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SWR3 Gedanken

Das 10. Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch al-les, was sein ist.“
„Neid – das ist so eine Sache!“ der alte Mann schaut mich verschmitzt an.
Als Pfarrerin macht man oft Besuche zu Geburtstagen, wenn jemand gestorben ist oder einfach nur, weil jemand alt oder krank oder einsam ist. Dieses Mal war ich bei einem ausgesprochen vitalen Gentleman. Ich weiß gar nicht, wie wir auf das Thema ‚die großen Probleme der Menschheit’ gekommen waren. Jedenfalls freute er sich sichtbar, endlich mal wieder mit einer „cleveren jungen Frau“, wie er mich beharrlich nannte, angeregt zu diskutieren.
„Ja, das mit dem Neid ist so eine Sache.“, er fuhr fort, „Schauen sie sich mal das Haus meines Nachbarn an. Es hat alles, was man sich so wünschen kann: Das Haus ist schön angestrichen, es hat einen wunderschönen Garten mit einem kleinen romantischen Teich... Es ist eine Augenweide, dieses Haus zu betrachten. - Und dann schauen sie sich mal meine olle Hütte an...“
Na ja, es ist halt ein altes Haus, an dem schon eine ganze Weile nichts mehr gemacht worden ist. Der Garten ist ein wenig überwuchert. Die Fensterläden hängen etwas schief in den Angeln und die Farbe beginnt abzublättern.
Mein alter Gentleman lächelt mich an: „Sehen sie, Frau Pfarrerin, wenn nun mein Nach-bar sein Haus bewundern will, dann muss er immer zu mir kommen – ich aber, ich ge-nieße es, habe jeden Morgen mit dem ersten Blick aus dem Fenster das Vergnügen auf dieses schöne Haus schauen zu können!“
Ich lachte, so hatte ich es noch nie gesehen! Ja, wozu neidisch sein?! In der Bibel steht „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist“. Dieses Gebot sollte vielleicht so heißen: Lehn dich zurück und genie-ße doch einfach den Ausblick auf das schöne Haus, den Garten, das Auto und auf alles, was dem Nachbarn gehört. Und lad den Nachbar doch einfach mal ein, damit auch er den schönen Anblick hin und wieder genießen kann.
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Das 9. Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“
Drei Frauen stehen vor mir: Die älteste ist so um die 50, groß und kräftig gebaut; die jüngste so um die 40, klein und rund; die dritte im Bunde eine kleine, zierliche. Und so unterschiedlich die drei sind, da ist doch etwas gemeinsames, etwas familiäres in ihren Gesichtszügen. Die drei sind Schwestern.
Lachend schauen sie mich an. „Das ist schon eine ganze Weile her, dass wir uns wieder so gut verstehen“, erzählen sie, „10 Jahre haben wir kein Wort mehr miteinander gespro-chen! 10 Jahre“!“ Den genauen Grund, den Anfang ihres Streites kennen sie gar nicht mehr. Die eine hatte mal was über die andere zur dritten gesagt; die andere hatte mal was über die dritte zur Tante gesagt; die dritte hatte was über die beiden anderen zu den ehemaligen Schulfreundinnen gesagt.
Mir war ganz wirr im Kopf, als sie mir das erzählten: Eine sagt etwas über eine andere - aber miteinander reden?!? Nein! Also beileibe nicht! Und wenn man so was dann über tausend Kanäle – die natürlich alle nur das beste wollen... – erfährt, dann tut das weh. Aber die andere zur Rede stellen? Fragen, wie das nun gemeint war? Aber nein! Doch keine Blöße geben. Da werden doch lieber noch die alten Kamellen rausgekramt: Wie die eine immer der anderen an den Zöpfen gezogen hat, damals; was die andere für verque-re politische Ideen hatte, damals; wie die dritte niemals was rausgerückt hat, damals: weder Klamotten, noch Schokolade, noch sonst was. Zehn Jahre ist das so gegangen.
Dann hatte die Tochter der ältesten der Schwestern beschlossen zu heiraten und wollte partout ihre beiden Tanten – also die drei Schwestern bei der Hochzeit dabei haben. Also haben sie sich getroffen. In einem Café. Und irgendwie war es allen ganz unangenehm. Alle drei haben sich auf einmal ganz furchtbar dafür geschämt, was sie so alles über die anderen beiden erzählt haben. Gut, es hat einige Stückchen Torte und viele Tassen Kaf-fee gedauert, aber dann sind sie sich wieder ganz langsam und vorsichtig näher ge-kommen.
Das 9te Gebot lautet „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ – und irgendwie hat es recht.

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Das 8. Gebot „Du sollst nicht stehlen.“
„Und dann verschwanden die Bibeln.“
Ich weiß nicht mehr genau, wie und warum wir auf das Thema ‚Stehlen’ kamen. Als die Gefängnispfarrerin auf einmal zu kichern begann. „Das müsst ihr euch mal vorstellen, auf einmal verschwanden ganz viele Bibeln und ich wusste nicht, warum! Bis es mir jemand erklärt hat: Die einzelnen Blätter der Bibel sind wunderbar dünn und zum Drehen von Zigaretten sehr gut geeignet!“ Jemand lachte laut auf: „So ’ne dicke Bibel – das reicht ja für ein ganzes Raucherleben!“
Die Gefängnispfarrerin wurde ernst: „Na ja, und dann war da auch noch das Problem mit den Kerzen – die wurden nämlich auch gerne mal mitgenommen. Irgendwie kann man das ja verstehen, wenn jemand den Wunsch hat, in seiner Gefängniszelle eine Kerze zu haben. Und dann eines Tages, der Gottesdienst war zuende, da stand doch die Kerze nicht mehr auf dem Altar. Das muss man sich mal vorstellen! Die dicke, fette Altarkerze – auf einmal weg! Und das mitten im Gottesdienst!
Also habe ich ihnen gesagt: ’Hier verlässt keiner den Raum, ehe diese Altarkerze nicht wieder an ihrem Ort steht!’ Und ich habe mich hingestellt und von den 10 Geboten der Bibel erzählt. Wie Mose auf den Berg gestiegen ist und die 10 Gebote auf zwei Steintafeln von Gott bekommen hat; dass die 10 Gebote dazu da sind, ein friedvolles gemeinsames Leben möglich zu machen. Ich habe erzählt, dass das achte Gebot ‚Du sollst nicht steh-len’ heißt und es dazu da ist, dass wir Bibeln und Kerzen eben nicht einschließen, son-dern frei rumliegen lassen können – damit sie jeder benutzen kann. Eben weil jeder sich zusammennimmt und sich dran hält, nichts zu klauen.
Ich habe mir alles von der Seele geredet, was ich immer schon mal sagen wollte zu die-sem Thema. Und dann - ich weiß auch nicht, wie – stand die Altarkerze wieder an ihrem Platz! Und das Beste war: Sie brannte sogar!“
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6. Gebot „Du sollst nicht töten.“
„Oh, ich könnte sie umbringen!“ verzweifelt guckt er mich an.
„Ja, dann bringen Sie sie doch um!“
„Aber Frau Pfarrerin!“ kommt es ganz entsetzt, „das darf man doch nicht! Das ist verbo-ten!“
„Na ja, das schon“, antworte ich, „aber man darf was-wäre-wenn spielen... Was wäre denn, wenn Sie ihre Mutter umbrächten?“
„Dann“, sagt er, „dann hätte ich endlich meine Ruhe: Ich hätte nie mehr dieses schlechte Gewissen, dann müsste ich nicht immer ihre ständigen Vorwürfe hören: ‚Nie kommst du mich arme, alte, einsame Frau besuchen’. Ich hätte von alldem endlich meine Ruhe – keine Verpflichtungen mehr, keine Vorwürfe“ er zögert als er weiter spricht, „Sie würde mir natürlich auch nicht mehr von Papa erzählen...“
„Papa?“ frage ich.
Er erklärt, dass sein Vater gestorben sei, als er noch ein Kind war. „Meine Mutter holt bei meinen Besuchen immer das alte Fotoalbum raus und erzählt mir von damals: als sie ihn kennen lernte, wie er sich so über das Baby, über mich! gefreut hat, das Vater tausend-undeine Seifenkiste zum Spielen gebaut hatte...“ Nachdenklich blickt er mich an.

Am Ende unseres Gespräches meint er: „Wissen sie was? Das nächste Mal, wenn ich meine Mutter besuche, dann sage ich ihr, dass mich ihre ständigen Vorwürfe verletzen und wir doch lieber die gemeinsame Zeit genießen sollten. Und wenn wir dann zusammen sitzen, dann können wir uns über Vater unterhalten und uns gemeinsam an ihn erin-nern.“
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Das 5. Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir's wohl ergehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“
Mein Mann ist Pfarrer. Ein ganz normaler Pfarrer, der halt alles so macht, was Pfarrer gewöhnlich zu tun pflegen: Gottesdienste am Sonntag, Konfi- und Religionsunterricht unter der Woche, Hausbesuche und - alle zwei Wochen Gottesdienst im hiesigen Alters-heim.
Ich sei doch die Frau vom Pfarrer – sagte kürzlich eine ältere Dame zu mir, ach, der kön-ne doch so toll tanzen! Wie bitte, dachte ich, mein Pfarrerehemann, der olle Tanzmuffel, hat mit den gesamten Damen des Altenclubs einen Flotten auf’s Parkett gelegt? Also ha-be ich ihn am selben Abend mal gefragt: Was machst Du da, um Gottes Willen, im Al-tersheim?
Und da hat er mir erzählt, dass er halt den Gottesdienst zusammen mit den alten Damen gestaltet, weil die mindestens ebensoviel wie er zum Thema Gott zu sagen haben und dass er nach dem Gottesdienst noch dableibt und sich mit den Leuten dort unterhält; besonders hat es ihm ein kleiner Kreis älterer Damen angetan: die treffen sich immer in einem der Zimmer, eine bringt Kuchen mit und eine andere kocht Kaffee und alle lieben den Pfarrer, weil der einen Likör trinkt, in den dann alle Damen der Reihe nach ihren Würfelzucker tunken können!

Mein Mann betreut noch ein anderes Altersheim, da sind die alten Leute nicht mehr ganz so fit, wie diese Damen. Und doch haben beide Altersheime etwas gemeinsam: Sie sind voll mit Geschichten, Lebensgeschichten. Und es ist so schade, dass wir in der Regel so wenig Zeit haben, vom Reichtum dieser Geschichten zu profitieren!
Deshalb hat mein Tanzmuffelehemann mit seinen Konfirmanden ein Projekt gestartet: Jeweils zwei Konfis haben eine gewisse Zeitlang eine oder zwei ältere Herrschaften be-sucht. Das Projekt war ein voller Erfolg! Die Konfis hatten ihren Spaß und die älteren Damen und Herren erst recht! Gewiss, eine Problem gab es: Da waren doch zwei Konfis, die gingen auffällig häufig und gerne zu einer bestimmten Frau. Warum? Na klar, dort gab es für die beiden immer leckeren Likör...
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Das 2. Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, we-der von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“

Gott?! Vielleicht so eine Art Verschnitt zwischen Albert Einstein und dem Weihnachts-mann: Ein weiser Mann mit wuseligen weißen Haaren und Rauschebart und steinalt. So stellt sich Klaus Gott vor.
Wenn Klaus seine Schwester fragt, wie sie sich Gott vorstellt, sie ihre CD mit buddhisti-scher Tempelmusik etwas leiser stellt, in sich geht und sagt: „Gott? Gott ist das Sein schlechthin.“
Seine Oma verweist auf diese Statue, die sie einmal in Berlin gesehen hat. Die Statue ist von Käthe Kollwitz und zeigt eine übergroße Frau, eine Mutter, die beschützend ihre gro-ßen, kräftigen Arme um ihre Kinder legt. Und seine Oma denkt dabei an den Krieg und an die Nachkriegszeit und an den Krieg im Irak und an die kriegerischen Nachrichten aus Afrika.
Für Klaus’ Vater ist Gott in erster Linie ein Richter. Mit so einer eleganten Richterrobe und einer weißen, weisen Richterperücke auf dem Kopf – so wie die englischen Richter sie tragen, so sitzt Gott da und vor ihm auf dem Richtertisch liegen schon die Anklage-punkte: Eltern, die ihre Kinder missbraucht und misshandelt haben; Kinder, die keine Zeit mehr für ihre alten Eltern haben – und das ist erst der Anfang der Liste.
Fragt Klaus seinen Bruder, den, der immer so vehement seine Meinung vertritt und zu allem was bestimmtes und provokantes zu sagen hat, wird der auf einmal zaghaft: „Ich hoffe, Gott liebt mich so, wie ich bin.“
Und was sagt Gott selbst dazu?
Die Bibel meint:
„Du sollst dir keine Bildnis [von Gott] machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“
Ich stelle mir vor, wie sie - die große liebevolle Mutter mit weißem Rauschebart - sich in ihrem Ohrensessel entspannt zurücklehnt, die olle Richterperücke auf dem Kopf ein we-nig zurechtrückt, unter ihren Fingernägeln den Dreck vom Erschaffen der Menschen. Und dass sie dann weise lächelnd- schweigt.

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Das 4. Gebot „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.“

Es gibt ja nichts schöneres als Sonntagsmorgens den Kaffee im Bett zu trinken! Finde ich jedenfalls. Die Milch wird vorher erwärmt und aufgeschäumt, der frische Kaffee duftet schon und dann nichts wie zurück ins Bett. Vielleicht noch mit der Wochenendausgabe der Süddeutschen bewaffnet. Ehrlich! Da hat man doch endlich mal Zeit, die gesamte Zeitung von vorne bis hinten komplett durchzulesen. Einfach himmlisch diese Ruhe am Sonntagmorgen!
Und dann die super bequeme Hose angezogen, den Schal umgeschlungen geht’s Rich-tung Café. Ich treff’ mich nämlich sehr gerne Sonntagsmorgens zum ausgiebigen und, ja, ich geb’s zu: zweiten Frühstück mit meiner Freundin im Café.
Ach, ist das schön: Da schlendere ich durch die wunderbar leere Fußgängerzone; ich und noch ein paar andere Sonntagsmorgensgestalten mit ihren Hunden. Da hat man doch endlich mal Zeit und Muße sich die Schaufensterauslagen anzugucken! Da kann man sich in aller Ruhe überlegen und vorstellen, was man doch alles noch gebrauchen könnte: Mein Gott, was für’n schöner Pulli – aber, wer bitte stellt sich das Stehrümchen da hinten in die Wohnung?!? Es gibt schon witzige Dinge auf Erden.

Jedenfalls weiß ich an solchen wunderbar erholsamen und entspannten Sonntagmorgen-den, warum Gott sein Gebot gesprochen hat: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle dei-ne Werke tun – aber der siebte Tag ist der Tag Gottes und da sollst du keine Arbeit tun!“ Ich vermute, Gott geht es da genau wie mir: Er genießt es einfach, einmal in der Woche auszuspannen, ganz entspannt durch die Welt zu streifen, rechts und links zu gucken und sich zu wundern, was es so alles gibt.
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