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SWR3 Gedanken

„Warum kommen manche Dinge so wie sie kommen? Denken sie wirklich, Gott hat einen Plan für uns?“
Die Mutter eines Konfirmanden fragte mich das, als sie ihren Sohn abmeldete. Ihr Mann hatte ein einem ganz anderen Teil von Deutschland eine Arbeitsstelle gefunden und sie musste jetzt relativ kurzfristig umziehen. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit und niemand aus der Familie wollte das so wirklich, aber es gab keine andere Chance. Wie so oft war der Ehemann derjenige, der das meiste Geld verdiente. Die Mutter stand vor mir und war den Tränen nahe.
„Klar glaube ich, dass Gott einen Plan für uns hat!“ sagte ich zu ihr. Skepsis und Abwehr standen in ihren Augen. „Er hat einen Plan für uns. Nur ist das oft nicht unser Plan. Ich habe in meinem Leben ein paar Mal erlebt, dass Gott scheinbar die Umwege liebt. Vielleicht gehen sie mit ihrer Familie ja gerade auch so einen Umweg.“ Noch immer stand sie zweifelnd vor mir. „Das soll kein schnelles Vertrösten sein. Ich kann mir vorstellen, dass das wirklich nicht leicht ist, was auf Sie zukommt. Aber vielleicht können Sie wirklich eines Tages auch diesen Umweg als Teil ihres Weges sehen. Ich meine, wer weiß denn heute schon, wofür das gut ist, was gerade passiert?“ Die Mutter verabschiedete sich und ließ mich nachdenklich zurück. Den für sie so schwierigen Weg zu gehen konnte ich ihr nicht abnehmen. Wahrscheinlich konnte sie das noch nicht mal selbst. Das einzige was sie vielleicht tun konnte, war, ihre Einstellung zu ihrem Weg zu ändern. Klar hatte sie Recht: Umwege sind meist wenig prickelnd. Andererseits: Sind es nicht gerade die Umwege, die einen manchmal an geniale Orte führen. Orte, auf die wir nie von allein gekommen wären. Ich wünsche ihr, dass ihr neuer Weg – ihr persönlicher Umweg - sie zu einem so genialen Ort bringen wird.


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„Malochst du noch, oder lebst du schon?“ Ich hab den Satz auf einer Fortbildung gehört und fand ihn so gut, dass wir im letzten Gottesdienst für Männer genau darüber diskutiert haben. Das ist ein Gottesdienst, in dem Männer zu Männerthemen diskutieren und diesmal eben zum Thema: Malochst du noch, oder lebst du schon?
Ich hab verschiedene Sätze aus der Bibel in die Mitte gelegt. Zum Beispiel den: (Sir 13,5) „Solange du dem Reichen nützlich bist, lässt er dich für sich arbeiten; aber wenn du nicht mehr kannst, so lässt er dich fallen.“ Ich war erschrocken, wie viele Männer da zustimmten! Viele fühlten sich schlicht und ergreifend ausgenutzt: Die ehemaligen Eigentümer hatten die alteingesessene Firma für unendlich viel Geld verkauft. Die neuen Besitzer gingen hart an den Personalabbau heran.
Im Gespräch wurde deutlich, was den Männern ihre Arbeit bedeutet und wieviel ihnen fehlt, wenn sie das genommen kriegen. Es wurde klar, dass sie bereit waren, wirklich zu malochen, wirklich richtig hart zu arbeiten; und dass sie – wenn’s hart auf hart kommt sogar bereit sind, auf einen Teil ihres Lohnes zu verzichten, nur damit die Firma nicht kaputt geht. Das, was einigen von ihnen geschah war für sie eine echte und ganz tiefreifende Demütigung. Da nutzte auch die Frage nichts, ob sie sich vorstellen könnten – mal abgesehen vom Lebensunterhalt - dass ehrenamtliche Arbeit genauso befriedigend sein könne.
„Malochst du noch, oder lebst du schon“: Die Frage war ganz falsch gestellt: Die Männer wollten arbeiten, wollten malochen, weil das für sei ein Stück Leben ist, tatsächlich Lebensqualität. Sie haben wohl ganz tief in sich drin gespürt, dass Gott dem Menschen die Arbeit mit ins Leben gegeben hat. Und das sogar schon im Paradies. „Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“
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Die relativ junge Frau stand mit ihrem Rollstuhl vor einem viel zu hohen Bürgersteig. Dadurch dass ich in ihre Richtung ging, bekam ich mit, wie sie sich abmühte. Ich ging schneller, auf die Frau zu und fragte sie, ob ich ihr helfen dürfe. Sie reagierte ziemlich genervt, sah mich nur kurz an und sagte: “Das krieg ich schon hin - Danke.“ Total erstaunt über ihre Reaktion entschuldigte ich mich und ging weiter. Damit hatte ich nicht gerechnet. Als ich mich einige Schritte weiter noch mal nach ihr umsah, war sie ein Stück weiter gefahren und hatte es an einer anderen Stelle wirklich geschafft, hoch zu kommen. Ich hab’ noch viel darüber nachgedacht, warum hatte sie wohl mein Angebot, ihr zu helfen, so harsch abgelehnt hatte. Klar konnte ich mir vorstellen, dass sie genervt war, aber eigentlich hatte ich es ja nur gut gemeint. Nur: Was hilft ihr dieses „gut gemeint“? In dem konkreten Moment wäre ich vielleicht eine Hilfestellung gewesen, aber das nächste Hindernis wartet ja schon wieder irgendwo – und wer hilft dann? Wenn ich selbst im Rolli säße - mit meiner Ungeduld und dem Bedürfnis, dass immer alles schnell und effektiv gehen muss: Ich würde wahrscheinlich an vielen Stellen meines Lebens wirklich verzweifeln oder bitterböse werden. Immer noch wird ja an so vielen Stellen im öffentlichen Leben an solche banalen Dinge wie Rampen für Rollifahrer nicht oder abgesenkte Bürgersteige oder Türen, die breit genug sind gar nicht gedacht. Wie viele Restaurants sind z.B. für Rollstuhlfahrer gar nicht zu besuchen, weil die Toiletten im Keller liegen oder die Stühle so eng gestellt sind, dass kaum ein Durchkommen ist. Bei meinen ganzen Gedanken fiel mir ein Satz wieder ein, den ich irgendwann mal irgendwo gelesen hatte, bei dem es um Menschen mit Behinderungen ging. Dort hieß es: „Wir sind nicht behindert – wir werden behindert!“ Genau das hatte mir die junge Frau mit Ihrem Rolli und ihrer herben Antwort drastisch vor Augen geführt.
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Wie ist das, hängt bei Ihnen zuhause auch alles an ihnen? Ich meine nicht nur die üblichen Dinge wie Haushalt, Rechnungen, Schule und Kinder. Ich meine auch die bettlägerige Schwiegermutter oder den dementen Großvater, den sie zuhause betreuen.
Gehen Sie auch regelmäßig alle paar Wochen auf dem Zahnfleisch weil sie keine Kraft mehr haben? Suchen Sie auch händeringend nach Entlastung und wissen nicht, wie sie sie kriegen können – trotz aller Pflegedienste. Könnten sie, den zu pflegenden Menschen in ein Pflegeheim zu geben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben?
Wie oft erlebe ich es, dass Menschen sich im wahrsten Sinne des Wortes aufreiben bis sie selbst nicht mehr können und dann völlig aufgebraucht und am Ende sind. Meistens schämen sie sich dann sogar noch dafür! Ich kriege mit, dass Ehen in Krisen geraten, weil die zu pflegende Oma – ohne dass sie was dafür könnte - so viel Zeit benötigt und Kraft, dass nichts mehr übrig bleibt für die Familie. Ist das der richtige Weg, sich so zu engagieren, bis von einem selbst nichts mehr übrig bleibt? Wem nützt das dann? Dem Menschen, der gepflegt werden soll, doch am allerwenigsten. Sicher: Jesus verweist uns auf die Nächstenliebe. Natürlich sollen wir helfen, so gut wir es können. Aber wenn wir an unsere eigenen Grenzen kommen, haben wir auch das Recht zu sagen: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Denn Jesus sagt nicht nur liebe Deinen Nächsten, sondern er sagt: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Nur – wie setze ich das konkret um, wenn die Oma oder der Opa mich brauchen? Es heißt konkret: Vergiss dich selbst nicht! Verschließ nicht die Augen vor den Hilfsangeboten, die es gibt – nicht alle kosten Geld. Hab kein schlechtes Gewissen, sie in Anspruch zu nehmen. Dafür sind sie da! Auch Du hast das Recht auf Dich selbst zu sehen. Und wenn Du dabei schon nicht an Dich selbst denken willst, dann denk wenigstens an die anderen Menschen, die dich lieben und die auch Leben mit Dir erleben wollen!
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Die Frau, die ich besuchte, war über neunzig aber im Kopf topfit. Wir kamen ins Gespräch über ihr Leben:
Im Krieg war sie eine junge Frau und Mutter. Ihr erstes Kind starb früh an Schwindsucht. Mit ihrem Mann hatte sie sich eine kleine Schreinerei aufgebaut, als der Krieg mit aller Brutalität zuschlug: Ihr Mann wurde eingezogen und in einer einzigen Bombennacht starben alle ihre Familienangehörigen in den Trümmern der beiden Familienhäuser, ihre eigene Schreinerei Ging mit in Flammen auf. Also hieß es: In allem Chaos wieder von vorne anfangen. Eine echte Trümmerfrau!
„Wie haben Sie das alles geschafft?“ fragte ich sie. Und sie sagte:
“Wissen sie: Ich hab gebetet. Ich hab geglaubt, dass Gott mich schon dahin bringt, wo er mich haben will. Das war nicht immer leicht! Aber: Ohne ihn wäre ich doch noch viel ärmer dran gewesen! Da hätte ich das alles gar nicht geschafft!“
Ich staunte: bei dem, was die Frau alles erlebt hat, den Glauben so fest zu halten – wirklich bewundernswert. Ich selbst komme bei viel geringeren Sachen ins Grübeln wie das ist mit Gott und seinem Weg für mich. Sich an der Hoffnung festzuhalten, dass Gott schon den Weg für einen weiß, ist manchmal so mühsam!
Ich habe mich gefragt: was hilft mir eigentlich in Krisen trotzdem weiterzugehen? Was hilft mir, Gott zu vertrauen? Ich glaube, es ist manchmal die Erinnerung an viele Bergwanderungen: Den Gipfel, das Ziel meiner Wanderung kann ich vielleicht in der Ferne erahnen: Den Weg dahin sehe ich unterwegs längst nicht immer. Kurven und Hügel verstellen mir die Sicht. Es hilft nur eins: Tief Luft holen, Schritt für Schritt weitergehen, darauf vertrauen, dass ich auf dem richtigen Weg bin, einen guten Wanderführer habe. Nicht nur einmal denke ich vielleicht, ich laufe einen Umweg. Aber dann stehe ich oben und sehe zurück. Ich sehe den ganzen Weg und verstehe auf einmal, dass mein Weg gar nicht anders gehen konnte, um mich zu diesem Ziel zu führen. Ich glaube, genau so war die alte Frau ihren Lebensweg gegangen.
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„Ich glaube das alles nicht!“ sagt ein Konfirmand zu mir und grinst. Da hatte ich sie wieder: Die Provokation. Da wollte einer im Konfi-Unterricht mal wieder seine und meine Grenzen testen. Es ging ums Glaubensbekenntnis, um die Aussage: „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“
„Ok.sagte ich und holte tief Luft. Was denkst du denn, wie Himmel und Erde entstanden sind?“ „Na ist doch klar: Mit dem Urknall und dass das Weltall sich immer weiter ausdehnt.“
Es war die klassische Frage: Naturwissenschaftliche Erklärung oder biblische Erzählung der Schöpfung. Für viele ein Widerspruch. Und ein Grund dafür, dass man der Bibel doch nicht glauben könne! Dabei ist die Lösung eigentlich ganz einfach:
Die Geschichten der Bibel erzählen Glaubensgeschichte. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Buch, das uns die Zusammensetzung von Molekülen erklären will. Sie erzählt vom Anfang Gottes mit den Menschen – vom Anfang der Menschen mit Gott. Wir Menschen sind Teil eines größeren Ganzen. Nicht bloß Produkt des Zufalls. Das versucht die Bibel, uns zu erklären. -
Ich schaute also meinen Konfirmanden an und sagte: „Halten wir fest: Du glaubst also doch was: Nämlich, dass die Welt mit einem Urknall entstanden ist. Aber: Woher kommt denn der Urknall? Wie ist der entstanden? Wer hat denn gemacht, dass der Urknall passiert?“ Ein Grinsen und dann etwas kleinlaut: „Naja, das weiß ich jetzt auch nicht so genau.“ Ich antwortete: „Weißt du, ich glaube auch, dass die Welt durch so was wie einen Urknall entstanden ist. Aber, das stellt meinen Glauben an Gott nicht infrage. Denn irgendwer wollte ja auch den Urknall und muss ihn gemacht haben. Und das ist für mich Gott. Deshalb nenne ich Gott auch den Schöpfer.“
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„Die Kirche hat doch Kohle ohne Ende! Seht euch doch nur mal die ganzen Dome und Kirchen an! Was da ein Geld drinsteckt! Die sollten das Geld lieber mal für die armen Menschen in der so genannten Dritten Welt nehmen, dann wäre der Hunger ganz schnell rum!“ Als Pfarrerin höre ich das öfter.
Ich war in diesem Sommer in einigen Hansestädten in Nord- und Ostdeutschland und bin da durch die riesigen alten Backsteinkirchen gegangen. Sehr schön und gut restauriert. Ich war begeistert. In jeder Kirche stand eine große Truhe für Spenden und die Menschen haben fleißig ihren Obolus dort eingeworfen. Über einer Truhe hing ein Schild: „Wir benötigen noch 900.000,-- Euro für die Sanierung unseres Turmes! Wir danken Ihnen für Ihre Mithilfe!“ Dieses simple Schild hat mir mit einem Schlag bewusst gemacht: um welche riesigen Summen es hier geht! Und das war ja nur eine einzige Kirche!
Gewiss, Kirchen sind Kulturgüter, Kirchen sind historische Baudenkmäler. Aber rechtfertigt das die Ausgabe solcher Summen? Kann man mit diesem Geld nicht besser Menschen helfen – ganz konkret auch hier bei uns wo die Armut wächst?
Jesus wird einmal eine ähnliche Frage gestellt: Eine Frau reibt seinen Kopf mit immens kostbarem Öl ein. Die Jünger können es nicht fassen: so eine Verschwendung! „Hätte man das Öl nicht besser verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ fragen sie Jesus. Und der antwortet sinngemäß:„Arme werden immer mit euch leben, denen ihr helfen könnt. Aber mich habt Ihr nicht mehr lange. Wenn ihr mir was Gutes tun wollt, dann tut es jetzt.“ Mir sagt das für unsere Frage: Manche Dinge müssen einfach direkt angegangen werden, sonst hat man die Chance dazu verpasst. Das kann sein, dass man unmittelbar Not lindert, wenn sie einem vor Augen gestellt wird. Das kann aber eben auch sein, dass man eine wunderbare Kirche vor dem Verfall bewahrt. Wenn ich das jetzt nicht tue, habe ich die Chance vielleicht auf alle Zeit verschenkt.
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