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SWR3 Gedanken

Die kleine Lilly lernt schnell. Vor allem in Sachen Vorratshaltung hat sie schnell kapiert. Wenn die Milch am Frühstückstisch leer wird, plappert sie schon nach: „Mama, neue kaufen!“ Oder wenn sie den letzten Rest aus der Zahnpastatube drückt: „Mama, neue kaufen!“

Eines Tages eine herbe Enttäuschung auf dem Kinderspielplatz: Lillys Freundin muss heim. Plötzlich steht Lilly allein im Sandkasten. Sie überlegt kurz. Dann rennt sie zu Mama und sagt: „Mama, neue kaufen!“

Eine bittere Lektion für die kleine Lilly: wir können uns nicht alles kaufen im Leben, schon gar keine Freunde. Und eigentlich ist es mit allen wirklich wichtigen Dingen so. Kein Supermarkt der Welt bietet Frieden an, Glück schon gar nicht. Und auch keine Gesundheit oder die Liebe meines Lebens. Diese Werte sind eben so wertvoll, dass ich sie mit keinem Geld der Welt kaufen kann.

Allerdings kann ich etwas investieren, um sie zu erhalten. Ein Freund läuft mir niemals von alleine zu, außer er ist vielleicht ein Hund. Freundschaft braucht gemeinsame Zeit für Gespräche und Unternehmungen. Oder die Gesundheit: um sie zu erhalten muss ich auf meine Ernährung achten und etwas Sport treiben. Sogar für den Frieden, für Glück und für die Liebe kann ich einiges tun, aber eben kein Geld bezahlen. Und ich habe schon gar keinen Anspruch auf Garantie.

An diesem Punkt wird mir immer wieder bewusst: All die Dinge, die ich nicht kaufen und durch neue ersetzen kann – also Freunde, Frieden, Glück, Gesundheit, Liebe – all diese Dinge sind Geschenke. Und so versuche ich auch damit umzugehen.
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Was haben Lukas Podolski und Barack Obama gemeinsam? Sie werden beide derzeit als „Messias“ gefeiert. Der eine als Heimkehrer beim 1. FC Köln, der andere als neuer Präsident der USA. Beiden wird vom Volk eine Art Retter-Rolle zugetraut. Podolski soll die Spielkultur beim FC retten und ihn aus der Torflaute erlösen. Und Obama soll die Wirtschaft retten und uns von Umwelt- und Sozialproblemen erlösen.

Der Begriff „Messias“ wird immer wieder für Menschen verwendet, in die große Erwartungen gesetzt werden. Heilsbringer sozusagen. Aber eigentlich ist es ein Begriff aus dem religiösen Bereich. „Messias“ kommt aus dem Hebräischen und heißt übersetzt „Gesalbter“, auf lateinisch „Christus“. Für uns Christen ist Jesus der „Christus“, der „Messias“.

Aber warum eigentlich „Gesalbter“? Im Alten Testament wurden die Könige Israels als „Gesalbte“ bezeichnet. Und tatsächlich wurde ein König auch mit Öl gesalbt, wenn er sein Regierungsamt antrat. Das sollte zum Ausdruck bringen: dieser Mensch ist von Gott beschützt und bevollmächtigt. Deshalb werden wir Christen bei unserer Taufe ja auch mit dem Chrisamöl gesalbt. Das heißt: auch wir sind von Gott beschützt. Und wir sind bevollmächtigt, in dieser Welt zu leben und zu wirken.

Die Menschen haben zu allen Zeiten schon die Hoffnung gehabt, dass irgendwann einmal ein König oder ein Regierungschef kommt, der alle politischen und sozialen Hoffnungen erfüllt. Und auch die Fußballfans warten oft auf einen, der die Mannschaft führt oder die Dinger endlich rein macht. Einen Heilsbringer eben.

Ich finde, Obama und Podolski müssen da einen ganz schön großen Druck aushalten. Und wahrscheinlich ist es besser, wenn die Erwartungen in solche Menschen nicht zu hoch geschraubt werden. Umso besser, wenn´s dann trotzdem klappt.
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Peinlich, peinlich: Die US-Politikerin Ileana Ros-Lehtinen ist gerade als Abgeordnete wiedergewählt worden, da klingelt das Telefon. Ein Mann will ihr gratulieren und stellt sich als Barack Obama vor. Der Präsident ruft einfach so an? Muss ein Scherz sein, denkt sich Frau Ros-Lehtinen und legt auf. Kurz darauf noch ein Anruf. Wieder aufgelegt.

Sie ahnen es schon, oder? Der Anrufer war wirklich Barack Obama. Am Abend hat er es dann mit Hilfe eines Freundes geschafft. Der musste bei Frau Ros-Lethinen anrufen und ihr den Präsidenten ankündigen. Später in einem TV-Interview sagt sie: „Peinlich, ich habe dem mächtigsten Mann der Welt den Hörer aufgelegt, und das gleich zwei Mal!“

Das Alte Testament steckt voll solcher Geschichten von „aufgelegten Hörern“: Der Prophet Samuel zum Beispiel: Gott muss ihn drei Mal aus dem Schlaf reißen. Und jedes Mal denkt der junge Samuel, es sei der Priester Eli, der ihn ruft. Schließlich weist Eli Samuel darauf hin, dass es vielleicht Gott ist, der ihn sprechen will.

Das Problem mit Gottes Stimme ist wahrscheinlich, dass sie selten so richtig eindeutig wahrnehmbar ist. Oft rechnen wir gar nicht damit. Vielleicht steckt Gottes Stimme in einem Tipp eines Freundes, oder in einer Situation, die mich anrührt und aufwühlt. Vielleicht sogar mal in einem guten Buch oder einem Zeitungsartikel, der mich aufhorchen lässt.

Und dann ist da noch der Samuel-Effekt, oder auch der Ros-Lethinen-Effekt: der kleine Zweifler in mir, der nicht daran glaubt, dass Gott gerade bei mir anruft.

Der Dominikanermönch Yves Congar hat dieses Problem wohl auch gekannt. Er hat nämlich einmal gesagt: „Gott ruft jeden, aber mit anderer Stimme.“ Ich glaube, die große Kunst besteht darin, Gottes Stimme unter den vielen anderen herauszufiltern. Und dann natürlich: ihr zu trauen.
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Jesus schleppt sich den Weg zur Schädelhöhe hinauf. Die Folter steckt ihm noch in den Knochen, und das Gewicht des Kreuzbalkens drückt ihm auf die Schultern. Er ist am Limit.

Der Legende nach springt eine junge Frau aus der Zuschauermenge. Ein gewagtes Unternehmen, denn die römischen Soldaten sind nicht zimperlich. Die Frau heißt Veronika, eine Anhängerin Jesu. Sie hat Mitleid, will ihm etwas Gutes tun. Liebevoll wischt sie ihm mit einem Tuch Blut, Schweiß und Staub vom Gesicht. Dann ein Wunder: Das Gesicht Jesu bleibt als Abdruck auf dem Schweißtuch sichtbar.

Es wurde viel um diese Legende gestritten: ob sie stimmt oder nicht. Und wenn ja, ob es das Schweißtuch bis heute noch gibt. Ob es in Rom oder in Manopello liegt. Zweitrangig, finde ich. Aber fast jede Legende hat einen wahren Kern.

Der Kern der Veronikageschichte könnte sein: Gott hat ein Gesicht. Er ist nicht nur ein philosophisches Prinzip, sondern hat sich den Menschen in Jesus gezeigt. Gott hat ein Gesicht, und zwar aus Blut und Schweiß, aus Staub und Tränen. Also ein Gesicht, dem das Leid der Menschen nicht fremd ist.

Interessant finde ich auch, dass sich das Gesicht gerade der Veronika zeigt. Eine Frau, die im Kreuzigungsspektakel nicht nur Zuschauerin bleibt. Sie tritt heraus aus dem Mob, wagt etwas, riskiert den Zorn der Soldaten. Und sie handelt aus Liebe.

Heute feiert die Kirche den Gedenktag der Heiligen Veronika. Ihr Name setzt sich aus den lateinischen Worten „vera“ und „icon“ zusammen. Das heißt übersetzt „wahres Bild“. Die Legende könnte uns also auch noch sagen: Wer so mutig und hilfreich handelt wie Veronika, dem zeigt Gott sein wahres Gesicht. Und zwar nicht nur flüchtig, sondern dauerhaft. Wie ein Abdruck eben.
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Alle, die Halsweh haben oder sich davor schützen wollen: Sie könnten es mal statt mit Pillen und Tropfen mit etwas anderem versuchen. In katholischen Kirchen wird heute der Blasius-Segen erteilt. Der Spender des Segens hält dabei zwei gekreuzte Kerzen in der Hand und sagt: „Auf die Fürsprache des Heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheit und allem Bösen.“
Der Brauch geht zurück auf den Heiligen Bischof Blasius. Er lebte um 300 n. Chr. in der heutigen Türkei. Der Legende nach soll er im Gefängnis einen Jungen geheilt haben, der eine Fischgräte verschluckt hatte. Deshalb wurde er zum Schutzpatron für Halskrankheiten aller Art.
An der Legende könnte sogar etwas Wahres sein, denn Blasius war von Beruf Arzt, bevor er zum Bischof gewählt wurde. Und im Gefängnis war er wohl auch, denn die Christenverfolger des römischen Kaisers Licinius hatten ihn wegen seines Glaubens verfolgt und in einer Waldhöhle aufgespürt.
Als es Blasius an den Kragen gehen soll, erweist er sich aber als extrem resistent gegen die Quälereien der Soldaten. Mit eisernen Wollkämmen wird ihm die Haut zerfetzt, in einen See wird er geworfen, doch es hilft alles nichts. Dank seines standhaften Glaubens erträgt und überlebt er die Folter. Schließlich greifen die Soldaten zum Schwert und enthaupten ihn.

Sein Leben hat der Bischof viel zu früh eingebüßt. Nicht aber seine Anziehungskraft. Bis heute vertrauen viele Menschen auf den Blasius-Segen als Schutz vor Halskrankheiten.

Nun könnte man natürlich einwerfen: alles Hokus-Pokus, purer Aberglaube. Mag sein. Aber vielleicht will uns die Legende mit der Fischgräte daran erinnern, dass wir Menschen nicht alles in der Hand haben. Das wichtigste im Leben wird uns oft geschenkt. Zum Beispiel die Gesundheit.
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Manchmal versteh ich nur noch Bahnhof, wenn sich meine Neuntklässler in der Pause unterhalten. Kein Wunder, Jugendsprache ist eine Wissenschaft für sich. Da gibt es zum Beispiel den „MoF“ – M O F. Übersetzt heißt das „Mensch ohne Freunde“, also Einzelgängertypen. Die Jugendsprache unterscheidet dabei verschiedene Arten: den Computer-MoF zum Beispiel. Oder den Stink-MoF, den Streber-MoF und den Angeber-MoF. Alles Gründe, unbeliebt zu sein.
Laut neuester Forschungsergebnisse haben MoFs doppelt Pech: sie sind nicht nur alleine, sondern auch öfter krank als andere Menschen. Amerikanische Forscher haben ein Experiment gemacht: sie haben gesunden Menschen ein Erkältungsvirus verabreicht. Die Menschen mit einem guten sozialen Netzwerk haben sich deutlich weniger infiziert als Einzelgänger.
Die Forscher vermuten, dass der so genannte Wohlfühlfaktor ausschlaggebend ist für das Testergebnis. Dieser Faktor beeinflusst gezielt den Hormonhaushalt. Und dieser dann das Immunsystem. Das Ergebnis der Studie heißt vereinfacht also: Gute Freunde sind gut für die Gesundheit.
Ich finde, es ist gar nicht so leicht, gute Freunde zu finden. Und MoFs können da auch ein Lied von singen. Freundschaften fliegen mir eben nicht einfach zu. Ich muss etwas dafür tun und ich muss sie pflegen. Das heißt: nicht nur regelmäßig Zeit haben für meine Freunde, sondern auch ehrlich sein, Respekt vor ihren Macken und Meinungen haben, zuverlässig und hilfsbereit sein.
Das kostet manchmal einige Mühe. Aber es lohnt sich. Nicht nur wegen der Gesundheit, sondern weil ich bei einem guten Freund einfach so sein kann, wie ich wirklich bin.

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Amtseinführung von Barack Obama in Washington. Am Abend steigt die wohl größte Party der US-Geschichte. Auf den Straßen, in den Kneipen und Luxushotels wird getanzt, gegessen und gefeiert. Wer dabei sein will, muss allerdings entweder Freunde oder Verwandte in Washington haben, oder tief in die Tasche greifen. Hotelzimmer sind Mangelware und kosten Unsummen.
Der 60jährige Multimillionär Earl Stafford hat das wohl geahnt. Bereits in der Wahlnacht, also Anfang November, hatte er im Luxushotel Mariott angerufen. Dabei hat er sämtliche 300 Zimmer und Suiten für die drei Tage um die Amtseinführung angemietet. Kostenpunkt: eine Million Dollar. Das Erstaunliche aber: Stafford hat das Hotel nicht etwa für sich und seinen Freundeskreis angemietet. Er hat Menschen eingeladen, die in ihrem Leben bisher eher Pech hatten: Opfer der Finanzkrise, unheilbar Kranke, Obdachlose, Kriegsversehrte.
Eine weitere Million gibt Stafford für Essen und Trinken aus. Wer will, bekommt zusätzlich Abendgarderobe ausgeliehen und einen Haarschnitt vom Promifriseur. Stafford macht keinen großen Wirbel um die Aktion. Er sagt: „Ich stamme aus kleinen Verhältnissen und weiß, was Not bedeutet. Dies ist mein Dankeschön für ein Leben voller Glück.“
Man könnte sicher streiten, ob zwei Millionen Dollar nicht nachhaltiger angelegt werden könnten. Aber Stafford handelt, wie es Jesus einmal empfohlen hat, als er bei einem reichen Juden eingeladen war. Da sagt Jesus nämlich: „Wenn du ein Essen gibst, dann lade nicht Verwandte oder reiche Nachbarn ein. Nein, lade Arme, Behinderte und Kranke ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht zurückgeben.“
Ich finde, es muss ja nicht gleich eine Zwei-Millionen-Dollar-Party sein. Aber ein Auge, ein Ohr oder eine Hand für die Benachteiligten zu haben, das gehört für mich als Christ einfach dazu.

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