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SWR3 Gedanken

Im niederländischen Utrecht gab es letztes Jahr eine Museumsnacht mit dem Motto „Die sieben Todsünden“. Eine Nacht lang waren alle Museen der Stadt geöffnet. Sie zeigten Ausstellungen und Aktionen rund ums Thema Sünde.
Als Werbegag haben sich die Macher etwas ganz besonderes einfallen lassen: Im Museumsviertel wurden „Sündensäcke“ verteilt. So ähnlich wie normale Abfallsäcke, aber eben für Sünden, um begangene Sünden symbolisch zu entsorgen.
Aber die „Sündensäcke“ sind ziemlich leer geblieben. Vielleicht sind die Utrechter ja ein besonders frommes Völkchen. Vielleicht ist es aber auch ein Anzeichen dafür, dass unser Bewusstsein für die eigene Schuld rückläufig ist. Wer betrachtet das Parken auf einem Behindertenparkplatz oder kleine Schummeleien in der Steuererklärung heute noch als Sünde?
Wir Christen verstehen unter Sünde das gestörte Verhältnis zu Gott. Und das wird immer dann gestört, wenn ich seine Schöpfung verletze, wie auch immer. Schöpfung Gottes – das ist die Umwelt: Luft und Wasser, Pflanzen und Tiere. Das sind aber auch die anderen Menschen, und natürlich ich selbst. Wenn ich zum Beispiel zu viel arbeite oder zu wenige schlafe, mich selbst also vernachlässige, dann ist das auch Sünde.
Die Fastenzeit- oder Bußzeit wie sie auch genannt wird, ist eine Chance, auf die alltäglichen Sünden aufmerksam zu werden. Und sich zu bessern. Das Wort „Buße“ bedeutet nämlich ursprünglich „sich bessern“.
Zum Glück hat Gott für uns auch so was wie „Sündensäcke“ aufgestellt. Und Gott lässt so einen gut gefüllten „Sündensack“ sicher nicht ein ganzes Leben lang stehen.
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Letzten Sommer war ich auf einer echten Traumhochzeit eingeladen. Na ja, zumindest hat das Ganze wie eine echte Traumhochzeit begonnen. Der Weddingplaner hätte es nicht besser inszenieren können: Das schöne Barockkirchlein überm Bodensee, Sektempfang mit Blick bis zu den Alpen, ein strahlender Sommertag. Und ein ebenso strahlendes Brautpaar, das in eine weiße Stretchlimousine einsteigt. Eine edle Karosse mit Überlänge. Nach dem Sektempfang soll´s nämlich durch die verwinkelte Altstadt zum Festsaal gehen. Ein leckeres Essen wartet auf uns – so lautet zumindest der Plan...
Doch das letzte, was die Hochzeitsgesellschaft vom Brautpaar sieht sind die getönten Scheiben der davon fahrenden Limousine. Zwei Stunden später sind die beiden frisch Verheirateten immer noch nicht beim Festsaal eingetroffen. Ich sehe einige besorgte Gesichter. Andere eher hungrig und schon leicht verärgert.
Endlich ein Anruf des Bräutigams: Die ganze Sache verzögert sich noch etwas. Die Stretchlimo ist in den engen Gässchen der Altstadt stecken geblieben. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Besser hätte man die Geschichte nicht erfinden können.
Manchmal ist die Stretchlimo einfach eine Nummer zu groß für die engen Gässchen des Lebens. Das merke ich besonders dann, wenn ich mir zu viel vornehme. Sei´s mein Arbeitspensum für den Tag oder eine frisch begonnene Diät. Oft will ich zuviel auf einmal.
Das nächste Hochzeitspaar, bei dem ich eingeladen war, hat sich was anderes einfallen lassen. Sie wurden mit einer Fahrrad-Rikscha kutschiert. Ich weiß nicht, ob dieses Paar einfacher durchs Leben kommt. Aber die verwinkelten Sträßchen um die Kirche, die haben sie eindeutig besser gemeistert.
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Filmszene: Eine Frau sucht verzweifelt einen Parkplatz. Da bekommt sie den Tipp: „Bestell doch einfach einen beim Universum.“ Mit einer Mischung aus Verachtung und Hoffnung murmelt sie eine Bestellung: „Liebes Universum, einen Parkplatz bitte!“ Und schwupp, vor ihrer Nase wird einer frei.
Was im Film auf Anhieb klappt, ist im richtigen Leben oft etwas schwieriger.
Vielleicht haben deshalb „Bestellungen beim Universum“ gerade Konjunktur. Das Buch dazu heißt „The Secret – das Geheimnis“ und ist in aller Munde. Von den Talkshows bis zu den Bestsellerlisten.
Das Prinzip hört sich ganz einfach an: Wie die Frau auf dem Parkplatz kann ich mir alles erdenkliche vom Universum wünschen. Geld oder Liebe, beruflichen Erfolg oder ewige Jugend. Wenn ich mit der richtigen Geisteshaltung rangehe, dann erfüllt sich der Wunsch hundertprozentig. Und die richtige Geisteshaltung wird natürlich nur im Buch verraten – für 16 Euro 95.
Mir kommt das seltsam vor. Wir Menschen wären dann ja alle kleine Götter, die sich ihre Wunschwelt zusammenzimmern könnten. Ist es wirklich so einfach?
Wenn ich mir etwas sehr wünsche, dann wende ich mich mit einem Bittgebet an Gott. Das ist aber anders als bei den Bestellungen beim Universum: Ich rechne beim Beten nicht unbedingt mit Erfolg. Denn Gott lässt nicht über sich bestimmen. Im Gegenteil: Wenn ich zu Gott bete, dann erkenne ich ihn als denjenigen an, der größer ist als ich. Und ich kann nur darauf vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint, auch wenn es auf den ersten Blick mal nicht so scheint.
Einen Parkplatz freilich, den könnte auch ich ab und zu gut brauchen. Aber dafür bemühe ich nicht Gott. Da vertraue ich lieber meinem guten Auge und einer Portion Glück.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=3070
Thomas sitzt in der S-Bahn. Sein Handy vibriert. Die SMS lautet: „Thomas, was passiert eigentlich mit den verpassten Chancen im Leben?“ Ich finde, ein etwas ungewöhnlicher Text für eine SMS. Nicht aber Thomas. Er bekommt solche SMS mehrmals täglich. Denn er ist SMS-Seelsorger.
Die SMS-Seelsorge hat sich aus der Telefon-Seelsorge entwickelt. Vor neun Jahren hat ein Schweizer Pfarrer damit angefangen, als erster auf der Welt. Seitdem wurde die Idee in vielen Kirchen übernommen.
Die meisten SMS-Fragen kommen von jungen Leuten zwischen 10 und 35 Jahren. Und die wollen keine Kirchenpredigt, sondern kurze und knackige Antworten. Genau darin besteht die Herausforderung für Seelsorger wie Thomas.
Auf komplexe Fragen möglichst kurz antworten. Das ist übrigens eine Tugend der buddhistischen Mönche. Aber in kirchlichen Kreisen werden die SMS-Seelsorger genau deshalb kritisiert: Mit 160 Zeichen eine theologisch fundierte Antwort geben. Das ist doch nicht möglich. Außerdem ist das Simsen doch viel zu unpersönlich!
Gerade darin sieht Thomas aber den Vorteil. Viele Menschen möchten gern anonym bleiben. Denn hier kann ich viel unbefangener darüber reden, was mich bedrückt. Die Katholische Kirche kommt diesem Bedürfnis im anonymen Beichtstuhl ja auch entgegen.
Eigentlich entspricht das Simsen einem uralten Traum: Gedanken übertragen. Geistesblitze austauschen über große Strecken hinweg. Seit neun Jahren nun schwirren neben Nichtigkeiten, Verabredungen und Liebesschwüren auch noch andere Dinge durch die Luft: Ermutigungen, kleine Weisheiten und tröstende Worte der SMS-Seelsorger.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3069
Zur Zeit macht er wieder im Fernsehen auf sich aufmerksam: der bekannte Löffelverbieger aus den Siebzigerjahren: Uri Geller.
Meine Neuntklässler erzählen mir immer wieder im Religionsunterricht von seiner Show und den neuesten „übernatürlichen Wundern“. Und sie fragen, ob Jesus mit seinen Wundern denn so was Ähnliches war wie Uri Geller.
Auf den ersten Blick gibt es tatsächlich einige Übereinstimungen. Jesus hatte nicht zuletzt wegen seiner Wundertaten solch eine Anziehungskraft auf die Menschen seiner Zeit. Und beide sind sehr charismatische Persönlichkeiten.
Es gibt aber auch grundlegende Unterschiede. Mal ganz abgesehen davon, dass Uri Gellers Wunder fast alle schon als Zaubertricks entlarvt worden sind: Jesus hat kein einziges Wunder vollbracht, um seinen eigenen Ruhm zu vermehren. Ihm ging es immer nur um das Wohl der Menschen die Hilfe brauchten.
Meistens verbietet er den Geheilten sogar, über das Wunder zu sprechen: Jesus sagt zu den Geheilten: „Geh, und erzähle niemandem davon!“ Er will keinen Personenkult. Er will mit seinen Wundern auf Gott, seinen Vater aufmerksam machen.
Jesus will uns Menschen zeigen: Dieser Gott ist hier auf unserer Erde erfahrbar. Und das nicht nur in den Wundern Jesu, sondern auch in vielen kleinen Dingen. Aber garantiert nicht in ein paar übersinnlich verkleideten Zauberticks von Uri Geller.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3068
In einer Heidelberger Schule wird seit diesem Schuljahr das Fach „Glück“ unterrichtet. Eine Premiere in Deutschland. Und so geht´s zu in einer „Glücksklasse“:
Die Schüler sitzen mit geschlossenen Augen entspannt im Kreis. Einer beginnt damit durchzuzählen: „Eins.“ Dann soll es kreuz und quer gehen, aber immer einer nach dem anderen. „Zwei“ kommt es von rechts. Dann „Drei“ von irgendwo. Es geht darum, intuitiv die Lücke zu finden. Jedem seinen Raum lassen, aber auch sich selbst Raum nehmen.
Es klappt nicht gleich. Manche brüllen ihre Zahl sofort raus, andere sagen erst mal gar nichts. Beim fünften Anlauf klappt´s dann. Applaus brandet auf. Jetzt ist es greifbar, das Glück in der Klasse.
Dem Schulleiter ist es wichtig, dass Schule wieder beliebter wird. Und dass sie mehr vermittelt als nur Wissen. Um das neue Schulfach zu entwerfen, hat er sich einen Professor und den Ex-Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters zur Seite geholt. Und in den Glücksklassen unterrichten nicht nur Lehrer, sondern auch Theaterschauspieler, Familientherapeuten und Motivationstrainer.

Jeder versteht natürlich etwas anderes unter „Glück“. Fragt man die 17jährige Janina aus der „Glücksklasse“, dann antwortet sie: „Ich fühle mich glücklich, wenn ich körperlich fit bin oder wenn ich Geborgenheit spüre.“ Ein anderer sagt: „Gemeinschaft mit Gleichgesinnten bedeutet für mich Glück.“ Glück lässt sich sicher nicht erzwingen. Aber die Schüler der „Glücksklasse“ können sensibel werden dafür.

Für mich als Christ sind Glückserfahrungen immer auch ein Hinweis auf das bevorstehende Paradies. Ich stelle mir dann vor, Gott lässt mich in diesen Momenten quasi durch die Himmelstür spicken.

Also genießen wir sie, die Glücksmomente. Ob mit oder ohne Schulnote. Und freuen uns auf mehr. Irgendwann einmal.
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In der Bibel stehen neben all den schönen Geschichten auch ganz schön grausame. Eine besonders grausame Geschichte ist die von Kain und Abel. Biblische Geschichten wollen ja meistens mehr, als nur eine gute Story erzählen. Bei Kain und Abel geht es unter anderem um die Todesstrafe.
Kain und Abel sind die ältesten Söhne von Adam und Eva. Kain, der Ältere, setzt auf den Ackerbau. Er baut Getreide an. Sein Bruder Abel spezialisiert sich auf die Viehwirtschaft und hütet Schafe. Irgendwie scheint der jüngere Abel erfolgreicher zu sein. Er hat wohl ein glücklicheres Händchen.
So kommt es, dass Kain der Neid packt. Und zwar so sehr, dass er seinen eigenen Bruder auf dem Feld erschlägt. Dort gibt es keine Hilfe und vor allem keine Zeugen - denkt sich Kain. Aber da hat er sich geirrt. Gott stellt ihn zur Rede.
In China oder den USA würde Kain heute wahrscheinlich die Todesstrafe drohen. Aber Kain wird anders bestraft. Er wird vertrieben aus seiner Heimat. Ruhelos muss er herumziehen, ist nirgends mehr sesshaft.
Und dann lässt Gott sich etwas Besonderes einfallen: Er kennzeichnet Kain mit dem sogenannten „Kainsmal“. Vielleicht eine Art Tätowierung. Sie soll Kain davor bewahren, selbst erschlagen zu werden. Denn Mörder waren damals oft selbst in Lebensgefahr.
Mit dem „Kainsmal“ setzt Gott ein Zeichen, dass Gewalt nie mit neuer Gewalt beantwortet werden soll. Leider haben wir Menschen dieses Zeichen bis heute nicht kapiert.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3066