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SWR3 Gedanken

„Ubunthu“ dachte ich, als ich die Frau mit den drei Kindern auf dem Bahnsteig beobach-tete. Sie hatte ein kleines Kind in einem Buggy dabei, die anderen beiden Kinder waren ungefähr vier und sieben. Der Bahnsteig in Arnhem war voll von Menschen: Geschäftleu-te, junge Reisende, ältere. Doch niemand sah die Probleme der Frau, sich, den Buggy und ihre drei Kinder in den Zug zu hieven; niemand sah sich genötigt, der Frau zu helfen.

„Ubunthu“ dachte ich, als sie mir das kleinste Kind in den Arm drückte und die anderen beiden hinter mir her in den ICE schickte. „Ubunthu“ bin ich in Afrika begegnet.
„Ubunthu“ heißt soviel wie "a person is a person through other people" - ein Mensch ist ein Mensch nur durch und mit anderen Menschen. Es bedeutet, dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile. Dass der Einzelne immer Teil des Ganzen, der ge-samten Menschheit ist.

Ich bin, was ich bin, weil es Menschen um mich herum gibt, die mir helfen, wenn ich mal nicht weiter weiß; die mir helfen, wenn ich Probleme habe. Menschen, die mich lieben, und Menschen, denen ich nur auf dem Bahnsteig begegne. Die mich brauchen.

„Ubunthu“ eben: Ich existiere nur durch und mit den Menschen um mich herum. Genau das ist es doch, was Jesus meinte, als er sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“
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„Ich bin von Gott gewollt“ – eine ältere Dame hat das mal zu mir gesagt: Ich bin von Gott gewollt. Dieser Satz lässt mich nicht mehr los.

Als Pfarrerin macht man oft Hausbesuche.
Und bei einem dieser Besuche hat mir diese ältere Dame ihre Geschichte erzählt:

Ich muss acht Jahre alt gewesen sein. Meine große Schwester hatte sich mal wieder über mich geärgert oder wollte mir einfach ihre Überlegenheit zeigen. Jedenfalls machte sie mich nach Kräften klein, dumm und hässlich und krönte das Ganze mit dem Satz: „Du solltest ja überhaupt nicht geboren werden, du warst nur ein Missgeschick und die Ärzte haben unsere Mutti gewarnt, du würdest tot oder zumindest blöde geboren werden!“
Ich war wütend, geschockt und verunsichert. Meine Eltern liebten mich doch?
Ich ging zu meiner Mutter und erzählte ihr alles. Und sie tat etwas sehr Kluges: Sie sagte mir die Wahrheit. Ja, ich war ein ungewünschtes Kind, meine Eltern waren eigentlich zu alt, hatten Schulden, meine Mutter war nicht ganz gesund. Und dazu das schreckliche Urteil der Ärzte, das mit der Geburt ein gewisses Risiko verbunden sei! „Kannst du dir vorstellen, wie wir uns gefreut haben, als du gesund und quicklebendig in meinen Armen lagst? Du musstest einfach geboren werden!“
Als ich wieder allein in meinem Zimmer war, erfüllte mich eine triumphierende Freude.
„Ihr habt mich nicht geplant und gewollt – aber Gott hat mich gewollt!“
Gott hat mich gewollt. Diese Überzeugung hat mich bis heute nicht mehr verlassen. Ob ich Gott nah oder fern bin; in guten Zeiten oder in Verzweiflung nicht wusste, wie es wei-tergeht - an der Tatsache, dass Gott mich wollte, habe ich nie gezweifelt.
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Wer fastet, erhält ein ganz neues Lebensgefühl.
Vor ein paar Jahren habe ich mal so richtig gefastet – also so mit ohne Essen. Die evan-gelischen und katholischen Frauenkreise hatten sich zusammengetan und zwischen A-schermittwoch und Ostern ein Fastenprojekt gestartet. Eine Gruppe von etwa 30 Frauen und Männer traf sich alle zwei Tage, man fastete, 14 Tage nur, aber immerhin – jeder für sich und doch gemeinsam, es gab Tipps und Tricks gegen Hungergefühl und dass man auch ja genügend trinkt, man lauschte Vorträgen, übte sich in Yoga, las die Bibel ge-meinsam und sprach darüber, wie es einem nun so beim Fasten, ohne Essen geht.

Man kann aber auch auf andere Art fasten als mit ohne Essen.
Man kann etwas nicht machen, auf etwas verzichtet: man kann bis Ostern mal bewusst kein Fleisch essen oder auch keinen Alkohol trinken; man kann statt jeden Abend vor der Flimmerkiste zu hocken und fernzusehen, sich mal bei der städtischen Bücherei anmel-den, sich von der freundlichen Bibliothekarin ein Buch empfehlen lassen und es dann tat-sächlich auch lesen.

Schön finde ich die Idee in den Tagen bis Ostern einmal zu versuchen, anders, bewusster zu leben. Ein Bekannter arbeitet von Montags bis Freitags bei der Bank und hat für die Kirche höchstens ein müdes Lächeln übrig. Bei dem sah ich vor ein paar Tagen ein Buch mit Sprüchen aus der Bibel liegen. Er hat sich vorgenommen, die nächste Zeit jeden Tag einen Bibelvers zu lesen.

Wer fastet - wie auch immer- macht eine seltsame Erfahrung:
Er tritt ein wenig zurück aus dem eigenen Leben, bekommt Abstand, betrachtet den All-tag mit anderen Augen. Um dann - irgendwie wieder zu spüren und zu merken:
Wie schön, wie kostbar ist doch dieses Geschenk ‚Leben’, das Gott uns da gemacht hat.
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Ich bin auf eine katholische Grundschule gegangen. Und am Aschermittwoch erhielt jedes Kind ganz selbstverständlich vom Priester ein Aschekreuz auf die Stirn. Egal, ob es nun katholisch, evangelisch, nicht- oder andersgläubig war. Und ob die Eltern das nun wollten oder nicht, wir Kinder wollten es.

Ich erinnere mich noch genau, wie das war. Wir warteten in einer langen Schlange, bis der Priester seine Hand ruhig auf jeden unserer Köpfe gelegt hatte. Mit seiner warmen Hand hat er unseren Kopf umfasst und dann mit zwei einfachen Bewegungen des Dau-mens jedem von uns ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet.

Meine evangelische Familie nahm es gelassen hin, dass ihr Kind, dass ich meine Stirn nicht waschen wollte, bis das Aschekreuz von alleine weggegangen ist.
Kinder haben eine unausgesprochene, eine unglaubliche Offenheit für „das Andere“, für die „besonderen Augenblicke“ im Leben. Wir haben als Kinder nicht verstanden, was die-ses Aschekreuz genau und für die Theologen und Priester bedeutet.

Wir wussten nichts davon, dass dieses Kreuz ein Zeichen der Buße und der Reinigung ist. Wir wussten nicht, dass dieses Kreuz die nun beginnende Fastenzeit, die bis Ostern geht, einleitet.

Was ich aber begriff, was sich meinem ganzen Körper einprägte und was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, das ist die Ruhe und der Frieden, der über dieser Szene lag. Dieses unbegreifbare Gesegnet-werden, das mit diesem einfachen Aschekreuz einhergin-gen.
Das ist Aschermittwoch für mich: ein Gefühl von Ruhe, von Frieden und Gesegnet-sein.
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Karneval ist lustig. Lustig und christlich. Ja, genau. Denn Karneval hat unbestreitbar christliche Wurzeln. Wie bei vielen anderen christlichen Begebenheiten geriet auch hier das Christliche etwas in Vergessenheit. Allein der Name ‚Karneval’ erinnert noch an seine christlichen Wurzeln. Wie auch die anderen beiden Namen: ‚Fastnacht’ und ‚Fasching’ .

Karneval kommt aus dem Lateinischen, von carne vale und bedeutet soviel wie: ‚Fleisch ade’ – also: ‚bis hierhin kannste noch Fleisch essen, dann aber nicht mehr’.
Die Fastnacht nun – das ist die letzte Nacht vor der Fastenzeit, die mit dem Aschermitt-woch dann beginnt.
Und schließlich Fasching, Fasching kommt vom mittelhochdeutschen vaschanc – und das ist das Ausschenken des Fastengetränks.
Karneval, Fastnacht, Fasching – die Idee, die dahinter steht, ist überall die gleiche: Jetzt kannste dich noch mal austoben und vollfressen, jetzt kann man noch mal ausgelassen sein, bevor dann mit dem Aschermittwoch die 40-tägige Fastenzeit beginnt. Gefastet wird dann bis Ostern.

Karneval feiert man hauptsächlich in – ursprünglich – katholischen Gegenden. Alles ist erlaubt an Karneval, auch und gerade das Parodieren der Kirchenoberen und die Kritik an der Kirche.

Heute sieht man eher selten einen verballhornten Kardinal Meisner auf einem der Fast-nachtsumzüge. Heute werden zumeist die Oberen der Politik, der Gesellschaft, der Wirt-schaft parodiert und kritisiert.

Was für eine Tradition: Einen Tag innehalten, über sich selber lachen, die tagtäglichen Begebenheiten auf die Schippe nehmen – ich bin stolz auf diese unsere christliche Tradi-tion.
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Helau und Alaaf - heute ist Rosenmontag! Apropos: wissen Sie eigentlich, warum der Rosenmontag Rosenmontag heißt?

Das hat nämlich mit einem Brauch aus dem Mittelalter zu tun.
Jedes Jahr am vierten Sonntag nach Karneval, in der Mitte der Fastenzeit weihte der Papst eine goldene Rose, eine „Tugendrose“. Das war eine aus Gold gearbeitete, diaman-tenbesetzte Rose, deren Goldknospe mit Balsam und Moschus gefüllt war. Was machte der Papst nun mit der Rose? Diese goldene Rose bekam eine herausragende Persönlich-keit des öffentlichen Lebens oder eine Institution verliehen, als Anerkennung für diese „Kämpfer des Glaubens“, die sich besonders um die Kirche verdient gemacht hatten, um sie für ihr kirchliches Engagement öffentlich zu ehren.

Und weil das so toll war, bekam der Sonntag den Namen Rosensonntag.

Später dann, als es den Rheinischen Karneval gab, hielt das Komitee, das die Umzüge vorbereitete, immer am darauf folgenden Montag, also dem Montag nach eben jenem Rosensonntag, seine Generalversammlung ab. Das Komitee nannte sich infolge dessen „Rosenmontagsgesellschaft“. Und diese „Rosenmontagsgesellschaft“ hat dem Tag, an dem die Karnevalsumzüge stattfinden, seinen Namen gegeben: Rosenmontag!

Die Geschichte entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie:
Am Rosensonntag bekamen damals herausragende Persönlichkeiten vom Papst eine gol-dene Rose.

Heute, am Rosenmontag nehmen wir eben diese „herausragenden Persönlichkeiten“ aus Politik und Kirche auf die Schippe. Rosen können die da nicht erwarten. Vielleicht ein paar Kamelle.

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Helau und Alaaf! Karneval ist in vollem Gange!
Groß und klein freut sich. Viele malen sich Herzen in die Gesichter, verkleiden sich. Han-nah will als rosa Prinzessin gehen, Malte als Cowboy. Das „Kind im Manne“ winkt uns fröhlich zu.
Karneval stupst mit einer roten Nase den Alltag um. Karneval ist subversiv. Es kehrt die Machtverhältnisse um. Karneval ist der Anti-Alltag, das Nicht-Normale.

Genau das feiern in ein paar Tagen auch die Juden. Purim heißt das jüdische Fest. Purim ist ein Fest voller Lachen. Kleine und große Kinder verkleiden sich. Und feiern in der Syn-agoge die Rettung des jüdischen Volkes durch die Königin Esther. Die Geschichte von Esther kennen auch wir Christen aus unserer Bibel.

Esther ist ein jüdisches Mädchen, wunderhübsch, aber arm. Der König des Landes ist auf der Suche nach einer Frau, die würdig ist, Königin zu werden. Wie das so ist, fällt sein Blick auf Esther. Er nimmt sie zur Frau. Und Esther wird vom armen Mädchen zur mäch-tigen Königin. Das Besondere an ihr ist: Sie vergisst nicht, wer sie ist und woher sie kommt. Als nun ein Hauptmann plant, alle Juden im Reich zu vernichten, da ergreift Es-ther die Initiative. Geschickt lenkt sie den König zu der Einsicht, dass nicht die Juden, sondern der Hauptmann den Tod verdient. Und so rettet Esther das jüdische Volk.

Diese Geschichte wird an Purim in der Synagoge gelesen. Es werden Witze gerissen und jedes Mal, wenn der Name des bösen Hauptmannes in der Geschichte vorkommt, wird viel Lärm mit Rasseln gemacht, oder man trampelt mit den Füßen.

Purim, Karneval, das ist ein lachendes Durchatmen vom manchmal erdrückenden Alltag.
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