 Besucher kamen.
Die Kinder, die den Röhrenkasten gestaltet haben, haben alle in letzter Zeit einen lieben Menschen verloren. Mit den Bildern und Texten versuchen sie, ihre Trauer zu verarbeiten. Ich war erstaunt über die vielfältigen Vorstellungen der kleinen Künstler. Da ist wirklich alles dabei: Absolute Leere zum Beispiel. Oder tiefe Trauer über den erlittenen Verlust. Und auch hoffnungsvolle Bilder vom Paradies. Das schöne dabei: Die Kinder drücken sich oft klarer und verständlicher aus als die meisten Erwachsenen.
Der 12jährigen Moritz schreibt zu seinem Bild: „Ich glaube an einen Mund voll Erde. Da ist nichts mehr als unendliche Leere und Weite.“
Charlotte ist fünf und schreibt: „Wenn man gestorben ist, kann man nicht mehr essen und trinken. Und nicht mehr die Mama küssen.“
Am besten gefällt mir, was die 10jährige Maren zu ihrem Bild geschrieben hat. Sie bringt die große christliche Hoffnung auf ein ewiges und besseres Leben nach dem Tod auf den Punkt. Und das in zwei Sätzen. Maren schreibt: „Ich stelle mir vor, dass alles im Himmel weiter geht - nur anders. Und wer im Leben die Blumen nicht gegossen hat, der gießt sie jetzt.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=5600