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SWR3 Gedanken

Der Traum vom ewigen Leben ist zur Zeit in Mannheim zu bewundern. Faszinierende Mumienfunde werden dort in den Reiss-Engelhorn-Museen präsentiert. Menschen, deren Körper nach dem Tod vor dem endgültigen Zerfall bewahrt wurden. Die sterblichen Reste dessen, was einmal einen Menschen ausmachte. Die frühen Ägypter zum Beispiel glaubten bereits an ein Leben nach dem Tod. Weil der Verstorbene in ihrer Vorstellung aber seinen Körper bei der Reise ins Totenreich noch brauchen würde, musste man ihn bewahren. So wandten die Hinterbliebenen oft große Sorgfalt auf, um den Leichnam für die Ewigkeit zu erhalten. Als Christen dagegen glauben wir an die Auferstehung. An ein neues Leben bei Gott, für das das Schicksal unseres irdischen, materiellen Körpers freilich keine entscheidende Rolle mehr spielt.
Was mich an der Ausstellung aber beeindruckt, ist aber noch etwas anderes. Etwas, das offenbar Menschen aller Zeiten zu verbinden scheint. Der Wunsch und die Hoffnung, dass ein geliebter Mensch nach seinem Ende nicht einfach im Nichts verschwindet und schon bald nichts von ihm bleiben wird, als unsere brüchige Erinnerung. Der Traum vom ewigen Leben, so erscheint es jedenfalls, ist über alle Epochen und Glaubensvorstellungen hinweg nicht zu trennen von der Erfahrung, dass etwas von uns den Tod überdauert und einen geliebten Menschen für uns unsterblich macht. Für uns Christen ist diese Hoffnung jedenfalls in Jesus Christus zur Gewissheit geworden.


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Wissen sie noch, wie viele Muslime in Deutschland Gewalt im Namen der Religion befürworten? Gerade mal fünf Wochen ist es her, dass fast alle deutschen Zeitungen diese Meldung brachten. Sie beruft sich auf eine Studie, die das Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben hatte. Das ganze Werk umfasst zwar mehr als 500 Seiten, aber vor allem dieser dürre Satz war es, der in den meisten Köpfen hängen blieb.
Die Muslime, die ich kenne, werden wahrscheinlich frustriert den Kopf geschüttelt haben, denn das Gespräch zu suchen und Vertrauen aufzubauen ist ein mühsames Geschäft. Um unterschwellig vorhandene Vorurteile zu bestätigen genügt freilich schon ein gezielter Satz.
Natürlich ist es wahr, dass es Intoleranz unter fundamentalistischen Muslimen gibt – eben so wie unter fundamentalistischen Christen. Natürlich ist es wahr, dass es oft muslimische Jugendliche sind, deren Gewalttaten verunsichern. Wahr ist aber auch, dass dies wenig mit Religion und viel mit sozialer Verwahrlosung zu tun hat, und die gibt es weiß Gott nicht nur unter Einwanderern. Natürlich ist es wahr, dass die Fähigkeit und Bereitschaft zum offenen Dialog mit dem Bildungsgrad steigt. Das aber gilt für Araber, Türken oder Deutsche gleichermaßen und ist vor allem eine Herausforderung an die deutsche Bildungspolitik.
Wenn wir auch weiterhin nicht nur neben- sondern miteinander leben wollen, führt kein Weg daran vorbei immer wieder Räume und Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen. Im Alltag ist das oft mühsamste Graswurzelarbeit. Aber es ist der einzige Weg den ich kenne, damit nicht immer wieder die selben einseitigen Sätze in den Köpfen hängen bleiben.

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Was habe ich vergangene Nacht nur für einen Unsinn geträumt. Mit diesem Satz kam meine Frau neulich morgens in die Küche. Von unserer Familie handelte ihr Traum, in freilich völlig absurden Situationen. Träume sind Schäume, Hirngespinste, Produkte unserer Phantasie, sagt man. Und doch beschäftigen sie uns oft mehr, als wir vielleicht zugeben möchten. Wissen wir doch, dass sie eigentlich zutiefst mit uns selbst zu tun haben, unseren Wünsche, unseren Ängsten, den Geschichten, die wir tagsüber so erlebt haben.
In vielen Geschichten der Bibel wird erzählt, wie Menschen ihre Träume sogar als einen Wink Gottes deuten. Immer wieder wird dort Wichtiges und Wegweisendes im Schlaf vermittelt. Da erfährt Abraham in einem Traum, was seiner Familie in jenem Land, das ihnen Gott verheißenen hat, alles widerfahren wird. Da wird dem Josef die Geburt seines Sohnes Jesus im Traum gedeutet. Für die biblischen Figuren war schnell klar, dass Gott zu ihnen gesprochen hatte. Wir aufgeklärten Menschen sind da zurückhaltender und jemand, der nachts Stimmen wahrnimmt, erscheint schon eher psychatrieverdächtig. Wenn Gott für uns jedoch nicht nur eine ferne Idee ist, sondern eine Wirklichkeit, die auch in den alltäglichen Dingen unseres Lebens erfahrbar wird, warum sollte er das nicht auch im Traum sein. Dann könnte nämlich durchaus, wie für Abraham oder Josef in der Bibel, auch für uns unser Alltag, der uns in Traumbildern noch einmal gespiegelt wird, zur Begegnung mit Gott werden.

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Ein Auge ist, das alles sieht ... so hat man uns Kindern damals manchmal den lieben Gott vorgestellt. Eine Art Big Brother im Himmel sozusagen, dem nichts verborgen bleibt. Nicht das verschämte Anlügen der Eltern, nicht die Schummelei bei der Klassenarbeit, ja nicht mal der angeblich unzüchtige Gedanke. Gott war einer, der einfach alles über jeden wusste, ob man wollte oder nicht. Ein überall präsenter Oberaufseher.
Von dieser bedrückenden Vorstellung eines göttlichen Big Brother haben sich die meisten mittlerweile längst verabschiedet. Um so unbehaglicher freilich ist der Gedanke, dass der Oberaufseher, der nichts mehr vergisst, in unserer schönen neuen Medienwelt durch die Hintertür wiederzukommen scheint, und kaum jemand stört sich noch daran. Auf die Frage, was Google eigentlich so speichert antwortete ein Firmensprecher einmal: „Alles.“ Auf die weitere Frage, ob es dafür denn keine Grenzen gebe, sagte er nur: „Nein, die gibt es nicht. Google vergisst nichts.“ Zumindest wohl nichts, was je irgendeiner mal ins weltweite Netz eingestellt hat. Keine Frage, für die schnelle Recherche, auch hier beim Radio, ist das ein Segen und eine unerschöpfliche Fundgrube. Doch wenn in naher Zukunft noch intelligentere Suchmaschinen mit ein paar Mausklicks alles zusammentragen können, was je zu einer ganz bestimmten Person im Netz gespeichert wurde? Dann werden viele von uns sich noch wundern, was sie da alles über sich finden – und mit ihnen jeder andere, der es gar nicht wissen sollte.
Ehrlich gesagt war mir Gott als allwissender Aufpasser da wesentlich lieber. Denn der behielt die Dinge, die er wusste, wenigstens für sich.

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Zu Weihnachten bekamen wir eine ganz besondere Schokolade geschenkt. Plantagenschokolade, hergestellt aus edlem Kakao einer ganz bestimmten Plantage auf der Insel Madagaskar. Genau genommen handelten Naschkatzen ja immer schon global, denn die zarteste Versuchung gab es noch nie vom Bauern um die Ecke. Kakao musste immer schon aus tropischen Anbaugebieten importiert werden. Neu ist freilich ein Trend, der sich nun immer öfter beobachten lässt. Nicht mehr irgendeine immer gleich schmeckende Schokolade soll es sein, sondern quasi sortenreine von einer ganz bestimmten Plantage auf Madagaskar, Venezuela, Puerto Rico oder sonst wo. Ein Allerweltsprodukt wie Schokolade bekommt plötzlich eine Geschichte. Mit ihr verbinden sich vielleicht Bilder und Erzählungen von jenem Land, seiner Landschaft oder dem Klima, in dem der Kakao wächst. Im besten Fall sogar mit jener ganz bestimmten Plantage und wenn das Ganze dann nicht nur in Südsee- und Tropenkitsch mündet, könnten sogar die Menschen in den Blick kommen, die dort die Kakaopflanzen anbauen. Oft genug in Armut und Unterentwicklung.
Was meine Schokolade angeht, habe ich mich tatsächlich ein wenig informiert, denn Madagaskar gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Der Hersteller versichert zumindest, direkt mit den Kleinbauern vor Ort zu kooperieren, sie als Partner fair zu behandeln und angemessene Preise zu bezahlen. Nur dann – so das nicht uneigennützige Kalkül – kann letztlich auch die hohe Qualität der edlen Bohnen gewährt bleiben. Wenn das wirklich stimmt, dann schmeckt die süße Nascherei sogar noch besser.

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Rohe Gewalt gegen andere ist in jeder Form inakzeptabel. Die Ausraster jugendlicher Schläger machen ratlos und wütend, doch die Art der Debatte darüber leider nicht minder. Auf eine gewisse Weise erscheint sie sogar doppelbödig. Ist das, was wir den kriminellen Jugendlichen zu Recht vorwerfen, die nicht vorhandene Scham über das Getane, das ständige Abwälzen der Verantwortung auf Andere, nicht Abbild eines allzu bekannten Musters? Ich jedenfalls kenne es aus meiner beruflichen Praxis ebenso, wie aus dem persönlichen Bekanntenkreis und weiß Gott nicht nur bei Jugendlichen. Was ist mit dem Hang, die eigene Verantwortung immer wieder durch die widrigen Umstände oder die blöden Anderen zu entschuldigen, die alles nur falsch verstehen. Wie ist das bei so genannten Kavaliersdelikten, wie den paar Bierchen im Straßenverkehr oder der kleinen Steuerhinterziehung, wo auch vielen von uns Erwachsenen so etwas wie Schuldgefühl glatt abgeht? Natürlich ist all das nicht vergleichbar mit versuchtem Totschlag. Doch darum geht es auch nicht, sondern um die grundsätzliche Verantwortung für das eigene Handeln.
Es gibt da eine Instanz, die jeden von uns unfehlbar moralisch beurteilt: Unser eigenes Gewissen. Doch dessen Entwicklung ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bei den Prügelkids von München, Frankfurt oder Berlin steht sie wohl noch ganz am Anfang. Und bei uns, der angeblich schweigenden Mehrheit, für die mancher Wahlkämpfer zu reden meint? Mit dem Gewissen ist es wie mit einem Instrument, auf dem ich täglich üben muss, um wirklich gut und sicher zu werden. Wer nicht ständig Klavier übt, der kommt halt über dürftige Fingerübungen nie hinaus. Beim Gewissen heißt das: Die ständige kritische Auseinandersetzung mit den moralischen Aspekten unseres Tuns und Lassens.

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Wenn ich ihn sehe, dann lege ich ihm schon mal fünfzig Cent oder mehr in seinen abgenutzten Karton. Oft steht er damit am Sonntagmorgen vor dem Eingang zu unserer Kirche. Er steht nur da, sagt nichts. Manchmal trägt er noch ein Schild bei sich: Ich habe Hunger. Danke! Lange Zeit stand er nur vor der Kirche, doch inzwischen kommt er auch hinein. Wenn alle Gottesdienstbesucher drin sind, dann setzt er sich als Letzter still an das Ende einer Bank. Versunken sitzt er da, hört dem Gesang zu, lauscht der Predigt. Kurz vor Schluß geht er dann hinaus und steht wieder da mit seinem abgegriffenen Karton.
Leuten wie ihm hat Jesus sich zeit seines Wirkens besonders verbunden gefühlt. Den Armen nämlich, den Gescheiterten und aus der Bahn Gefallenen galt sein besonderes Interesse. Nicht nur mit Worten, sondern auch durch seine Taten hat er das immer wieder betont. Genau diese Geschichten sind es, die mir immer wieder einfallen, wenn ich ihn da in seinen verschmutzten Klamotten in der Kirchenbank neben all den gut gekleideten Kirchenbesuchern sitzen sehe. So wird er ungewollt zu einer lebenden Predigt, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
Ob sich der Sonntagmorgen finanziell lohnt für ihn, weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass er auch nicht nur des Geldes wegen kommt. Ab und zu nimmt er wohl auch etwas anderes mit aus dieser Kirche. Zum Beispiel die Worte aus einer der berühmtesten Reden Jesu: Selig, die da arm sind vor Gott. Denn Ihnen gehört das Himmelreich.

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