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SWR3 Gedanken

114 Millionen Einträge in 0.05 Sekunden. Das ist das Ergebnis, wenn ich bei Google das Wort Liebe eingebe. 114 Millionen Einträge in 5 hundertstel Sekunden. So schnell so viel... „Liebe“...
Mir geht es in diesen Gedanken nicht um den Gefühlrausch zweier Menschen und auch nicht um die selbstvergessene Hingabe von Gottsuchern, sondern um die Liebe als Tugend. Klingt sperrig, als ob Liebe eine Einstellung, eine Haltung wäre. Ja, doch, ist sie, auch.
Liebe als Haltung ist umfassender als die Liebe zwischen zwei Menschen. Sie ist eine Liebe zum Leben überhaupt und zu allem was das Leben wachsen, sich entwickeln lässt. Sie liebt die Pflanzen und Tiere als Mitgeschöpfe und als Teile des großen Ganzen.
Sie liebt die Kinder als unsere Fühler in die Zukunft und fördert ihre Entwicklung in eine Welt in der sie gut und gerne leben können.
Die Liebe als Haltung liebt die alten Menschen im Respekt vor ihrem gelebten Leben. Als sichtbar gereiftes Leben mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Die Liebe als Haltung liebt den Partner nicht um seinet- oder meinetwillen, sondern um der gemeinsamen Geschichte, Gegenwart und Zukunft willen. Sie liebt die Beziehung an sich, das was gemeinsam ist, was verschieden und was sich immer noch entwickeln kann. Und hat dabei immer auch das Wohl des Anderen im Blick. Die Liebe als Haltung kann und will sich nicht auf den Partner oder die Familie beschränken. Sie drängt darüber hinaus und sorgt sich um das Wohl des Nächsten bis hin zum Fernsten auf diesem so schrecklichen, schönen blauen Planeten.
Sie kann und will es nicht ertragen, dass es anderen Zeitgenossen schlecht geht. Sie kann nicht anders als an der Verbesserung der Welt zu arbeiten. Aber nicht in blindem Eifer, sondern in zuversichtlicher Geduld. Wie ein Gärtner, der seine Pflanzen schon wachsen sieht, auch wenn sie noch unter der Erde sind. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4010
Sie ist eine unausrottbare Eigenart des Menschen. Zu finden nach Misserfolgen und Enttäuschungen, in den Trümmern von Kriegen und Erdbeben und selbst an offenen Gräbern: Die Hoffnung. (Die Hoffnung auf Erfolg im Beruf, auf die große Liebe, auf die Kraft wieder etwas aufzubauen, wieder neu anzufangen, etwas noch mal zu probieren, auf ein Leben im Leben und ein Leben nach dem Tod.) Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es im Volksmund, weil es den Menschen zutiefst ausmacht, dass er ein Hoffender ist. Für den Philosophen Kant ist die Hoffnung ein Teil der menschlichen Würde. Weil sie sich so nach Glück sehnt und weil sie die Stimmung der Menschen aufhellt. Für einen anderen Philosophen, Ernst Bloch, wirkt die Hoffnung wie ein Wärmestrom im Leben der Menschen. Bei den Christen gilt sie als eine der drei göttlichen Tugenden. Weil ein Funken Hoffnung im Herzen der Menschen ein Freudenfeuer entzünden kann. Weil sie zum Leben gehört wie das Atmen. Weil sie immer die Möglichkeit des Besseren und Schöneren in sich trägt. Das Wort Hoffnung ist eng verwandt mit dem alten Wort hopen=hüpfen. Ein hoffender Mensch springt also gewissermaßen innerlich weiter, über das Bestehende, zu Verbessernde hinaus. Und das ist das Wichtigste: Er glaubt daran, trotz der Möglichkeit zu scheitern. Im Gegensatz zu den Skeptikern oder Zynikern, die vor allem auf die Probleme schauen.
Aber der liebe Gott hat uns neben der Hoffnung ja auch den Verstand gegeben und den Zweifel. Der Zweifel hilft uns, dass die Hoffnung nicht zum blinden Optimismus wird, sondern eine Tugend, die den Menschen nicht aufgeben lässt. Eine Lebenshaltung, eine Lebenskraft, ja ein wahrhaft göttliches Geschenk, das mit Herz und Verstand sagt: Das wird schon wieder, gib nicht auf, probier’ s nochmal, glaub’ daran, du schaffst es. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4009
Wenn es in Talkshows um den Glauben geht dann hauen sich die Menschen fast regelmäßig die Köpfe ein. Warum eigentlich?
Vielleicht weil der Glaube auch viel mit Gefühlen zu tun hat, mit tiefen persönlichen Gefühlen, oft auch mit verletzten Gefühlen. Und natürlich geht es beim Glauben auch um intellektuelle Auseinandersetzungen, bei denen zwar keiner dem Anderen etwas beweisen kann, worüber sich aber trefflich streiten lässt. Aber streiten sollte man doch - um Gotteswillen - beim Glauben nicht, denn dazu ist er doch zu schön und zu kostbar. (Eine Tugend sogar. Die erste der 3 sogenannten christlichen Tugenden, neben der Hoffnung und der Liebe.) Der Glaube gilt auch als eine Tugend, weil er ein Wegweiser sein kann, ein Wegweiser zum guten und glücklichen Leben. Wenn er nicht engstirnig ist, sondern offen, wenn er fest ist, aber nicht rechthaberisch. Wenn er mir und den anderen gut tut. Dinge klärt, mich seelisch erfrischt, Trost und Hoffnung spendet. Wenn er entlastet dadurch, dass ich von der irdischen Last des Lebens nicht erdrückt werde, weil ich sie zeitweilig ablegen kann. Im Gebet, wenn ich sie vor Gott bringe. Wenn ich mir bewusst mache, dass das alles hier auf Erden so schön oder schrecklich es auch sein mag, doch nicht alles ist. Dass es noch so viel zwischen Himmel und Erde gibt, das ich nicht verstehen, erklären oder beschreiben kann. Das es aber gibt und von dem ich so eine Art Ahnung habe.
Ich habe ein Zitat gefunden, das diese Ahnung sehr schön beschreibt.
Es ist vom amerikanischen Schriftsteller Thornton Wilder, er hat gesagt:
„Glaube ist ein sich stets erweiternder Teich von Klarheit, von Quellen gespeist, die jenseits des Bewusstseinsrands entspringen. Wir alle wissen mehr als das, wovon wir wissen, dass wir es wissen.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=4008
„Mut tut gut“ – ein Slogan, dem ich öfter begegnet bin als ich mich mit dem Mut als Kardinaltugend beschäftigt habe. Mut tut gut - warum eigentlich? Warum soll Mut denn gut tun? Wo doch beim Mut auch immer Angst im Spiel ist. Angst vor persönlichen Nachteilen oder vor seelischer oder gar körperlicher Gewalt. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern die Angst wahrzunehmen und trotz oder mit dieser Angst Dinge zu tun, die wichtig oder ganz einfach dran sind. Auch wenn sie erst mal schwer, unangenehm oder gar gefährlich sind. Beim Mobbing zum Beispiel, in Schule oder Beruf: sich nicht erniedrigen lassen, nicht schweigen und leiden, sondern sich wehren. Das Mobbing öffentlich machen, sich Helfer suchen, die einem helfen dem Rad in die Speichen zu greifen. Das kostet Mut und Kraft. Aber wenn man es getan hat, dann tut einem dieser Mut wirklich gut. Einem selbst, weil man befreit wird von Angst und Unterdrückung und den Leuten drum herum tut es auch gut, weil gezeigt wird, dass nicht die Groben und Dummen gewinnen, sondern die, die sich wehren, aus gutem Grund.
„Dem Rad in die Speichen greifen“, das ist ein Bild für die spektakuläre Seite des Mutes. Es gibt aber noch eine weniger spektakuläre die aber genau so wichtig ist. Ihr Bild ist die Säule.
Wenn Menschen vertrauen, immer wieder vertrauen, in das Leben, in andere Menschen oder auf Gott, dann erfordert das angesichts des Lebens wie es eben oft ist, einfach Mut und Kraft. Kraft, nicht nachzulassen in der Zuversicht. Nicht den Mut zu verlieren angesichts dessen, was alles so passiert im Leben. Sich nicht entmutigen zu lassen von Menschen, die halt auch immer wieder Schwächen zeigen. Menschen mit diesem alltäglichen Mut sind wie Säulen. Sie stehen gerade und halten das Lebensgebäude zusammen. (Oder wie der Schriftsteller Theodor Fontane es ausgedrückt hat: „Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser.“) https://www.kirche-im-swr.de/?m=4007
„Alles mit Maß, sagte der Hanswurst und trank einen Krug Bier nach dem anderen“. Um eine der 4 Kardinaltugenden geht es mir in diesem Gedanken: das Maß. Dabei geht es um die Kunst der goldenen Mitte. Die Suche nach dem Ort zwischen Zuviel und Zuwenig von dem, was für den Menschen notwendig, lustvoll oder schön ist. Beim Bier zum Beispiel um den Punkt zwischen dem ungelöschten Durst und dem, wo eben über den Durst getrunken wird. Ähnlich beim Essen: den Punkt zu vermeiden, wo der Bauch voll ist und nur noch für die Zunge gegessen wird. Ums richtige Maß geht es aber nicht nur bei einem ganz persönlich, sondern auch gesellschaftlich. Bundespräsident Köhler hat unlängst die Unternehmer zur Mäßigung aufgefordert, weil ihre Gehälter mehr als fraglich sind, wenn man bis zu 50 Millionen Abfindung bekommt, weil man eine Firma gegen die Wand gefahren hat. Warum eigentlich, könnte man sich fragen. Wer soviel kriegt, der soll es halt nehmen. Er wäre ja dumm, wenn nicht. Nein, solch maßloses Verhalten gefährdet den sozialen Frieden. Bringt etwas Wichtiges aus dem Gleichgewicht. Und genau darum geht es bei der Tugend Maß. Es geht um einen Zustand des Gleichgewichts, der Ausgeglichenheit, die zu einem inneren Frieden führt. Dieser innere Frieden lässt mich spüren, dass dieser Ort zwischen Zuviel und Zuwenig zu einer natürlichen Ordnung gehört. Und damit auch zu meinem Wohlergehen, weil er mir an Leib und Seele gut tut.
Diesen inneren Frieden erreicht man nur durch bestimmte Verhaltensweisen, die eingeübt sein wollen: mich zurück halten, beherrschen, aber auch meine Bedürfnisse und Triebe bewusst gestalten, pflegen. Denn es geht beim Maßhalten nicht um völlige Askese oder gar Selbstkasteiung. Weil meine Bedürfnisse, Triebe und Antriebe sind mir vom lieben Gott gegeben, aus gutem Grund. Nur, sie wollen gestaltet sein. Damit ich nicht von meinen Trieben getrieben werde. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4006
Was ist das: Eine Frau mit zwei Gesichtern. Das eine schaut nach vorn, das andere nach hinten. Das Gesicht, das nach vorn schaut, sieht durch ein Fernrohr. Das, das zurückschaut, sieht in einen Handspiegel, in dem sich das rückwärts gerichtete Gesicht spiegelt. Ein altes Bild, so alt wie die Tugend das es beschreibt, die zweite der vier Kardinaltugenden: die Klugheit.
Warum eine Frau als Bild für die Klugheit? Vielleicht weil mit dem Wort „klug“ was feinsinniges, zartes verbunden wird. Das Wort klug stammt vom mittelhochdeutschem „kluoc“ ab und bedeutet unter anderem fein, zart, zierlich und hübsch. Aber auch gebildet und geistig gewandt. Und das passt sehr gut zu der Frau mit den zwei Gesichtern. Das, das nach vorn gewandt ist zeigt die vorausschauende Seite der Klugheit. Deshalb auch das Fernrohr. Beim Blick zurück schaut die Klugheit in einen Spiegel und erkennt sich selbst. Nicht nur aus den Fehlern, aus denen sie klug geworden ist, sondern auch aus der Selbstreflexion. Daraus, dass sie über das, was sie getan hat nachdenkt. Das ist ein weiterer Wesenszug der Klugheit. Dass sie zurückschaut, sich selbst reflektiert und dadurch lernt und sich gegebenenfalls auch verändert.
Aber damit die Tugend Klugheit, zur besonderen, zur Kardinaltugend werden kann, muss noch was Wichtiges dazu kommen. Dass ich auch zum Wohl des Anderen oder der Allgemeinheit denke und handle. Handle ich klug nur zu meinem Vorteil ist es Schlauheit oder Verschlagenheit. Will ich aber das Gute auch für Andere erreichen, wird die Klugheit zu Kardinaltugend. Zum Beispiel bei einem ganz alltäglichen Gespräch, das ein Philosoph (Arthur Schopenhauer) im Sinn hatte als er gesagt hat: „Wer klug ist wird im Gespräch weniger an das denken, worüber er spricht, als an den, mit dem er spricht. Solange er das tut, ist er sicher auch nichts zu sagen, was er nachher bereut.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=4005
„Eine Welt, in der Hund auch nur ein einziges Mal Prügel bekommen kann ohne dass er sie verdient hat, kann keine vollkommene Welt sein.“
Ein Spruch des Dichters Friedrich Hebbel, wie geschaffen für Hundehalter und Moralphilosophen. Denn um eine der 4 Kardinaltugenden geht es mir in diesem Gedanken: und zwar um die Gerechtigkeit. Was aber hat die Gerechtigkeit mit dem Hund von Friedrich Hebbel zu tun?
Der Spruch mit dem Hund zeigt zweierlei: Die Menschen sind nicht vollkommen und deshalb gibt es dauernd Fehler und Ungerechtigkeiten. Zweitens: einen Hund zu schlagen, ist nicht gerecht. Was aber ist gerecht? Auf jeden Fall einen Hund so zu erziehen, dass er nicht Dinge tut, die ihm oder anderen schaden. Das Beispiel mit dem Hund zeigt aber noch was ganz wesentliches beim Thema Gerechtigkeit: Es ist einfach entwürdigend ein Lebewesen zu schlagen. Das sieht man schon an der Körperhaltung eines Hundes, wenn er sich duckt oder den Schwanz einzieht. Auch wenn es manchmal sein muss, ein Tier zu strafen, irgendwie spürt man dann auch, dass es nicht richtig ist, nicht gerecht, nicht recht. Und genau das steckt auch im Wort Gerechtigkeit drin: aufrecht sein, sich recken, gerade machen. Gerechtigkeit bedeutet von seinem Wortursprung her, also nicht nur gerechtes Verteilen, sondern sich so verhalten, dass ein Lebewesen seine Würde behält. Bei Tieren, dass man sie nicht quält und beim Menschen, dass er wirklich aufrecht, gerade bleibt. Äußerlich und innerlich.
(Wenn man sich so verhalten kann, dann ist es einem gelungen, eine der Kardinaltugenden zu verwirklichen. Kardinaltugenden haben übrigens nichts mit Kardinälen zu tun, sondern in ihnen steckt das lateinische Wort cardo, das heißt Tür-Angel. Die Scharniere, an denen die Türen aufgehängt sind. Also Tugenden, von denen nicht alles aber viel Gutes im Leben abhängt.) https://www.kirche-im-swr.de/?m=4004