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SWR3 Gedanken

„Daniel, ich liebe dich.“ Steht auf einer Autobahnbrücke. Und immer, wenn ich die Strecke von A nach B fahre, bleibt mein Blick daran hängen. „Daniel, ich liebe dich.“ Ich stelle mir vor, wie bei Nacht und Nebel eine liebende Seele mit einer Menge Farbdosen diese Worte an den Beton sprüht. Eine gigantische Liebeserklärung, von jedem zu sehen und zu lesen.

Eigentlich bin ich keine Freundin von öffentlichen Liebeserklärungen. Und dennoch spüre ich immer eine leichte Rührung, wenn ich unter dieser Autobahnbrücke hindurchfahre. „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über“, heißt es in der Bibel. Und da war wohl jemandes Herz wirklich übervoll. Übervoll mit Liebe. Und das mußte raus.

Eigentlich sollte das viel öfter raus. Wenn Menschen das Herz voller Liebe ist. Denn meistens will nur das andere raus. Wenn das Herz voll mit Zorn ist. Oder mit Ärger. Oder mit Vorwürfen. Oder mit Tadel. Dann geht uns ganz schnell der Mund über. Aber die netten Sachen, die behalten wir lieber für uns. Als wäre das selbstverständlich.

Ist es aber nicht. Dass mich jemand mag, halte ich ganz und gar nicht für selbstverständlich. Und ich freue mich riesig, wenn mir das mal jemand sagt. Oder wenn ich etwas gut gemacht habe. Dann freue ich mich doch über Lob und Kompliment. Und wenn mir das so geht, geht das anderen vermutlich auch so.

Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Ich kann nicht glauben, dass unser Herz immer nur voll mit Ärger und Kritik ist. Deswegen muß es wohl am Mund liegen. Dass der sich schwer tut, nette Dinge auszusprechen. Aber das kann man ja mal üben.

Muß ja nicht gleich in fetten Lettern an einer Autobahnbrücke sein. Das heimische Wohnzimmer tut es auch. Hauptsache, es kommt an, was ankommen soll. Eine Liebeserklärung, eine Sympathiebekundung, ein Lob, eine Aufmunterung, ein anerkennendes Schulterklopfen. Möglichkeiten gibt es so viele. Anderen etwas Schönes zu sagen. Und wenn Menschen schon platzen, ist es viel schöner, sie tun es aus lauter Liebe als aus Zorn.
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Es war einmal ein Mann, der hatte Angst vor seinem Schatten. Deswegen wollte er ihm davonlaufen. Doch so schnell er auch lief, sein Schatten klebte an seinen Fersen. Deswegen lief der Mann immer schneller und immer schneller. Und am Ende fiel er schließlich vor Erschöpfung tot um. So erzählt eine Geschichte aus China.

Es war einmal ein Mann. Es war einmal eine Frau. So erzählt unser Leben. Die wollten ihren Schatten loswerden. Weil Menschen ab und zu gerne ihre Schatten loswerden würden. Aber jeder einzelne macht die Erfahrung. So schnell ich auch laufe, am Ende lande ich immer bei mir selbst. Mit meinem Schatten.

Und ein Leben ohne Schatten gibt es nun einmal nicht. Manche haben das Gefühl, ganz und gar im Schatten zu stehen. Weil das Leben ihnen gar nichts gönnt, was licht und hell ist. Manche schleppen ihre Schatten hinter sich her wie einen lästigen Ballast. Ein Mißgriff, eine Fehlentscheidung, eine Schuld, ein Versagen. Irgend etwas, das lange Schatten wirft über das Leben und es dunkel macht.

Dann möchte man rennen und rennen und rennen. Wenn man all das nur los werden würde. Wenn man sich irgendwo und irgendwann wiederfände im strahlenden Licht einer Sonne, die keine Schatten wirft. Aber die gibt es nicht. Wo Licht ist, ist auch Schatten, sagt ein Sprichwort. Und das ist ein wahres Wort. Was also tun?

Die chinesische Geschichte hat eine Schlußpointe. Da heißt es: Wäre der Mann nicht davongelaufen, sondern in den Schatten eines Baumes getreten, hätte der seinen Schatten aufgenommen und aufgehoben. Chinesische Weisheit. Die mich an eine biblische Weisheit erinnert: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Siehe da. Auch ein wahres Wort.

Bei Gott bin ich willkommen mit Licht und Schatten. Er weiß um meine Schattenseiten und liebt mich dennoch. Und in seinem Schatten finden auch meine Schatten ihren Platz. So dass ich ausruhen und Kraft schöpfen kann. Und schließlich weitergehen kann. Ganz normal durchs Leben. Durch Licht und Dunkel. Mit meinem Schatten.

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Auf diesen Besuch habe ich nun gar keine Lust. Bei der alten Dame ein paar Straßen weiter. Aber sie hat um einen Besuch gebeten. Ich hätte eigentlich jede Menge Anderes zu tun. Aber ich gebe meinem Herzen einen Stoß und klingele an der Tür.

Wie ich es erwartet habe. Alte Frau mit altem Gesicht. Langweilige Tapete im Flur, abgenutzte Sitzgarnitur im Wohnzimmer, es riecht ganz leicht nach Kohl. Im Geiste seufze ich tief und setze ein Lächeln auf. Heimlich schaue ich auf die Uhr. Maximal eine Stunde, nehme ich mir vor. Dann bin ich weg.

Jetzt bin ich erst einmal da. Das Gespräch schleppt sich dahin. Über die Gehhilfe im Flur, über das neue Hörgerät und den letzten Arztbesuch. Mit halbem Ohr höre ich zu, mit halbem Herzen folge ich von Krankheit zu Krankheit. „Ich hole dann mal den Tee“, sagt die alte Dame. Erleichtert nicke ich.

Während sie in der Küche ist, lasse ich meinen Blick schweifen. Ein Bild auf der Kommode fesselt mich. Zwei junge Mädchen in Gehrock und Zylinder. „Fasching 1932“, höre ich hinter mir. Erschrocken wende ich den Kopf und sehe die alte Dame in der Tür. Sie lächelt verklärt.

„Ich war ein ganz schöner Feger“, sagt sie, während sie sich setzt. „In meiner Jugend“, fügt sie hinzu. „Sie?“, rutscht es mir heraus. Aber sie schenkt in aller Ruhe den Tee ein, und ihr Lächeln ist nun richtig breit und verwegen. Na so etwas. In diesem Moment sieht sie richtig jung aus.

Ich bleibe bei der alten Dame, bis es dämmert. Sie weiß immer neue Geschichten zu erzählen. Von modernen Tänzen und kurzen Haaren, von schneidigen Kerlen und wilden Gedanken. Mittlerweile sitze ich mit großen Ohren in meinem Sessel und lausche von ganzem Herzen. Und wundere mich immer wieder, wie lebendig dieses alte Gesicht ist.

Ein paar Wochen später stirbt die alte Dame. Von einem Tag auf den anderen. Der Sohn sagt: Sie war halt eine alte, kranke Frau. Und ich denke: Nein, sie war ein ganz schöner Feger. Und muß lächeln.
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Meine kleine Tochter kann ja ein richtiger Engel sein. Dann flüstert und flötet sie und wickelt jeden um den Finger. „Bist du ein braves Kind“, sagen dann die Leute. Manchmal ist meine kleine Tochter kein richtiger Engel. Wenn etwas nicht nach ihrem Kopf geht zum Beispiel. Dann wird aus dem kleinen Engel eine kleine Furie. Die sich auf den Boden wirft, mit den Fäusten trommelt und schreit, dass die Wände wackeln. Gar nicht brav.

Aber was ist eigentlich brav? Wenn wir Kinder brav nennen, meinen wir in der Regel, dass sie sich benehmen, wie es uns Erwachsenen in den Kram paßt. Wenn das Kind der Tante ein Küßchen gibt, ist das brav. Wenn das Kind macht, was man sagt, ist das brav. Wenn das Kind sich still und unauffällig verhält, ist das brav. Wie es Erwachsenen eben gefällt.

Natürlich gefällt es auch mir, wenn meine kleine Tochter macht, was ich sage. In der Regel meine ich es ja auch gut mit ihr. Aber ehrlich gesagt bin ich sogar ganz froh, wenn sie ab und an mit aller Kraft versucht, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Denn dann weiß ich, dass sie einen hat. Einen eigenen Kopf. Und den brauchen Menschen. Auch Kinder. Gerade Kinder.

Kinder müssen wissen, wie man „Nein“ sagt. Damit sie nicht an der falschen Stelle „Ja“ sagen. Und wenn das nun eben die Tante mit ihrem Küßchen trifft – Pech. Kinder müssen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Damit nicht aus kleinen Kindern große Mitläufer werden. Und wenn das nun eben mich mit meinen guten Erziehungsabsichten trifft – Pech. Kinder müssen laut sein können. Damit ihre Stimme im Leben nicht untergeht. Wenn das nun einmal mein Trommelfell erschüttert – Pech.

Kinder sind Kinder. Kinder sind keine Abziehbilder erwachsener Erwartungshaltungen. Zu einem kinderfreundlichen Klima gehört auch, dass man Kinder ernst nimmt. Dass man ihren eigenen Kopf ernst nimmt. Angepaßte Menschen, die brav alles abnicken, gibt es genug. Kinder, die selbstbewußt ihren Weg gehen, kann es gar nicht genug geben.

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Kennen Sie den? Stehen zwei Mathematiker vor dem Kindergarten. Drei Kinder gehen rein, fünf Kinder kommen raus. Sagt der eine Mathematiker zum anderen: „Wenn jetzt noch zwei reingehen, ist keiner mehr drin.“

Okay, Sie haben keine Miene verzogen? Noch nicht einmal ein leichtes Schmunzeln? Wie schade. Denn wie gerne hätte ich Sie ausgerechnet heute zum Lachen gebracht. Heute, am Ostermontag. Meine Kollegen haben das früher jedenfalls versucht. Die haben an Ostern in der Kirche einen Witz erzählt. Damit die Menschen nach der düsteren Passionszeit mal wieder so richtig von Herzen lachen. Dem Tod im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht lachen.

Denn das ist ja der Sinn von Ostern. Da feiern wir, dass der Tod nicht das letzte Wort über unser Leben hat. Sondern dass letztendlich das Leben den Sieg davonträgt. Dass wir den Tod eigentlich nicht mehr fürchten müssen. Sondern auf das Leben bauen können. In Ewigkeit Amen. Wenn das kein Grund zur Freude ist.

Für viele Menschen nicht. Weil es gar nicht so leicht ist, wirklich daran zu glauben. Den Tod kann ich mir vorstellen. Den sehe ich sozusagen jeden Tag. Auf dem Friedhof, in den Nachrichten, im Nachbarhaus. Aber ein Leben nach dem Tod? Wie soll das gehen, wie soll das funktionieren, wie soll das aussehen? Keine Ahnung.

Vielleicht wissen das die Ostergeschichten in der Bibel. Aber die malen auch keine Bilder vom Jenseits, geben keine Erklärungen für das Leben nach dem Tod, die liefern auch keine Gebrauchsanweisung für die Ewigkeit. Die erzählen von Menschen, die einen Toten suchen und ein leeres Grab finden und schließlich Jesus treffen. Einen lebendigen Jesus. Obwohl der doch eigentlich tot zu sein hat.

Und das reicht denen. Das reicht denen für ein befreites Osterlachen, das über die Jahrhunderte schallt und noch heute Menschenherzen aufatmen läßt. Auch wenn das Hirn die Pointe hinterfragt, kann das Herz um den Witz an der Sache wissen. Und der ist gestern und heute und morgen das Leben. Gott verheißt Leben. Vielleicht kein Grund, schallend zu lachen. Aber Fundament für eine heitere Gelassenheit, mit der man getrost durchs Leben gehen kann. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Ostern.
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Stickiger Raum. Verschlossene Türen. Verschlossene Herzen. Ein paar Männer, die um einen Tisch sitzen. Kein Wort, kein Gespräch, keine Nähe. Zuviel ist passiert. Der schwarze Freitag sitzt ihnen in den Knochen. Die Enttäuschung frißt an ihren Seelen. Die wollen nicht reden. Gibt auch nichts zu sagen. Der Tod hat ihnen die Sprache verschlagen.

Manchmal hebt einer den Kopf. Blickt in den Raum. Blickt zum Fenster. Dessen Läden verschlossen sind. Durch die Ritzen dringen die ersten Strahlen der Sonne. Auf ihnen tanzt der Staub. Grau in Grau. Grau in Grau fühlt sich das Leben an. Seit jenem schwarzen Freitag.

Die Frauen sind gegangen. Bevor die Sonne aufging. Zum Grab sind sie gegangen. Die dummen Dinger. Öl haben sie mitgenommen. Um ihn zu salben. Um einer Leiche etwas Gutes zu tun. Um einer leeren Hülle Ehre zu erweisen. Wie sinnlos. Aber so sind Frauen. Überemotional. Gefühlsduselig. Wem soll das etwas bringen? Der Tod war da. Nichts wird mehr etwas bringen.

Einer hebt den Kopf. Hört ein Geräusch. Das Geräusch eiliger Schritte. Sie kommen zurück, sagt er. Die Frauen kommen zurück. Einer zuckt mit den Schultern. Einer blickt zum Fenster. Wo noch immer der Staub tanzt. Grau in Grau. Einer geht zur Tür. Sein Gesicht grau in grau.

Er ist nicht mehr da, rufen die Frauen. Schon vor der Tür. Er ist nicht mehr da. Er ist weg. Er ist am Leben. Er ist auferstanden. Die Frauen sind außer Atem. Die Sätze überschlagen sich. Männer haben es uns gesagt. Männer, die wir nicht kannten. Aber er war nicht mehr da. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen. Und mit eigenen Ohren gehört. Er ist nicht mehr da. Er lebt. Er ist auferstanden. Kaum zu glauben.

Kaum zu glauben, murmelt einer. Weiber, murmelt ein anderer. Auferstanden, murmelt ein Dritter. Er hat es gesagt, kommt es aus einer Ecke. Er hat es versprochen, sagt derselbe. Und ein anderer blickt zum Fenster. Betrachtet den Staub, der im Licht der Morgensonne tanzt. Dass Staub so bunt tanzen kann. Wer hätte das gedacht? https://www.kirche-im-swr.de/?m=3370