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SWR3 Gedanken

Arme Leute, die gibt’s immer. In jedem Land und zu jeder Zeit.
Jesus hat einmal gesagt: Arme werdet ihr immer bei euch haben.
Arme? Haben wir die wirklich bei uns? Zwischen uns in den Kirchenbänken?
Haben wir eher nicht.

Warum? Weil die Armen sich verstecken. Selbst wenn sie da sind,
siehst du sie nicht. Jedenfalls werden die alles dafür tun, dass du sie nicht erkennst.

Am schlimmsten ist das für die Kinder aus armen Familien.
Um die Armut eines Kindes zu erkennen musst du genauer hinsehen.

Es erfindet häufig Ausreden und lügt, dass es kracht. Nur, damit du nicht erkennst, wie arm es ist. Es fehlt häufig in der Schule, ist unsportlich, kann nicht Fahrrad fahren, schwimmen, Schlittschuhlaufen oder auf Bäume klettern. Ein armes Kind erkennst du daran, dass es oft verängstigt oder aggressiv ist, zu dick oder zu dünn, mit schlechten Zähnen und schlechter Ausdrucksweise. Mit der Schere schneiden oder einen Stift halten, das lernt es erst in der Schule oder in der KiTa, nicht zuhause. Es ist häufiger krank als andere, hat kaum Freunde, keine Hobbies.

Es erfindet Ausreden, wenn es zu Geburtstagen eingeladen wird oder zu seinem Geburtstag einladen soll. Ein armes Kind erkennst du daran, dass materielle Dinge ganz wichtig sind. Es hat schon früh ein Handy, eine Play-station. Es schaut zu viel fern und liest zu wenig oder gar nichts.

Ein armes Kind kommt kaum aus seiner Straße heraus und fährt nicht in Urlaub. Es trägt schlechte oder unpassende Kleidung und kaputte Schuhe. Ein armes Kind hat vor allem eines zu verbergen: die Armut seiner Familie!

Arme werdet ihr immer bei euch haben, sagt Jesus. Bei euch! Wir können es auch sehen. Wenn wir nur die Augen aufmachen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5323
Vesperkirchen und Suppenküchen und Tafelläden, überall in allen Städten unseres Landes gibt es immer mehr solcher Einrichtungen. Irgendwann haben Leute angefangen, für Bedürftige etwas anzubieten. Fast überall mit der Idee, dass Armut in unserem Land nicht normal ist.

Fast alle, die mitarbeiten in solchen Projekten, wünschen sich vor allem den einen Erfolg: dass irgendwann Leute nicht mehr Schlange stehen müssen wegen verbilligter Lebensmittel. Nicht mehr für einen Euro in den Vesperkirchen essen müssen.

Wir wünschen uns, dass wir in Mannheim irgendwann keine Vesperkirche mehr brauchen. Weil Gerechtigkeit sich ausbreitet schon hier und heute und dann alle sich leisten können, was das Leben gut und schön macht:

Weiße Zähne, eine Lebensversicherung, Handschuhe und Mütze, eine Sonnenbrille, eine warme Jacke, eine halbe Stunde alleine Zeit im Badezimmer, ein Theater-Abo, ein Hobby, mein eigenes Bett, Freizeit, Feierabend, täglich eine warme Mahlzeit, einen Schulabschluss, einen Balkon, ein Theaterabo, Verantwortung, Stress im Job, ein Kräuterbeet, gefütterte Stiefel, Reisesouvenirs, ein Fahrrad, etwas wofür ich gelobt werde, einen guten Freund, einen Haufen Bekannte, Tanzschuhe, eine bezahlte Stromrechnung, jemand der mir gerne zuhört, eine Familie die einen mag. Schöne Erinnerungen und eine behütete Kindheit, täglich frisches Obst und ein Gehaltskonto...

Dass alle das haben- sollte wieder normal werden. Nie aber die Armut!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5322
„Die Schwachen der Welt hat Gott erwählt, um die Starken zu beschämen. Die Geringen und die Verachteten der Welt hat Gott erwählt, die nichts gelten, um denen die etwas sind, die Macht zu nehmen. Das geschieht, damit sich kein Mensch aufgrund von Wohlstand und Erfolg von Gott unabhängig wähnt.“ Paulus, der Apostel Jesu Christi, schreibt diese Worte in einem Brief an die Gemeinde in Korinth, vor etwa 2000 Jahren.

Die Geringen und die Verachteten. Heute wären das wohl die Hartz IV Empfänger, die Kassenpatienten, die psychisch Kranken, die Langzeitarbeitslosen, die Frührentner, Kinder aus den Migrantenfamilien, Analphabeten, Schulabbrecher, Kriminelle, Geschlagene, nicht so Gescheite, nicht so Ehrgeizige, nicht so Durchsetzungsstarke, Obdachlose, Flüchtlinge, Illegale. Die und all die anderen Verlierer, die hat Gott erwählt.

Warum? Damit die anderen sehen, dass sie ihren Erfolg und ihren Reichtum nicht selbst produziert haben. Vorstandsvorsitzende von Banken. Unternehmensführer und Manager. Profiteure von Weltwirtschaftssystemen. Und wenn sie jetzt Schwächeanfälle erleiden, wird mit ihnen ein ganzes System in Frage gestellt und beschämt. Schämen sollen sich alle, die immer meinten, es wäre gerecht und angemessen, dass sie Millionen verdient hätten. Angemessen- gemessen am Hungerlohn einer Putzfrau oder am Regelsatz einer Hartz IV Empfängerin, die versucht, damit ihre Kinder groß zu ziehen. Gott beschämt die Starken, die Reichen, die sich für weise halten in dieser Welt, schreibt der Apostel Paulus. Deswegen:

Lassen es wir nicht zu, dass jetzt wieder nur die Schwachen und Armen und neuen Arbeitslosen sich schämen und unter der Krise leiden!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5321
Ich will von Björn erzählen, 32 Jahre Leben.
Björn hab ich lange begleitet. Als er zwei war ist sein Vater gestorben.
Als er vier war hat sein Stiefvater angefangen, ihn zu missbrauchen.
Mit neun der erste Selbstmordversuch. Die Mutter blieb beim Stiefvater, Björn landete in der Psychiatrie. Danach Sucht und das Leben auf der Straße.

Er hat das alles geschafft. Er hat Freunde gefunden und Hilfe,
hat Entzug gemacht, war seit Jahren stabil, hat mitgearbeitet bei einer Obdachlosenzeitung. Und er hat sich sogar verliebt, das war schwierig. Dann die erste eigene Wohnung in seinem Leben, die Kaution geliehen, die Einrichtung zusammengestellt aus Geschenken und Hinterlassenschaften.
Und jetzt ist Björn gestorben. Zwei Tage vor Weihnachten. Herzinfarkt nach einer Lebensmittelvergiftung. 32 Jahre und sein Leben sollte gerade beginnen.

Wenn Björn kein Engel ist, ist Gott kein Gott
und das Dunkel bleibt Dunkel.
Aber Gott ist Mensch und lebt in allen Menschen,
deren Leben nur Dunkelheit ist.
In diese Dunkelheit hinein ist Gott geboren, darauf vertraue ich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5320
„Die Kirche ist das Haus vom lieben Gott, aber der ist dort nie. Das wundert mich nicht, denn in seinem Haus ist es immer mörderisch kalt. Der liebe Gott ist nicht doof. Er ist lieber da, wo es warm ist in den Wolken, wo ihm die Sonne auf den Buckel scheint.“

So sieht das Icare in der Autobiographie einer Pflaume. Es ist die Geschichte von einem kleinen Jungen, der in seinem Leben schon viel ausgehalten hat. Bis er in einem Heim landet, wo es immerhin zu Essen und keine Schläge gibt.

Solche wie Icare treffen wir täglich in der Mannheimer Vesperkirche.
Jeden Tag über vierhundert Leute, die hier essen und sich unterhalten.
Manche, die auf der Straße leben, viele in Unterkünften für Wohnsitzlose, fast keiner hat Arbeit und viele sind krank an Leib oder Seele.

Und seit sie nun hierher kommen, ist diese Kirche nicht mehr so ist wie sie einmal war, nämlich sauber und aufgeräumt, dafür aber kalt und leer.
Inzwischen ist das ganz anders. Inzwischen sind hier das ganze Jahr über immer irgendwelche Leute. Und die Kirche ist meistens offen und geheizt.

Und immer wieder sehe ich jemand reinkommen und denke:
Ach der liebe Gott ist auch wieder da.
Mal setzt er sich hinten in die Bank, macht ein Nickerchen
und verschwindet nach einer Weile wieder. Manchmal ist er aber auch mit denen unterwegs, die ganz aufgelöst hereinkommen. Und neulich war er zuhause bei der Frau, die wieder geprügelt worden ist, aber eigentlich nicht ins Frauenhaus wollte.

Ganz oft setzt er sich zwischen die Kinder, die immer irgendwelche Frechheiten von sich geben, von denen sie nicht wirklich wissen was sie bedeuten. Der liebe Gott ist oft bei uns zu Gast.

Und dafür bin ich wirklich dankbar all denen die kommen.
Es sind Leute, die ihre Armut und ihre Traurigkeit nicht verbergen, wenn sie hier beisammen sitzen. Sie spenden sich gegenseitig Trost und werden so einander zur Heimat.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5319
„Arme werdet ihr immer bei euch haben“,
sagt Jesus seinen Jüngern –
in einem dieser Momente, in dem sie ihn nicht verstehen:

Eine Frau salbt Jesus die Füße, kostbares Duftöl tropft zu Boden,
sie netzt seine Füße mit ihren Tränen, trocknet sie mit den Haaren.
Und irgendeiner fängt an zu rechnen: „Wieviele Arme hätten davon gespeist werden können!“ Aber Jesus weist ihn zurecht. „Arme werdet ihr immer bei euch haben“ sagt er.

Ich liebe diese Szene. Sie sagt mir: Liebe erweist sich im Überfluss.
Das ist das Besondere an dieser Geschichte. Jesus lässt sich im Überfluss beschenken. Und er sagt uns: Auch wenn es weiterhin Not gibt,
dürfen und sollen wir uns einander zuwenden in Freundschaft und Liebe, Gesten voll Aufmerksamkeit, Geschenke jenseits der Notwendigkeit.
Parfum statt Pürierstab, Tanzschuh statt Taschenrechner, Nicht „warmsattsauber“ sondern Gottes Fülle für alle.

In der Mannheimer Vesperkirche kommen derzeit täglich über vierhundert Bedürftige zusammen, sie bekommen warmes Essen, Kaffee und Kuchen,
einen Vesperbeutel für den Abend und wer es braucht einen Schlafsack,
wenn wir haben auch ein paar Handschuh, ein Gespräch und Sozialberatung. Und das Besondere:
es sind immer wieder die Hilfsbedürftigen selbst, die uns Helfer überschwänglich beschenken. Mit einem herzlichen Brief, einer Tafel Schokolade, einem Dankeswort, auch eine Flasche Wein, Lächeln und Gesten.

Freundliche Gemeinschaft und immer neu überwältigende Aufmerksamkeit sind hier lebendig zwischen all den Bedürftigen. Künstler beschenkten die Vesperkirche mit ihrer Musik, mit Kabarett und Tanz – alles überflüssig,
Und genau diese Sorte Überfluss ist es,
die die Tür weit öffnet zu Gottes Reich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5318
Was bleibt von Weihnachten? Jetzt, vier Wochen danach?
Die Krippe steht an manchen Orten noch
aber kein Stern scheint mehr.
Die Weisen aus dem Morgenland kehren auf Schleichwegen zurück in ihr Land. Nur nicht zu Verrätern werden, sie haben Herodes schon zuviel gesagt,
haben ihn schon auf die Fährte des Kindes gebracht. Und Maria und Josef zu Fuß auf der Flucht, auf einem Esel mit einem Neugeborenen.
Josef rettet das Leben des Kindes und der Mutter auf einem Weg der wie durch den Tod hindurch ins Leben führt.

In Bethlehem kommt das Grauen in Gestalt der Soldaten des Herodes.
Sie zerren Babys aus den Armen der Mütter. Schlachten sie ab. Jedes könnte der neue König sein, vor dem Herodes sich so fürchtet, weil es seine Macht bedroht. Schreie erfüllen die Luft, Schreie bis zum Himmel. Und Jesus gerettet in den Armen seiner Mutter bewahrt vor dem Schlimmsten.

Wie fühlt sich das an, ein Leben zu leben, im Schatten dieser Bilder - ob ihm seine Mutter davon erzählte? Ob sie versucht hat alles von ihm fern zu halten? Er ist nicht schuld, er hat nicht getötet. Aber er wurde gerettet und die anderen nicht. Wieso hat der Engel nicht anderen Vätern auch ins Ohr geflüstert? Oder waren die taub? Wie konnte Gott das zulassen?

Schatten auf der Seele eines Kindes. Schatten auf der Seele eines Menschen,
der nicht einfach sagt: mir doch egal, ich kann nichts dafür. Schatten auf der Seele der Frau die zuhause verprügelt wurde und sucht in sich nach der Schuld. Schatten auf der Seele. Der junge Typ der es nicht schafft eine Arbeit zu behalten. Er ist überzeugt: es liegt an ihm selbst andere kriegen es ja auch irgendwie hin...

Schatten auf der Seele. Gott erspart sie nicht einmal seinem eigenen Kind. Solang er klein ist, retten ihn die Eltern. Aber als Erwachsener ist er wehrlos gegen die, die ihn anklagen;

Gott selbst lebt im Schatten der Schuld.
Und genau deswegen gibt es Licht mitten im Dunkel
und die Engel singen sogar auf der Flucht
und in der Vertreibung steht der Himmel offen.

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