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SWR3 Gedanken

Meine Nachbarin war damals schon alt. Damals als ich sie gefragt habe, ob sie Gott schon einmal „gesehen“ oder gespürt habe. Wir trafen uns oft im Wald. Sie mit ihrem Hund Adonis, ich mit meiner Ayla. Es war früh am Morgen.
Ihr Antwort kam prompt: „Wenn ich morgens durch den Wald gehe – diese tiefe Ruhe spüre, die über allem liegt, die Vögel zwitschern, es knackt im Unterholz, ich atme klare, frische Luft – dann, glaube ich, bin ich Gott sehr nah.“
Ihre Antwort beeindruckte mich.
Wenn das so ist, so ganz unspektakulär, dann habe ich Gottes Nähe auch schon manches Mal in meinem Leben gespürt.

Zum Beispiel als ich mit 50 Kindern einer Stadtranderholung unterwegs im Schwarzwald war und es anfing zu regnen. Irgendwann war es uns egal, dass wir nass wurden. Wir spielten und tanzten und wurden dreckig und vergaßen Zeit und Regen. Wir waren ein-fach nur glücklich zusammen. Ich glaube, Gott hat in diesem Moment mit uns um die Wette gelacht.

Oder als meine Oma im Sterben lag. Ich saß an ihrem Bett im Krankenhaus. Sprechen konnte sie schon nicht mehr. Dafür sprachen ihre Augen Bände: Sie freute sich, dass ich da war. Ich hatte Angst; ich wollte nicht, dass sie starb. Sie war eine tolle Oma. Und so saß ich schweigend bei ihr, in Gedanken versunken. Und auf einmal war da so eine Ruhe im Zimmer. Wie wenn einer sagte „Es ist gut so.“ Ich glaube, dass war der Augenblick, an dem meine Oma und ich uns voneinander verabschiedeten. In diesem Augenblick ha-be ich Gott ganz deutlich gespürt.

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Die süßeste Versuchung seit es Schokolade gibt - ist kein Schokoriegel von Milka, Die süßeste Versuchung – das ist Macht.

24 Studenten wurden ausgewählt: Sie kamen allesamt aus der Mittelschicht, normale, durchschnittliche Menschen. Eine hochgeworfene Münze entschied in welcher Gruppe sie landeten – als Gefängniswärter oder als Strafgefangene.
Dann ging es los: Die Gefangenen bekamen Gefängniskleidung und Nummern und wur-den in die Gefängniszellen eingesperrt; die Wärter bekamen Uniformen und Polizeiknüp-pel.
Es begann harmlos: Die Wärter riefen die Gefangenen zum Zählappell. Wer nicht folgte, seine Nummer nicht brav aufsagte, wurde mit Liegestützen bestraft. Dann schlug die Stimmung um: Die Wärter fingen an, ihre Macht zu genießen, die sie über die Gefange-nen hatten. Nach ein paar Tagen probten die Gefangenen den Aufstand – der prompt von den Wärtern niedergeschlagen wurde. Den Gefangenen wurden zur Strafe Kleidung und Betten entzogen. Ab diesem Zeitpunkt demütigten die Wärter die Gefangenen bei jeder Gelegenheit. Zum Beispiel mussten die Gefangenen von nun an nachts als Toilette die Eimer in den Zellen benutzen.

Das Ganze war nur ein psychologisches Experiment, das Stanford Prison Experiment. Vor 37 Jahren wurde es durchgeführt. Vor 7 Jahren wurde es mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle verfilmt: „Das Experiment“ – ein Film der einem unter die Haut geht.

Bei dem Experiment wurde eins deutlich: Bekommt jemand Macht über andere Men-schen, so ist er prinzipiell zu allem fähig. Macht ist eine Versuchung, der wir prinzipiell alle erliegen können. Macht ist eine Versuchung zum Bösen. Man merkt gar nicht, wie man sich verändert und immer tiefer in dessen Sog hineingerät.
Es hat einen tieferen Sinn, wenn wir zu Gott beten:
„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“
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Vergebung- gibt’s das? Ich meine jetzt nicht so was wie „Schwamm drüber“. Ich meine, dass man seinen Frieden machen kann mit dem, der einem was Schlimmes angetan hat. Geht das?
In Südafrika gibt’s Dutzende Geschichten dazu. Zum Beispiel….
Eugene de Kock, den alle „Prime Evil“ nennen: das Böse schlechthin.
Aber der Spitzname „Prime Evil“ passt. Eugene de Kock war einer der schlimmsten Ver-brecher Südafrikas. Er hat gefoltert, gequält, erpresst, ermordet. Er war das Böse schlechthin.

Aber fangen wir am Anfang an: kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschließt Südafrika, die Rassentrennung, die Apartheid einzuführen. Bald schon kommt es zu Spannungen. Die schwarzen Südafrikaner lassen es sich nicht gefallen, in ihrem Land als Bürger zweiter Klasse wahrgenommen zu werden. Es kommt zu Protesten. Woraufhin das weiße Südafrika den schwarzen Südafrikanern den Kampf erklärt. Und eben da kommt Eugene de Kock ins Spiel. In diesem Kampf erwirbt Eugene de Kock sich den Spitznamen „Prime Evil“.

In den 80igern bricht die Apartheidsregierung zusammen, 1994 wird Nelson Mandela Präsident eines neuen, freien Südafrikas. Ein Jahr später wird Eugene de Kock verurteilt – schuldig befunden in 89 Anklagepunkten, darunter Mord, Anstiftung zum Mord, Waffen-schieberei, Betrug und Diebstahl.

Am Ende der Gerichtsverhandlungen kommt es zu einem seltsamen Vorfall:
Eugene de Kock bittet die Witwen, die Frauen der Männer, die er ermordet hat, um Ver-zeihung. Er fragt sie, ob er sich bei ihnen privat entschuldigen darf. Zwei Witwen treffen sich mit ihm. Eine der Witwen berichtet von dem Treffen: „Ich konnte ihm nicht in die Augen blicken vor lauter Tränen... Ich hoffe, wenn er die Tränen sieht, begreift er, dass das nicht nur Tränen für unsere Ehemänner sind, sondern auch für ihn...“

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Mümmelmannsberg ist eine Betonwüste. Schon von weitem sieht man: hier wohnt nur, wer es unbedingt muss. Ein sozialer Brennpunkt mitten in der reichen Stadt Hamburg. Auf der Fahrt in der U- Bahn dorthin verschwinden die Männer mit Anzug und Krawatte. In Mümmelmannsberg beginnt die Betonwüste. Hier verdient man seinen Lebensunter-halt in Fabriken oder durch putzen, wenn man überhaupt eine Arbeit hat.

Ich musste hin, ich sollte eine Fußballgruppe leiten.
Ein Sozialhilfeprojekt hatte angefragt. Sie wollten etwas für die Jungen hier tun. Also ging ich hin, zusammen mit einem Studenten der Sozialpädagogik.

Das Haus, in dem das Projekt stattfinden sollte, hatte einen klangvollen und hoffnungs-vollen Namen: Sonnenhof.
Das Haus war leuchtend gelb angemalt.
Der Leiter des Projekts stellte sich und sein Haus vor.
Hier gab es alles: Gruppen, die Musik machten, Selbstverteidigung für Mädchen, einen riesigen Raum zum Spielen.
Dann kamen wir an der Küche vorbei. Und hier, erklärte der Projektleiter, gibt es einen regelmäßigen Mittagstisch. Bei vielen Familien reicht das Geld manchmal nicht aus für eine warme Mahlzeit, und manche Eltern vergessen, für ihre Kinder zu kochen. Hier gibt es dann was.

Ich habe die Fußballgruppe ein gutes Jahr mitbetreut. Wir haben zusammen gespielt, gelacht und – gegessen.
Wenn ich zu Gott bete, dann denke ich an diese Kinder: Hungrig nach Brot, hungrig nach Anerkennung, hungrig nach einer Chance und einem Platz in dieser Gesellschaft. Oft denke ich an sie, wenn ich bete: Vater Unser, unser tägliches Brot gib uns heute!
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“Stop – you now enter holy ground!
Achtung, Sie betreten nun heiligen Grund!“
So stand es auf dem Schild zu lesen. Wir waren in Israel. „Auf den Spuren Jesu“ zogen wir von Kirche zu Kirche, von heiligem Ort zu heiligem Ort. Aber dieses Schild tat es mir an: „Achtung, Sie betreten nun heiligen Grund!“
Katholiken knien nieder, wenn sie eine Kirche betreten, sie bekreuzigen sich, wenn sie vor einem Altar stehen.
Juden haben aus Respekt vor seiner Heiligkeit, vor seiner Erhabenheit viele Namen für Gott. Die Juden nennen ihn „Lebendiger“, „Ewiger“, „Höchster“ oder eben einfach nur „der Heilige“.
Die Muslimen feiern gerade Ramadan – den ganzen Oktober fasten die Muslimen und danken Gott für die täglichen Gaben, die er uns gibt: für Essen, für das Leben, das er uns gegeben hat, für seine Güte und Heiligkeit.
Man errichtet Altäre, Synagogen, Kirchen, Moschen, um diese Heiligkeit Gottes darzustel-len, sie zu ehren, sie zu feiern.
Die Protestanten gestalten - aus Respekt vor der Heiligkeit Gottes – ihre Kirchen eher schlicht, damit man sich allein auf das Wort Gottes konzentrieren kann und nicht davon abgelenkt wird.

Für mich gibt es nicht nur heilige Kirchen. Wenn Gott heilig ist, dann wirkt das weiter auf alles, was Gottes ist – auf seine ganze Schöpfung!
Wenn ich Gott heilig nenne, dann ist auch alles heilig, was sein ist, was er geschaffen hat: die Welt, die Tiere und die Menschen.

Wenn ich morgens aufstehe - betrete ich heiligen Grund!
Wenn ich meine Katze streichle - betrete ich heiligen Grund!
Wenn ich meinen Kollegen „Guten Morgen“ wünsche - betrete ich heiligen Grund!
Wenn ich beim Händewaschen in den Spiegel schaue - betrete ich heiligen Grund!

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Mein Vater war so einer von diesen Wochenend-Daddys. Montags bis Freitags hat er ge-arbeitet. Früh am Morgen verließ er das Haus – als ich älter war und auf die weiterfüh-rende Schule ging, konnte ich ihm gerade noch ein verschlafenes „Guten Morgen“ zu-murmeln, dann war er weg. Manchmal kam er zum Abendbrot nach Hause, oft auch erst später, wenn wir Kinder schon im Bett lagen. Die Arbeitszeiten eines Fulltimejobs waren schon damals keine kinderfreundlichen Zeiten.

Aber mein Vater machte etwas, was ich jedem Kind wünsche: Jeden Abend, wenn ich ins Bett ging, hat er sich zu mir gesetzt, hat gefragt, wie der Tag war, hat sich nach diesem und jenem erkundigt, hat sich meine Geschichten angehört, Fragen gestellt. Kurzum: er hat Interesse an meinem Leben gezeigt. Wir haben über die Schule geredet, über alte und neue Freundinnen – halt über alles, was einem kleinen Mädchen so durch den Kopf geht und wichtig ist.
Danach hat er mit mir gebetet. Jeden Abend:

„Müde bin ich geh zur Ruh, schließe meine Äuglein zu.
Vater lass die Augen dein über meinem Bettchen sein.“


Heute bete ich allein zu Gott. Wenn ich Gott dann als Vater anrede – etwa beim ‚Vater Unser’ , dann habe ich genau das Gefühl von damals: diese Nähe und Geborgenheit, wie damals als mein Vater sich abends an mein Bett gesetzt hat. Auch wenn ich heute er-wachsen bin und oft auch Enttäuschungen erlebt habe. Auch wenn ich im Leben allzu oft gesehen habe, dass Väter auch anders sein können: falsch, gewalttätig, gemein. Für mich ist dieses Gefühl geblieben: Gott ist für mich der, der mir zuhört, der jeden Tag für mich da ist, der an mir interessiert ist, der mich unterstützt – komme, was wolle.
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Es war keine normale Kirche, sondern ein Dom. Halb so hoch, halb so breit wie der Köl-ner Dom, aber ihm ansonsten ähnlich: Groß, dunkel, unheimlich, fremd. Anders als der Kölner Dom steht dieser Dom in einem Tal ganz alleine mitten im Wald. Grüne, dunkle, dichte Bäume umgeben ihn.

An diesem Morgen also bin ich hingegangen, zu Fuß durch den Wald. Über den Bäumen hing noch der Nebel, die Wiesen waren bedeckt mit Morgentau, der in allen Farben glit-zerte. Die Stille im Wald hatte etwas Atemberaubendes.

Dann trete ich in den Dom ein. Atme alte, abgestandene Luft, es ist leicht feucht, die Schritte hallen, versteinerte Figuren starren einen von Säulen herab an. Weit in der Fer-ne hängt ganz befremdlich Jesus am Kreuz.
Dieses kalte Gebäude, die feuchte Dunkelheit, die komisch-altmodischen Lieder, die fremden Menschen, die steife Art des Pfarrers. Alles war so anders, als ich es gewohnt bin.

Und dann, mitten im Gottesdienst, leuchtet die Morgensonne auf und strahlt durch die bunten Fenster. Auf Jesus am Kreuz tanzen alle Farben. In diesem Moment fängt der Pfarrer das ‚Vater Unser’ an zu sprechen. Die Gemeinde stimmt ein. Ich weiß nicht, was es ist: das vertraute Gebet, die sonore Stimme des Pfarrers, das gemeinsame Beten der Gemeinde, die feste Stimme einer älteren Frau hinter mir - ich fühle mich getragen.

In diesem Moment spüre ich, welche Kraft in diesem Gebet steckt, im „Vater Unser“: Das „Vater Unser“ kann Mut geben und trösten, es kann stärken und Geborgenheit geben.

Es scheint, als lächelt Jesus am Kreuz.

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