Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

An Weihnachten fahren wir nach Hause. Wenn es irgend geht.
Mit Bus und Bahn und Auto quer durch die Republik. Das ist wie eine kleine Völkerwanderung. An Weihnachten zu Hause sein- zusammen mit den Lieben, zu denen man gehört- das ist fast so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz.
Schön, wenn es einem gelingt.

Schlimm, wenn man das nicht kann. Was tun, wenn man grade mal nicht weiß, wo das denn ist- das „zu Hause“? Weil der Mensch, der das zu Hause war, nicht mehr da ist? Weil man ganz weit weg von zu Hause ist? Was dann?

Dann sind Sie mitten drin in der wahren Weihnachtsgeschichte. Die ist nämlich alles andere als heil. Und die Hauptpersonen, die sind eben auch nicht zu Hause, sondern von zu Hause weg auf dem Weg nach Bethlehem. Da müssen sie hin, Regierungsbeschluss. Maria und Josef sind auch alles andere als ein heiles Paar. Denn Maria ist schwanger, aber Josef ist sich sicher, dass da was nicht stimmt. Dass das Kind nicht von ihm sein kann. Und deshalb will er seine Maria auch verlassen. Wenn das Schlimmste vorbei ist nach der Geburt. So viel Anstand hat er dann schon.

Und so kommt Jesus auch nicht in einem gemütlichen Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum zur Welt, sondern einen zugigen Stall. Und dort, genau dort passiert es.

Dass alles sich ändert. Dass es hell wird- im Stall und im Herzen von Josef, und von den armen Leuten, die da eben mal vorbei kommen und in der Welt. Dieses Kind verändert alles. Die Leute sehen die Dinge mit anderen Augen. Friede auf Erden.

Und so kommt Gott in der Fremde auf die Welt. Und macht das Fremde zur Heimat.

Deshalb sind wir an Weihnachten auch zu Hause. Egal wo wir sind. In der wahren Weihnachtsgeschichte jedenfalls.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5066
Jetzt in der Adventszeit bin ich gern mal ganz Nase. Was es da alles zu schnuppern gibt!
Auf dem Weihnachtsmarkt die Glühweinschwaden mit Zimt und Anis und Vanille. Oder die gebrannten Mandeln. Und im Kaufhaus die Duftproben dieser Edelparfums.
Oder nur der Pott Kaffee vor meiner Nase mit einer Prise Kardamom drin.

Komischerweise tun wir heutzutage alles, um nicht mehr irgendwie zu riechen. Na ja, manchmal ist das ja auch nicht wirklich prickelnd.

Aber ich erinnere mich noch, als unser erstes Kind geboren war, steckte ich monatelang immer wieder meine Nase in seinen weichen Haarflaum und konnte mich gar nicht satt riechen an seiner Haut. Die roch nämlich ein bisschen nach Liebstöckel, Salz und ein bisschen Muskatnuss. Sehr lecker. Wie Gemüsebrühe. Unter Tausenden von Kindern hätte ich dieses Kind heraus riechen können. An seinem besonderen Geruch. Die Nase ist unbestechlich.

„Den kann ich nicht riechen.“ Sagen wir, wenn wir mit jemandem nicht können. Obwohl wir es sollen könnten und letztlich nicht verstehen, warum das nicht geht.
Deshalb finde ich es geradezu atemberaubend, was der Apostel Paulus mal gesagt hat:
„Wir sind Gottes Wohlgeruch.“ Also- wir sind ein Duft in Gottes Nase.“
Nun könnte man sich bei manchen Körperausdünstungen schon fragen: was hat Gott wohl für eine Nase? Stinkt da nicht so manches zum Himmel?

In der Tat. Und doch sagt Paulus: Gott kann uns gut riechen. Und vielleicht kennen Sie das auch. Von ihrem Liebsten. Wenn man einen Menschen liebt, dann kann man ihn gut riechen. Auch wenn das nicht grade ein Edelparfum ist, was einem entgegen kommt. Wenn man einen Menschen liebt, dann hat man lange nicht die Nase voll von ihm.

Und so ist das mit Gott. Gott kann uns gut riechen. Und am besten kann er uns riechen, wenn wir so sind, wie er uns gemeint hat. Eben: Gottes einzigartige Duftmischung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5065
Auf meinem Schreibtisch steht eine Karte. Das Bild einer Ikone.
Jesus mit Heiligenschein legt den Arm um die Schultern eines Jüngers. Das Bild hat ein Freund von mir bearbeitet. Er hat das Gesicht des Jüngers ausgeschnitten und mein Gesicht reingeklebt. Und so legt auf dem Bild Jesus den Arm um meine Schultern und daneben steht „Und ER braucht dich auch!“

Mich rührt das jedes mal an, wenn ich es anschaue. Und macht mich verlegen.
Was gibt es Schöneres, als wenn man gebraucht wird!
Vom Freund, vom Nachbarn, von Jesus. Aber bin ich brauchbar?
Ich meine, Jesus ist ja nicht irgendwer.

Bin ich wirklich brauchbar? Clever genug, intelligent genug? Mit genug Schwung und Kraft?
Ein Blick in die Bibel zeigt:

Die Jünger Jesu waren nicht gerade die Creme der Antike. Das waren Fischer, Handwerker. Mittlere Unterschicht. Was war das Besondere an ihnen?

Das Besondere war, dass Sie sich haben brauchen lassen. Dass sie all ihre Selbstzweifel hinten angestellt haben. Bin ich gut genug, schön genug, intelligent genug? Egal, wenn ER mich brauchen will, dann wird das schon.

„Trachtet zuerst nach dem Himmelreich, hat Jesus gesagt. Und alles andere wird euch zufallen.“ Und deshalb braucht er einfach Menschen, die sich brauchen lassen. Die nicht lange an sich herumkritteln, sondern was machen. Und es ihm überlassen, wofür sie gut sind.

Da kann man so manches Wunder erleben. Wunderbar, wenn ein Freund den Arm um die Schultern legt und sagt: Und DICH brauche ich auch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5064
Es wird Kündigungen geben, heißt es. Und Kurzarbeit. Wen wird es treffen?

In einem Mainzer Kaufhaus gibt es eine Wäscheabteilung. In der kümmert sich tatsächlich noch eine Fachverkäuferin um die Kunden. Was mich gewundert hat. Weil man sich sonst immer selber helfen muss. Und das kann schon mal ein Problem sein. Weil: da steht man dann vor den BH- Ständern und weiß nicht so recht.

„Und? fragte mich jene Fachverkäuferin, ich nenne sie mal Frau Schmidt. „Und?“ Ich hatte ein paar BHs in der Hand. „Tja,“ sagte ich und öffnete meine Jacke „ich weiß nicht so recht.“ Sie warf einen prüfenden Blick auf meinen Winterpullover. „Alles Klar. 85C. Welche Farbe darfs denn sein?“ –„Na, irgendwie hell.“- „ Also, dann gehen Sie mal nach hinten in die Umkleide, ich bring Ihnen ein paar.“

Und das machte sie dann auch. Und während ich die in der Umkleide alle durchprobierte, steckte Frau Schmidt immer mal ihren Kopf rein: „Und? Fragte sie, Bequem?“- „Tja, ich weiß nicht.“ Dann zupfte sie da, zog dort ein Gummi stramm und zwischendurch gab es jede Menge Lebensweisheit: „Irgendwann, sagte sie, kämpfen wir alle mit der Schwerkraft. Das muss man akzeptieren. Aber man darf sich trotzdem nicht hängen lassen.“ Wie wahr.

Nach einer knappen Stunde schritt ich mit zwei Prachtexemplaren von BHs und einem Lächeln im Gesicht zur Kasse. Und seitdem denke ich morgens oft an die Schwerkraft, . Und ich denke an Frau Schmidt, die man als Fachverkäuferin eigentlich nicht mit Gold aufwiegen kann.

Und nun frage ich mich: ist ihre Stelle auch so eine, die wegrationalisiert werden muss? Wegen der Rezession? Und wollen wir das wirklich- weil’s halt billig sein soll, auf Leute wie Frau Schmitt verzichten, die so ganz nebenbei ganze Stadtteile mit Freundlichkeit und Lebensweisheit versorgen? Wollen wir das wirklich?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5063
Und mit was gehen Sie grade schwanger? Mit einem Berufswechsel? Oder einem bahnbrechenden Projekt? Mit der größten Weihnachtsüberraschung aller Zeiten?
Man kann ja mit vielem schwanger gehen.

Sogar mit Gott. Bei Maria jedenfalls war das so, damals vor 2000 Jahren. Maria ist schwanger gegangen mit Gott. Und zwar von Nazareth nach Bethlehem. Ein langer Fußmarsch. Und dann noch im 8. Monat. Da steht das Kind so hoch, dass man ganz kurzatmig wird. Und die Beine schnell dick werden. Und man ganz nah am Wasser gebaut ist und ständig heulen muss vor Rührung.

Aber ansonsten ist’s doch fast immer großartig, einfach großartig. Wenn man schwanger geht.
Ich erinnere mich noch genau an meine erste Schwangerschaft. Ich konnte es einfach nicht fassen. Ich hatte vorher grade mein Examen abgeschlossen, nach einem Jahr extremer Disziplin wegen verschärftem Lernen und Büffeln. Und dann gab es da etwas, das wurde einfach so. Ohne Kraftanstrengung, ohne Leistung. Ich musste nur da sein. Und auf mich aufpassen. Und auf das kostbare Geschenk, das da in mir lebte.

So ist das, wenn man schwanger geht. Und so war das auch bei Maria mit dem Jesuskind im Bauch. Und sie hat genau gespürt: da soll was werden, was weit über das hinausgeht, was ich machen und erarbeiten kann. Da ist was, das hat ein Eigenleben und will nur durch mich hindurch zur Welt kommen. Etwas mit Hand und Fuß. Ein bahnbrechendes Projekt, die größte Weihnachtsüberraschung aller Zeiten. Göttliche Dinge sind das, die da in uns schlummern und wachsen und nur darauf warten, dass wir sie ans Licht bringen.

Schwanger gehen mit Gott. Jeden Morgen darfst du guter Hoffnung sein. Wie sagten es die Alten: Wär’ Jesus nur in Bethlehem geboren und nicht in dir, so wär die Welt verloren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5062
Es gibt eine Sache, da bin ich richtig stolz, eine Deutsche zu sein. Weil bei uns- Kirche hin oder her- ein christliches Prinzip ganz hoch im Kurs steht:
nämlich Spenden. Da stehen wir auch im internationalen Vergleich gut da.
Spenden für Hilfsbedürftige und Notleidende, Spenden für Kinder und Alte. Spenden für Arme bei uns und in der Welt.

Und das ist deshalb auch so, weil es inzwischen einige Organisationen gibt, die richtig gute Arbeit machen. Bei denen das Geld dort ankommt, wo es hin soll. Und bei denen das Geld eine Hilfe zur Selbsthilfe ist.

„Brot für die Welt“ gehört zu diesen Organisationen. Vor 50 Jahren wurde sie von der evangelischen Kirche gegründet. Und das war in Berlin.

Damals kamen über 14 000 Leute in der Deutschlandhalle zusammen. Nicht zum 6- Tage- Rennen, zu einem historischen Ereignis. Das konnte man auch sehen. Überall in der Deutschlandhalle standen Tonnen herum. Die kannten die Berliner. In denen hatten die Amerikaner 1948 Milchpulver und Mehl und Rosinen abgeworfen. Mit Flugzeugen, die die Berliner liebevoll „Rosinenbomber“ nannten. Damals war der Westteil der Stadt komplett von allen Versorgungsstraßen abgeriegelt.

10 Jahre später, 1958 hatten viele Berliner schon ihre erste Einbauküche und ihren VW- Käfer. Aber die Erinnerung an die schrecklichen Hungerjahre in der Nachkriegszeit saß ihnen noch in den Knochen. Und deshalb spendeten sie, was das Zeug hielt und füllten die Tonnen, die ihnen einst das Überleben möglich gemacht hatten.

„Da stehen Tonnen, in denen ist Milchpulver drin gewesen. Sagte damals der evangelische Bischof Otto Dibelius, Milchpulver aus Amerika für uns, hungernde Berliner. Jetzt haben wir unser Dankopfer hineingeschüttet, damit dies zu den Hungernden der Erde gehe.“
Warum haben die Leute damals so viel gespendet und warum sollten wir auch heute abgeben von dem, was wir haben? Der Bischof hat es damals auf den Punkt gebracht:
„Dankbarkeit dafür, dass uns geholfen wurde.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5061
„Du bist wie ein Affenbrotbaum!“ so sagt man in Afrika zu einem, der für die Gemeinschaft wichtig ist. „Du bist wie ein Affenbrotbaum!“ Und wenn man einer Frau sagen will, dass sie klasse aussieht, sagt man dort gern: „Gnädige Frau, Sie sehen aus wie eine Gitarre!“

In Afrika macht man sich gern Komplimente. Die kann sich da auch jeder leisten. Weil sie kein Geld kosten, nur ein bisschen Phantasie und Überwindung.
„Sozialer Reichtum“ nennt das Mulo Farenkia aus Kamerun. Der hat wissenschaftlich erforscht, wie das bei uns aussieht mit dem sich gegenseitig Komplimente machen und dem sozialen Reichtum. Und fand heraus: Wir sind ein ziemlich armes Land.

„Net gschennt isch gnug globt- nicht geschimpft ist genug gelobt.“ Heißts gern im Schwäbischen. Man könnte ja eingebildet werden wegen der Komplimente.
Und außerdem sind da noch die Fettnäpfchen- nicht jede Frau findet eine Gitarre schön- als Vergleich mit der Figur.

Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit einem Kompliment „Du Begnadete!“ sagt ein Engel zu Maria. „Du Begnadete!“ Weil sie ein Kind bekommen wird. Eins, das ein ganz Großer werden wird, ein König der Herzen, Gottes Sohn.
Aber die Gnade war kein Zuckerschlecken. Maria hatte eine Menge Probleme mit ihrem Sohn. Weil der oft anders war als sie sich das vorgestellt hat. Weil sie zusehen musste, wie er als junger Mann jämmerlich am Kreuz starb.
Und doch ist sie nicht in die Geschichte eingegangen als die Mutter, die vom Unglück verfolgt war. Sondern- als Begnadete! Weil die Geschichte eben noch nicht zu Ende war.

Das ist das Besondere an einem ehrlichen, an einem göttlichen Kompliment: es spricht aus, was nicht jeder gleich sehen kann. Was aber doch wahr ist.
„Du Begnadete!“ schön wenn es solche Engel gibt, die einfach mal Mut haben und sagen, was einfach wahr ist. Und uns dadurch reich machen. Und- sind Sie auch ein Komplimenten-engel?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5060