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SWR3 Gedanken

Wenn ich unsere kleine Tochter Emma abends ins Bett bringe, ist die Welt meist in Ordnung, bis ich ihr Kinderzimmer verlassen will. Dann wird aus einem munteren Kleinkind die pure Verzweiflung. „Du gehst in die Küche“, stammelt sie. Und weiß, was sie meint. Du verschwindest jetzt nicht aus meinem Leben, wenn die Tür sich schließt. Du bist auch dann noch da, wenn ich dich nicht sehe. „Ja“, sage ich, „ich gehe in die Küche. Ich bleibe ganz in deiner Nähe.“

Und so ist es ja auch. Ich gehe in die Küche oder ins Wohnzimmer. Und sobald sich im Kinderzimmer etwas regt, bin ich zur Stelle. Ich weiß das. Aber einen kleinen Rest von Zweifel hegt die kleine Emma wohl doch noch. Nicht umsonst beschwört sie mich ja deshalb jeden Abend von Neuem: Du gehst in die Küche. Du läßt mich keinesfalls allein, auch wenn ich dich nicht sehe.

Wie der kleinen Emma geht es vielen, auch wenn sie erwachsen sind. Allerdings nicht mit ihren Müttern, sondern mit Gott. Sie vermuten ihn vielleicht nicht in der Küche, aber eben im Himmel. Und möchten von Herzen gerne glauben, dass er ihnen auch dort ganz nah ist. Und dass er jederzeit zur Stelle sein kann, wenn sie ihn brauchen. Dass er sie keinesfalls alleine läßt. Auch wenn sie ihn nicht sehen.

In der Bibel klingt das dann zum Beispiel so: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Mit anderen Worten: Auch da hat jemand Angst in der Dunkelheit und hofft verzweifelt darauf, gerade dann nicht alleine zu sein. Dass Gott immer da ist, geheimnisvoll unsichtbar, ganz und gar selbstverständlich. Wie Mutter und Vater, die nach dem Gutenachtkuß ja eben auch nicht ins Nichts verschwinden, sondern in der Nähe bleiben.

Und wenn mich einmal wieder die Zweifel plagen, ob Gott mich allein gelassen hat oder ganz in meiner Nähe ist, dann denke ich an meine Emma, die ja trotz und alledem jeden Abend getröstet einschläft. Weil sie mich nicht sieht und sich doch ziemlich sicher ist, dass ich eben in der Küche bin.
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„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ So lautet die biblische Losung für das Jahr 2009. Ein Wort mit vielen Facetten. Eine davon ist mir besonders wichtig. Dazu folgende Geschichte:

Als Jesus noch am Anfang seines Weges durch Galiläa ist, sucht er sich eine Schar von Freunden aus. Einer davon ist Matthäus. Der ist von Beruf Zöllner. Jesus begegnet ihm an seinem Zollhäuschen und fragt ihn, ob er mit ihm kommen will. Und das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Die aber viele andere gar nicht so wunderbar finden.

Denn Zöllner ist zu jener Zeit ein Beruf am ganz unteren Rand der Beliebtheitsskala. Zöllner sind Halsabschneider, Kollaborateure, Wucherer. Und mit so einem will Jesus befreundet sein? Das wäre so ähnlich, als würde ich mit einem Kredithai Freundschaft schließen. Da wären alle anderen um mich herum auch nicht besonders erbaut. Und womöglich würden sie sagen, was jene damals auch sagen: Was soll denn das? Das ist doch ein ganz und gar unmöglicher Mensch.

Der unmögliche Mensch Matthäus geht also mit Jesus seinen Weg. Und bleibt bei ihm bis fast zum Schluß. Mit seinem Zöllnerdasein hat er nichts mehr am Hut. Und nach Jesu Tod und Auferstehung finden wir ihn wieder im Kreis der Jünger, die Jesu Botschaft weiter in die Welt hineintragen. Ja, ist denn das die Möglichkeit?

In der Tat ist das die Möglichkeit. Denn genau deshalb wählt sich Jesus auch solche Freunde aus. Huren, Zöllner, Pack und Gesindel. Ganz und gar unmögliche Menschen, mit denen keiner etwas zu tun haben will. Um zu zeigen, dass bei Gott immer noch etwas möglich ist. Dass Gott andere Maßstäbe anlegt, als wir Menschen das oft tun.

„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Die Worte der Jahreslosung 2009 machen Mut, Menschen mit Jesu Augen zu sehen. Ohne Urteile und Vorurteile, sondern mit einem Blick für die Chancen und Möglichkeiten. Und wer weiß? Vielleicht ist da oft viel mehr möglich, als ich für möglich gehalten hätte.
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Karl hat den zweiten Weltkrieg erlebt. Als kleiner Junge. Obwohl das schon über sechzig Jahre her ist, hört er noch immer in manchen Nächten die Bomben fallen. Erlebt sich in der Dunkelheit eines Luftschutzkellers und sieht die Großmutter, die sich auf ihrem Kissen wiegt. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Wie ein Mantra, sagt Karl. Sie hat es immer wieder gesprochen. Bis der Bombendonner aufhörte.

Seine „eiserne Ration“. So nennt Karl dieser Worte. Die Worte des 23. Psalms. Sie haben sich ihm eingeprägt. Für’s Leben. „Wenn es mir schlecht geht, wenn ich einen Druck auf der Brust habe, dann kommen sie, diese Worte, ganz automatisch“, sagt Karl. „Und dann bin ich wieder in diesem Keller, sehe meine Oma und fühle mich aufgehoben. Ist das nicht seltsam?“

Ich finde das nicht seltsam. Ich habe den zweiten Weltkrieg nicht erlebt. Aber ich weiß um die Bedeutung von Worten, von „eisernen Rationen“. Die helfen, trösten, erleichtern, entlasten. Wenn es nötig ist. Eine meiner „eisernen Rationen“ ist ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer. Da heißt es: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“ Wenn es ganz dicke kommt, schließe ich die Augen und spüre, wie die vertrauten Worte aus meinem Kopf zu meinem Herzen wandern: Von guten Mächten wunderbar geborgen.

Andere Menschen haben andere „eiserne Rationen“. Das Vater Unser zum Beispiel. Oder das Abendgebet, das sie in ihrer Kindheit begleitet hat. Vertraute Worte, die in der Tiefe der Seele Heimat haben. Und an manchen Stellen des Lebens ganz einfach da sind, wenn man sie braucht. „Eiserne Rationen“ für die Seele.

Eine möchte ich Ihnen heute noch mit auf den Weg geben. Nämlich das Segenswort, das am Ende jedes Gottesdienstes steht. Sozusagen als „eiserne Ration“ für die Woche. Und das geht so: Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

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Von Zeit zu Zeit verweile ich vor einem Regal voller Kosmetika und überlege, ob ich meinem Gesicht etwas Gutes tun soll. Da fällt mein Blick auf ein Produkt mit der knackigen Bezeichnung „Anti-Mimikfalten-Gesichtsmaske“. Anti-Mimikfalten-Gesichtsmaske. Hä?

Im Kleingedruckten werde ich folgendermaßen aufgeklärt: „Es sind 26 Mimikmuskeln, die in unserem Gesicht unser Lachen, Weinen, unsere Anspannung und Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Besonders im Bereich um Augen und Mund entstehen die eher ungeliebten Mimikfalten“, heißt es da. Und Dinge, die ich ansonsten eher aus der Küche kenne, wie Olivenöl und Granatapfel, sollen dem Übel im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rücken.

Nun stehe ich also vor dem Regal und betrachte mein Gesicht im Spiegel. Meine Mimikfalten. Stimmt, da sind sie. Besonders im Bereich um Augen und Mund. Und ich weiß, woher sie kommen. Einen Teil davon habe ich von den lustigen Abenden mit Freunden, bei denen wir uns wegen nichts und wieder nichts schief gelacht haben. Ein paar Falten verdanke ich sicher auch meiner Tochter, weil ich einfach lächeln muß, wenn sie tanzt oder singt.

Ach, und da die Furchen zwischen Mund und Nase. Sie erzählen von Momenten, in denen ich nervös auf eine Prüfung wartete, mich tierisch über jemanden geärgert habe oder traurig an einem Grab stand. Mit anderen Worten: Jede einzelne Falte und Furche in meinem Gesicht erzählt eine Geschichte aus meinem Leben. Mein Gesicht ohne diese Falten? Wie langweilig.

Deswegen lege ich die Anti-Mimikfalten-Gesichtsmaske wieder zurück ins Regal und beschließe, meinem Gesicht etwas wirklich Gutes zu tun. Ich besuche eine Freundin, trinke mit ihr Kaffee und wir lachen uns schief wegen nichts und wieder nichts. Alle 26 Mimikmuskeln haben reichlich zu tun. Dann gehe ich nach Hause und esse einen Salat mit Olivenöl und Granatapfelkernen. Mein Spiegel zeigt noch immer ein Gesicht mit Falten und Furchen. Aber es ist mein Gesicht. Und es gefällt mir.
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In einer Kirche entdecke ich eine Wand mit Gebetszetteln. Ausgefüllt von Menschen im Vorübergehen. „Danke, Gott, dass du meine Gebete erhört hast und meinen Mann gesund gemacht hast“, schreibt da zum Beispiel eine Frau.

Ich stelle mir vor, wie viel Verzweiflung und Angst diese Frau durchgemacht hat. Wie viele heiße Gebete sie zum Himmel geschickt hat. Und wie erleichtert und erlöst sie war, als sich alles zum Guten wendete. Mit der festen Überzeugung, dass Gott selbst in ihr Schicksal eingegriffen hat. Kann ich verstehen.

Aber dennoch spüre ich auch offene Fragen. Weil ich an eine Bekannte denken muß, die ein behindertes Kind zur Welt gebracht hat und mit ihrem Schicksal hadert. Weil mir die Begegnung mit einer Frau einfällt, die von Depressionen geplagt wird und verzweifelt auf ein himmlisches Zeichen wartet. Und an das Gespräch mit einem Freund muß ich denken, dessen Frau viel zu früh an Krebs gestorben ist. Hat er vielleicht nicht genug gebetet?

Gebet und Erfüllung. Da ist mir Gott manchmal ein Rätsel. Ist er für die einen eine Art Weihnachtsmann, der ihre Wünsche erfüllt? Und die anderen waren nicht brav genug? Bei dem Reformator Philipp Melanchthon finde ich eine Antwort: „Durch die Sorgen, die ich mir mache, werde ich zum Beten getrieben, und mit meinen Gebeten stoße ich die Sorgen von mir weg.“

Gott ist kein Wunscherfüllungsgehilfe. Er ist eine Anlaufstelle. Bei ihm kann ich meine Sorgen loswerden. Kann sie in seine Hand legen. Die Last liegt nicht allein auf meiner Schulter. Und darin liegt die große Kraft des Gebetes.

Deswegen finde ich auch noch immer ein Gebet so wunderbar, das Friedrich Christoph Oetinger zugeschrieben wird. Und das geht so: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
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Vor der Bank spricht mich ein älterer Herr an „Wissen Sie, was mich ärgert?“, fragt er. Ich weiß es nicht und bin gespannt. „Wenn die Kirche um Spenden bittet, dann redet sie oft von sozial schwachen Familien.“ Ja und, denke ich? Aber schon folgt die Erklärung:

„Nach gängiger Meinung waren meine Eltern sozial schwach“, sagt der ältere Herr. „Wissen Sie, nach dem Krieg, die hatten nichts, keine müde Mark. Und trotzdem hat es mir und meinem Bruder an nichts gefehlt. Wir hätten keine liebevolleren Eltern haben können. Was sagen Sie nun?“

Erst einmal sage ich nichts. Weil noch immer nicht der Groschen fällt. Aber dann begreife ich: Er hat recht. Wenn wir von „sozial schwach“ reden, meinen wir „finanziell schwach“. Aber wenn ein Mensch nicht viel Geld hat, heißt das noch lange nicht, dass sein Sozialverhalten schwach ist.

„Sie haben recht“, sage ich und denke an die alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die in meiner Straße wohnt. Die hat echt keinen Cent zuviel, hat aber noch keinen Elternabend ihrer Kinder versäumt. Und wenn im Kindergarten eine helfende Hand gebraucht wird, ist sie da. Weil ihr die Gemeinschaft etwas bedeutet. Die soll „sozial schwach“ sein, weil sie von Hartz IV lebt?

„Sie haben recht“, sage ich noch einmal zu dem älteren Herrn und ziehe meines Wegs. Und denke wieder einmal, wie schnell man doch in die Falle tappt. In die Falle des Nachplapperns. Von Wörtern, von Formulierungen, die so richtig erscheinen und so falsch sind. Wenn man darüber nachdenkt.

Über diese Formulierung habe ich nachgedacht. Und werde sie nie wieder verwenden. Weil Finanzkraft und Sozialverhalten in der Tat zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind. Und soziale Stärke beileibe nicht abhängig ist vom Geldbeutel.
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Ich sitze an meinem Schreibtisch. Vor mir ein leeres Blatt. Ein unbeschriebenes Blatt. Nur ein Datum am oberen Rand. Der Rest des Blattes wartet darauf, gefüllt zu werden. Mit guten Gedanken.

Meine Gedanken drehen sich um das neue Jahr. Auch eine Art unbeschriebenes Blatt. Ein paar Tage hat es gerade mal auf dem Buckel, der Großteil des Jahres 2009 liegt noch vor mir. Wie ein leeres Blatt. Wie ein leeres Blatt?

Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Ich bin selbst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ich habe in meinem Leben Weichen gestellt und Erfahrungen gemacht, die immer im Buch meines Lebens stehen werden. Und ich habe nun doch schon einige Jahre kommen und gehen sehen. Was soll dieses neue Jahr schon Neues bringen? Ich werde lachen und weinen, arbeiten und ruhen, glücklich und traurig sein. Alle Jahre wieder.

Aber halt. Alle Jahre wieder gab es eben auch Überraschungen. Neue Menschen, neue Erfahrungen, neue Chancen. Und am Ende eines jeden Jahres war ich irgendwie doch eine andere als am Anfang. In der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen ist eben doch Raum für Veränderung. Wenn ich denn offen dafür bin.

„Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ So spricht Gott beim Propheten Jesaja. Ein Wort gegen die Resignation, gegen den Stillstand. Ein gutes Wort für ein neues Jahr. Weil es mein Herz bereit macht für Neues und meine Augen öffnet für Veränderung. Noch mindestens 354 Tage lang.

2009. Die Zukunft ist nie ein völlig unbeschriebenes Blatt. Weil es eine Vergangenheit und eine Gegenwart gibt. Aber zwischen den Zeilen kann sich Neues ereignen. Wird sich Neues ereignen. „Siehe,“ sagt Gott, „ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf.“ Und mit Gottes Hilfe will ich es nicht verpassen. Ich will es erleben. Das Leben. Mit dem, was bleibt, und dem, was sich ändert. Noch mindestens 354 Tage lang. Schon ein guter Gedanke.
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